Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 18 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»Mische «fc. |8. tren und einst vor dem Rkchterstuhl der Geschichte zur Rechenschaft gezogen werden. Wir Juden» find heute gar nicht in der Lage» die große Tragik, die wir durchleben, zu durchdenken. Die beste Kraft, die Jugend, die unser Volk b-efitzt, hat im Kriege in Erfüllung ihrer Bürgerpflicht ihr Blut vergossen und als sie heimkamen, warteten ihrer statt der ersehnten Ruhe — Pogromei . . . Diese tragische Zeit mahnt uns zur Selbstbesin- NiUNg. ES zeigt uns den gewaltigen Fehler, den wir begangen haben, indem wir auf den Gerechtigkeitssinn der andern Völker gehofft haben. »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott" muß unsere Parole werden! Das Solidaritätsgefühl muß ausgeprägter werden» das Einstehen mit Tat Und Kraft eine für den andern ist ein Gebot der Stunde. Alle Kräfte müssen geweckt nud dem DolkSganzen nutzbar gemacht werden, dann wird uns auch kein Opfer, daS wir unseren unglückli-- chen, von dem Pogrom betroffenen Brüdern zu bringen verpflichtet sind, zu schwer fein. Wir alle müssen vom Gedanken erfüllt werden, daß wir nur auf die einzige göttliche Hilfe zu hoffen haben. Gott wird sein Volk nicht verlassen. Heute sind wi'r schwach und wehrlos und sind leider keine Stunde vor neuen Pogromen sicher. Unsere Blicke sind zu Gott gerichtet, daß er nun das Unheil von seinem Volke abwenden möge, ünd inbrünstiger als je müssen wir unser tägliches Gebet erschallen kassen: ״Hüter Israels, hüte den Ueberrest Israels und lasse Israel nicht untergehen, daS Schemah Israel spricht. A. I. Rom. Jüdischer Lehrertag. - Am 29. Juni fand in Olmütz eine Tagung jüdischer Volks-- und Mittelschullehrer statt, die über die Schaffung eines nationaljüdischen Schulwerkes in der tschechoslovakischerf Republik beriet. Gegen l,00 Lehrer folgten der Einladung, die von der Schulkommission des Jüdischen NationalrateS an die Lehrerschaft ergangen war. Bedenkt man, daß die flovakischen jüdischen Lehrer nicht eiügeladen waren, so muß man sagen, daß die Teilnahme an dieser Tagung eine außerordentliche starke war, was deutlich den Beweis erbringt, daß die jüdische Lehrerschaft sehnsüchtig die jüdische Schule herbeiwünscht, um endlich ihre Kräfte in den Dienst des eigenen Volkes und seines kostbarsten Gutes, der Jugend, zu stellen. Einstimmig wurde daher die Forderung nach Schaffung eines staatlichen jüdischen SchulwerkeS, wie dies der Nationalrat schon feit Monaten erstrebt, er-, hoben. Die Tagung wurde nach verschiedenen BegrüßungSansprachen eingeleitet durch einen Bericht des Professor Dr. Engel (Prag), der in ausführlicher Weise darlegte,'in welchem Stadium sich die Verhandlungen mit der Regierung befinden, wobei er betonte, daß die Regierung zur Organisation der jüdischen Schule konkrete Vorschläge von der Tagung •> erwarte. findung waren, als die großen bogenartigen, elektrischen Lampen, von denen die Kinder rein garnichts haben können. Nun kehren wir zurück zur alten Schul. Die- Schul war voll, jedes Winkerl war besetzt, sogar von Kindern. Bei uns pflegte man zu ״Kol nidre" auch Kinder in Schul mitzunehmen und nicht mit dem Fräulein spazieren zu schicken. Vom Gesichte eines jeden blickte unermeßliche Andacht. ES schien, als ob die göttliche ״Schchino" in unserer alten Synagoge ruhte. Reb Toifke begann das «Kol nidre", zuerst leise, dann mächtiger, nachher noch stärker, mit solch einem jämmerlichen ״Nizun", daß eS mich fror. Beim «Jaale"-Gebet wär fast kein einziger melo° bischer Ton zu hören, nur ein Schluchzen vernahm man. Von allen Seiten her vereinigte sich das Jammern zu einer tieferschütternden ״Jelolo", wie man sie nur in einem kleinen Judenstädtchen des-Ostens hören kann. Ganz ״Kuhol" weinte. Ich stand an der Seite meines Vaters und reichlich rannen dessen Tränen auf meine Mine Hand, mit der ich des Baterö ״Mach, sor" am Ständer festzuhalten pflegte. Die Aelteren der Gemeinde blieben nach Kol nidre in Schul, sagten die ganze Nacht ״Thilim" und andere Gebete. Als ich um 6 Uhr morgens mit meiner Mutter nach dem Wege zur Schul war, hörten wir schon von der Ferne Reb ToifkeS Kol. Bei uns in der alten Synagoge sah man keine glänzenden Zylinderhüte, keine schwarzen Fräcke, keine Brillantnadeln und keine Straußfedern. Bei uns kaufte man keine Blumensträuße am BersöhungStage, auch vertrieb man sich nicht die Zeit mit .Zeitunglesen". Bei uns machte man keine Pausen am Jom Kippur: man benötigte keine Erfrischungen, auch ging man Hierauf erstattete Oberlehrer KrauS (Friede!) eitf Referat über die jüdische Volksschule. In diesem stellte er die Forderung auf, daß überall dort» wo 40 jüdische Kinder in Betracht kommen, eine Volksschule und dort, wo 200 jüdische Kinder sich befinden, eine Bürgerschule errichtet werden soll. Die jüdische Volksschule muß eine nationale Schule sein, in der die Kinder einerseits zu brauchbaren und tüchtigen StaatSbürgern dieses Staates herangebildet werden sollen, andererseits in ihnen hie Liebe zum eigenen Volke erweckt werden soll,-ohne in ihre Herzen den Haß gegen die anderen Nationen zu pflanzen. Der ganze Unterricht in allen Fächern muß von jüdischem Geiste erfüllt sein, daneben muß die hebräische Sprache gelehrt werden. WeiterS verlangte Redner die vollständige Auwnomie des Schulwesens, ferner die rascheste Abfassung jüdischer Lehr- und Lesebücher und die Zusammenstellung jüdischer Schülerbibliotheken. Zum Schluffe gab der Redner der Ueberzeugung Ausdruck, daß die moderne jüdische Schule nicht nur voll und ganz ihre Aufgabe erfüllen wird, sondern auch eine Musterschule werden wird, die mehr als ebenbürtig ihren Platz neben den andersnationalen Schulen behaupten wird. In der Spezichdebatte über diesen Punkt wurden alle Anträge angenommen und noch die Forderung aufgestellt, die Kultusgemeinden mögen sofort an die Errichtung solcher Privatschulen schreiten, da begründete Hoffnung besteht, daß der Staat dieselben in kurzer Zeit rückwirkend vom Tage der Errichtung übernehmen wird. Professor Dr. Grünfeld (Brünn) erstattete hierauf ein ausgezeichnetes Referat über den «jüdischen Geschichtsunterricht an Mittelschulen". Jüdische Geschichte müsse von zwei Gesichtspunkten behandelt werden, vom nationalen und weltgeschichtlichen. Da die jüdische Geschichte. vornehmlich Kultur- und Geistesgeschichte ist, müsse beim Unterricht immer darauf hingewiesen werden, wann, wo und wie jüdischer Geist weltgeschichtliche Gedanken und Ideen beeinflußte. Dafür gab der Referent trefflich ausgewählte Beispiese, die erwiesen, was die Welt jüdischem Geiste verdankt! Dieser Teil der Ausführungen, die außerordentlichgeistreich waren, wurden mit stürmischem Beifall ausgenommen. Mit einer AuftsLlung deS Stoffes auf die einzelnen Klaffen und einer! Bemerkung, daß jüdische Geschichte nicht polemisch und apologetisch, sondern ganz objektiv mit eifrigster Benützung der Quellen vorgetragen müsse, schloß Prof. Grünfeld seine Rede, die auf die Zuhörer den nachhaltigsten Eindruck machte. Ein drittes Referat befaßte sich mit der Schaffung und Organisation der jüdischen Mittelschule. Auch über diese Frage fand eine Spezialberatung statt, in der folgende Thesen aufgestellt wurden: 1. Die jüdische Schule ist ihrem Aufbau analog dem der änderen staatlichen Schulen. 2, Die jüdische Schule bestrebt die gleichmäßige und vollkommene Beherrschung beider Landessprachen. Die Unterrichtssprache ist demnach je nach den Verhältnissen nicht den ganzen heiligen Tag Luft schnappen. Bei uns in der alten Schul standen sie in aller Frühe schon im weißen Kittel, den großen Tales ganz über den Kopf, so daß man nicht -unterscheiden konnte, wer Reb Boruch und wer Reb Soruch ist.; alle sahen sich gleich, weiße Gespenster, die schluchzten und weinten den ganzen heiligen Tag. Das «Neiloh"-Gebet wurde immer von unserem alten Gemeinderabbiner vorgetragen, und als der alte greise Rabbi das Kadifch-Gebet zu Neiloh begann, erwartete man etwas Fürchterliches. Unser Rabbi hatte nämlich die Gewohnheit, wenn man zur ״Tfilo": Psach lonu Schaar, beeS NeilaS Schaar, ki fono hajaum (Oeffne uns die Himmelpforte, bevor sie sich schließt, dieweil sich neigt der Tag) gelangte, den greisen Kopf ganz im Talis eingewickelt, auf den ״Umid" zu legen und so minutenlang zu weinen wie ein kleines Kind. Die ganze Gemeinde weinte natürlich mit. Dieser Moment wird mir unvergeßlich bleiben. Selbst Michal der ,Orel", der alljährlich bestellt wurde, die schmelzenden Kerzen aufzurichten und die während des TageS von Zuglüften ausgelöschten zu Neiloh wieder anzuzünden, pflegte auch mitzüweinen mit der ärmen Judengemeinde. ״Wachasaum lechajim tauwim kpl bne brisecholl" pflegte der greise Rabbi schon mit dem letzten Kraftauftvand auszuschreien und die ganze Gemeinde war einer Ehasimo tauwo sicher. Noch ein einzigeSmal ertönte das ״Kol haschofor" und wenn die Sterne schon am dunkeln Himmel funkelten, da stand die ganze Gemeinde, mit den Ueberresten der ״Neschumo"-Lichter in den Händen und begrüßte den Neumond auf dem großen freien Platze vor der alten Synagoge. ser Schüler entweder die tschechische oder deutsche unter intensiver Pflege der andere« Sprache, die nicht UnterrichtSsprache.ist. Mit der Oberstufe hört die zweite Landessprache auf, Unterrichtssprache zu sein, dafür werden 2 Gegenstände in der entfallenden Sprache gelehrt. Fremde Sprachen werden ebenso gelehrt, wie an den anderen Staatsanstalten. 3. Die hebräische Sprache, jüdische Geschichte, GeisteS- und Kulturkunde bilden einen wesentlichen Bestandteil der jüdischen Mittelschule. Ferner wurde eine Kommission geschaffen, die beauftragt ist, einen detaillierten Lehrplan in kürzester Zeit auszuarbeiten. h In seinem Schlußworte drückte Professor Dr. Engel den Wunsch aus, die reiche Arbeit, die auf der Tagung geleistet wurde, möge die». Verwirklichung des großen Zieles, daS jüdische Schulwerk bringen. Der Zionistentag. Von Dr. Siegmund Werner (Jglau), Mitglied deS zionistischen Zentralkomitees für den tschechoslovakischen Das zionistische Zentralkomitee in Prag hat am 22. Juni a. c. beschlossen, daß am Ende Juli — unterdessen wurde der 26. und 27. Juli — bestimmt ein Zionistentag der organisierten Zionisten des tschechoflovakischen Staates abgehalten werden solle. Natürlich wurdd da sofort mit der Einschränkung gerechnet, daß die flovakischen Zionisten keine ordnungsgemäßen Wahlen zum Zionistentage vornehmen können, und daß die, in den einzelnen Föderationen organisierten Zionisten (Poale Zickn, Misrachi usw.) an dieser Tagung nicht teilnehmen werden. Bei der Beratung über die geplante Abhaltung dieses ZionistentageS waren die Meinungen im Z. K. so geteilt, daß der Vorsitzende dirimieren mußte. Er entschied für die Abhaltung. Der Zionistentag wird also stattfinden und bei der Größe der vom Z. K. aufgestellten Tagesordnung voraussichtlich ebensowenig gründliche Arbeit leisten können, wie, aus demselben Grunde, das Z. K. anläßlich seiner Sitzung, vom 23. Juni. ES ist also, schon in Hinblick auf die große TageSordnung, keineswegs Oppositionslust, wenn Dr. Herr» mackn meint/) daß es die einzige Aufgabe des ZionistentageS sein solle, die organisatorische Grundlage der tschcchoslovak. zionistischen Organisationen festzustellen. Dr. Herrmann war einer derjenigen, die für die Ab- Haltung des ZionistentageS aufs entschiedenste eintraten, trotz der Bedenken, die Dr. Emil MargulieS und > ich dagegen, wie gegen, das neue OrganifationSstatut überhaupt, vorbrachten. Wenn er jetzt.als alleinige Arbeit für den Zionistentag am liebsten bloß die Schaffung eines neuen Organisationsstatutes sehen möchte, so ist daS nicht nur ein Beweis dafür, welche Wichtigkeit er gerade diesem Punkte der großen Tagesordnung beilegt, sondern auch dafür, daß er sich nicht nur der Schwierigkeit der Beschlußfassung über diesen Punkt bewußt ist, sondern auch der Schwierigkeit der Beratüng über die anderen Punkte, die mir und anderen vorläufig viel wichtiger scheinen als ein neues Organisationsstatut. Der Wunsch Dr. HerrmannS, daß auf dem Zionistentage bloß die neue Organisationsform'beraten und beschlossen werde, wird also kaum in Erfüllung gehen. Dr. H. weiß sehr gut, welch große, neue Arbeitsgebiete die zionistische Bewegung im Verlaufe, ihrer Entwicklung zu dem alten palästinensischen hinzufügen mußte und auch tatsächlich schon hinzugefügt hat. Darüber möchte er aber auf diesem Zionistentage am liebsten nicht sprechen lassen, sondern nur über Organisation. Als ob denn diese,- alle Köpfe und Herzen erfüllenden Fragen nicht doch auch bei der bloßen OrganisationSdebatte zur Sprache kommen müßten. Müßten! Das ist ihm übrigens, auch vollkommen klar. /Serlangt er doch, waS übriger-' in der zionistischen Organisation wohl selbstverständlich ist, daß die im engeren Sinne zionistische Arbeit mindestens nicht in die zweite Linie gestellt werde, WaS ja ein unverständliches Verlangen wäre, wenn eS nicht auch andere Fragen von überragen» der Wichtigkeit geben würde. Trotzdem glaubt Dr. H. über die Besprechung dieser Fragen ganz oder besser hinwegzukommen, wenn er bloß den einen Punkt ״Organisation" auf die Tagesordnung setzt. Diese Meinung ist erstaunlich. Endloser, regelloser kann er die Aussprache über die wichtigen anderen Fragen gar nicht gestatten, als wenn er sie nicht einer eigenen Beratung auf Grund sorgfältig ausgearbeiteter Referate und Korreferate unterziehen lassen will, sondern dann die unvermeidlich kommende, ungeregelte Besprechung •) ״Zum Zionistentag." Jüdisches VolkSblatt Nh 62 vom 4. Juli 1010. (6. ThamuS 6679.) .Lickls Jüdischer VollLkaleirder".