Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 18 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX. Nummer.18. Bes,sSpretse: halbjährig .. . Jtwnen 12*50 ganzjährig ......... » Kronen 24 — Deutschland» ganzjährig. . Mark 18- Rußland, ganzjährig ...... w־׳Rubel I2 . Balkan» Frankreich 1 , Franks 24*— 1 ■.,...ו__ < - < < ' י' «W Herausgeber: Max Hickl. wi StebalHmt und Administration: Brürm» Adlergasse > Duchhändlerische' Vertretung: Otto Me»«, retpilg Inserate: der 6-spaltige Zentimstervamn 8 K Unverlangte redaktionelle Beitrage werde» nicht y<mo• riert. --- Manuskripten ist Rückporto beigufügen. Wien—Brünn. 11. Juli 1919. 13. Thamus 5679 Prag—Lemberg. Die P. T. Empfänger werden nm gefi. umgehende Bezahlung des AbonnementSbetrageS ersucht. Die Administration. Eine Mahnung an das Wettgewissen. Die Flammenzeichen des Weltbrandes lodern noch einmal in letzter Glut am Horizonte auf, noch will sich nicht die bunte Brücke zeigen, die in tausend Farben in den Tränen der Welt sich spiegelnd, hinüber» führt vom einen Ende der Erde zum andern, hoch über allem Kleinen und Menschlichen den Weg der Versöhnung weisend. — Losgelassene Leidenschaften verzehren sich im Kampf mit dem besseren Ich, das Wohl mählich beginnt die Oberhand in der Welt zu erringen. Die Wellen des Hasses und des Neides, die entfeffelten rohen Gewalten, wir, werden sie wieder unter unseren Willen zu bannen wissen und die Völker werden blu» te.nden Herzens und tränenden Auges wieder aufzubauen beginnen, tvas H ^M^Mü^zMörteü. Sie alle haben ^fä ein HaÄ und einen Garten, den sie hegen und pflegen können, die ihnen Schutz bei Sturm und an trüben Tagen, Freude und Erholung in stillen Feierstunden bieten. — Im Hause da wird gewirkt und gesorgt für all' die kleinen Dinge, deren wir zu unserem äußeren Leben so sehr bedürfen, im Garten aber da träumt der Poet von tausend Wunderbäumen, da findet der Maler seine Welt voll Licht und Farbentaumel, da rauscht für den Musiker beim Flüstern der Pappeln, im Rascheln des Laubes, in den ewigen Stimmen der Natur die Quelle seiner innigsten Lieder. — Nur ein Volk muß abseits stehen. Auch dieses Feuilleton, In der alten Synagoge. Von Josef Grob, Wien. Es ist schon ziemlich lange her, da hatte ich noch in der alten Synagoge gebetet. Die alte ״Schul" in unserem Städtchen hatte keine Türme, keine Kuppeln, auch keine kreuzartigen Verzierungen an den Fenstern, wie sie in den neuen, großstädtischen, jüdischen Tempeln zu sehen sind. Kein einziger Ziegelstein wurde zu diesem Synagogenbau, der schon über 100 Jahre steht, verwendet, da die ganze alte Schul aus Holz gezimmert war. Das Schindeldach wurde im Laufe der Zeit an manchen Stellen grün, und der Sommerregen, der Gärten und Wiesen unseres Städtchens befruchtet, unseren Ringplatz und die Nebengäßchan in Sumpfe verwandelt, brachte auch verschiedene Gewächse auf d.em Dache unserer alten Synagoge zum Sprießen, so daß manche faulen Ziegenböcke, denen es vielleicht zu umständlich war, die Wiese außerhalb des Städtchens aufzusuchen, an dem NahrungSfutter des alten SchuldacheS ihr Genügen fanden. DaS Alter der Zeit drückte das Dach immer tiefer und tiefer zu Boden, so daß es die Ziegen nicht viel Anstrengüng kostete, ein Heine* Sprung und ein ״Minjan" Ziegen spazierte in Gottes freier Natur auf das Dach unserer alten Schul. DaS Innere unserer alten Synagoge ist sehr leicht zu beschreiben. Außer einigen Hängeleuchtern aus Kupfer, am Plafond mit Stricken befestigt, bestand die innere Einrichtung hauptsächlich aus vielen Holzstän. dern, von denen sehr viele fast immer feucht waren, tests infolge des Regens, der an mehreren Stellen durch Volk hat gekämpft und geblutet, gedarbt und gelitten. Seine Mütter haben ihre Söhne hinausziehen sehen in den Tod, wenngleich sie nichts zu verteidigen hatten. Denn dieses Volk hat seit 2 Jahrtausenden kein Haus mehr, das es sein eigen nennen dürfte. An fremden Stätten irrt eS umher, die G.uten lassen es wohl unter dem First, gegen ditz Unbilden des Wetters geschützt, Hausen, die meisten gönnen ihm auch diesen Platz nicht. Und wenn ein solcher Hausherr in einer Gebärde des Unwillens das Nestchen samt Insassen zu Boden schleudert, dann rührt sich in der weiten Völkerfamilie keine Hand, den Heimatlosen beizustehen. Dies ist heute die Lage unseres jüdischen Volkes. Sie ist ernst, brtter ernst sogar, aber wir dürfen Hoffen, daß unsere Forderungen auf eine nationale Heimstätte ihrer" Verwirklichung nahe sind. Der letzte Schrei vieler tausend Toter, das Elend ungezählter Glaubensbrüder, die Dpfer der entmenschten Horden wurden, sie bilden die furchtbare Saat, aus der — toiff’S׳ Gott — dem jüdischen Volke neues Leben erblühen wird. Zu allen Zeiten haben wir Juden an den Schmerzen und Leiden der menschlichen Gesellschaft tiefen, regen An!WomEeÄn durch die Länder mit dichter Judenbesiedlung branden können und die Welt geht achtlos weiter.'Es liegt nicht in unserer Macht, mit Kugeln und Granaten das Leben unserer unglücklichen Brüder zu rächen, um so ernster ist aber unsere Pflicht, mit den Waffen des Geistes uns an das Gewissen der Welt zu wenden. Wir können und wir dürfen nicht stumme Zeugen bleiben, mit gellendem Schrei müssen wir es unseren Wirtsvölkern, der gesamten gesitteten Welt immer wieder ins Gewissen trommeln: ״Dort mordet man unsere unschuldigen Brüder und Schwestern, seid Ihr nicht Bestien, sondern Menschen, dann helft!" das Dach in das Schplinnere einen Weg gefunden, teils von den jüdischen Tränen, die bei uns in der alten Schul fast bei jedem Gottesdienste reichlich fließen. Ein großer, alter Ständer, neben dem ״Uron Kaudesch", das war der. ״Omed". Derselbe war fast ganz mit ״Chelew" betropft, ein Zeichen, daß selbst die ״Tfilo- Kerzen" in der alten Synagoge zu weinen pflegten. Wir hatten in unserer Schul keinen Kantor und keinen Chor. Bei uns hatte man keinen Begriff von solchen Sachen. Daß auch keine Orgel den Gottesdienst störte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Unsere Juden meinten, eine Orgel beim Gottesdienste ist ״Chukas hagoi" und ich glaubedaß sie noch heute derselben Meinung sind. Unser ״Baal Tfilo" war ״Reb Toifke Gemore-Melamed", eingroßer, magerer Jud, trocken, wie ein ״Lülow", mit einem, trotz seines Mannesalters ganz winzig kleinen Spitzbärtchen, gerade wie der ״Putim" beim ״Etzrog". Das ganze Jahr, ob Sommer oder Winter, hatte er um den Hals einen roten Shawl. Dafür hatte er aber eine Stimme, oder wie «Unsere" zu sagen pflegten, ein ״Kol K'schqagaS"- Arie, wie das Brüllen eines Löwen. ״Schawas anijim ato tischma, zaakaS hadol tat» schino. wsoschia" pflegte Toifke so mächtig aufzuschreien, daß wenn dieser gewaltige Tom im Himmel nicht er» hört wurde, es schwer zu hoffen ist, daß es jemals jn unserem Städtchen einen wohlhabenden Juden geben wird. Selbstverständlich waren eS die hohen Feiertage, wo Reb Toifke seine Stimmittel erst recht zur Geltung brachte. Bei uns in der alten Synagoge brauchte man keine Entreekarten für ״Rosch.haschono", «Jom Kippur", auch waren keine Polizeileute dazu berufen, den Armen den Weg zu Gott abzusperren. Unsere alte Schul Pogrome und die Welt schweigt. Der russische Minister Plehwe sagte einmal, die russische Judenfrage wird dadurch gelöst, -daß ein Drit-« tel der Juden in Len andern Völkern aufgehen, ei» Drittel auswandern und ein Drittel krepieren mutz. Nach diesem System suchte Plehwe die Judenfra-, ge in Rußland zu lösen. Man kann sich in diesem Mo«, mente der Judenpogrome nicht des Eindruckes erwehi ren, als ob die ganze Politik darauf hinausgeht, nach dem Rezept Plehwes zu handeln.- ES ist unerhört zu sehen, wie in Galizien, Po» len und Litauen Judenschlächtereien täglich stattsinden, ohne daß die Kulturwelt einschreitet, ohne daß man den Mordbuben in ihrem mörderischen Treiben Einhalt gebietet. Jüdisches Blut fließt in den Gassen und. die Welt schweigt! Die Juden sind also vogelfrei! Bergeffen sind all' die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, welche unsere heutige demokratische Zeit hochzuhalten vermeint. Wahrlich, wir JuHen müßten verzweifeln,« wenn. wir׳ nichtLÄMOWseniE uns bis jetzt durch die Finsternisse des Goluth geführt hat und auch diese prüfungsvolle Zeit überleben lassen wird. Er wird uns auch den Platz in der Geschichte einräumen, auf den wir seit Jahrtausenden Anspruch haben. In unserem Lande werden wir ein Leben wahrer Kultur und wahrer Freiheit, getreu den in der Thora niedergelegten Idealen pflegen. Vielleicht wird von unserem Lande aus zu den anderen Völkern das Licht wahrer Erkenntnis dringen, daß ihnen das Verbrechen, das an imfe* rem Volke begangen wird, voll und. ganz zum Bewußtsein kommt, denn alle Völker tragen die gleiche Schuld am vergossenen jüdischen Blut, indem sie sich durch ihr Schweigen der Verantwortung mitschuldig gemacht häwar nicht theaterartig eingerichtet, mit Sitzplätzen er» ster und zweiter Klaffe, wie es heute in der Großstadt üblich ist. Jeder hat seine ״Stübt", wie er sie von Ureltern geerbt hat und frei war der Weg zu unserem Gott für Groß und Klein. Erew Jom hakudausch, wenn die rote Sonnenku» gel von hinter dem Turme der polnischen Kirche ihre letzten Strahlen unserem Städtchen spendete, sah man von allen Ecken und Enden weiße, gespensterartige Gestatten in der Richtung zur alten Synagoge sich bewegen. Der Fußboden unserer Schul war mit frischem Stroh bedeckt, an der Türe stand der ״Schames" mit einem Riemen bewaffnet und jeder der Ankommenden legte sich, ohne den geringsten Widerstand zu leisten, hin, um vom SchamoS die üblichen 30 ״Malkaus" zu empfangen. So pflegten sich unsere Juden,zum ״Jom hadin" vorzubereiten. Die vielen ״Neschumo": Lichter, die jeder mit sich mitzubringen Pflegte, ersparten unserer armen Gemeinde die Unkosten der elektrischen Beleuchtung, von welcher man bei uns im Städtchen vielleicht noch heute keine Ahnung hat. Im übrigen waren mkr die Kerzen viel sympatischer, als die modernen Beleuchtungsapparate, besonders waren eS die Wachskerzen. Bei den meisten derselben kippte der Docht um, die Wachsmasse floß in Strhmen auf dem Kerzentisch. Wir Buben pflegten nachher die WachSmaffe zusammenzuklauben, um daraus verschiedene Figuren zu formen, einen Hund, eine Katze, eine Ziege und waS konnte man nicht sonst aus dieser Masse kneten. Meinem Chederkollegen Awremil gelang es sogar, unseren Rebbe Toifke Me» lamed aus Wachs zu formen. ES ist somit kein Wunder, wenn nach unseren damaligen Kinderbegriffen die ״Neschumo"-Lichter 4m8 Wachs eine viel wichtigere Sr» Oerbrettel die ״Wlrebe Oolirrrilmme".