Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 17 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Hi. 17. fr» 4■ ■ Mi» Epik« bnmnr H» der Humor sehr zu Patte«, denn« würzt ihm da» Allertraurigste, Unerquicklichste und läßt einem jede« Dinge Verzeihung angedeihen. Gleich dem Lervantes, den er «achgeochmt zu haben die meisten «es« überzeugt find und dem Jonathan Swift, den er vielleicht gar nicht kennt, hat er eine humoristi. sthe Sab«, die ihn befähigt, alle» und auch da» Trau, rigste mit einem rosigen Schimmer zu verklären. «uch sieht man Fallstafftypen in seinen Erzählungen, die er aber nicht dem Shakespeare entnommen hat und Tartaringestalten, die oft eine frappante Aehnkichkelt mit denen Landet'» aufweisen. Bei näherer Betrachtung aber werden wir -ugeben müssen, daß diese. Typen, die un» Nbramowicz verabreicht, einzig und allein die Schöpfung feine» Genius find. Denn man mutz wohl wissen, -ah eine un» wenig bekannte Identität, die ein Leben verschiedener Völker aufteilt, auch den Werken der Schriftsteller verschiedener Rationen denselben Stempel aufdrückt, so datz man an Entlehnung denkt. Außerdem gibt e» Schriftsteller, die mit denjenigen fremder Völker Gleichheit aufweisen, wa» uns noch lange nicht berechtigt, an eine Entlehnung zu den!.»«. S. I. Abramowiez wird alle Schwächen de» jüdischen Volkes verzeihen, wird sich nie oder nur selten und de» in seiner ersten Schaffensperiode über religiöse Bräu, che und Leremonien lustig machen. Seine Feder wird vielmehr die sozialen Schaden hervorheben und sie bloßstellen und durch seinen Humor, der manchmal der Sattre nicht entbehrt, entwaffnen. In religiöser Hinsicht ist er daher konservativ, sozial dagegen Ultrafortschritt, lich, ja radikal. Al» Epiker zeigt er so eine schriftstellerische Gabe, wie sie Walter Skott, Balzac, KraSzewSki und andere Schriftsteller aufweifen, die gleich ihm in der physiologischen Kunst verharren. Denn obwohl Psychologe seien, handelt e» sich dem S. I. Abramowiez in erster Reihe darum, durch das Abbilden der äußeren Welt un» die innere Welt zu erschließen und uns zugleich die Psychologie der äußeren Welt zu verabreichen. Deshalb find die Frischen Stimmungen bei ihm nur Staffage, die das Aeußere umsomehr und mit prägnanterer Schärfe auSdrücken und umso plastischer gestalten. Die Mimik, die Grimassen eines Menschen, die Impressionen werden un» stets einen Blick in die innere Welt eröffnen und erweitern. In erster Reihe ist S. I. Abramowiez ein Realist und zwar wie jeder währe Künstler, der den RealiSmu» nicht auf die Spitze treibt, sondern an dessen Hand er ide Welt in ihren Konturen abbildet und keine Verschwommenheit auftommen läßt. Gleich Zola hat er (wenn er auch keine GesellschaftSromane in diesem weiten Rahmen verfaßt hat) Erzählungen geschrieben, die ganze Epochen nmspannen und alle Seiten des jüdischen Lebens blitzartig beleuchten. Das Wie ist ihm viel wichtiger al» das Was. Er kennt kein Häßliche» in der Natur, wenn eS nur durch die künstlerische Begabung eines SchriftstellerS geht, destilliert wird und den Stempel des GeniuS auf seiner Stirne trägt. Ebenso wie Shakespeare, der Aristoteles' Poetik nicht kennend, trotzdem er in seine Fußstapfen gewandelt ist, ist S. I. Abramowiez ein treuer Schüler Lessing'S, obwohl er dessen ästetifchkritische Werke schwerlich kennen wird. Wie jedes wcchre Genie hat er in sich Regeln, die ihn befähigen, die höchste Kunst zu entfalten und sich keine Verirrungen zu schulden kommen zu lassen. Wohl werden wir uns drn S. I. Abramowiez nicht als Lehrling vorstellen, der einem Meister avguckt, streng seine Gesetze befolgt und keine Schnitzer begeht. So »tugendhaft" in der Kunst und so wenig reif ist Abramowiez nicht. Er erklimmt die höchsten Gipfel der Phantasie, läßt manche Zickzacklinien aufkommen, wodurch seine Kunst Abbruch zu erleiden scheint. DaS ist nur -er äußere Schein. Wenn wir aber tiefer suchen werden, da werden wir sehen, daß auch da, wo er seiner Phantasie die Zügel schießen läßt, er die Gesetze der wahren Kunst beobachtet, wodurch er sich immer auf dem künstlerischen Niveau zu erhalten vermag. Er hat in seiner präsianwbiographischen Erzählung * (Jammertal) die Ruhe und Abgeklärtheit, die Goethe in seinem »Wil- Helm Meister'» Lehr- und Wanderjahre" und Gottfried Keller im »Grünen Heinrich" aufweist. Obwohl er hie und da publizistische Anschauungen einstreut, verliert sein Werk nicht an künstlerischem Wert, denn die Publizistik ist bei ihm nur da» Gerüst, auf dem er seinen künstlerischen Bau aufführt und mit künstlerischer Sicherheit gestaltet. In erster Reihe ist er ein Naturschilderer, wie es daS Judentum in der Diaspora vor ihm in solchem Glanze und Fertigkeit nicht aufzuweisen hatte. Die ganze Natur, also die ' Tierwie auch die Pflanzenwelt beschreibt er auf unnachahmllche Weise. Er ist ei« wahrer l'art Par l'ert-Lichter, ohne von fein« künstlerischen Gestaltungskraft die! Aufheben *׳. machen. Sr gebärdet sich nicht künstlerisch, mit ein« Nonchalante wirft er wie au» hem Füllhorn künstlerische Schilderungen au». Dabei kämmt die Empfindsamkeit gar nicht zu Worte, « matt mehr al» er Lichtet und man glaubt, dies alle» zu sehe« und nicht nur zu fühlen. Obwohl oder weit « die zarten Regungen d« Seele nicht kennt, verlegt er fein ganze» künstlerisches Können in den äußeren Sinn: nämlich da» Auge. E» gibt zwei Arten von Schriftstell««, Lugen- und Ohrenmanschen, also Künstler, die entweder da» Gesetze wiedttgeben und die psychologische Kunst nicht überrücken lassen und solche, bei denen da» Ohr die Hauptrolle spielt, die also für da» Gehörte und Empfundene VerständniS haben. Die» ist von der Raffe, dem MUteu und ,um allergrößten Teile von der individuellen Begabung des Schriftstellers abhängig. Besonder» waren die hebräischen Dichter und Schriftstell« meist Künstler, die das Auge nur in diesem Maße zu Worte kommen ließen, inwiefern« es eine Begleiterscheinung de» Gehörten, Empfundenen w«. Bei I. L. Gordon ist die Natur beseelt, anthropomorph, bei Manch Ist ein Innige» Verquicktsein de» Menschen mit der Natur und deren Teilchen. Stet» ab« ist die Empfindung die Begleiterin des Gesehenen, ja vielleicht sogar daS Bimäre. Diese Dicht« verlegen daS Geschaute in da» Gebiet des Pfychkfchen. Gefühlten und Empfundenen. S. I. ALramowicz dagegen ist ein Sinnenmensch und zwar ein Augenmensch. Wohl hat die jüdische Literatur, was Schwung und Tiefe aubelangt, viel bedeutendere Schriftsteller hervorgebracht. Niemand ab« hat dem Auge die Vor- Herrschaft in diesem Maße gelassen, wie eS Abramowiez getan hat. Sehend schafft er sich eine Mythologie, denn feine Plastik und Anschaulichkeit hat ihre» gleichen nicht. Er zersplittert nicht das Gesehene, er analysiert es nicht, er führt vielmehr aus kleinen Mosaiksteinchen einen herrlichen Bau auf. Denn seine Kunst ist rein synthetisch, Diderot vergleicht die Malerei mit der Poesie, wenn auch Leffing zwischen den bildenden Künsten und der Poesie eine Scheidewand? errichtet. Trotzdem zeigen ״Schriftsteller^ die zugleich Maler sind, in ihrer Poesie eine Verwandtschaft der Poesie mit der Malerei. In der französischen Literatur Fromentin, in der deutschen Max, Liebermann, in der hebräischen Maneh, in d« polnischen WhspianStt find die besten Beweise für unsere Behauptung. Auch Schriftsteller, die selber keine ausübende Ma- Ier, nur für die Malerei oder Bildhauerei Verständnis hatten, wie die Goneourt'S, Flaubert und Theophile Gantier, indem sie uns« Auge entwickelten, waren mehr Augenals Ohrenmenschen. Weil das malerische Element bei ihnen überhand nimmt, während bei anderen Dichtern daS musikalische Element zu Worte kömmt, wird bei manchen mehr das Dekorative in den Vordergrund gerückt, während bei anderen -ie GefühlSregung dominiert. Während die anderen Dichter mehr Stimmung als Sehen, mehr Idee als Plastik aufweisen, hat Abramowicz im Königreich des Auges und der malerischen Gestaltung eines Gegenstandes in der hebräischen Literatur Unübertroffenes, früher nie dagewesenes geleistet. Da aber die Gesichtswelt viel verankerter und konstant« ist als die Cehörwelt, deshalb ist seine Kunst vollendet, reif und von großer plastischer DarstellungSgäbe. Bon dem großen Mal« Alberti erzählt man, datz « oft vor einem Baume, den er sah, oder vor irg ׳d einem Tiere, dem er begegnete zu weinen anfing, so heftig ließ er auf sich die Natur wirken. Abramowiez dagegen wird trotz der schönsten Naturschilderungen nie in Empfindsamkeit geraten, er wird das episch-ästhetische Gleichgewicht stets behalten. Als Humorist und Naturschilderer hat er kaum seines Gleichen und auch als Epiker ist er einzig dastehend und obwohl wir manchmal die Einflüsse verschieden« Schriftsteller auf Abramowiez zu finden vermeinen werden wir uns, bei kritischem Lichte besehen, überzeugen, daß er durch und durch originell ist und keinen einzigen Schriftstell« nachahmt. MOD GS würde ab« eine Lücke in diesem Literaturbilde sein, wenn wir nicht hervorheben würden, was für Stellung er in der hebräischen und jüdischen Literatur einnimmt. (Er schreibt nämlich in zwei Sprachen mit derselben Meisterschaft.) Wir müssen seine Vorgänger und Nachfolger ins Auge fassen, damit wir ein unverfälschtes, vovkomme. neS Bild von seiner schriftstellerischen Tätigkeit erhalten. Gerade wie Friedrich Hebbel Jbsen'S Voraussetzung ist und >u« Len Ibsen gut zu vetzWehest mm auf Hebbel zurückgeh«« mutz» w«U Hebbel Le« Ibsen bedingt, ebenso mutz man. um Hebbet zu verstehen, bk« Konsequenzen ziehen und Ibsen als seine Erfüllung betrachten, Um also Len S. I. Abramowiez gut zu be» greifen, ««den wir den Dick, Eliakum Zensor und Ander«, wie auch sein« Nachfolg« (Schalem Alechem. Spektor, Dienesohn, Asch uflv.) unter bi« Lupe nehme« müssen. Gerade wie S. I. Abramowiez Anregungen von Dick und anderen «halten hat, ebenso h«Sen die spättten des Abramowiez Einfluß gespürt mch oft sogar nachgeahmt. Die Raturschilderungen bei «sch. d« Humor be» Schalem Alechem, da» autobiographische Element in fein« künstlerischen Gestattung Lei Dienesohn, da» Zarte und Sonnige bei Spektor find d« künstlerisch-poetischen Gabe des Abramowiez entnommen. Abramowiez ist ein Wegweis« in der Hebräischen und jüdischen Literatur, wo di« reine Kunst zu Worte kommt, da» Unwesentliche abgestreift wird urch wo bie Natur in allen ihren Schönheiten und nach allen Seiten entrollt wird. Daß sie aber, da ste bi« Gaben de» Abramowiez nur teilweise besitzen an ihn nicht h«annahen, darf dem Gesagten zufolge nicht betont werden. Denn obwohl Asch ein größer« Psychologe ist, weit«« Sphären umspannt, Dienesohn einen reineren, d« Tattre und der Kunst'ik entbehrenden, olympischen Humor hat. Schalem Alechem'» Humor der Tränen nicht «nt» behrt, wodurch er mannigfaltig« erscheint, müssen wir daran denken, daß diesen Schriftstellern meisten» nur eine einzige Eigenschaft in hervorragendem Matze zuteil geworden ist, wahrend Abramowiez die Synthese aller künstlerischen Eigenschaften bildet, wodurch « tu jeder Hinsicht unvergleichlich und unnachahmlich ist. Er ist Aesthetiker und Psychologe, Romantik« un- Klassi» ker, Impressionist und Realist, kurz, alle mögliche» Strömungen repräsentiert er und -war in ihr« beste» und schönsten Seite. Er ist die harmonischeste, aktze» Härteste Gestalt in der neuhebräischen Lit«atur und durch seine poetische Gabe gibt « unS die Statik der Gesellschaft, die, weil verankert, einen viel größeren und günstigeren Eindruck machen muß al» bie Wieder» gäbe der Dynamik d« Gesellschaft, die obwohl bie zarten Regungen der Seele abbildet und daS Werde«, La» Entstehen, daS sich Entwickelnde mit kinematographi» scher Treue widergibt, trotzdem ab« der . Harmonie Abgeklärtheit und des AesthetiziSmuS, wie wir sie bet Abramowiez begegnen, entbehrt. Wilhelm Ost. I Der Hunsdorfer Gaon. I Am 11. Siwan (S. Juni) ist der HunSdorfer Gaon, Rabbi Samuel Rosenberg, an der Stätte sein« Wirksamkeit in HunSdorf (Kam. SzepeS, Ungarn) im Alt« von 78 Jahren verschieden. In ihm verliert da» Judentum einen seiner edelsten Gelehrten vo» erhabener Eharaktergröße, einen großen Lehr« und Verbreiter des Talmuds in Israel, wie ihn daS Judentum LugarnS seit dem Wassam Szofer nicht besaß. Der Herausgeber der »Jüdischen Pretzzentrals Zürich", der auS der HunSdorf« Jeschiwa hervorge» gangen und in dem Dahingeschiedenen seinen innigsten verehrten Meisten betrauert, behält sich vor, das Wirken und Lehren des HunSdorf« Gaon an anderer Stellv eingehender zu würdigen. Von den außerordentlichen Tugenden und den ungewöhnlichen Gaben, derentwrllen ihn die Judenheit der ehemaligen Donaumonarchie mit einer geradezu heiligen Scheu verehrte, sei hi« nur die immanente Seelenkrast seiner Persönlichkeit hervorgehobendie ihn befähigte, tausende von Schü» lern aus allen Ländern anzuziehen, in ihr« Brust eine hingebungsvolle und eifrige Liebe zum Talmudstudium zu wecken und in ihrem Herzen Weihe «nb Heiligkeit der jüdischen Seele in ihrer schönsten Blüte zur Entfaltung zu bringen. Die Orthodoxie Ungarns faßte keinen wichtigen Beschluß ohne vorh« seinen weisen Rat und seine Zustimmung einzuholen, so groß war der Einfluß seiner Persönlichkeit. Samuel Rosenberg wurde im Jahre 1841 als Sohn des Rabbiners in TiSzasüred geboren und war Schüler des Rabbi Ephraim Tschad« unh des Kessaw Szofer in Preßburg. Um ausschließlich der Berbreitung des Talmudstudiums leben zu können, lehnte « die größten Rabbinerstellen des Landes, die ihm wiederholt angeboten wurden, ab. An dem öffentlichen Leben des Judentums nahm er stets regen Anteil, verfaßte einige halachische Werke, die er aber au» groß« Bescheidenheit bei Lebzeiten nicht veröffentlichte. Di«- Leitung der von ihm gegründeten und durch ihn -um Weltruhm gelangten HunSdorf« Jeschiwa geht in die Hände seines scharfsinnigen Enkel», Rabbiner Jona Horowitz über.