Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 17 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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kt&> stammt auch LH. D. Nomberg au» Polen; Romberg hat -um erstenmal die einsamen, skeptischen Th״ pen -ehaMosen Mischen Jntelligenzproletariat» ge« schildert: müde, -erbrochene, willenlose Grübler. Durch seine Po-ttmnovellen wurde I. L. Schapiro berühmt. Seine 1808 erschienene Novelle »Da- Kreuz" hat in den amerikanisch-jüdischen Revuen eine große Polemik über die Verwendung christlicher Motive in der jüdischen Literatur hervorgerufen. Schapiro hat Victor Hugo» Dickend, Trott, Kipling ins Jidische übersetzt, neben ihm ist David Kassel als Uebersetzer deutscher Werke zu nennen. Sin Fortscher von Perez' religiSS-mystischer Art ist Unojchi, der in ergreifenden Novellen die geschlöffe«« Weltanschauung de- Ghetto und ihren Zusammenbruch im Kampfe mit Europa geschildert hat. David Bergelsohn ist durch eine Reihe realistischer No- Vellen audem KausmannSleben »Um den Bahnhof" berühmt geworden. Sein Roman »Rach allem" schilderte bann das jüdische UebergangSgeschlecht, das den Zusammenhang mit dem alten Erbgut verloren, aber nicht- Neues dafür gefunden hat. Die Probleme dejungen jüdischen Amerika hat David Jgnatow -um Vorwurf seiner Romane gemacht. Sin glänzender Nachsolger deS Humoristen Scholem Alechem ist Wendrow. Er hat es fertiggebracht, den Humor des komplizierten jüdischen Wohnrechts im alten Rußland in mehreren Bänden zu verwerten. Die Dichterin RahLl Feigenberg ist durch ihre Erzählungen aus den Kinderjahren bekaNnt geworden. Von den Lyrikern dieser Generation ist vor allem Abraham Reisen zu erwähnen, der in volkstümlich einfachen Liedern von'stiller Trauer die bittere Not der Mischen Raffen besungen hat. David Einhorn ist als zarter Elegiker zu nennen, SuSman Segalowitsch (früher ein Kachelarbeiter) schrieb Lieder im Volkston und Balladen/ die sehr anerkannt wurden. Der Lyriker NiStör hat sich jetzt ganz der Kinderliteratur zugewendet. Durch seine Sonette ist Königsberg bekannt geworden, der junge galizische Lyriker Jmber, ein Neffe des Dichters der jüdischen Nationalhymne, hat sich auch als Kritiker einen guten Namen gemacht. Bon den Dramatikern ist neben Asch in erster Reihe David PinSki zu nennen, von dem einzelne Stücke j auch deutsch aufgeführt worden find. In ihm hat das Mische Proletariat seinen künstlerischen Gestalter gesunden; er ist auch sein politischer Führer und gibt das Parteiorgan der Arbeiterpartei Poale Zion, den »Jübischen Kämpfer", die literarisch beste Zeitung AmerikaS, heraus. Dann ist neben dem Dekadenten, allzu europäischen Perez Hirschbein der realistische Dramatiker Kobrin zu erwähnen, deffen Dramen aus dem Leben einfachster jüdischer Fischer auf der Newyorker Bühne dank 'ihrer theatralischen Effekte große Erfolge( hatten. Kobrin war selbst früher Ztgurrenarbeiter und Bäcker und hat auch in zahlreichen Novellen Schilderungen aus dem Leben der amerikanisch-jüdischen Proletarier gegeben. In letzter Zeit hat PinSki in Newhork versucht, eine reine Kunstbühne zu schaffen, gegenwärtig ist in Charkow »Unser Winkel" ein künstlerisches Theater ersten Ranges, das auch viele Kräfte von der ruffischen Bühne abgezogen hat. Prag. Hugo Bergmann. Zur Notlage der Rabbiner. Auf diesen Artikel in Nr. IS unseres Blattes erhielten wir von verschiedenen Seiten mehrere Zuschrift ten, die wir wegen Raummangels nur auszugsweise hier wiedergeben können. So schreibt uns ein KuttuSvorsteher aus Böhmen: Die Klage des mit »UnuS pro multiS" gezeichneten Artikeld scheint doch im wesentlichen übertrieben und dßher nicht ganz gerechtfertigt zu sein. Die Mische Wohltätigkeit hat niemals versagt und dürfte am allerwenigsten in dieser tatsächlich furchtbar ernsten Zeit speziell den Beamten gegenüber, die doch nie auf Rosen gebettet waren, versagen. ES soll zugegeben werden, daß viele kleinere Gemeinden leider nicht in der Lage find, ihre Beamten so zu besolden, wie eSin Anbetracht der enormen Teuerung und der Notlage der letzteren zu wünschen wäre. Trotzdem bin ich überzeugt, daß Gemeinden, wie bester situierte Einzelpersonen fich ihrer Pflicht bewußt sind und gewiß alles aufbieten, um dem Elend ihrer Beamten zu steuern usw. Ein anderer Vorsteher schreibt uns: Die Klagen der Kultusbeamten sind gewiß nicht ganz unberechtigt. Aber woher sollen die Gemeinden, die selbst im tiefsten Frieden mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, die Mittel hernehmen, um die Ansprüche ihrer Beamten zu befriedigen? In dieser Hinsicht wären wir jedem für seine Auskunft und seine Ratschläge dankbar usw. Ein Rabbiner schreibt unS die Klagen des Kollegen, welcher unter dem Pseudonym »UnuS promultiS" fich verbirgt, sind leider allzu gerechtfertigt und es ist nur zu bedauern, daß fich bis jetzt niemand gefunden hat für den beklagenswerten Stand der Kultusbeamten mannhaft einzutreten. In dieser Hinsicht hat der Herr Kollege allen aus dem Herzen gesprochen. Die Wege aber, die er einzuschlagen empfiehlt, find jedoch nicht die richtigen. In wiefern kann und soll die tschechoslovakische Regierung helfen, die bekanntlich auf dem Standpunkte der Trennung von Staat und Kirche steht? Auch den Anschluß an die Sozialdemokratie dürfte weniger empfehlenswert sein, da diese erklärt hatte, daß Religion nur Privatsäche sei. Bleiben ^nur die sogenannten schwarzen Listen/ von denen man sich keinen besonderen Erfolg erwarten könnte usw. Ein Kultusbeamter auf dem Lande meint: Der Schritt der Beamtenschaft der Brunner Kultusgemeinde ist freudig zu begrüßen, wenn eS auch bedauerlich ist, daß sie zu einem derartigen Schritt förmlich gezwungen wurden. Eine solche große Kultusgemeinde wie Brünn hat e» nicht nötig gehabt zu warten, bis ihre Beamten zur Selbsthilfe greifen. Hingegen Ware eS zu empfehlen, daß alle jüdischen Beamten der tschechoslovakischen Republik dem Beispiel der Brünner Kollegen folgen und alle solidarisch Vorgehen. Wenn alle diesen Weg einfchlagen, dann steht mit Sicherheit zu erwarten, daß die Kultusgemeinden fich endlich ihrer Beamten erinnern und auch ihrer erbarmen. gen. Und doch blieb eS licht in mir, so licht, so Helle leuchtendes Licht. Der Rabbi beugte fich vor, als müsse er beffer horchen, Mer der Schüler fuhr fort: Und dann wurde mir von all dem Lichte so wohl, so leicht . .. Und mir war, als wäre ich kein Körper mehr voll irdischer Schwere Mir war, als ob ich emporschwebte in ein glühende- Landl Und eine süße Wärme durchrieselte mich . . . die Wundersache Lust des Lebens und jubelnder Freude. Keine Fiber in meinem Antlitz hat fich bewegt. Starr waren meine Lippen. Und doch habe ich gelacht, so innig, so herzig und voller Lust wie ein Kind. Ohl rief der Rabbi erregt. — Das waren die himmlischen Freuden! -Und dann klang es in mir, und anr war, als ob ein Lied in mir erwüchse. Der Rabbi sprang von seiner Bank empor und stellte sich vor den Schüler! — Und dann??! Und dann?? -Und dann hörte ich, wie in mir ein Gingen begann ... Ich fühlte, daß a«e meine Sinne fich schloffen ... Mer innen, innen sang eS. So mutz es wohl sein ... ganz ohne Worte ... so ... ja .. . so ,». — Wie denn so? -- Ich kann'- nicht sagen. .. Vorhin wußte ich'- noch... Und dann wuchs da- Singen zu einer Zauberweise, als spielte in meiner Seele eine Fiedel oder als säße Jona, der Kleßmer, in mir und spielte wie beim seligen Rabbi am Tische gottgeweihte Lieder . . . Und doch . . . viel zarter hat es in mir gespielt, viel wundersamer, wie erdentrückte Seligkeit. Und immer ohne Worte, ohne Stimme .. . Nur Seele,. . . nur Seele. — Wohl dir! Wohl dir! mein Schüler. Voll Trauer aber schloß der Schüler: Nun ist alles dahin. Die Sinne sind mir wieder geöffnet. Und ich Lin so müde, daß ich ... Da aber schrie er plötzlich laut auf und griff sich gegen dawild pochende Herz. -Rabbi, sprich mit mir da- Sterbegevet! ... Gage mit mir das Sündenbekenntnis! ... Ich höre ein Rufen von der Höhe nach mir. Sie rufen den SSnger. Ein Engel bin ich mit weißen Flügeln! Rabbi! Rabbi! . . . Schma JiS . . . Gr starb. Und alle im Städtchen wünschen fich einen solchen Tod. Nur der Rabbi war nicht ganz zufrieden. Noch ein paar Fasttage, klagte er, und im Kusse Botte» wär er geschieden .. . Nr. 17. S. I. Abrahamowicz. (Literarische Silhouette.) . In der neuhebräischen Literatur, die - noch nicht gehörig a-geklärt ist, da Stürmer und Dränger auf den Plan treten, macht unbedingt ein Mann, der mehr! als 8 Dezennien schriftstellerisch tättg ist und seinkünstlerische Reife bereit» lange erlangt hat, einen wohltuenden Eindruck. Da sieht man bereit» AuSge» goreneS, Abgeklärtes, und ein künstlerisches Könne« macht fich überall bemerkbar. S. I. Abramowicz, der den Gegenstand unserejetzigen Literaturporträt» ist, zeichnet fich durch solchv Eigenschaften aus, durch die er in die erste Reihe, nicht nur der hebräischen, sondern der europäischen Litera» tur emporsteigt. Wohl hatte er verschiedene Phasen durchgemacht, wenn man aber seine Tätigkeit unter die Lupe nimmt, da wird man sofort gewahr, daß sein künstlerische- Können eine Eigentümlichkeit aufweist, die ihm den Stempel de» Künstlerischen aufdrückt und ihm den Gonierang einräumt. Schon als Nachahmer Turgenjew'» und anderer ruffischen Schriftsteller, bemerken wir bei ihm einen originellen Zug, der sein künstlerisches Wesen umspannt und der überhaupt nie weicht. Unter den neuhebräischen Schriftstellern, die meistenS der Ruhe entbehren, indem fie immer die Fühler weiter aüsstrecken und die Literaturen aller Völker im hebräischen Schrifttum einbürgern wollen, ist S. I. Abramowicz mit seiner künstlerischen Ruhe und OL» jektivität der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Von sich aus schafft er die schönsten Werke, denn seine innere Welt ist so unendlich reich und mannigfaltig,, so daß er eS wahrlich nicht nötig hat, anderen Literatu» ren abzugucken und fie herauszuziehen. Seine Persönlichkeit ist so stark, so alles umspan» nend, so daß er eines jeden Einflusses und sei er der mächtigste entraten kann. Die vielen künstlerischen Talente der neuhebräi» schen Literatur haben ihre Kunst gar allzuoft der europäischen Literatur abgeguckt, die fremden Strömungen dem hebräischen Schrifttum aufgepfropft' und neue Werte importiert. Bei all ihrem großen Verdienste und bei der oft innigen und harmonischen Verquickung mit der jüdischen Welt- und Lebensanschauung, können wir doch nicht umhin zu sagen, daß das Suhstrat, da» Funq dament, auf dem fich alles bei ihnen aufbaut, fremd ist. Dadurch kommt eS manchmal zu einer Unausgeglichen» heit, Unklarheit und Unebenheit, wodurch das künstlerische Können und Reife eine Einbuffe erleidet. In der HaSkalaliteratur ist kaum ein Schriftsteller in diesem Maße an Hochton, wie eS S. I. Abramowicz ist. Sogar CH. N. Bialik, der seine Kunst einzig und allein auf der Lebens- und Weltanschauung -eS Judentums, oft des Ghettojudentums basieren läßt, ist nicht in diesem Maße originell und selbständig und von jedem Schriftsteller unabhängig, wie eS S. I. Abramowicz ist. In der ersten Periode seines Schaffens hat er sich noch (um mit Nietzsche zu reden, eine falsche Oberfläche angeheuchelt, indem er vorgab, in die Fußstapfen fremder Schriftsteller zu treten. Seine schriftstellerische Gabe ist aber so stark, daß er alle möglichen Einflüsse zu verwischen und allem seinen Stempel aufzudrücken vermag. Selbst in der Uebersetzung eines naturwiffenschaftlichen Werkes, wo er an die Aufklärung des jüdischen Volkes denkt, ist eS ihm vorwiegend darum zu tun, der Kunst eine Ehrenstelle einzuräumen. Er spricht' nicht von Psychologie und ist dabei ein bedeutender Psychologe, der wohl die Finessen der modernen Psycho» logie verschmäht, aber nichtsdestoweniger die Seele des jüdischen Volkes wie kein Anderer vor ihm ad oculoS demostriert. Gleich dem Turgenjew ist er zu sehr Künstler, als daß er die Psychologie so weit treiben soll, daß fie das Pathologische streift und wodurch die Unklarheit, Ver» schwommenheit und Verzerrung hineinkommen müßten. In erster Reihe ist er Epiker und als solcher steht ihm eine wohltuende Objektivität zur Verfügung, wodurch er den denkbar größten Eindruck zu machen nicht verfehlt. Ein gutmütiger Schriftsteller, ein liebenswürdiger Cicerone ist er in diesem Maße, Humorist, wie ihn die hebräische und jüdische Literatur außer Schalem Alechem nicht aufzuweisen hat. Uever alle» streut er seinen würzigen Humor au», keine Erscheinung des Lebens im jüdischen Botte vermag seine künstlerisch-ästhetischen Kreise zu stören, er ist vielmehr eine gerade Linie, die keine Verschnörke» lungen und Arabeften kennt. Bon seinem ersten Aul. tritt« in der hebräischen Literatur bis auf heute hat er seine künstlerische Reife und MgeNärtheit bewahrt, so daß Mißtöne so gut wie ausgeschlossen find. ״HicklL Jüdischer V-llskaleader".