Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 16 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 ״Jüdische Seife 5 den. Nun können aber die Leute in Budapest einmal nicht daran glauben, daß die bolschewistische Herrschaft, von langer Dauer sei; sie seien vielmehr davon überzeugt, datz sie binnen kurzem enden muffe. In Buda- Pest gäbe eS zirka 400.000 Juden auf beinahe zwei Millionen Einwohner. Viele von diesen Juden aber befürchten, daß, sobald der Bolschewismus zusammenbreche, die Bevölkerung sich für die erlittenen Leiden an der Maffe der Juden rächen wolle, weshalb sie vorstchtShalber zum Christentum übertreten. Die meisten der Austretenden seien Advokaten, Kaufleute, Bürger und Beamte; weniger vertreten seien die Arbeiter. Der Oberrabbiner habe die Zahl der Uebertritte in den letzten Wochen auf 600 geschätzt. Einige davon blieben konfessionslos, die überwiegende Mehrzahl aber flüchte in die katholische Kirche, die sie nach einem kurzen Kurs im christlichen Katechismus taufe. Um die Aufnahme zu beschleunigen, habe ein reicher Jude 1000 Kronen erlegt, um auf der Stelle Christ zu werden. Dieses Beispiel habe viele Nachahmer gefunden; .dadurch sei ein förmlicher Tarif für die Ungeduldigen geschaffen worden. Sofortige Taufe: 1000 Kronen. Boshaft bemerkt der Erzähler am Schluffe seiner Ausführungen: ״Welch schlechtes Geschäft, wenn der Pogrom ausbleibt" Die Judenpogrome in Wilna. In Begleitung der litauischen Delegation ift"2)r. Rachnitewitz in Paris eingetroffen, der als Augenzeuge der von den polnischen Truppen in Wilna veranstalteten Judenpogrome darüber der Konferenz berichtet hat. Der Bericht wurde vom litauischen Ministerpräsidenten zur Verfügung gestellt. Er besagt, daß die Polen mit dem Tage der Besetzung des Bahnhofes von Wilna mit der Plünderung der Häuser der Juden unter dem Vorwand von Hausdurchsuchungen nach Bolschewiki und verborgenen Waffen begannen. Polnische Legionäre wurden von den Fenstern aus beobachtet, wie sie die wegen des Sabbats geschlossenen Geschäfte aufsprengten und ausplünderten. Als am Montag den 21. April nachmittags, die in den Kellern versteckt gewesenen Juden auf die Straße kamen, wurden sie von den polnischen Soldaten angehalten, durchsucht und völlig ausgeraubt. Am nächsten Tag begannen die Gewalttätigkeiten. Die Juden wurden geprügelt, durch die Straßen gejagt und dann erschossen. Die Gesamtzahl der Opfer wird auf mindestens 3000 geschätzt. Die Bärte der polnischen Juden scheinen es den polnischen Soldaten ganz besonders angetan zu haben. Denn zu wiederholten Malen schon ist eS vorgekommen, daß polnische Juden von Soldaten überfallen und ihnen, trotz ihrer flehentlichen Bitten und ihres Widerstandes, der Bart mit Messern oder Bajonetten abgesäbelt wurde. Eine besonders widerliche Szene aber spielte sich am Montag in einem Waggon des um 4 Uhr nachmittags von Bielitz nach Dzieditz abgehenden Zuges ab, in welchem einige polnische Juden Platz genommen hatten und in den kurz vor der Abfahrt auch zwei polnische Soldaten und ein Unteroffizter einsliegen. Als diese der Juden ansichtig wurden, stürzten sich die Soldaten mit dem Rufe: »Messer her!" auf den einen derselben und begannen an seinem Barte herumzuschneiden. Auf das Geschrei der Passagiere kam die Bahnhofswache herbei, lehnte jedoch ein Einschreiten ab, worauf die Juden aus dem Waggon flüchteten, bis auf einen, der glaubte, sein gestutzter Bart schütze ihn vor einer ähnlichen Mißhandlung. Als fich der Zug in Bewegung setzte, wurde aber auch er von den Soldaten gepackt, die mit Taschenmessern an seinem Spitzbarte Herumschnitten, ja der Korporal beteiligte sich sogar mit seinem Säbel an der widerlichen Prozedur, die von den Soldaten mit den rohesten Scherzen begleitet wurde und die auf die mitfahrenden, eingeschüchterten Passagiere einen mehr als peinlichen Eindruck machte. In Dzieditz versuchte man mit einer Anzeige. Der diensthabende Offizier ließ die 3 Soldaten zwar in die Kommandokanzlei führen, doch der Kom- Mandant nahm die deutsch vorgebrachte Beschwerde nicht zur Kenntnis, sondern wies den Anzeigern die Türe und entließ lachend die Soldaten, die, woran wir nicht zweifeln, nicht mit Unrecht glauben müssen, daß solche und ähnliche ״Heldentaten" den Schutz ihrer Vorgesetzten genießen und zu den erlaubten Abwechstungen de- ״rauhen Kriegerhandwerkes" gehören. Dafür aber hat die Entente den Juden Polens die vovllste Gleichberechtigung sowie die Achtung ihrer religiösen, kultureven und gesellschaftlichen Eigentümlichkeiten garantiert. Ein antisemitischer Exzeß -er BezirkShauptmannfchaft Efferding. Der 10jährige nach Tarnopol zuständige Gymnasiast Leo Sch., der bei seinen Eltern in Wien wohnt, fuhr am 26. Mai nach Oberösterreich, um für seine Eltern und Geschwister Butter einzukaufen. Im rol׳ lenden Zug wurden bei ihm zwei Kilogramm Butter(!) gefunden. Die Butter wurde beschlagnahmt und der junge Mann verhaftet und von der Bezirkshaupt- Mannschaft Efferding wegen ״verbotener DutterauSfuhr" zu 8 Tagen Arrest, 300 K Geldstrafe und zu immerwährender Abschaffung verurteilt. Der junge Mann wurde auch sofort abgeschoben und in ein Wiener PolizeigefangenhauS gebracht, um von dort weiter abgeschoben zu werden. Er befindet sich schon mehr als zwei Wochen in Haft, als ob er unter dem Verdacht eines Verbrechens stünde. Jetzt soll an ihm noch die grausame Prozedur des Abschiebens zur Grenze vorgenommen werden, wiewohl seine Eltern in Wien wohnen, er hier ein Gymnasium besucht und es doch jedermann klar ist, daß eine Reise nach Tarnopol gegenwärtig unmöglich ist. Dieses unerhört brutale Vorgehen der Bezirks- Hauptmannschaft Efferding einem jungen jüdischen Studenten gegenüber, dem erwiesenermaßen nichts anderes zur Last fällt, als die ״Ausfuhr" von 2 Kilogramm Butter aus dem Sprengel der Efferdinger Bezirkshauptmannschaft, kann nicht scharf genug verurteilt werden und ist nichts anderes als ein judenfeindlicher Exzeß gröbster Art. Da eine Abschiebung in die Heimatgemeinde unmöglich ist, ist eS auch unverständlich, wozu sich die Wiener Polizeidirektion zu der zwecklosen Grausamkeit des Abschieden an die niederösterreichische Grenze hergibt. Aber auch bei der Wiener Polizei gibt es Organe, die von dem Geiste der Efferdinger Bezirkshauptmannschaft erfüllt sind. Als im Wiener PolizeigefangenhauS in der Hahngaffe der Bruder des Verhafteten vorsprach, wurde er von einem Wachmann mit den Worten angeschnauzt: ״Ja, daS Judengesindel muß ausgewiesen werden!" ES wird also dafür zu sorgen sein, daß sich der Hang zu Roheiten nicht an wehrlosen jüdischen Kriegsopfern auStobt. Die Lage der Juden in der Slovakei. Die Lage der Juden in der Slovakei wird immer kritischer. Die Presse veröffentlicht täglich blutrünstige Artikel gegen die Juden. Systematisch werden die LebenSbedingungen der Juden begrenzt und ungeheuer erschwert. In Böhmen wird seit längerer Zeit von einer Reihe größerer Vereinigungen der wirtschaftliche Boykott gegen die Juden mit aller^ Mitteln betrieben. Die Einfuhr von Rohmaterialien und die Ausfuhr von. fertigen Fabrikaten werden für jüdische Firmen derhindert; staatlich bewirtschafttete Artikel werden an Juden nur mangelhaft oder in völlig ungenügendem Maße zugeteilt. Aus leitenden wirtschaftlichen Stellen wird planmäßig jeder jüdische Einfluß entfernt. Noch schlimmer ist es in der Slovakei, wo die Entziehung von Konzessionen und Lizenzen aller Art bereits d׳-- Verarmung von Tausenden von Familien herbeigeführt hat. Unter dem Vorwand, daß die «Prozentnorm" dies erfordere, werden Handwerker an der Ausübung ihres Handwerkes gehindert, und Kaufleuten, die wegen der Pogrome ihr Geschäft einige Wochen gesperrt hatten, wird die Weiterführung ihres Berufes . unmöglich gemacht. Die Verluste an jüdischem Privätvermögen übersteigen nach bisherigen Schätzungen bereits eine Milliarde Kronen. Seit dem 3. Mai wurden in der Slovakei etwa 80 jüdische Schulen geschlossen und die Lehrer, zum Teil nach 30jähriger Dienstzeit, entlassen. Um daS Schulwesen wieder in Ganz zu bringen und auS eigenen Mitteln zu Erhalten, sind zwei bis drei Millionen Kronen notwendig. Es ist bekannt, daß die tschechische Regierung gerade jetzt in der Slovakei mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Sie hat bisher wenig Ernstliches getan, um sich in der jüdischen Bevölkerung eine Stühe zu sichern. Um so nachdrücklicher müssen die Juden fordern, daß ihre Rechte als ansehnliche Minorität geachtet und geschützt werden. Die Pariser jüdische Vertretung darf auch hierüber keinen Zweifel zulassen. Ein Appell der Internationale. Im Namen des internationalen sozialistischen Exekutivkomitees richtete der Sekretär der sozialistischen Internationale, Camille Huismann, an die Arbeiter- Partei Englands und die sozialistische Partei Frankreichs den dringenden Appell, allen ihren Einfluß aufzubieten, um den systematischen polnischen Judenpo« gromen sowie den Ausschreitungen gegen die Juden in den Ländern des Ostens Einhalt zu tun. Soloweitfchik Minister für jüdische Angelegenheiten in Litauen. Dem Jüdischen Preßbüro in Stockholm wird auS Berlin telegraphiert: Der Zionist Dr. Max Soloweitschik ist zum Minister für jüdische Angelegenheiten in Litauen ernannt worden. Jüdische Palästina-Reise- und Transport-Gesellschaft «. d. H. Bekanntlich hat Herr Jacques Bringseit Monaten den Plan propagiert, schon jetzt für den TranS- Port der jüdischen Auswanderer und ihrer Sachgüter nach Palästina, entsprechende Vorsorge zu treffen und in Graz ein provisorisches Komitee zur Ausführung seiüeS Planes gebildet. Dieser Tage hat nun das Projekt durch die Gründüng einer Gesellschaft mit obigem Namen bestimmte Gestalt angenommen. Die Gesellschaft hat ihren Sitz vorläufig in Wien. DaS hiesige Palästina-Amt hat in Würdigung der Wichtigkeit des Unternehmens vom nationalen Standpunkt aus und um die Interessen der jüdischen Allgemeinheit gehörig zu wahren, sich nicht nur mit einem gewissen Betrag als Gesellschafter beteiligt, sondern es sind ihm auch im GesellschaftSvertrage eine Reihe von Vorrechten gesichert. JnSbesondere kann in der Generalversammlung ein gültiger Beschluß über Festsetzung der Transportkosten für solche Auswanderer, welche in geschloffenen TranSporten dritter Klasse, beziehungsweise in Fortsetzung der Reise als Zwischendeckpassagiere reisen, nur mit Zustimmung des Palästina-Amtes zustandekommen. Zweck dieser Bestimmung ist, zu verhindern, daß diese minderbemittelten Auswanderer mehr zu zahlen haben als die diesbezüglichen Selbstkosten der Gesellschaft betragen. Bei der konstituierenden Generalversammlung, die am 6. Juni l. I. stattfand, wurden in den siebenköpfigen Aufsichtsrat gewählt die Herren Wilhelm Alper, Josef Bänder (Graz), Adolf Böhm, Ignaz Hauser (Graz), Baruch Löw, Jakob Nowak und Dr. Egon Zweig. In der ersten Sitzung des Aufsichtsrates wählt«׳ dieser zu seinem Vorsitzenden Herrn Dr. Zweig und zu dessen Stellvertreter Herrn Nowak und bestimmte zu Geschäftsführern die Herren JacqueS Briegs und Adolf Stand. Zugleich wurde beschlossen, das Gesellschaftskapital im Hinblick auf die Größe des Erforderniffes einerseits und das Interesse, welches die Gründüng schon jetzt in zionistischen Kreisen findet, auf vorläufig 1,000.000 Kronen zu erhöhen. Jüdische Palästina-Interessenten, welche sich an diesem Unternehmen beteiligen wollen, mögen sich mit ihren Anfragen, Wünschen und Anmeldungen an die Jüdische Palästina-Reise- und Transportgesellschaft wenden, die vorläufig ihren Sitz in Wien, 2. Bez., Praterstraße 9, 1. Stock, hat. Jüdische Gartenstadt-Genossenschaft Berlin. Die erste Generalversammlung nach erfolgter Gründung der Genossenschaft der jüdischen Gartenstadt in Berlin am 26. Mai ergab die erfreuliche Uebereinstimmung aller anwesenden Genossenschaftler, daß unter den Juden das Interesse für eine Gartenstadt, für alle Probleme der Selbstgewinnung der Naturalien, naturgemäß überaus gestiegen ist und die Bedeutung der hygienischen Wohnung, der gesundheitlichen Gartenarbeit usw. mehr denn je gewürdigt wird. Der Zug nach der Großstadt bei den Juden wird durch diese neue Tendenz in angenehmere Formen gebettet. Die erste jüdische Genossenschaft in Deutschland, welche in den Wirren des Krieges und der Revolution geboren ist, hat die schwere Zeit gut'überstanden und tritt nunmehr in ihr zweite» Jahr ein. An der Spitze des AufsichtsrateS und Vorstandes stehen: Moritz A. Loeb, Prof. Dr. Heinrich Loewe, Frau Clara Boschwitz, Herren Lewinsky, Wolpe, Schragenheim, Klein, Kreitner, Leo Förder und Dr. Felix Theilhaber. Eine ansehnliche Zahl von Interessenten traten im Laufe des JahreS ein. Einige ernsthafte Projekte, welche der Genossenschaft vorliegen, sind zu lösen, falls die Idee rasch noch weitere Kreise des jüdischen Publikums zum Anschluß bringt. Die Regierung unterstützt gerade jetzt die gemeinnützigen Gesellschaften in ausgiebigster Weise. Die jüdische Gartenstadtbewegung tritt also auch in anderer Hinsicht hoffnungsvoll in daS zweite Jahr ihres Bestehens, als die Umstellung der jüdischen Gemeinde, die demnächst erfolgen muß, eine Unterstützung dieser großen sozialen Tat erwarten läßt. Alle näheren Mit» teilungen über die jüdische Gartenstadtbewegung sind zu erhalten durch den Vorsitzenden der Propagandakommission, Herrn Zahnarzt Siegfried Stern, WilmerSdorf, Uhlandstraße 127, Ecke Güntzelstraße. Der Anteil beträgt nur 240 Mark und ist in beliebigen Raten, zahlbar an Herrn Kreitner, Friedrichstr. 140 oder an daS Konto der jüdischen Gartenstadt, Diskonto« gesellschaft, Berlin SW. 48, Friedrichstr. Amerika für die jüdischen Flüchtlinge. Schon vor einigen Monaten hegten die tschechischen Behörden die Absicht, die in Mähr.»Ostrau und Umge«