Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 16 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m!spB^P^Pi ׳-d^KMZ^r^ ׳y^w%’- W SeUt 4. ^»Bische *»IfllNttttt*• Nf. 16. Zuzug größerer Scharen aus dem Auslands zwecks Niederlassung herpilgernder Karaiten, wurde der AuSfall nicht wettgemacht. Vor den Toren Jerusalems stand der Todesengel auf der Wacht und dezimierte die einlangenden Wallfahrer vor ihren Einzug in der heiligen Stadt, so, daß die Zehnerzahl immer einen Minur hatte . . . Also wissen darüber die Juden zu erzählen. Jerusalem sei das Erbe der Träger des NamenS »Israel" allein. Für diejenigen, welche diesen mit »Karaim" einlauschten, gehört dieser Platz nimmermehr . . . * « Unbekümmert um das Treiben der Welt oben und deren Meinung oder Urteil, fetzt sich das Leben da unten fort. Demütig fügen sich die Karaiten dem Schicksale. Wohl ist die Gemeinde herabgekommen. Wohl ist Ladurch die Wiedereinsetzung der rechtmäßigen Erben in ihrem Rechte, Hintertreiben und die volle Besitzergreifung der heiligen Stadt verhindert. Verhindert heißt aber nicht vereitelt. Denn nach karaitischem RituS ist der Rechtsbegriff deS ״Minjan" nicht auf die Zehnerzahl zugeschnitten. Auch drei Leute genügen zur Abhaltung des Gottesdienstes . . . Der »Besitz" besteht daher zu Recht. ... Hapoel-Hazair-Konserenz. Vom 23.—26. Mai tagte in B e r l i n die erste Vorkonferenz des deutschen Landesverbandes der Zionistischen volkssozialistischen Partei Hapoel-Hazair. In Gegenwart von etwa 4V Delegierten wurde die Konferenz von Herrn Reichert eröffnet. Die Beratungen gewannen dadurch an Bedeutung, daß sie den ersten Dersuch im Galuth darstellen, die Zionisten, die auf dem Standpunkt des jüdischen Volkssozialismus stehen, organisatorisch zusammenzufassen und der jungen Partei ein Programm zu geben, das ihr den Zusammen- Hang mit Palästina, von wo sie ihren Ausgangspunkt genommen hat, wahren und die Möglichkeit der Wirkung auf weitere Kreise im Galuth sichern soll. DaS Angenommene Programm ist als Entwurf zum Vorschlag für die Weltkonferenz gedacht und stand im Mittelpunkt der Debatten. Don einem Teil der Delegierten wurde gefordert, daß die Partei in ihrem Programm eine klare Stellungnahme zur Internationale zum Ausdruck bringen und betonen solle, was den Hapoel- Hazair mit der Internationale verbindet, und was ihn von ihr scheidet. Die dahin gehenden Anträge wurden abgelehnt. Ein Referat von Dr. Max Strauß formulierte die Forderungen an den Palästina-Delegierten׳- lag der zionistischen Vereinigung für Deutschland, die auf diesem mit 4 Aenderungen durch Zusatzantrag Blumenfeld und Genossen als Anträge der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft angenommen wurden. Dem Organ des Hapoel-Hazair, die »Arbeit", soll nach dem Wunsch aller Delegierten die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es wird als das wichtigste Werbe- und AufklärungSmittel betrachtet, das geeignet ist, die breitere zionistische und auch dem Zionismus ferner stehende sozialistische Jugend in Deutschland für die Ideen des Hapoel-Hazair zu gewinnen. Für die größere Verbreitung der ״Arbeit" ist größtmöglichste Sorge zu tragen. Auch auf die Broschüre von Arlosoroff: Der jüdische Volkssozialismus sowie auf die demnächst im Weltverlag erscheinenden, vom Hapoel-Hazair herausgegebenen Bücher, (deren erstes: A. D. Gordon: Briefe aus Palästina, Weltverlag, Berlin 1919, Preis geb. 2.20 M., inzwischen vorliegt) wurde nachdrücklichst hingewiesen. Aussprachen über die Organisation zeigten die Wege zu neuer Arbeit. Dem Hechaluz, dessen Pioniergeist dem Geist deS palästinensischen Hapoel-Hazair sehr nahe verwandt sei, soll die größte Aufmerksamkeit und Unterstützung gewidmet werden. Er wird ausdrüc׳ als ein wesentlicher Teil der arbeitenden Massen, auf den sich der Hapoel-Hazair stützt, bezeichnet und seine Unterstützung sowohl im Programm des Hapoel-Hazair als auch auf dem Palästinadelegiertentag der deutschen Zionisten nachdrücklichst gefordert. Die Debatten zeigten durchweg das Bewußtsein der Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volke und seiner jüdischen Heimat. Sie zeigten da- Bemühen, sich von der Galuthideologie nach Möglichkeit freizumachen und ihren Ideen eine neue entgegenzusetzen, die nicht dem Galuth, sondern Palästina ihren Ursprung verdankt und sich nur von der Rücksicht auf die Verhältnisse Palästinas und auf seinen Aufbau leiten läßt. Der Hapoel-Hazair ist in Deutschland in ständigem Wachstum begriffen. Bereits auf dem Palästina-Delegiertentag war er mit 39 Mandaten vertreten und bildete mit 14 sonstigen sozialistischen Delegierten die sozialistische Arbeitsgemeinschaft, über deren Anträge in den Nummern 39 und 40 der »I. R.« ausführlich berichtet wurde. In den geschäftsführenden Ausschuß des Waad Merkazi wurden gewählt: Max Strauß als Vorsitzender. Arlosoroff, Grünblatt, Gugig, Alwin Löwenthal, Perl, Reichert, Ludwig Strauß, sämtlich in Berlin. Dem. erweiterten Ausschuß gehören an: Martin Buber- Heppenheim, Ehrlich-Kattowitz, Daugilaitzky-KönigSberg, Lewinsohn-KönigSberg, Aenne Pomeranz-Elberfeld, Singermann-BreSlau, Stahl-München. DaS Redaktionskollegium besteht aus den Herren: Reichert, Samuel, Ludwig Strauß. DaS Programm, das angenommen tvurde, hat folgenden Wortlaut: Die schöpfekischen Kräfte deS jüdischen Mensche»׳ und des jüdischen Volkes sind an ihrer Auswirkung hehindert durch seine Trennung von Boden, der produktiven Arbeit und der historisch nationalen Heimat und Kultur. 1. Die Ueberwindung dieser Trennung ist nur möglich 1. durch die Schaffung einer geschloffenen Siedelung in Palästina, die das Zentrum des national-autonom organisierten Volkes darstellt und die Errichtung eines gesunden Wirtschaftskörpers und die volle Entfaltung nationaler Politik und hebräischer Kultur gestattet. Als die Grundlagen ihrer Politik betrachtet die Partei die Demokratie, die umfaßt: a) das Selbstbestimmungsrecht jedes Volkes in der Gesellschaft der Nationen und den Schutz dieses SelbstbestimmungSrect, teS für die tocinoritätsgruppen; b) das MitbestimmungSrecht jedes normal entwickelten Gliedes der Nation, des Einzelnen, der Kommunen und der Gesamtheit an der Gestaltung deS Gemeinschaftslebens. — Die Partei kämpft für die Rechte der arbeitenden Massen mit den Mitteln politischer Demokrane, so lange di soziale Ungleichheit die Entfaltung ihrer politischen Kräfte und damit die Verwirklichung der wahren Demokratie hindert. — DaS gleiche demokratische Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen und jeder Minor?» tät gilt für die Partei auf kulturellem Gebiet. Auf seiner Grundlage erstrebt die Partei die kompromiß׳- Hebraisierung des Jüdischen Kulturlebens in der Voraussetzung, daß die offizielle Landessprache für das jü dische Leben in Palästina von vornherein die hebräische ist. Das System der Bildungsanstalten muß jedem Individuum den Zutritt zu ihnen ermöglichen. 2. Durch die Fefreiung der jüdischen. Arbeit, die gewährleistet wird durch die Abschaffung des kapito׳ stischen Systems und die gesellschaftliche Regelung von Produktion und Verteilung. — Die Regelung der Wirtschaftsverhältnisse hat so zu erfolgen, daß keiner Klasse und seinem Einzelnen die Ausbeutung der Arbeit anderer möglich ist. Dabei soll diese Regelung der Jnitiative den einzelnen Kommunen und der einzelnen schafsenden Persönlichkeit soviel Spielraum lassen, als das Gemeinschaftsinteresse erlaubt. Nicht durch ei׳tc mechanische Regelung von oben, sondern durch die organische Entfaltung, der miteinander verbundenen Arbeitenden und Arbeitsgemeinschaften soll von unten auf die nationale Wirtschaft gestaltet werden: 2. Zur Durchführung ihrer Ziele stützt sich die Pa-»- tei insbesondere a) auf die arbeitenden Massen, & h. die vom Ertrag ihrer eigenen Arbeit lesenden Schichten des Volkes, soweit sie national und sozialistisch gesonnen sind; b) auf diejenigen Angehörigen anderer Wirtschaftlicher Schichten, die aus nationalen und sozialistischen Motiven unter Verzicht auf alle Ausbeutung zur produktiven Arbeit übergehen wollen, vor allem auf die im Hechaluz gesammelte Jugend. — Diese Elemente, die als Pioniere unseres zionistischen und sozialistischen Ideals in der Partei zu einer einheitlichen Arbeitsbewegung zusammengefaßt werden, führen auS diesem Pionierbewutztsein heraus den Kampf für die Befreiung der Arbeit und die berechtigten, d. h. mit den Interessen der Volksgemeinschaft übereinstimmenden Interessen ihrer Träger. S. Als die Aufgaben dieses Kampfes, den sie ausschließlich mit solchen geistigen und wirtschaftlichen Mitteln führt, die daS VolkSganze nicht gefährden, betrachtet die Partei: a) die Sicherung des ExistenzminimumS und der physischen Integrität jedes Gliedes der Nation: b) die Vertiefung der Arbeitsgesinnung des Pionierbewußtseins und des Gemeinschaftsgefühls; e) die Bildung von sozialistisch lebenden Gemeinschaf, ten in Palästina und in der Diaspora: d) die Organisierung der Arbeitenden zum Schutz ihrer Arbeit vor kapitalistischer Ausbeutung und zur Hebung ihres Wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus; e) die politische Beeinflussung aller leitenden GerneinschaftSinstitutionen im Sinne des Sozialismus und der Demokratie. Mit der Durchführung dieses Programme« will die Partei daS jüdische Volk befähigen, sich als schaffendeS Glied an die Gesellschaft der Nationen einzu» fügen und an der sozialistischen Grenuerung und kulturellen Höherentwicklung der Menschheit mitzuwirken. itundfcftau. Riesendemostratlon gegen die Pogrom» in Newtzork. AuS dem Haag wird gemeldet: Aus Newhork wird berichtet: Hier fand eine Riesendemonstration gegen die Pogroms statt, an der anderthalb Millionen Juden teilnahmen. Alle jüdischen Arbeiter, Kaufleute, BankierS, Lehrer, Studenten und Schulkinder beteiligten sich an einem nationalen Streik, der als Protest gegen die Pogrome gedacht war. Alle jüdischen Geschäfte waren geschlossen und tausende Fabriken lagen still. Den ganzen Tag bewegten sich Traüerzüge, an deren Spitze tausende demobilisierte jüdische Soldaten und Matrosen schritten, durch die Straßen Newyork. Am Abend versammelten sich mehr als hundertfünfzigtausend Juden in und vor, dem Madison Square Garden, dem größten VersammlungSfaal der Welt. In Anwesenheit hoher Regierungsfunktionäre wurden die polnischen Pogromgreul besprochen und eine Protestresolution angenommen, die dem Präsidenten Wilson übermittelt wurde. In der Resolution wird hervorgehoben, eS seien Beweise vorhanden, daß die polnische Regierung die Pogrome nicht nur duldet, sondern sogar werktätig unterstützt. Warnungen eines englischen liberalen Blattes. München. Aus London meldet die mehrheitssozialistische ״Münchner Post": Der Pariser,Berichterstatter der ״Westminster Gazette" meldet seinem Blatte: Die Zukunft der verfolgten Juden in vielen kleinen Staaten im Osten erwecke Besorgnis, denn eS bestehe die Gefahr einer großen antisemitischen Bewegung. Die Tatsache, daß die Führer des Bolschewismus Juden seien, werde vielfach in den Vordergrund geschoben, und auch in Frankreich, England und vielen andern Ländern seien die Worte Bolschewist und Jude gleichbedeutend. Ein Amerikaner, der gerade aus Rußland zurückgekehrt ist, befürchtet sehr, daß mit dem Siege KoltschakS oder eines anderen Gegners der Bolschewisten eine Judenmetzelei beginnen werde, wie sie noch nicht erlebt wurde. Die Judenmassaker in der Ukraine. Aus Budapest wird dem Jüdischen Preßbüro in . Stockholm telegraphiert: Der Volkskommissär Szamu» ely, der von Budapest nach Moskau geflogen war und mittels Aeroplan wieder in Budapest angelangt ist', berichtet über die Ukraine folgendes: ״Große Kämpfe waren nötig, um mit den Banditen fertig zu werden, welche hier gehaust haben. ES war ein förmlicher Pogromfeldzug. Diese Banditen haben eine Reihe von Städten durch einen unerwarteten Handstreich erobert und in diesen Orten, wo sie nur tage-, ja oft nur stundenlang geweilt haben, furchtbare Grausamkeiten verübt. Es gab Städte wo die Rote Garde dreitausend bis viertausend Leichen vorfand, besonders bedeckten Leichen von jüdischen Frauen und Kindern die Stra>« ßen und füllten die Häuser, und das geschah alles unter dem Titel des Kampfes gegen den Bolschewismus. Nun ist die Ukraine von den Banditen gesäubert, die Armee des ottomanischen Kosaken Grigoriew, die hauptsächlich aus solchen bestand, vernichtet. Die ukrainische Armee schreitet in bester Bereitschaft an die Abrechnung mit den rumänischen Bojaren." Fronten zur Taufe. Im ״Corriere della Sera" weiß Arnoldo Fracca» rollt interessante Einzelheiten über eine Bewegung in den jüdischen Kreisen Budapests zu erzählen, die sich darin kundtut, daß eine große Anzahl der dort lebenden Juden den Austritt aus der israelitischen Kirche anmeldet und die meisten von ihnen zum Christentum übertreten. Viele Hunderte von Juden hätten sich in den letzten Wochen zum Christentum bekannt und der Andrang zur Austrittserklärung beim Oberrabbiner, wie zur Taufe in den der öffentlichen Neugierde weniger zugänglichen, katholischen Kirchen sei so groß, daß die aus dem Schoße Abrahams Flüchtenden sich förmlich anstellen müssen. Wer in Budapest nur einigermaßen bekannt sei, habe sicher zu erwarten, daß er von jüdischen Familien zur Uebernahme der Patenschaft gebeten werde. Der Hauptgrund dieser Flucht aus der jübischen Kirche sei folgender: Wie überall, speziell in Rußland, sei auch in Budapest der Bolschewismus nahezu ausschließlich ein jüdisches Produkt. Bela Kun und mindesten» 30 von seinen 34 Ministern seien Ju-