Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 16 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622048--3992-2625243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mm 3 ״Attische VMkßMmm" Nr. 16. nicht und schrieb im »Hamaggid" und im »Hakol". Er nahm Stellung zu allen Lebensfragen des jüdischen Volkes. Gleichzeitig schrieb er deutsch für die »Zeitung des Judentums״ und französisch für das »Archive Jsraelite". Aus Makow übersiedelte Sokolow nach Warschau, wo er Beziehungen zu den intelligentesten und vornehmsten Kreisen unterhielt. Der Name SokolowS bekam schon damals einen Klang in der jüdischen Welt und so überhäuften ihn die Leute bald nach seiner Ankunft in Warschau mit Anträgen bezüglich seiner Berufswahl. Allein Sokolow befand sich damals auf dem Scheidewege und hatte noch kein klares Lebensziel vor Augen. Kurze Zeit hindurch war er als Sekretär im spanischen Konsulat beschäftigt, kam in Kontakt mit einem Großkaufmann gelegentlich eines Jmportunter» nehmenS von Wolle aus der Buchara und so hatte er die Möglichkeit Rußland weit und breit zu bereisen, was vielfach zur Vertiefung seiner Menschenkenntnis und Bereicherung seiner Erfahrungen beigetragen hatte. Sokolow entschied sich zu guterletzt für den Schriftstellerberuf. Im Jahre 1880 trat er als ständiger Mitarbeiter des »Hazfirah" auf. 32 Jahre hindurch war er mit außergewöhnlichem Fleiße in dieser Zeitschrift auf allen möglichen Gebieten tätig und in den letzten 20 Jahren war er auch ihr Chefredakteur. Es gab kein Problem, zu den Sokolow nicht Stellung genommen hätte. Ueberall war seine ordnende Hand zu spüren. Er schrieb vorwiegend politische Artikel, die stets die Ueberschrift »Hazofch l'beth Israel" führten und welchen seine Leser die Bedeutung eines politischen Orakels beilegten. Im Jahre 1886 begründete Sokolow das literarische Jahrbuch.»Haaffif", wodurch die hebräische Literatur eine überaus wertvolle Anregung bekam. Sechs Bände sind erschienen. All sein reiches Wissen und seine schier unermeßliche Talmudkenntnis kam hier zum Borscheine. Nachher gab Sokolow das »Sefer Haschawah" herauS, in welchem er sich als feinsinniger Skizzenschrciber und Feuilletonist entpuppte. Gleichzeitig war er Mitarbeiter verschiedener hebräischer Zeitungen. Leitartikel, Rezensionen, Kritiken, kleine Novellen, lange Erzählungen — es gab keine literarische Domäne, auf die ihm seine kunstverständige Feder nicht gefolgt hätte. Seine Arbeiten in fremden Sprachen verfehlten auch nie den erwarteten Eindruck. Im Jahre 1905 wird Sokolow Redakteur des ״Haolam" des offiziellen Zionistenorgans. Bald darauf tritt er auch als Schriftleiter des »Jsraelita" und ״Telegraf" auf. Alles, was Sokolow bis zum heutigen Tage geschrieben, könnte eine kleine Bibliothek ausfüllen, -och wurden nur wenige seiner Arbeiten gesammelt. Sokolow ist nicht bloß ein hervorragender Journalist, sondern auch ein vortrefflicher Redner. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich durch sein oratorischeS Talent aus, so daß ihm manche Lemberger Patrizier, familien die Stelle eines Tempelpredigers anboten, sen war und den er jetzt erst sehen sollte, lebendig, der ihm. jetzt sein tiefstes Rätsel losen sollte? — Der Ge- Danke des Todes ist ihm unfaßbar. Er weint nicht wie Erwachsene, die von dem eigenen Tode Grauen empfinden. Er bleibt stehen, mitten in der Straße, betäubt, unbeweglich. Er kann dem Zuge nicht folgen, erschöpft finkt er zu Boden, bewußtlos- David richtet ihn auf. Er führt ihn nach Hause. Tage verstreichen. In dumpfen Fiebernächten verwandelt sich der Mann tiefer, phantastischer Lebensahnung in den großen, lebendigen Moses, der nici mehr leben kann. Jakob beginnt zu verstehen, daß er ihn nicht mehr sehen werde. Der Mann ist tot, der die Juden heute oder morgen erlösen, der dem Volke die Freiheit geben wird. * Jakob ist ernst und schweigsam. Aber seine Frage ist nicht stumm, sie lebt in ihm ein tiefes, geheimnisvolles Leben. Eine Macht war in sein Leben gekommen, mächtiger, als was Kinderklarheit zu umfassen vermag, etwas Unsagbares, Unermeßliches.- Seine tiefe Frage wächst — wächst — Und Jakob beginnt in kindlicher Klarheit zu ahnen, daß sie warten müsse und warten könne. Er ahnt, daß er selbst se lösen, sie wenigstens mitlöfen müsse. Er ahnt, daß er selbst das werden müsse, was er zu wissen begehrt. Ernst Müller. was Sokolow jedoch zurückwies. Mit dem Auftauchen des politischen Zionismus Herzels schloß sich Sokolow der Bewegung an und stellte sich mit der vollen Glut seines treujüdisch fühlenden Herzens in den Dienst derselben. Rastlos trug er sein lebendiges Wort in die Massen des jüdischen Volkes und verhalf so nicht wenig zum Siege des zionistischen Gedankens. Wie ein Blitz eilte er von Ort zu Ort. Nach Deutschland, Rumänien, Beßarabien, Galizien, Italien, England, Holland (von Rußland nicht zu sprechen) ging er hin, so oft es daS Interesse der Bewegung erforderte. Nach dem Tode Theodor HerzlS übernahm Sokolow das Amt des Sekretärs der Weltorganisation und redigierte gleichzeitig die »Welt" in hebräischer und' deutscher Sprache. In seiner neuen Amtstätigkeit offenbarte Sokolow immer neue Fähigkeiten und so wurde er mit der Zeit zu einer führenden Persönlichkeit des Zionismus. Auch wußte er sich die Sympathie der rusfischen Zionisten zu erwerben, die eine Zeitlang seine Handlungen ziemlich scharf bekrittelten. Sie waren eS, die Sokolow auf den letzten Kongreß in das Kollegium vorgeschlagen haben, und so gehört er bis heute zu den angesehensten und leistungsfähigsten Mitgliedern dieses Kollegiums. Trotz seiner bedeutenden Erfolge ist er in seinem Wesen wahrhaft bescheiden undeinfach. Die verschiedensten Typen der Judenheit, Chassidim und Maßkilim, Nationalisten und Freisinnige, alle finden Platz in seinem Hause, alle interessieren sich für ihn, wie auch er für sie. Für jeden, der mit ihm in Berührung kommt, findet er ein warmes, aufrichtiges Wort. Ein Demokrat im wahrsten Sinne des Wortes. Wer vermag es zu schildern, was Sokolow im Laufe der 4 Kriegsjahre für den Zionismus geleistet hat! Hand in Hand mit seinem hervorragenden Freunde Professor Weizmann arbeitete für die Erlangung der englischen Palästinadeklaration. Aber daran noch nicht genug. Er geht nach Rom und wird vom Papste empfangen. »Wir werden gute Nachbarn bleiben", ist der Schlußsatz der päpstlichen Erwiderung. Und mitten in dieser verantwortungsvollen, mühevollen Arbeit schreibt er in feinem, fast poetischem Englisch die Geschichte des Zionismus und der englische Minister des Aeußern schreibt die Einleitung zu seinem Werke. Tine Tatsache, die die tatkräftige Persönlichkeit SokolowS nur noch Markanter in den Vordergrund treten läßt. Ben Simon (CH. M.) Der Kamps um das Land.*) In einem der Sonn-entrückten Schaar'S (Tor, üblich Wie Gaffe) der Stadt Jerusalem, befindet sich der vereinsamte Winkel, wo die Karaiten in dem nach ihnen bennanten »Chart il Karaim" ihr Heim besitzen. Die Gaffen Jerusalems sind von Juden und Arabern übervölkert. Moscheen, Kirchen und Synagogen wetteifern untereinander. In den Lüften verspürt sich ein Ringen um das historische Erbe des den Nachkommen Abrahams verheißenen Landes... Und die Bne Mikra, die Kinder der Schrift, haben sich in ihrem winzigen Winkel, den Anspruch auf die heilige Erde dadurch geltendmachend, seit Perioden festgeschmiegt. Ein Kampf auf dem Gebiete des Geistes wird seit Jahrhunderten zwischen Alt- und Neu-Jsrael auSgefochten. Die Ersteren vindizieren für sich daS Vorrecht, auf Grund der Leistung ihres Treuhaltens zur Urlehre und zeihen die Juden der Pseudolehre. Die Letzteren nehmen für sich daS Verdienst der׳ Wahrung der gesamten Tradition in Anspruch und sehen in den Karaiten einen vom Stamme losgelösten Zweig. So währt das Ringen während des langen Exils und wälzt sich über Länder und Erdteile der Diaspora hin. Anan und Gaonim in Babylon, Saadja Gaon und Karäer in Spanien, Siedlungen in die Türkei, Krim, Rußland, Polen . . . Eine lange Verkettung von Wettbewerb im Deuten der Schrift, ein mit den Wasfen deS Geistes ausgetragener Kampf um das Erbrecht der Lehre. In die uralte Vergangenheit reicht das Ringen um die Vormachtstellung zurück und in eine weite unsichtbare Zukunft greift es hinüber. Und bis auf daS Reich der heiligen Erbschaft, bis auf den An-, spruch auf die Verheißung des Landes, bis auf den Besitz von Erez Israel erstreckt es sich . . . Noch ist die heilige Stätte im schwarzen Witwenflor tief gehüllt und fremde Eindringlinge werfen sich zu Herren auf. Doch der einzig rechtsmäßige An» spruch gebührt nur denen, die die Lehre vom Sinai *) AuS dem demnächst in M. Hickl'S Verlag erscheinden Buche: Rüben Fahn, Legenden fcct Karaiten. * wortgetreu in ihrem echten Ursprünge vor jedwede Aenderung bewahren. Eines Tages wird der sehnsüchtig erwartete Vorbote des Messias, der, unsterbliche Elijahu, mit der frohen Botschaft der Erlösung auf den Bergen Jerusalems erscheinen. Da wird die rechte Deutung der Tora — dem Texte nach — vor alle Wett geoffenbart, von dieser akzentiert werden und die Verheißung des Landes in Erfüllung gehen. Die Mikra- Juden wahren daher ihr unverjahrbareS Erbrecht durch Besitz und festen Aufenthalt an Ort und Stelle. Im Chart il Karaim führen also die Nachkommen von Anan und dessen Anhängerschaft ihr freudlose-, nur vom Bewußtsein der Seßhaftigkeit auf der heiligen Erde, erhelltes Leben. Schwer lastet daS Los der Vereinsamung auf ihren Schultern. Die Tragik der »Wenigsten von Wenigen" mit dem Fluche »Fremdsetn in der Heimat" gepaart, umflort ihre Existenz. Unter harten Bedingungen lebend,. fristen sie ihr Dasein in den Gaffen JeruschalaimS wo einst Priester und Profeten wandelten und dereinst daS wahre Wort vom Sinai über die ganze Welt triumphieren wird. In den ihren Tempel umringenden Wohnungen, wird daS Tagewerk mühevoll verrichtet und im tief in die Erde versenkten Dethaufe, sucht die Seele Trost und Erbauung. Mehrere Stufen führen zum unterirdischen Bau hinunter. Ein Halbdunkel beherrscht den Ort, ebenso wie eS die Gemüter seiner Besucher und Verehrer umhüllt. Nur ein matter Schimmer der durch daam Plafond quadratförmig gemeiselte Loch eindringk und die Oelflamme einer herunterhängenden Menorah, erhellen teilweise die Dämmerung. Alle Düsterheit und Groll der Verstoßenen und Enterbten, der Seufzenden und Gedrückten, der ״Trauerer um Zion", aber auch alle Hoffnung der auf ihren Besitz beharrenden, konzentriert sich hier... « m Oberhalb des Tempels seht daS Leben ohne von alldem Notiz zu nehmen, seinen Gang fort. Der Araber treibt sein Kameel mit der festen Ruhe des Autochtonen. Der Jude bekundet seine Aufmerksamkeit nur durch eine übergehende Ignorierung. Nicht beachtenswert erscheinen ihm die da drunten. Nicht einmal ״Minjan" zähle« sie ja. Wo aber kein »Minjan" (Zehn) vorhanden ist, dort ist kein Gemeinwesen. Der Einzelne bedeutet nichts, nur die Gemeinschaft hat Geltung. Ist eS doch ein bekanntes Faktum, daß die Karaiten in Jerusalem sich nicht vermehren und die von Religionswegen zur Begründung einer Gemeinde erforderliche Zehner-Zahl niemals erreichen . . . Von Vater auf Sohn übergeht die Erzählung vom fürchterlichen Fluch, welcher auf dem Haupte der Karaiten lastet: Noch vor vielen, vielen Jahren, als sie im Jerusalem ihre festgefügte Gemeinschaft hatten und in übermütiger Ueberhebung daS Judentum verpönten, hat sie die Vergeltung erreicht. Und eS wird weiter über die Einzelheiten er» zählt: Es waren einmal Zeiten der bittersten Bedrükkung über das Haupt der Juden Jerusalems herange» brachen. Zum Schutze war eine gemeinsame Rücksprache und Beratung notwendig. Doch durften sich die Juden der Gefahr einer öffentlichen Versammlung nicht aussetzen. Da nahm man zu den »Brüdern" Zuflucht. Im unterirdischen Tempel der Karaiten versammelten sich also die jüdischen Familienhäupter zur Besprechung. Alle erwarteten nun in stummer Angst und Spannung ihren Einberufer, den Chacham Baschi. Endlich zeigte sich dessen altehrwürdige Gestalt, die Stufen hinuntersteigend. Als er aber seinen Fuß auf die letzte Stufe setzte, umnebelte sich seine Zurechnungsfähigkeit und er fiel in Ohnmacht. Böse Geister bemächtigten sich des heiligen Mannes und trieben ihr böses Spiel mit ihm. Bestürzung entstand. Nur mit Anstrengung wurde der Rabbi wieder hergestellt. Und alS man nach der Ursache fahndete, wurde diese unter der Schwelle entdeckt. Dort lag, von uralten Zeiten her, das Sefer Mischne Tora von Maimonides, vergraben. Dieses heilige Werk — ein shstemisiertes Extenso des Talmud — wurde dem Fußtritte der Tempelbesucher, als Symbol karaitischer Uebermacht und Talmudverachtung, preisgegeben . . . Als der Chacham Baschi auf das Heiligtum seinen Fuß setzte, ist diese große Schändüng, deren er sich dabei unbewußt schuldig machte, von den bösen Geistern zum Ueberfall über den Re- Präsentanten des »Guten" benützt worden. Nun ward das Buch rn Ehren aus der Erniedrigung befreit. Der Rabbi aber hat im heiligen Zorn einen Fluch ausgesprochen: Die mündigen Karaiten männlichen Geschlechtes dürfen nie Minjan (Die Zahl Zehn) in Jerusalem erreichen... Seidem ist eS mit der »Gemeinde" aus. Des heiligen Mannes Wort ist zur Tatsache geworden. Die Zahl ist auch unter Zehn herabgesunken und daS ,,Minjan" der Karaiten blieb Jahrzehnte hindurch bis zum heutigen Tage dekomplett. Selbst durch erfolgten ״Hickls Jüdischer Bottskalender"