Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 16 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eetif 2. Wt ld. stigung der Jugend um die gewaltigen Festungen des Erziehung unserer Jugend ist daher der Brennpunkt Antisemitismus niederzureißen. Durch eine pflichtbewußte und zeitgemäße Methode der Erziehung kann man bei den zarten Knospen nie die ganze Umgebung beglückende Begeisterung für daS Judentum hervor, rufen. Der Jugend ist der Sinn für das Ideale des InbentumS, der Gedanke an seinen Geist, der Drang nach dessen Verwirklichung eigen, die Aufgabe der Erziehung wäre diese Grundkräfte zur Entfaltung zu bringen. Der heutigen Generation muß eine jüdische Jugend folgen, die ihr nicht folgt. Die Erziehung unserer Jugend ist Sache des gesamten Volkes und muß aus der Idee des ganzen Volkes herausverwirklicht werden. Der Grundgedanke unserer Erziehung muß sein, die körperlichen und geistigen Anlagen unserer Volksjugend in den Dienst des Judentums zu stellen, ihr Gemüt zu dem Hohen und Erhabenen in unserer Geschichte aufzurichten und ihr Wollen auf daS Große und Gute im Judentume hinzuwenden. Unsere Jugend, der Genius unseres Volkes, der Kopf und daS Herz unseres Stammes, muß die Möglichkeit haben, die Fortpflanzer unserer heiligsten Güter zu sein. Wir müssen daL Haupt der Jugend mit tausend Blütenkränzen unserer Heldengeschichte schmücken, niemandem darf versagt werden, in den reichen Blumenkorb der jüdi-i schen Literatur zu greifen. Die Geschichte ist der Quell,! aus dem die Jugendseele ihre wertvollsten Kräfte schöpft, sie ist ein Werkzeug, das aus Schwächlingen Helden, aus kalten Träumern Eiferer formt, daS aus dem Leiden eine mächtige Kraftquelle zu graben versteht. Durch die Kenntnis unserer Geschichte, von der Herder sagt, daß sie sich nicht erdichten und nicht erlügen läßt, und daß sie ein ungelöstes Rätsel der Weltgeschichte ist, wird die Jugend die geistige, Sturmtruppe des Judentums, ausgerüstet mit den modernsten geistigen Waffen gegen die albernsten Lügen und Verleumdungen, die über uns verbreitet werden. Mit Recht sagt Schoppenhauer: ״Ein Volk, daS seine Geschichte nicht kennt, ist auf die Gegenwart der jeht lebenden Generation beschränkt; erst durch die »Geschichte" wird ein Volk — besonders aber das jüdische Volk — sich seiner selbst vollständig ״bewußt", demnach ist die Ge- ( schichte das ״unlösbare Geheimnis" unseres ewigen Bestandes. ES muß daher dafür gesorgt werden, daß eine der gefährlichsten Volkskrankheiten, die das Gewissen und die Seele des Judentums, ״die Jugend", entweiht, die mangelhafte Ausbildung der Volkserzieher, ehestens geheilt wird. Die zweifelhaftesten ElemeÄte, die in ihrem Daseinskampf Schiffbruch gelitten und sich niemals um die Kenntnisse der Pädagogig, der Liturgie, der jüdischen Literatur und'Geschichte, gekümmert, verspüren auf einmal die Eignung zur Ausübung, des Religionslehreramtes, des höchsten Amtes, das das j jüdische Volk einem Wesen verleihen kann. Und auS, Sparsamkeitsrücksichten werden diese Verräter, ja geistige Mörder unseres Volkes, angestellt, um der Jugend noch den letzten Rest von Ehrfurcht vor der Religion M«i«SSii»»W»SSWWWm»»>»»SWi>W»>»>>MW»^WWWW»VW8»N^8i Eisenbahn ist immerhin dazu gut, ihm den Weg zu zeigen. Und wenn er nach Wien kommt, wird er auch den Rückweg treffen. Doch dies ist Nebensache. Er denkt kaum daran — der Augenblick, wo er vor jenem wunderbaren Wesen stehen wird, ist der Zielpunkt seiner Träume. Ende der Zeit. In einem Stübchen, dessen niedrige Fenster unmittelbar auf die Straße führen, liegt er schlaflos die ganze Nacht. Nur in den Träumen seiner Halbwachen Phantasie sieht er Moses in der Gestalt jenes Mannes und rings ein unermeßliches Volk, so wie es ihm David von den Kongressen erzählt hatte. Sie ziehen alle durch das Rote Meer, lautlos, ihm nach wie von Zauvermacht getrieben. Und ein Jude spricht zum andern: Moses wird uns die Gesetze geben. Dieser aber antwartet: Moses wird uns die Freiheit geben. Und jetzt steht er selbst, allein mit ihm, mit der Frage im Munde. Und Moses weiß die Frage, ehe er sie gestellt, und Moses öffnet den Mund und seine tiefernsten Augen zeigen ein wundersam mildes Lächeln. Und jetzt- Da schlägt's auf der nahen Kirche vier Uhr. Jakob fährt auf. Alles hat er sorgsam vorbereitet. Leise, leise, daß man nichts hört. Er ist auf der Gasse, beim Bahn- Hof und geht die Schienen entlang. Er geht und geht, ohne Rast und ohne Ermatten. Glücklicherweise zieht neben dem Geleise ein schmaler Fußweg, wie vorbereitet. Wo dieser aufhört, muß Jakob oft über Dämme klettern, über Gräben setzen. Oder er geht auf der Straße so weit entfernt, daß er die Schienen nicht aus den Augen verliert. Ihm ist es wunderbar zumute. ES war ein Julimorgen — ein Hauchumschwebt den fernen Horizont, gknz grünn und grau. Und alles so voll Duft, als wäre es eben vom Schlummer erwacht. Die Blüten halbgezu nehmen. Und das ganze Denken mancher Gemeinde ist auf zwei Dinge gerichtet; auf schöne Trauungen und auf schöne Leichenbegängnisse. Der Rabbiner ist daher nichtSmehr. Bildner der Jugend, der Fahnenträger unserer Zukunft, sondern ״Funktionär", er hat keinen ihm erfüllenden Beruf, sondern ein ihm nährendes Amt. Aus diesem Grunde muß auch eine jüdische Behörde geschaffen werden, die verhüten soll, daß die Herrn Kultusvorsteher Kraft ihres Amtes und vermöge ihrer irdischen Güter auch die absolute Fähigkeit zu besitzen glauben,ein maßgebendes Urteil über die Qualifikation eines Kandidaten fällen zu dürfen. Sollen unsere Eltern umsonst gelebt und gelitten und für die Heldenfahne des Judentums gelitten haben, um diese charakteristischen Zustände mitzuerleben? Das Judentum ist an einem Wendepunkt seiner Geschichte angelangt und steht vor einer neuen Epoche. Wir brauchen daher eine jugendliche Aristokratie des Geistes, daß wir aus unserem Ohnmachtsrausch er- Wachen. An Dich, Israel, richte ich mein Flehen. Wie ein Telegraphist auf sinkendem Schiff, nachts, mitten in der Finsternis, feinen letzten Ruf aussendet. ״Zur Hilfe! Rasch! Wir sinken! Rettet." So entsende ich, getrieben vom Glauben an Euere Liebe zum Judentum, in die weite Finsternis, mein Flehen für das untergehen, de Judentum in der tschecho-slovakischen Republik. Wie lange noch wollen wir diesem unhaltbaren Zustande gegenüber gleichgültig bleiben? Mit Freude begrüße ich die am 29. Juni in Olmüh stattfindende jüd. Lehrertagung, weil ich zu deren Einberufer das uneinge» schränkte Vertrauen habe, daß er nichts unversucht lasfen wird, um eine Wiedergeburt des jüdischen Geistes, des jüdischen Denkens und Fühlens herbcizuführen. Dr. Ezechiel Landau, Strakonitz. Aus Nahum Sokolows Werdegang. Nahum Sokolow wurde in Wischegrad im Gouvernement׳ Plozk am fünften Schwat des Jahres 6620 (1858) geboren. Er entstammt einer vornehmen Familie, aus deren Mitte viele Rabbiner und ״gute Juden" hervorgingen. Die Familie Sokolows ist bereits seit dem Jahre 1740 bekannt, nachdem sich einer seiner Vorfahren, Rabbi Samuel, ein Enkel des Verfassers des «Mgaloh Amukoth" in' der Stadt Sokolow als Nabbiner und Wunderrabbi niedergelassen hatte. Seine Nachkommen führten bereits den Zunamen Sokolow. Nahum Sokolow lenkte schon als Knabe die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich wegen seiner mannigfachen Begabung. Er war als das Wunderkind von Plozk, dem Wohnsitz feines Vaters, bekannt, in welcher Stadt er auch seine Erziehung genoß. Der Beginn seiner Lehrjahre gestaltete sich gewissermaßen vielseitig. Wiewohl der Talmud, — wie es damals bei den Juden üblich war — den Kernpunkt seines Studiums öffnet und an den Blättern zittern kristallklare Tröpschen. Der Himmel unermeßlich und überall ein Jubeln und Leuchten, als gäbe es nichts anderes als grenzenloses Glück. Jakob fühlte dies tiefinnerlich. Aber seine Frage lebte noch in ihm, nur tauchte sie selbst in all dies wunderbare Glück, sie selbst war heute verwandelt, voll Frische, Kraft und Wärme. ״Was bin ich, wenn ich ein Jude bin?" ״Aber ich bin es", so klang es aus der Frage selbst hervor und mit herrlicher Gewißheit. So ging er weiter. Stunde um Stunde. Geballter Rauch, der früher nur eine Seite des Horizonts erfüllt hatte, kam immer näher, breitete sich aus zu einer bleiernen, schmutzigen Masse, aus welcher Schlote und Türme emporragten. Und bald das ganze Häusermeer. Es schien, als ob dieses verpestenden Dunst ausatmete. Die Sonne beginnt zu brennen. Jakob fühlt sich etwas müde. Aber ein Gedanke gibt ihm Frische und Kraft. Jetzt ist er am Ziel, dies ist Wien. Und mitten in dieser dunklen, verworrenen Masse lebt der Mann, der so weit hinblickt auf den silbernen Strom, dem das Volk *zujubelt, der Mann, der den Juden die Freiheit geben will. Ihn ergreift die Gewalt der unmittelbaren Er» füllung. Nicht lange, vielleicht keine Stunde mehr, und die großen Augen werden auf ihn blicken in wunder» sam mildem Lächeln. Mit magnetischer Gewalt treibt es ihn weiter, weiter. Die lauten Straßen, die tausend fremden Leute, alles scheint ihm nur ein wirrer Traum zu sein. Den einen und den anderen fragt er nach der Ihm bekannten Straße. Man weist ihn weiter, immer weiter. Die Zeit wächst in- Endlose. Noch Straßen, noch Menschen. Für die Stadt, nach der er sich oft gesehnt, hat er kein Auge. Dazu hat er heute zu viel von bildete, beschäftigte er sich auch eingehend mit den Propheten der hebräischen Grammatik und allgemeinen Wissenschaften. Sein Vater, Samuel Josef, gehörte zwar der orthodoxen Richtung an, hielt sich aber desungeachtet von philosophischen Büchern nicht fern, und so verharrte er in gewisser Hinsicht als Maskil nicht auf demselben Erziehungsweg, den seine Zeitgenossen gingen, wodurch seinem Sohne vieles zu gute kam. Zwei treffliche Eigenschaften sind beim jungen Sokolow hervorzuheben. Zur seltenen Begabung gesellte sich ein unerreichbarer Fleiß. Etwa 16 Stunden taglich widmete er dem Lernen und hatte gar oft die Nächte durchwacht. Als Sokolow etwas älter geworden war, suchte man seinen Vater zu bestimmen, daß er seinen Sohn ins StaatSgymnasium schicke. Allein der Vater wollte keineswegs darauf eingehen, sondern ließ seinem talentierten Kinde auf diese Weise eine Ghmnasialerzie« hung angedeihen, daß er es von den tüchtigsten Gymnasiallehrern der Stadt privatim in allen Wissensfächern unterrichten ließ. Sokolow war mit der Vorbereitung bald fertig und als die Zeit des Examens herannahte, wurde er zu seinem Onkel in Lubitsch geschickt, weil sein Vater trotz der Zureden deS Stadt- Hauptmannes uüd der Regierungsleute, die die hohe Begabung Sokolows kannten, um keinen Preis die Abgäbe seines Sohnes ins Gymnasium bewilligen wollte. In Lubitsch machte Sokolow nähere Bekanntschaft mit dem Chassidismus, welcher seine Erziehung und seinen Jdeengang vielfach beeinflußt hatte. Gegen den Willen seiner Eltern, die ״Misnagdim" waren, befreundete sich Sokolow mit den Chassidim, wallfahrte mit ihnen nach Ger, dem Wohnsitz des Rabbi und besuchte noch viele andere Städte, die dank ihren Rab- bis einen klingenden Namen hatten. Während seines Aufenthaltes in Lubitsch träumte der junge Sokolow nicht mehr vom Gymnasium und den profanen Wissenschäften, sondern er bereitete sich nunmehr zur Rabbinatsprüfung vor. Aus Lubitsch kehrte Sokolow nach Plozk zurück, wo bereits der Wind der ״Haskalah" zu wehen begann. Und dort versuchte er mit der Zeit seine ersten Artikel und Korrespondenzen im ״Hammagid" und ״Haibri". Mit 15 Jahren Verlobte er sich und heiratete mit 18 Jahren. Er nahm seinen Wohnsitz in Makow an der Seite seines Schwiegervaters. Nun widmete sich Sokolow von neuem dem Studium der alten und neuen Literatur, verschlang beinahe alles, was ihm in die Hand fiel und kam bald in Briefverkehr mit den geachtetsten Männern Rußlands und Europas und vergrößerte so durch diese Briefe seine Freundesschar, denn alle wußten, daß sie es mit einem außergewöhnlichen, großherzigen seelenvollen Manne zu tun hatten. Und in Makow begann er auch seine Schriftstellerlaufbahn. Er schreibt einzelne Bücher, ist aber vorwiegend in der ״Hazfirah", die damals vom bekannten Lieraten Slonimski redigiert wurde, beschäftigt. Historische und naturhistorische Aufsätze fließen aus seiner Feder. Er vernachläßigte auch die anderen Zeitschriften der Natur empfunden und er will gar nicht nach Wien, sondern zu dem gewaltigen Manne. Wieder fragt er den einen und den anderen nach der Straße, welche er sucht. Er kommt immer näher, nur noch eine Viertelstunde, zehn Minuten — die dritte Straße rechts — die zweite links — jetzt-— Plötzlich ein stummes, gewaltiges Bild. Tausende von Menschen, die Straße dicht gefüllt. Alle wie unter dem Bann eines Zieles. Es ist die Straße, welche er suchte. Durch den Menschenandrang hindurch einzelne Kerzen, ein schwarzer Wagen. Er beginnt sich zu bewegen, langsam, langsam — alle Menschen gehen, langsam, gleichmäßig, als ob etwas Unsic^״׳ bewegte. Alles geht dem Wagen nach, der immer werterfährt, zwischen stummen, grünen Bäumen, lieblichen Häusern und sonnenhellen Straßen hindurch. Und alles lautlos, langsam, düster- Jakob hatte nicht zu dem Hause kommen können. Denn gexade dort hatte der Wagen gestanden, es war der Mittelpunkt der Menschenmaffen. Und als der Platz freier wurde, da durfte und konnte er nicht hinein. Dort an der Spitze des Zuges,' fühlte er, geht etwas Gewaltiges, dort mußte der Mann schreiten, dem alle folgen, durch unsichtbare Fäden, durch rätselhafte Kraft und stumm, tiefernst und traurig. Er kann den Mann nicht sehen, ja alles Verlangen erlischt, ihn jetzt zu sehen.- Ein Vorübergehender sogt zufällig: ״Wie schade, daß Theodor Herz! gestorben ist." Jakob durchfährt ei!׳ Blitz- Wer vermöchte zu sagen, was solch ein Augenbl^' für die Seele deS fragenden Kindes bedeutet. Dev Mann, in welchem MoseS lebendig wurde, MoseS, der ihm eben noch ein Wunder phantastischer Urzeit gewe-