Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 16 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX, Nummer 16 ZOislhe Mllrsjtiume. «e,»,»»reise; halbjährig .. ganzjährig , Deutschland, ganzjährig Rußland, ganzjährig . Balkan, Frankreich, . 50־12 MZonen . , — 24 1 Kronen —׳18 Mark . — ׳12 Kübel , —׳24 «Frank , Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 6 Buchhändlerische Vertretung: Otto Kl«MG Lotpziz Inserate: der 6-spaltige Zentimstervaum 2 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht ^ono. riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Brünn. Was ist zu tun! Israel, warum seufzest Du? Und irrest ohne Rast und Ruh? Magst die herrlichen Sommertage froh begehen. Hat Dich Gott ja ausersehen. Sommer ist nun endlich geworden. Nach langem, trotzigem Zaudern ist der Sommer nun doch endlich zu uns hoffnungsarmen Menschen gekommen. Das Aufheiternde des strahlendschönen Sommertages sprengt die dumpfe, bedrückende Enge, die der unversöhnliche Judenhatz erzeugt. Der Sonne belebende Macht, die ringsumher tausendfach neues Leben schafft, cntfessffelt auch in uns neues Leben, neues Strömen, neue Kraft und läßt uns die trübe Zeit vergessen, in der die systematische Geringschätzung der Judenheit das idealste und kostbarste Evangelium mancher VolkSführer geworden ist. Darum lebet eines Jeglichen Inneres voll Dank und Preis ob Gottes wunderbaren Wirkens in der Natur. Aber in mitten der Sommerfreude erleben wir, in den Kelch der Wonne fallen große Wermutstropfen. Der Kampf der Mächte der Finsternis gegen unser Lebenslicht ist am Hellen Sommertage entbrannt. Vergiftete Ströme des Judenhasses, die in uns hassenSwerte Freude erblicken, verwirren der Menschheit Sinn und Seele, sie blenden und verblenden sie. Zermalmt und verzweifelt von der Wucht des Schlages steht unser Volk verarmt und verelendet durch den Krieg, der für unS noch nicht zu Ende ist. Das Gift der Verhetzung und des gegenseitigen Mißtrauens frißt immer tiefer, denn es gibt keine größere Tragik, keine entsetzlicheres Trauerspiel in der Weltgeschichte, als die Verfolgung, welche die Juden im Osten erleiden. Man muß wie ein Tauber ohne Gehör sein, oder hörend sein und Feuilleton Phantasie. Jakob war ein ungewöhnlich geweckter Knabe. Nicht im üblichen Sinne des Wortes Seine Umgebung spürte nicht viel davon, denn er war nicht lebhaft und stellte sich nie zur Schau. Nur hatte er manchmal ganz sonderbare Einfälle. Und noch sonderbarer waren manche seiner Fragen. Aber seine Tante Rosa, die ihn aufzog, wußte damit nicht viel anznfangen, weil sie, wie dies oft erwachsenen Kindern gegenüber vorkommt, nicht verstand, was kindliche Klarheit zu umfassen trachtete. Und einmal fragt er, wie von ungejähr: «Warum bin ich eigentlich ein Jude? Was Sin ia: denn, wenn ich ein Jude bin?" Die große Mah-nischtanab-Frage, die einmal jeden von und uberfäll׳, früher oder später. Jakob kam sie in seiner Kindheit, darum war sie klar wie ein frischer Quell im Schatten des Waldes und fein wie dessen dünner, springenoer Strahl. Darum war sie so einfach und tief, so unmittelbar Antwort heischend. Tante Rcsa erwiderte ihm: ״Du 'e'2 e'm Kind deiner Eltern. Deine Eltern sind beide gestorben. Sie waren echte, fromme Juden. Auch ihre Eltern und Große!» tern." »Was sind aber die Juden, wenn sie Judm sind?" ..Die Juden sind das Volk, oem McieS die Gesetze gegeben hat. Deshalb sind sie das auserwäüUe Volk." Mehrkonnte Tante Rosa nicht sagen. Zwar wußte sie ihm auf seine einzelnen Fragen viel zu erzählen, was er schon längst gehört hatte oder was ihn eben in Staunen versetzte. Tante Rosa stammte aus 27. Juni 1919. 29. Siwan 5679 doch nicht hören; daS Schluchzen, das Stöhnen, daS Weinen der Frauen, das herzzerreißende Schreien der Kinder, daS Röcheln der gewürgten Menschen und daS Krachen der Henkerwaffen. Vergessen sind die materiellen Opfer des hartvedrängten Judenvolkes, vergessen unsere zahllosen gefallenen Brüder und Söhne, vergessen unsere trauernden Kriegswitwen und Kriegs- Waisen; die Juden werden ewig verflucht, ewig verstoßen, sie werden den durch Hunger und Not gepeinigten VolkSmassen von verbrecherischen Nutznießern des Weltbrandes als Opfer hingcworfen. Mit kaltem Blute werden daher die Volksmassen im Lande des schweigsamen TotenkonsilS zu Judenpogromen aufgefordert. Dort ist ein neues Meer von jüdischem Blut und jüdischen Tränen entstanden, seit dem die unS glückverheißenden Worte des VölkerfriedenS verkündet wurden. Aber durch Druck und Verfolgungen sind wir nicht zu vernichten. 'Unsere Hasser töten den Geist nicht! Ihr Brüder, bald richtet er sich raffelnd in die Höhe, bald kehrt er reisiger wieder. Und trotzdem sich die gesamte Judenschaft ans allen Fronten bedroht fühlt, tobt der Kampf innerhalb der Judenheit, der uns rettungslos dem Märtyrertode preisgibt, unbarmherzig weiter; Darum, wacht auf, wacht auf! ES geht jetzt um Sein oder Nichtsein des jüdischen Volkes. Warum schlafen wir noch, eS ist Zeit, daß wir erwachen, denn wir schlafen in unseren Tod hinein und brüten in unser Verderben. Wäget und waget. Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen. Segen und Fluch, Leben und Tod hat das Schicksal in eure Hand gegeben. Wählet den Segen, wählet das Leben. Zittert vor der Erkenntnis vor dem Weltgericht. Solche Bergehen vergibt das Volk dem Schuldigen nicht. Alle herrlichen Kongresse und Versammlungen zur Verbesserung der kritischen Lage der Juden und zwar Entwaffnung des Antimilitarismus vermögen nicht echt jüdischer Familie und suchte den Wunsch von Jakobs früh verstorbenen Eltern, ihn jüdisch zu erziehen, nach ihren Kräften zu erfüllen. DaS war allerdings nicht leicht. Sie hatte einen kleinen Laden in einem kleinen Orte Niederösterreichs, wo nur wenige Inden wohnten. Sie selbst war ein Kind frommer Leute und besaß nur ganz spärliche Brocken jüdischer Tradition. So erzählte sie Jakob das wenige, was sie wußte. Ihre Antwort auf seine Frage aber konnte ihn nicht befriedigen. Nur, daß die Juden ein auserwähltes Volk sind, machte auf ihn einen mächtigen Eindruck. Und er wollte wissen, wer Moses gewesen. So erzählt esi ihm Bruchstücke aus biblischer Geschichte und der Agada — das waren phantastische, wundersame Dinge, etwas aber fehlte darin. ״So konnte es nicht sein", fühlte Jakob. Und er konnte sich einfach weder Moses noch die Gesetze vorstellen. Seine Frage, einmal geboren, lebte in ihm fort, ihr eigenes, wundersames Leben. Da geschah es eines Tages, daß ein Student, ein entfernt Verwandter, für längere Zeit ins Dorf kam. Von ihm hatte Tante Rosa gehört, daß er sich viel mir jüdischen Angelegenheiten beschäftige. Zwar konnte es nicht das Richtige sein, aber in Ermanglung eine» besseren mochte er als ״Jüdisch-Lehrer" für Jakob taugen. So kam denn bald Jakob in Davids Stube. Dieser war gerade nicht zuhause, so konnte Jakob alles betrachten. Ueber dem Tische hing ein seltsames Bild: ein Mann mit tiefschwarzem, wallendem Bart und großen, wundersamen Augen. Er steht auf einer Brücke. Unter ihm gleitet ein breiter Fluß, silbern, ruhig. DaS Antlitz ist von merkwürdiger Kraft. Seine Züge verraten einen tiefen Willen, dessen Ziel seine Augen im Unendlichen suchen. Und die Blicke Warnern den Strom entlang, weiter, immer weiter. Prag—Lemberg. unseren siechen BolkSkörper zu beleben und ihm neue Ströme lebendiger Erneuerung guzuführen. Wir müssen daher alles Persönliche aus der Welt schaffen und eine einheitliche Front für die Gesundung unseres Volkes von schwerem Siechtum bilden. Wo liegt das Kraftzentrum, von dem die Rettung unserer Zukunft aus» gehen wird? Ich meine, unsere Jugend ist die Grund» läge, der Schlüssel zum Tor unserer Zukunft, sie ist unbestreitbar der natürliche Resonanzboden für die Ideen des Judentums. Traurig aber wahr ist ein Ausspruch NordauS. Von allen Juden, die in den letzten Jahren auf irgend einem Gebiete Ruhm oder auch nur Anerkennung erlangt haben, ist wohl kaum ein Fünftel dem Judentum treu geblieben, denn in unseren finsteren Zeiten des Judenhasses ist die Flucht aus dem Judentum erschreckend groß. Manche Juden glauben oen anderen Völkern Dankbarkeit zu zeigen und den Beweis ihrer Ebenbürtigkeit im Sinne europäischer Zivilisation erbringen zu müssen. Zur Erleichterung der Fahrt in das fremde Fahrwasser geht ihnen hierbei daS religiöse Gut, daS-Ler^starke Mensch der Neuzeit nicht brauchen kann, mehr oder weniger über Bord. Und die gtoße Masse unserer Jugend hat keine Ahnung von der Lebens- und Heldengeschichte unserer Vorfahren, weswegen sie auch keine Liebe zum Judentum haben kann. ES ist daher eine traurige Tatsache, daß die Kinder der sogenannten liberalen Juden ihre noch jüdischen Eltern als Ursache ihrer gesellschaftlichen Zurücksetzung betrachten. Viele Eltern der Gegenwart fin» den vielfach die Zuführung ihrer Kinder zum Christen» tum verzeihlich, denn daS Weihbäcken eröffnet׳ den charakterlosen, verräterischen Täuflingen den Zutritt in die arische Gesellschaft. In dieser entsetzlichen Zeit ist es unsere oberste Pflicht unsere Jugend dem Judentums zu erhalten. Die unserer Betrachtung, denn wir brauchen eine Bergei» Jakob konnte dies nicht analysieren, ihm war diesalles ein Gefühl, daS ihn unmittelbar überwältigte. Und sein Verstand konnte nur sagen: ״So kann Moses ausgesehen haben". In diesem Augenblicke kam David herein, ein heiterer Bursche, dem Kinder alles vertrauen mochten. Jakob ging täglich zu ihm. Und wie er zu ihm kam und von ihm ging, wuchs seine Frage in ihrem eigenen, wundersamen Leben. Nur wenn er bei David saß, schien es ihm manchmal, als ob der seltsame Mann den großen Schatz besäße, als ob seine Augen in dieses Dunkel drängen, das in seinem Innern so eigenartig lebte. Und er stellte einmal die Frage an David. David schwieg und wußte nichts zu sagen. Ein anderes Mal aber fragte er, wer denn dieser Mann gewesen sei mit den dunklen Augen und mächtigen Blicken. ״Dieser Mann ist nicht gewesen, sondern er lebt׳ Es ist ein Mann, welcher den Juden die Freiheit geben will", fuhr es David heraus. Jakob erinnerte sich an Moses, der den Juden die Gesetze gegeben. ״Das ist ein Jude wie es keinen zweiten gibt." ״Und weiß er"- ein Zittern, Stocken — blitzschnell erwacht in Jakob ein Gedanke. ״Kann man zu diesem Manne kommen?" Und David erzählt, wie er mit Fürsten verkehrt und mit Bettlern, immer ein Mensch mit den anderen, und wie jeder von ihm geht, bezwungen und beglückt. Jakob schweigt. Aber sein Entschluß ist fertig: morgen fährt er nach Wien. Jakob hat noch nie seinen Heimatsort verlassen׳ Aber er weiß, daß die Eisenbahn täglich nach Wien fährt. Sein Plan ist bald entworfen. Listig wußte ee von David Ort und Namen des merkwürdigen Juden zu erfahren. Nur Geld hat er nicht. Sonst geht ja alles — nun denn, er kommt auch zu Fuß nach Wien. Die Uerbttikt dl« Jtidiscb« Uoltostimine".