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Jüdische Volksstimme · 1919-06-20 · Heft 15 (20.6.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 15 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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»9t>ff» VWmm* Vrtt« 0. ״*fr.. Nu« verlangte Hersch dessen Kleider und das Pferd and befahl dem Mann indessen den Daum festzuhalten, damit die Wett nicht zugrunde gehen soll. NI» die» geschah begab sich Hersch durch die andere Seite in den Wal-, nahm dort seine Sachen und ritt nach Hause. Wie lange der DorfSjud den Daum gehalten hatte, ist bis heute unbekannt geblieben. Aber seit dieser Zeit hütete sich Hersch nach Patzanow zu kommen. 19. Herschs Nachtquartier. Hersch kam einmal an einem Abend in ein Dorfs- Wirtshaus und bat um Nachtquartier. Da man ihn al» einen gewöhnlichen Schnorrer hielt, gckb man ihm ein kleines Polster. Hersch nahm das Polster, legte es auf den Fußboden Und stellte sich daraus. Der Gastgeber fragte ihn, waS den daS zu bedeuten habe. Hersch erwiderte: -Das Polster ist klein, würde ich es daher unter den Kopf legen, würde mich die Seite ״drücken, würde ich es unter der Seite legen, dann habe ich nicht worauf den Kopf zu legen, nun stellte ich mich ganz darauf wird es unter meinem ganzen Körper sein." Wiener Nachrichten. Sine freie jüdische Volksbühne. Wir entnehmen der «Neuen Freien Presse" diese ״Zeilen: Im Carl-Theater bezeigte vor überfülltem HauS eine neubegründete «freie jüdische Volksbühne" .zum erstenmal ihr Können, ihre Richtung, ihre Ziele. ES sollen nur Werke des sogenannten «Jargon" zur ׳Theatergestaltung gelangen. Schon der Begriff der ׳Jargonsprache ist dunkel, wie diese selbst, dunkel wie die Schicksale des Volkes, daß sich darin ergreifend, klagend und anklagend geäußert hat. DaS ״Jüdische", eine Volkssprache, die von sechs bis sieben Millionen km Kriege so oft blutig gequälter, heim- und HeimatloS gewordener Menschen gesprochen wird, darf nicht mit der ״königlichen Sprache der Schrift", dem He- Vräisch, verwechselt werden. Sein Gebiet streckt sich über Polen und Litauen, die russischen Städte und ׳Steppen und selbst über den Ozean nach Amerika hinüber; in den Wurzeln greift eS hinab in deutsches und 'spanisches Mittelalter. Mancherlei Laute, deutschen, russischen, hebräischen Klanges tönen hier, dem Nichtkenner befremdend und scheinbar mitzlautend, zusammen. Aber-eS darf nicht vergessen werden, in dieser Sprache hat das Volk Märchen gedichtet, haben starke ״Poeten, was sie erlitten, gesagt und gesungen. In den ׳Ghettoliedern des Morris Rosenfeld hat die soziale Not des Judentums ehernen Klang gewonnen; dazwischen blüht zart die Sehnsucht nach dem Osten; die Sehnsucht selbst ist darin Poesie geworden. I. L. Perez und D. Pinski, von dem man jüngst in Wien ein Drama «Eisick Scheftel" vernahm, bekunden die Gabe festen GestaltenS, nicht bloß schwärmerischen WollenS. ״Auch Koretz Hirschbein, mit dessen auf den bestehenden großen russischen und amerikanischen jüdischen Bühnen oft gespielten Volkstragödie ״Newejle" (״Das AaS") die Wiener Freie jüdische Volksbühne eröffnet ward, ist ein Dramatiker von oft mitreißendem Zug. DaS Stück ist ein naturalistisches Zustandsdrama, in der Struktur dem Naturalismus der Berliner Freien Bühne zu Beginn der neunziger Jahre, der Richtung Holz und Schlaf verwandt. ES spielt irgendwo im Russischen, in einer verschlissenen Stube unter gebeugten, durch das Elend geduckten Menschen. Mendel, dies der Name der agierenden Hauptperson, stöhnt noch mehr unter seelischer Entbehrung. Er ist ein Geächteter und Verfemter; Schinder, seinem verachteten Gewerbe nach. Dazu hat der Vater, ein Säufer und Wollüstling, den Widerstrebenden, den nach einem weniger anrüchigen Beruf verlangte, bestimmt. Er liebt ein junges, naiv-gefallsüchtigeS Mädchen, Reisel, auch eine Sumpf- Llüte. Aber sie zieht einen jungen Schlächterburschen vor. Am Bett der erkrankten Mutter erwächst Mendels Haß iwder den Vater, den er verworrenen Geistes erwürgt. Dies find die äußeren Konturen des Dramas, daS besonders im Genrehaften und in den GefühlSauSbrüchen überaus kräftige Momente darbietet. Die Figut des Mendel, in dem man ein Symbol erblicken mag, ist mit dem Gefühl eines Dichters geformt. Der eigentlich dramatische Auftrieb wird durch Wiederholungert seiner Leiden geschwächt. ES find allzu oft nicht ׳Entladungen; eS sind nur Lamentationen. Das in feinen Polttschicksalen und seinem seelischen Gehalt erschütternde Werk wird mit seinen scharf umriffenen "Typen von den Jargonspielern Siegler, Streng, den Frauen Weintraub, Siegler und GlüSSmann aus herb vrristische, LaS Verlangen nach weiterer Kenntnis dieser Werke und dieser Welt erweckenden Weise gespielt. Aus per KinderfUrsorgeaktion der israel. Kultusgemeinde Wie«. Errichtung einer Liegehalle für unterernährte Kinder. Bekanntlich hat die Wiener Kultusgemeinde kurz vor dem Kriege vom Hofärar die sogenannte Wasserwiese im Augarten zum Zwecke der Errichtung eines KinderspitaleS käuflich erworben. Der Ausbruch des Krieges und im Gefolge desselben eingetretenen Verhältnisse haben eS bisher verhindert, dieses für Wien so wichtige Institut ins Leben zu rufen. Die Kultusgemeinde hat deshalb zunächst ein Kinderambulatorium errichtet, welches bereits seit einem Jahre an der Grenze zweier stark bevölkerter Bezirke eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Nun hat der KultuSvorstand in seiner letzten Plenarsttzung über Antrag der Kommission für das Kinderspital beschlossen, auf dem Baugrund des künftigen KinderspitaleS eine Halle für Liegekuren unterernährter Kinder einzurichten. Zu diesem Zwecke soll eine vom Röten Kreuze zur Verfügung gestellte Baracke nach entsprechender Adaptierung benützt werden. ES ist in Aussicht genommen die Tagesheimstätten nur während des Sommers in Betrieb zu erhalten. Die Kinder — ungefähr 20 täglich — sollen während des TageS sich in der Heimstätte aufhalten und am Abend unter Aufsicht nachhause gebracht werden. Verein ״Ferienheim". Wien, 9. Bezirk, Türkengasse 17. Die 13. ordentliche Generalversammlung deS Vereines ״Ferienheim" fand am 26. Mai unter starker Beteiligung der Mitglieder statt. SS erschienen zahlreiche Vertreter von Vereinen usw., u. a.: Frau Marianne Hämisch, Charlotte KönigSwarter, Regine Üllmann, Emilie Hämisch in Vertretung des Bundes österreichischer Frauenvereine, ObersanitätSrat Dr. Lamberger, Schulrat Professor Tschiaßny und viele andere. . Die Vorsitzende Frau Sophie Grünfeld holte die Genehmigung ein, im Sinne des Paragraph 2 der Statuten ein Kindergenesungsheim zu errichten, 'bei der der Vorstand, der auf dem Gebiete der Kinverfürsorge seit 28 Jahren tätig ist, auf die weiteste Unterstützung des Staates und der Behörden rechnet. Sie wies auf die dringende Notwendigkeit der Errichtung eines Genesungsheimes hin, da der herrschende Mangel an Belegraum in den Kinderspitälern die vollständige Genesung der Kinder nicht gestattet. Nach Genehmigung dieser Neugründung/ sowie des Geschäfts-, Kassa- und Revisionsberichtes folgte ein Dortrag der Frau Schuldirektor Malvine Friedmann über ״Wohlfahrt und Erziehung", der vom allgemeinen Beifall begleitet war. Rehemje Lothringer s. A. Kürzlich wurde in Wien in aller Stille Nehemje Lothringer aus Bolechow zu Grabe getragen. Nur Wenige, die ihn kannten, gaben ihm daS letzte Geleite. Der Verblichene, dessen Aufsätze in diesem Blatte oft und oft erschienen, war ein TypuS der alten jüdischen MaSkilim. Er war ein guter Jude, ein gründlicher Kenner des jüdischen Schrifttums. Er weilte in Wien als Flüchtling und widmete seine freie Zeit — er war den ganzen Tag in einer Sektion der Flüchtlingszentrale beschäftigt — literarischen Schriftarbeiten. Wie mir der Verblichene einige Wochen vor seinem Hinscheiden mitteilte, bereitete er ein größeres Werk ״Parabeln aus Talmud und Midrasch" in deutscher Sprache zur Herausgabe vor. Da die Familie des Verstorbenen über die nötigen Mittel zur HerauSgabe der hinterlassenen Schriften nicht ^verfügt, wäre eS wünschenswert, wenn sich irgend eine Persönlichkeit aus Galizien fände, die der Familie die Herausgabe ermöglichen soll. Jehu stchro boruch! Kunäfchau. Israelitischer FrauenwahltSti-keitSverein in Baden. Am 12. Mai hielt der Badener israelitische Frauenwohltätigkeitsverein seine Generalversammlung ab, wobei auch eine Neuwahl der BorstandSdamen stattfand. Gewählt wurden: zur Präsidentin die rühmlich bekannte Philanthropin Frau Luise Freiwillig, Vize- Präsidentin Frau Hedwig Braun und Kassaverwalterin Frau Elsa Kraus. Ferner wurden gewählt: Frau Oberrabbiner Jetti Reich, Sidonie Rosenthal, Rosalie Pollak, Betti Kohn: al» Beiräte die Herren Präses Alexander Braun und Bernhard RoSner: als Schriftführer He« Hugo Seihtet, Frau Julie Seihtet« die viele Jahre hindurch mit emsigem Eifer und voller Hingebung an dem Aushau dieses herrlichen Vereines arbeitete, war genötigt, krankheitshalber ihr Mandat al» Präsidentin zurückzulegen und wurde einstimmig zur Ehrenpräfidentin ernannt. Sine Kundgebung der Orthodoxie. Frankfurt a. M., 26. Mai. Durch Vermittlung des neutralen Auslandes ergeht an die jüdische Orthodoxie in den Ententeländern der folgende Aufruf: «An unsere religiösen Gesinnungsgenossen in dey Ländern -er alliierten und assoziierten Mächte! Mitten in den Wirren und Schrecken des blutigen Krieges dursten wir hoffen, daß endlich zur Wahrheit werden würde, was wir täglich im heißen Gebet erflehen, wa» an den heiligsten Tagen de» synagogalen Leben» den gedanklichen Höhepunkt unseres Gottesdienste» bildet. Eine Zeit der wahren Menschheitsverbrüderung glaubten wir ahnen zu dürfen, eine Zeit, in der da» Unheil der armen Menschheit, die Flut deS Hasses sich lösen würde in einem Meer versöhnender und ausgleichender Liebe. Deshalb trifft uns der Friedensvertrag so schmerzlich — nicht nur in unserer treuen Liebe zu unserem mit dem Tode ringenden Vaterlande, sonder» auch in dem keuschen Gebiete all der Empfindungen, in denen wir das Glück der Menschheit erträumten, in denen wir Euch beneideten, daß Eurer Führer Einer von der Vorsehung berufen sei, Pfadfinder und Wegweiser zur Verwirklichung der höchsten Ideale aller Zeiten zu sein. Im Namen des Allmächtigen und seines hehren Wortes richten wir an Euch Bitte und Mahnung: Da Ihr alle, jeder? von Euch, Euer Vaterland liebet und ihm Gottes Schutz und Fürsorge erfleht, tretet, bewehrt mit dem Worte der Ewigkeit, vor die Mächtigen der Erde und bittet, daß sie als Boten Gottes der armen Welt den Weg zur Erlösung offen halten, daß sie der neuen, werdenden Welt eine Gestaltung der Liebe geben, die einem wahren Bunde der Völker die Wege erschließt. — Frankfurt a. M., 28. Mai 1919. Freie Vereinigung für die Interessen des ortodoxen Judentums in Deutschland. Rabbiner Doktor Breuer, Vorsitzender. Der Wiederaufbau Jerusalems. , Für den Wiederaufbau Jerusalems hat der Oberingenieur des Stadtrates von Alexandrien einen Plan vorgelegt, der von General Allenbh und dem Jerusalemer Stadtrat gebilligt worden ist. Auf Grund dieses Planes soll die Hauptstraße Jerusalems vom Jaffa« Tor nach dem Kloster MuSlaba führen und 40 Meter breit sein. Eine andere Straße von 30 Meter Breite wird gleichfalls angelegt werden und keine einzige Straße der Stadt soll in Zukunft weniger als 8 Meter Breite haben. In der Nähe des syrischen WaisenhauseS wird ein großer Park und in der Nähe der Wmdmühle ein ausgedehnter Spielplatz angelegt. Budget »er Berliner jüdischen Gemeinde. Der Etat der Berliner jüdischen Gemeinde für 1919 bilanziert mit Mk. 9,666.162. An Steuern sollen Mk. 6,614.376 aufgebracht werden; vor zehn Jahren genügten noch etwas über zwei Millionen Mark. Die Gemeinde hat über 400 angestellte Beamte, darunter 130 Bürobeamten (Mk. 78S.670 Gehälter) und für ihre 10 Synagogen 16 Rabbiner und Prediger und 16 Kantoren. Für die hohen Feiertage find 22 besondere Gottesdienste und 18 Jugendgottesdienste vorgesehen, die einen Zuschuß von Mk. 209.310 erfordern. Für die Schulen und die Bibliothek ist ein Aufwand von Mk. 644.866, für die sozialen Aufgaben (Arme, Kranke» Waisen usw.) ein Aufwand von Mk. 1,863.666 nötig. Ei» jüdischer Dichter der Renaissanee. Ueber einen, wohl vielen bis dahin unbekannt ge« wesenen Dichter, Immanuel Romi/ referierte unlängst Dr. Loewenstein in Zürich. Nach einem historischen Ueberblick über die Entwicklung der neuhebräischen Poesie behandelte der Referent eingehend Personen und Schöpfungen deS Dichters. Die in 28 Makamen eingeteilten sogenannten «Machberoth Immanuel", da» Hauptwerk des Dichters, bildeten den Gegenstand ausführlicher Besprechungen, und hier war es wieder die letzte Makame (Hölle und Paradies), die der Redner speziell hervorhyb. Er zog interessante Parallelen zwischen dieser und Dante» «Divina Comedia", die Jmmanuel in seinem Werke vorschwebt, wie er überhaupt vom italienischen Geist de» vierzehnten Jahrhunderts und besonders von seinem Zeitgenossen und Freund Dante stark inspiriert ist. Die verschiedene» Makamen, von denen der Referent Proben in Uebersetzung gab, sind

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