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Jüdische Volksstimme · 1919-06-20 · Heft 15 (20.6.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 15 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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rpowif^fc «ravpimr Nr 16. GM 4 Gesellschaft in allen ihren Formen grsellschaftSstörend, antisozial. Liebe ist Ratür jenseits von Sittlichkeit und mutz erst durch Gotte» Gebote versittlicht werden. Liebe ist in Hinficht auf ihr Lun LehrkurS für Gerechtigkeit, aber sie selber ist ihr Gegensatz. Da» hebräische Wort für lieben 2,"W kann verschiedenes ausdrücken: Ebenso die metaphysische Liebe zu Gott, die doch nur aus der Unzulänglichkeit menschlicher Sprache heraus Liebe heißt, wie die bevorzugende Liebe von Mensch zu Mensch, die eigentliche, wirkliche Liebe, wie endlich jene Liebe, die in dem Satze: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" gemeint und die wieder nicht Liebe ist, weil man doch nicht alle Nächsten bevorzugend zu lieben vermag. Und gerade diese dritte Art von Liebe, die im Grunde besagt: Ob du deinen Nebenmenschen liebst oder leidest oder nicht leidest, in jedem Falle handle so gegen ihn, als ob du chn liebtest, ist die jüdische Liebe, d. h. das, was höher und göttlicher ist als die Liebe und wofür wir ja auch ein eigenes stolzes Wort haben: צדק Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bevorzugt nicht, fie bestrebt fich, dem wunderbaren Blicke über die ganze Welt hin zu folgen. Die Gerechtigkeit verweichlicht nicht den Menscheu, wie die Liebe, sondern macht ihn gut, und verhärtet ihn ״icht wie die Liebe, sondern macht ihn streng. Die Gerechtigkeit erhält die Gesellschaft, die d׳ Liebe gegründet hat, und die ohne sie zerfiele — trotz aller Liebe oder vielleicht gar durch sie. Wo die Liebe, ist auch der Haß. Wäre die Gesell, schaft der letzten zwei Jcchrtausende nicht soviel mit Liebe gefüttert worden, statt mit Gerechtigkeit, sie würde heute nicht in den furchtbaren Greueln stecken, in denen wir fie stecken sehen. Und wären unsere heutigen «GerechtigkeitS"-Fanatiker, auch die jüdischen, nicht in Wahrheit Fanatiker der Liebe und des Haffes, sie wüß. ten die Gerechtigkeit anders zu bauen, als sie eS tun, alS jene Gerechtigkeit, die auf den unendlichen Einer zurückgeht. Nein und tausendmal nein! Das Judentum ist keine Religion der Liebe. Der Prophet hat ja auch nicht gesagt:עיון באהבדז תפדה sonder» ציון במשפט תפדה Johann Peter Gotthard. Der Mann, dessen Name diese Ueberschrift trägt und im vorigen Monate, da» 80. Lebensjahr überschrei, tend, das Zeitliche segnete, war keiner unseres Stammes, aber ein als Musiker ebenso hervorragender, schaffensreicher als edler und in weitesten Kreisen bekannter und wertgeschätzter Mensch, der im Leben wie in der Kunst keinen Glaubensunterschied kannte und darum innige Beziehungen hatte zu jüdischen Aomponisten, Künstlern und Mufikbefliffenen, von denen manch' einer seine Förderung und Aufmunterung ge. notz; die publizistische Pflicht erheischt es daher, daß dieses wackeren Dahingeschiedenen auch in diesem Blatte pietätvoll gedacht werde. Hiezu veranlaßt übri» genS auch, daß Gotthard (mährisch Pazdirek) seiner mährischen Heimat, am 10. Jänner 1830 zu Drahano. Witz geb.,alle Ehre machte. Schon in seiner Jugend trat er im Dome zu Olmütz als Solosopranist vorteilhaft hervor, kam dann nach Wien, wo er das akademische Gymnasium besuchte und dem Musikstudium eifrig ob. lag, war Schüler von S. Sechter und wandte sich dem Mufikerberufe zu, indem er als Komponist von Air. chenmufik, Quartetten, Sonaten, Männerchören und Liedern erfolgreich hervortrat, einige Opern, darunter die komische Oper .Iduna" (Gotha 1880) schrieb. Wir wissen uns seiner auch als Leiter des .Orchesterbundes" angenehm zu erinnern und daß er seit 1883 als akademischer Musiklehrer am ehemaligen .Theresianum" verdienstlich wirkte. Vorher hatte er in Wien einen sehr bekannten Mustkverlag inne, als dessen Frucht wohl das Universalhandbuch der Mufikliteratur — ein Verzeichnis der im Buchhandel beziehbaren Mn. sikalien und Bücher über Musik — anzusehen ist, das er gemeinsam mit seinem Bruder, Franz Pazdirek, in 84 starken Foliobändern (Wien 1004—1010) herausgab. — Wodurch Gotthard fich eigentlich einen Namen von Klang erwarb, dawar seine im Jahre 1863 ins Werk gesetzte Gründung de» .Wiener kaufmännischen Gesangvereines", dessen Wahlspruch: .Deutsches Lied, frei und hehr, tön' durch alle Lande, Handel über Land und Meer, schließe Bölkerbande" — er in Wort und Ton verfaßte und dem Verein gewidmet hat. Mehrere Jahre hindurch stand der Wann als Vorstand und m«. fikalischer Leiter an der Spitze dieses heute an Ehren und künstlichen Erfolgen reichen Gesangvereines, der seinen Schöpfer in Würdigung seiner vielfachen Der« dienste am SO. Dezember 1876 zum Shronchormeister «nannte. Die letzte Hre wurde / ihm seitens de» .Wien« kauf«. Gesangverein" durch die Teilnahme einer Abordnung des Vereines an der Begräbnisfeier in VöSlau erwiesen. Borstandstellvertreter, Herr H l a. watsch, legte namens des Vereines auch einen präch. ttgen Kranmit Schleifen auf de» Gründers Grab und drückte den Familienangehörigen de» Verstorbenen Worte tiefgefühlten Beileid» au», die um so trostvoller wirkten, als sonst keine Vertreter de» musikalischen Wien» zugegen waren. Als Mitglied dieser Körp«schaft war es mir ger. gnügt, diesem vom reinsten Idealismus beseelten prächtigen Manne näher zu treten und sein« Gesellschüft verdanke ich so manche schöne Stunde geistiger Anregung und Erhebung. Aus jener glücklichen Ju. gendzeit sei zur ehrenden Erinnerung an den nun in VöSlau Schlummernden nachstehende Episode herausgegriffen. Zeit der Handlung 1876. Dazumal herrschte noch im Sängerleben Wiens ein freier, brüderlicher Geist, eS war noch eine Zeit, wo das Wort .Sängerbrüderlich, keit" kein leerer Schall gewesen. Der M. G. V. .Ar. miniuS" veranstaltete im Anschluß an seine Fahnenweihe ein PreiSwettfingen — eS dürste wohl eines der letzten in Wien gewesen sein — und dazu wurde u. a. auch der .Kaufmännische" geladen. Wir nahmen die Einladung an, schwankten aber in der Wahl des zu singenden Chors, bi» wir uns für .Rosenzeit" von DeboiS (geb. in Brünn 34. November 1834, gestorben daselbst 10. Mai 1803) entschieden. Maßgebend hiefür war die in die Jahreszeit passende stimmungsvolle Dichtung: .Rosenzeit, wie bist du schnell dahingegangen", vornehmlich aber das klangschöne gemütSergreisende Tonwerk. mit dessen Studium der damalige Chor, meist« Anton Gchamann hingebungsvoll beschäftigt war. Näh« rückte das Fest, 14. August 1876, da erkrankte plötzlich Chormeist« Schumann und wir stan. den ohne Dirigenten. Helfer in d« Not war wie oftmccks unser wackere Gotthard, d« die letzten Proben sorgfältig leitete und beim Feste dirigierte. Der künstlerische Erfolg war nach dem Ausspruche der Juri ein glänzender und wir «sangen uNS einen silbernen Pokal als zweiten Preis. Ihr würdet ja, meinte spät« ein Herr der Juri, den ersten Preis (silberner Lorbeerkranz) verdient haben, ab« euere Verspätung im Vortrage sei an dies« Versetzung schuld. Das gezogene LoS, hat ÜNS nämlich für den Beginn des Konzerre» bestimmt, wo wir Sänger noch nicht vollzählig beisammen waren. Der Verein zählte schon damals weit über 100 Sänger, wollte in seiner stattlichen Zahl am Podium erscheinen, tauschte die Nr. mit einem später an die Reihe kommenden Verein, während , inzwischen seine Nachzügler eintrafen. So vermochte unsir Verein schon vor 43 Jahren vor einer Hörerschaft von über 10.000 Personen sein künstlerisches- Können zu offenbaren bei einem Sängerpreisfeste, zu welchem 68 Gesangvereine erschienen und 16 hievon fich um die ausgeschriebenen vier Ehrenpreise durch Vorträge beworben haben. Ergebnis: 1. Silberner Lorbeerlranz .Wiedner Männerchor"; 3. Silberner Pokal .Wiener kaufm. Gesangverein": 3. Silberner Taktstab .Wiener Liedertafel"; 4. Ehrendiplom .Neulerchenfelder Gesangverein". Die preisgekrönte .Rosenzeit" hat unserm heimatlichen Tondichter viel Freude bereitet und seinen Namen ln die weite Sängerwelt getragen. DaS reizende Lied erklingt noch heute und entzückt eine zweite Generation. Innig v«knüpft mit der Erinnerung an die .Rosenzeit" ist und bleibt d« Vater des .Wien« kaufmännischen Gesangvereines", Meister I. P. Gotthard/ dessen Andenken dieser Nachruf aus sangeSbrüderlichem Herzen v«ehrungSvoll gewidmet sei. Wien, Ende Mai 1013. «. L. Hersch Ostropoler ei« jüdischer Till-Eulenspiegel. 18. .Sabbatnachmu".») Eine Dorfsfrau in Patzanow hörte von ihrem Manne, daß bald .Sabbatnachmu" kommen wird. Sie glaubte, Sabbatnachmu sei irgend ein Heiliger von der anderen AM, beispielsweise wie der Prophet VliaS oder Desgleichen. Sie wartete auf ihn daher mit großer Sehnsucht. , *) Sabbatnachmu heißt der Sabbat in dem man als Haftora das Kapitel .Tröstet tröstet mein Volk" vorträgt, einer der hervorragendsten Sabbatte. Nach den drei Trauerwochen um die Belagerung Jerusalems und Vernichtung de» Tempels. Nach einigen Tagen passierte Hersch auf fein« Wanderung in den Dörfern Ler Umgebung, auch da» Dorf Patzanow. Er trat in das Wirtshaus ein um fich durch einen Schluck Branntwein zu laben. Er traf die WirtSfrau allein, ihr Mann war nicht daheim. Da der Frau einmal der Sabbatnachmu im stopfe lag, richtete fie an Hersch die Frage: .Reb Korew! Man sagt. Sabbatnachmu kommt, war er schon bei Euch in der Stadt?" Hersch begriff gleich, daß er ein .kluges" Weib vor fich habe und, daß es hi« ein Leichtes für ihn sein wird, Beute zu machen. Er erwiderte daher: .Wa» für ein« Frage? Bin ich doch selbst Sabbatnachmu!" .So? Ihr sind Sabbatnachmu?" fragte die Krau vollkommen überrascht, so find Ihr ja von ,jen« Welt'? Nun erzählt mir ehrwürdiger Reb Sabbatnachmu, wie ergeht'S dort meinen Eltern, dem krummen Nachmen und seiner Gattin Sofie, sie mögen beide für mich rechte Fürsprecher am Himmel sein?" Bei der Erinnerung an ihre erst vor kurzer Zett bei einem Brande umS Leben gekommenen Eltern, über« kam die Frau ein grenzenloser Schmerz und sie fing zu weinen an. .Euren Eltern", erwiderte Hersch, .ergeht eS leid« schlecht genug. Vor allem haben fie kein Geld, um fich gut zu ernähren. Und da naht der Wint«, sie find aber vollkommen nackt und barfüßig." .Um Gotteswillen!" weinte die Frau, .habt Erbarmen, heiliger Sabbatnachmu, und nimmt waS Geld und Kleider für meine Eltern mit." Sie sprach und nahm schon aus dem Kleiderkasten einige warme Kleiderstücke, die fie rasch zu einem Bündel machte, legte auch etwas Geld dazu u. übergab eS an Hersch mit d« Bitte das Bündel ihren Eltern zu geben; wenn er nochmaldurch Patzenow kommen werde, möge er noch« malS eintreten und würde sie wieder was schicken. Für seine Mühe erhielt Hersch eine große Flasche Brannt« wein, ein Ding, das auf der anderen Welt eine Rarität!,«. - Ohne sich lange zu versäumen, entfernte fich H«sch in freudiger Stimmung. Kaum war er dem Hause ein wenig entfernt, fiel ihm ein, daß sobald der Gatte der Frau noch rechtzeitig nach Hause käme und hören würde, WaS er seinem Wei« be angetan, er ihm zweifelsohne nachrennen wird. Daher bog «, zunächst den Fahrweg verlassend, in den Wald ein'. Hier entNeidete er fich vollkommen und ver« steckte seine eigenen Gewänder, sowie die Beute in ei« nem Gebüsch, Nun kehrte er in Adamstracht geral. ׳. nach der Richtung an den Fahrweg um, der zu Patzanow nahe ist. Hier stellte er sich an einen Baum, de» « fest umklammerte. ES währte nicht lange, da kam der DorfSjud heim. Freilich beeilte sich seine Gattin ihm mitzuteilen, welch herrlichen Gast fie heute im Hause hatte, schilderte ihm auch die Lage ihrer Eltern und erzählte, daß fie durch Sabbatnachmu einige KleideHtücke und etwas Geld für sie schickte. - AIS der Mann dies hörte, machte er sich auf einem Pferde reitend gleich auf den Weg, um den Betrüger einzuholen. Vor dem Walde, nur noch ein steiles Stück Wiesen« grund lag dazwischen, sah er einen nackten Menfchen, der mit beiden Händen einen Baum umklammert hielt. Er erschrack zwar nicht wenig. Da eS aber Tag war und er wußte, daß die Teufel am hellichten Tage zu zeigen sich scheuen, verschaffte et sich Mut und kam d« nackten Gestalt nahe zu. Er fragte den Mann allerdings, mit vor Angst zit« ternder Stimme: ״Wer bist du?" Hersch antwortete: .Ich bin ein Bote vom Himmel, daher möge es dir nicht seltsam erscheinen, daß ich nackt dastehe. Meine Aufgabe ist eS diesen Baum, dessen Wurzel die Grundfesten der Welt ist, stets und unad« 'ästig festzuhalten; würde ich nur einen Augenblick meine Hand vom Baume nehmen, dann würde die ganze Welt einstürzen." Da sprach der Mann: .Wenn Ihr ein Bote vom Himmel sind, dann gibt mir um VotteSwillen Rat, ein Betrüg« foppte von meinem Weibe Kleider und Geld aus und ging davon." Tr sann einen Augenblick nach und setzte dann fort: .Habt Ihr ihn vielleicht gesehen, als er aus dem Dorfe vor nicht allzulanger Zeit gingd Könnte ich ihn noch einholen?" Hersch antwortete: ״Bor etwa ein« Stunde sah ich einen Mann aus dem Dorfe rennen, er trug ein Bündel auf der Schulter und schlug ein sehr eilige» Tempo ein.'Man könnte ihn nur noch durch KfizaS ha« derech einholen. Ich möchte Euch übrigen» gerne helfen, um den Betrüger nachzulaufen, aber Ihr müßtet dann meine Stelle übernehmen.^ Freudig dankte der Mann für das freundliche Sn» «bieten des Himmelsboten.

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