Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 15 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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16. «kt* 3 z. B. Fleisch, Butter, Eier, Kohle usw. heute diel teurer kosten als zur Zeit, wo die Flüchtlinge bei uns weilten. Schreiber dieses kennt jüdische Kultusbeamte, die heute noch einen Monatsgehalt von 180 Kronen (sage: Hundert und fünfzig Kronen) beziehen, akademisch gebilde* Rabbiner, die auf einen Schalt von -weihundertsechzig Kronen angewiesen find. Ist es nicht eine Schmach und eine unauslöschliche Schande nicht bloß für die betreffenden Gemeinden, sondern auch für den Stand, de« solche Angestellte angehören? Daß einige Wenige notorisch reiche Kultusgemeinden fich ihrer Pflicht ihrer Angestellten gegenüber bewußt find und ihnen eine der Teuerung entsprechende Zulage gewähren, ändert nicht an der Tatsache, daß die Mehrzahl der Rabbiner, Kantoren und sonstiger Gemeindebediensteten buchstäblich am Hungertuche nagen und einer trau» rigen Zukunft entgegengehen. Wer noch einige Trsparmittel aus der guten alten Zeit besitzt, itzt sie langsam auf, wer keine Ersparniffe besitzt, macht sleitzig Schulden oder verkauft sein Letztes, um seine Kinder vor dem Verhungern zu schützen. Für letztere Behauptung ist Schreiber dieses bereit, jederzeit den WahrheitSbeweiS zu erbringen. Und was sagen die Gemeindegewaltigen dazu und diejenigen, die am Kriege reich geworden find? Sie sagen — nichts und tun nichts und leben in SauS und BrauS und kümmern fich nicht im mindesten um die Not und das Elend,ihrer Gemeindeangestellten. Der neugewählte Präsident des mähr.-schles. Räb- 'binerverbandeS, Herr Dr. L. Goldschmied, dem die Not seiner Kollegen bekannt ist, sah fich genötigt, einen Appell an die Kultusgemeinden zu richten, sie an ihre Pflicht ihren Angestellten gegenüber eindringlich zu ermahnen, und eS wäre zu wünschen, datz dieser Appell den gewünschten Erfolg erziele. Ich persönlich bin von der Erfolglosigkeit des von Herrn Dr. L. Goldschmied unternommenen Schrittes felsenfest überzeugt. Herr Dr. Goldschmied wird mich verstehen, wenn ich ihm den talmudischen Satz zitiere אינו דומה שמיעד. לראיה und ferner מפיהם ולא מם״ בתכם ES gibt meines Erachtens nur folgende Auswege, die unbedingt eingeschlagen werden müssen, um den Rabbinerstand vor Verelendigung zu bewahren. Bor allem: Ein gemeinsamer Schritt beim Präsidenten Masarhk und bei der ׳ Gesamtregierung. ES mutz eine Maffendeputation sämtlicher Kultusbeamten in Prag erscheinen, um so die breiteste Oeffentlichkeit auf das Elend der jüdischen Gemeindebediensteten zu lenken. Wer zu diesem Schritte bereit ist, gebe seinen Namen der Redaktion diese? Blattes bekannt. Sobald eine ge-! nügende Anzahl Rabbiner, Kantoren, Lehrer usw. fich gemeldet haben, wird der Tag der Abreise nach Prag bekanntgegeben werden, ev. könnte vorher eine Besprechung in Brünn oder Prerau darüber stattfinden. Ferner sollen die Namen der Kultusgemeinden und der Vorsteher veröffentlicht werden, die so gewissenlos gegen ihre Kultusangestellte handeln. Diese schwarzen Listen sollen auch in der sozialdemokratischen, wie überhaupt in der Tagespresse veröffentlicht werden, um diese säubern Gemeinden und deren ״Macher" für alle Zeiten zu stempeln. Endlich ist es Pflicht eines jeden jüdischen Kultusbeamten der sozialdemokratischen Partei — gleichviel-ob der deutschen oder tschechischen — beizutreten und fich ihr eng anzuschlietzen. Wenn jemand, so könnte uns nur die Sozialdemokratie helfen. (Ein zweiter Artikel über den LandeSmassafond folgt.) NnüS pro multiS. Tagung der Gesetzestreuen in der Tschechoslowakei in Prag. Der schon im Jahre 1914 in Prag gegründete Sinaj-Berein berief für den 29. Mai eine Delegierten- Versammlung der Gesetzestreuen der Tschechoslovakei nach Prag, um einen Zusammenschluß aller gesetzestreuen Elemente in unserer Republik herbeizuführen. Der Leitung des Ginaj-BereineS schwebt der Gedanke vor, den obgenannten Verein dem Rahmen der Weltorganisation AgudaS JiSroel einzuführen und eine Art Zweigorganisation der Ag. JiSroel zu bilden. Lei, der.war der Kongreß von auswärts so schwach besucht, daß man diese Tagung bloß als Vorkonferenz benennen kann, und wäre zu wünschen, daß dieser bald eine zweite Folge, die aber in Anbetracht der Dichtigkeit und Notwendigkeit eine reichere Beteiligung von allen denen unser traditionelles Judentum am Herzen liegt, fände. .! 1 * »י.־;.! WAUWVFFU Der Grund der so schwachen Beteiligung von außen, lag einerseits in der zur Zeit ungünstigen Zeitlage, die vielen eine Abwesenheit vom Hause als nicht oppurtun erscheinen ließen, anderseits in der ungenügenden Jnformatkon oer Leitung über die da und dort wohnenden Gesetztreuen, von denen so manche doch gekommen wären. Aus Mähren waren die Herren Rabbiner aus Pirnitz, Kanitz und Mähr.-SchSnberg und meine Wenigkeit, als Abgesandter von Holleschau, aus Böhmen drei Balebatim und aus der Slovakei ebenfalls zwei Herren. Sonst waren aber die GesetzeStreuen Prags reichlich vertreten. Am Vormittage eröffne* die Referate Herr Oberrabbiner Dr. Brody mit einem lichtvollen Thoravortrag, in dem er die Notwendigkeit eines Zusammen» schluffes aller Gesetztreuen in herrlicher Weise auseinandersetzte. Hierauf hielten Herr Religionsprofeffor Dr. Lie» ben und Med. Dr. Lieben ihre Referate über die Ziele der Aguda und Berichterstattung der AgudaS JiSroel- Konferenz in Zürich am Beginn dieses Jahres. Zum Schlüsse erstattete Herr Dr. JeiteleS Bericht über die Tätigkeit des Sinaj-VereineS seit dessen Bestände. Der Nachmittag war der zwanglosen Diskussion gewidmet, wobei Herr Markus Ungar, Mitglied des Prager Nationalrates, den Vorsitz hatte und die Diskuflion taktvoll leitete. Bei dieser Diskussion wurde vor allem festgestellt, datz der Sinajbezw. die Agudas Jisroel-LandeSgruppe keine Kampforganisation ist. Dieselbe besitzt keinerlei politische Färbung. Die Aguda schließt keinen aus, welch politischer Richtung er auch angehört. Wer für unser traditionelles Judentum, für unser teuerstes Gut unser תודה הקדושה Sympathie, Herz und Gefühl hat, der kann Mitglied der Agudas werden. Die Aguda ist nichts anderes als die Verwirklichung der Worte נעשו ב״לם אגודה אחת לעשות רצונך בלבב שלם Ein Zusammenschluß aller, die den ehrlichen Willen haben, den höchsten Willen des Allgütigen zur Geltung zu bringen. Bereits im Jahre 1914 erschien ein Aufruf von mir in ihrem geschätzten Blgtte, leider war dies ein Ruf in der Wüste. Der eingetretene Krieg hat über- Haupt jede Betätigung gehemmt, ob es jetzt, da die Sache von berufenen Männern in die Hand genommen wurde zur Tat wird? — Gott gebe es! Ich will nur noch diesem Wunsche die flammenden Worte des Wilnaer Rabb. Grodensky, die im Haderech erschienen, hinzufügen: ״Ist es nötig, die Notwendigkeit einer solchen allgemeinen Organisation der Treugebliebenen in unserer Zeit zu beweisen, einer Zeit, in der Feuerflammen das jüdische Lager umgeben und an ihm zehren? Können wir in solchen Zeiten die Dinge dem Zufall überlassen und' zerstreut und getrennt von einander es dem Ein» zelnen anheim stellen für ihr eigenes Heim zu sorgen? Nur die gesammelte Kraft der Gesamtheit kann die Mittel anwenden, um ׳ותודה וידאה« allen Kreisen deS Volles zu verbreiten und dort, wo die Kraft der Einzelnen nicht auSreicht, diesen in ihren Kreisen und Gemeinden die Kraft zum Widerstande gegen den emporsteigenden Geist der Unreinheit zu verleihen. Aus der geordneten Organisation der Gesamtheit entwickelt fich jener Geist der ,תורד der Gewal» tigeS zu schaffen vermag, der vor allen Dingen die Erziehung zu beeinflußen und die schwankende Jugend zur Pflicht zurückzurufen vermag." L. Blau. Delegiertentag der schweizerischen Landesorganisation der ״Agudas Israel". In Basel fand am 2V. Man der diesjährige Delegiertentag der schweizerischen Agudas JiSroel-Orga. nisation statt. Nach der Begrüßung durch Rabb. Dr. Cohn (Basel) entwickelte Rabb. Kraus (Baden) seinen Standpunkt über die vornehmsten Aufgaben der ״Agu. das JiSroel", die mit den Schlagworten «Palästina den Juden" nicht einseitig gelöst seien, vielmehr vor allem in einer Vertiefung und Wiederbelebung des Thora» gedankenS in der Diaspora und in der Unterstützung von JeschiwoS und anderen Lehrstätten zu suchen find. Dr. Nathan Birnbaum, Mitglied des Zentralbüros, erklärte, daß der von der Aguda ausgehende Ruf zur .Sammlung -er Thoratreuen in der Schweiz einen ' starken Widerhall finden müsse. Dies sei mitentschei- -end für Me Entwicklung der Weltorganisation. Wir können, führte der Redner aus, nur dann mit den anderen Organisationen friedlich leben und arbeiten, Venn wir den geistigen Gegensatz zwischen den verschiedenen Weltanschauungen scharf herausarbeiten und vor allem die Jugend zu -ielbewutzten, in tiefster Gläubigkeit verwurzelten Menschen erziehen. Nach Uebernahme des Vorsitzes durch Max ManneS an Stelle des verhinderten Dr. Cohn und Verlesung des Protokolle« des vorjährigen Delegiertentages zu Olten, besprach man den von den Ortsgruppen Basel und Zürich unabhängig voneinander eingebrachten Antrag, auf Herausgabe einer Zeitung, welche wenn auch nicht als offizielles Organ der Aguda gedacht, doch dem allgemein empfundenen Mangel nach einer den orthodoxen Anschauungen entsprechenden Weltanschauung entspräche. Die Notwendigkeit einer solchen Zeitung wurde von sämtlichen Rednern hervorgehoben und einstimmig beschlossen, daß ein ad hoc gewählter Finanzausschutz innerhalb vierzehn Tagen zusammentrete, um die Frage der finanziellen Möglichkeit zu entscheiden. Kräfte zur redaktionellen Leitung und zur Bear- Leitung deS AnnoneenwesenS haben fich bereits zur Verfügung gestellt. Des weiteren fand ein Antrag des Zentralbüros einstimmige Annahme, wonach unmittelbar nach Pessach, SchewuauS und SukkauS von sämtlichen Juden, welche an den Aufgaben der Gesamtheit im Geiste der Thora auch materiellen Anteil nehmen wollen, eine ״Matnas Jad" in Form einer Selbstbesteuerung entrichtet werde. DaS Geld soll ausschließlich für die Zwecke der Gesamtheit Verwendung finden. Weitere Anträge über die Ausgestaltung der Propaganda, Markenverkauf, Arbeitsgemeinschaft zwischen Orts- und Jugendgruppen wurden ohne Diskussion erledigt. Der von den Jugendgruppen Basel und Zürich eingebrachte Antrag, auch den Frauen *passives Wahlrecht zu gewähren, rief eine außerordentlich lebhafte Diskussion hervor. Herr Braun vertrat den Stand- Punkt, daß diese Frage in den Komplex jener prinzipiellen Fragen gehöre, die der Entscheidung deS großen rabbinischen Rates der ״Agudas JiSroel" zu unterbreiten sind. Schließlich fand ein Vermittlungsvorschlag Rhein-Jacobson Annahme, wonach die Landesorganisation in diesen Fragen den gleichen Standpunkt, den die Landesorganisationen von Deutschland, Holland usw. in ihren Statuten niedergelegt haben, einnehmen wird. Sämtliche Delegierte anerkannten bei dieser Dehatte die außerordentlichen Verdienste der Mädchengruppen ohne deren Mitwirkung die meisten Aufgaben der schweizerischen ״Agudas Jisxoel" ungelöst geblieben wären. Auf Antrag Rabbiner Kraus (Baden), der s. Z. seine Jeschiwo der ״Agudas JiSroel" unterstellt hat, wurde eine besondere Jeschiwo-Kommission, bestehend aus Rabbiner Dr. Cohn, Dr. Hausmann, Sternbuch (Basel) und Rabbiner Kornfein und S. Teplitz (Zürich) gewählt, die die Jeschiwo in Baden von Zeit zu Zeit inspizieren, und die Mittel für ihre würdige Er- Haltung aufbringen soll, nachdem ihre Gründung und ihr bisheriger Bestand der Großmut eines einzigen Wohltäters zu verdanken sei. Nach der Wahl eines Landeskomitees wurde der Delegiertentag geschloffen. Liebe und Gerechtigkeit. Aus einem Bortrage: ״Der Sinn des Judentums״. Bon Dr. Nathan Birnbaum. Dem Judentum wird oft der Borwurf gemacht, datz es keine Religion der Liebe sei. Und unsere jüdischen Apologeten haben, — seitdem sie so geworden find, wie sie find, alle Hände voll zu tun, um diesen Borwurf zurückzuweisen. Ich glaube, sie täten besser daran, in die Welt hinauszuschreien, daß wir diesen Borwurf als Kompliment annehmen. Das Judentum eine Religion der Liebe? Oh neinl ES weiß Besserem, Höherem, Göttlicherem zu dienen: Der Gerechtigkeit- Liebe ist für den, der fie genießt Und für den, der sie spendet, die Quelle von mehr oder minder dauer» haftem Glücke, zugleich auch Erhebung und Vertiefung. Aber fie ist ihrem Wesen nach Bevorzugung Einzelner und Hintansetzung aller Anderen. LtAe ist in ihren zwei wichtigsten Erscheinungsformen, der Familien» und Geschlechtsliebe, gesellschaftsgründend, aber nach ihrer jeweiligen unmittelbaren Wirkung innerhalb der