Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-06-20 · Heft 15 (20.6.1919) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 15 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622047--3982-2625232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

*«r< a, _ «ZiMsche Hifftjfiwn* m 15. .—'—־ - - "י.1—-- -.nr■"— — " III II I MM ■■IUI J ■ I . ■■ - ״ - er gangen heutigen Wett ihren unverkennbaren Stempel aufgedruckt haben» diese Ideen haben auch unsere jübischen Köpfe und Geister angeregt und bewegt. Im Vordergrund aller dieser Schlagworte, steht heute das Wort vom Bolschewismus, und es taucht unwillkürlich die Frage auf: Wer war der Urheber dieser Jdee^ Der Grundstein zum Bolschewismus wurde im November des Jahres 1910, auf der kleinen Eisenbahnstation Astapowno in Rußland gelegt. Dort vollendete auf seinem Sterbebette liegend, Graf Leo Totftoj die Korrektur seines letzten Werkes, betittelt »Der Lebensweg, ein Buch für WärheitSsucher", ein Buch daS zu lesen nur die,Wenigsten Ausdauer gefunden haben, weil eS 600 Seiten nur mit Aphorismen füllt. In diesem Buche kämpft er gegen alles Ueble der Welt, insbesondere gegen UeVerflutz, Müffiggang, Habsucht, Hochmut, Ungleichheit, Rumsucht usw. wie die Titel ei- Niger Kapitel lauten. Dieses Buch haben Lenin und Lrotzki gelesen, und auf dem Boden dieser Idee stehend, haben sie ihre Wett geschaffen, und wenn ich dieseS Buch lese, so mutet eS mich oft an, als ob Lenin oder Trotzki der Autor desselben wären. Aber einen wesentlichen Unterschied sehe ich zwischen ihnen und Tolstoj. Während Lenin und Trotzki ihre Idee auf die Gewalt gebaut haben, so bekämpft fie Tolstoj auf das schärfste, und widmet dem Kampfe gegen die Gewalt ein ganzes Kapitel. So-sagt er gleich im Anfang desselben: ״Eine der Hauplursachen des menschlichen UnglückeS ist die falsche Annahme, man könne mit Gewalt daS Leben anderer regeln und bestimmen." Man hat in der letzten Zeit die französische Revolution mit der russischen insofern verglichen, als die französische Revolution die Befreiung des JndividiumS, die russische Revolution die Befreiung der Nation anstrebte. Und wirklich war die französische genau daSselbe im kleinen Maßstabe, was die russische Revolution heute ist. Wir" finden in beiden das so merkwürdige psychologische Moment, daß die Menschen glauben, Lurch die Zerstörung alles Bestehenden, durch das Waten im Blute die Freiheit der Welt zu erringen. Die französische Revolution wollte die Menschheit mit der Guillotin beglücken, mit jener Maschine, von der ihr Erfinder sagte, sie sei sehr human, da sie in einem Tage 300 Menschen köpfen könne, ohne dem Deliquenten den geringsten Schmerz zu bereiten, sondern nur das Gefühl einer leichten Kälte am Halse Hervorrufe. Die Guillotin der französischen Revolution mutzte schwinden, die Befreiung des Individuums ist geblieben. Dierussische Revolution will die Menschheit mit Terror des Bolschewismus beglücken, aber dieses Terror wird schwinden wie die Guillotin, und einer langsamen aber akuten!Sozialisierung Platz machen, weil der Bolschewismus den großen Fehler hat, datz er auf den Idealismus der Menschen gebaut ist, während die grotze Masse derer die für ihn kämpfen, nur Konjukturbolschewiken find, die nichts anderes vornehmen wollen, als einen Rollenwechsel zwischen oben und unten. Ich habe mich bis nun mit dem Wesen des BolschewismuS beschäftigt und habe zu beweisen gesucht, datz derselbe in seiner Form keine Lebensmöglichkeit hat. Ich will mich nun mit seiner Rückwirkung auf daS Judentum beschäftigen. Sine jede Idee die die Freiheit auf ihr Banner geschrieben hat, hat bei den Schwachen und Gedrückten Euch glänzender Sonnenschein-Um euch blüht und rauscht und duftet der Palmenwald und über eueren Häuptern lächelt und winkt mit tausend Wonnen der reine blaue Himmel-. Du beugst dich zärtlich über die neben dir stehende Gestatt, drückst sie an dein Herz und sie erhebt den Blick zu dir aus den großen, braunen, feuchten Augen . . . ..Gitele .. .1" * Ein halb unterdrücktes Lachen schreckt dich aus deinem süßen Traum empor. Der heilige Baal-Schem*) hat einen so guten Witz gemacht, datz Gitele den schlummernden Vater vergessen hatte. Der Rabbi macht eine Bewegung und erwacht. Da- Lei wirft er den »Sefer Chaffidim" zur Erde. Rasch hebt er daS heilige Buch auf, kützt eS andächtig und reibt sich die verschlafenen Augen ... Und du, vom Berge Hermon herabgestürzt, kehrst zurück zum »Traktat Keduschin". Roch einen Blick wirfit du auf die ruhig dafitzende Gilete. verschluckst einen tiefes Seufzer und beginnst dich wieder zu schauckeln und mit hörbarer Stimme zu fingen: »Lanu Rabanan,... die Rabbi« haben gelehrt." *) Rabbi Israel ben Tlieser. immer Lnklang gefunden. Und zu den Schwachen und Gedrückten gehört zweifellos unser jüdisches Bott. Und wie seinerzeit Lasall und Marx Juden waren, so find-n vir auch heute Juden an der Spitze der bvlschewistischen Bewegung. Trotz« ist der Sohn jüdischer Sltern, Bella Kun, war der jüdische Redakteur eines «einen ungarischen ProvinzblättchenS. DaS Trotz der ungarischen Regierung besieht aus Juden, und ein Großteil der Bayrischen Kommunistenführer, waren ebenfalls Söhne des alten Stammes. Jedenfalls aber wird die Zahl der am BolschewiSmuS beteiligten Juden sehr überschätzt, und zwar aus dem Grunde, weil die russische Sowietregierung zur bolschewistischen Propaganda in Deutschland nur solche Agitatoren brauchen kann, die die deutsche Sprache genügend beherrschen, und diese nur unter den russischen Juden findet. Die antisemitische TageSpreffe aber, weiß diesen Umstand sHr gut auszunützen und während fie auf der einen Seite die Juden als die Vertreter des KapitaliSmüssedarstellen, so machen sie fie auf der anderen Seite für den Bolschewismus verantwortlich. Ja in der letzten Zeit wußte sogar eine sehr erfinderische Prager Partei von dem »jüdisch-kapitalistischen Bolschewismus" zu sprechen. Wie sinnlos alle diese Anschuldigungen sind, braucht wohl gar nicht erst gesagt zu werden. Jeder Jude, der angefangen hat Bolschewik zu werden, hat aufgehört Jude zu sein, und alle jüdischen Bolschewikenführer erklären, sie hätten ganz mit dem Judentum gebrochen. Bezeichnend hiefür ist Trotzki. Als einst ein russischer Zionistenführer in einer jüdischen Angelegenheit zu ihm kam, da sagte er ihm: »Gehen Sie zu Ihren Juden und sagen Sie ihnen, daß ich kein Jude bin, und keine Juden kenne; ich kenne nur Menschen." Können wir Juden die Verantwortung für das Tun und Lassen solcher Leute übernehmen, die sich selbst nicht׳ mehr als Juden deklarieren. In den weiteren Ausführungen will ich nun, zu einer Geistesrichtung übergehen, die eine gewisse Aehnlichkeit mit der Bolschewistischen hat, nämlich zum SozialismuS. Gemeinsam haben beide den internationalen Charakter, die Befreiung des Proletariates, und — beim Sozialismus vielleicht oft unbewußt, — daS selbe Ziel, den Kommunismus. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden ist der, datz der Bolschewismus schon heute durch daS Terror den Kommunismus zu derwirklichen sucht, während, der Sozialismus dasselbe durch einen langsamen aber akuten SozialisierungSproceß, in der grauen Ferne der. Jahrhunderte zu erreichen sucht. Die Gegner der sozialistischen Idee, behaupten vor allem, die Antinationalität des SozialiSmusses sei eine Utopie, die sich niemals verwirklichen lassen werde, weil der Unterschied des Blutes und der Rasse nie beseitigt werden kann. Dieser Borwurf ist schon deshalb ganz ungerechtfertigt, weil der AntinationaliSmuS gar nicht gegen die nationalen und kulturellen Eigenarten eines Volkes kämpft, sondern nur dem NationalitätenchauviniSmus feindlich gegenübersteht, dem Nationalitätenhaß, der ja den furchtbaren Weltkrieg heraufbeschworen hat, und den jeder ehrliche und denkende Kulturmensch verdammen mutz. Aber an diesem furchtbaren Welt» kriege finde ich ein Gutes, datz ein Großteil der heutigen Welt den Nationalismus fürchten und verdammen gelernt hat. Zwar steht noch heute der Nationalismus der Sieger mächtig und kraftvoll da, aber in seinem Innern schlummert der erste Todeskeim, die Reaktion, die ihm früher oder später zu Fall bringen wird. Ich habe in meinen obigen Ausführungen sehr für den AntinationaliSmuS gesprochen, und man wird mir, wenn ich erkläre Nationaljude zu sein, mit Recht entgegnen, daß dies ja ein vollkommener Widerspruch sei. Diesen merkwürdigen Widerspruch so paradox er auch scheint, will ich im Folgenden rechtfertigen. Ich habe heute zu beweisen gesucht, daß vom menschlichen Standpunkte der AntinationaliSmuS erstrebenSwert, der Nationalismus aber zu verdammen ist. Desgleichen ist die Befreiung des gedrückten ProletariatS sehr lobenswert. Vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet, hat natürlich nur die Präge Bedeutung, was bietet uns der Sozialismus. Der Sozialismus will vor allem die arbeitende Klasse, da« Proletariat schützen; wir Juden find dagegen in unserer überwigenden Mehrheit geistige Arbeiter, und haben in dieser Beziehung keine Interessengemeinschaft mit dem Proletariat. Der AntinationaliSmuS der gegen den Nationalitätenhatz kämpft, (der Nationalitätenhatz ist unserem Nationalismus, nebenbei gesagt, völlig fremd) hätte falls dieses ProM verwirklicht werden würde, das Ergebnis, daß jede Nationalität sich ruhig entwickeln könnte, ohne den Nationalitätenhatz zu kennen. In diesem Falle aber wären wir Juden gar nicht berückfichtigt, die wir unter den Völkern ausgestellt, unimmer noch fremd fühlen müßten, die wir auch dann antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt wären. Wir Juden müssen erst national werden, d. h. ein Bott auf eigenem Boden in Palästina, mit eigenen Kulturwerten, eigenen Gebräuchen, dann erst können wir internatio* «al werden. Das ist es, was uns heute dom Sozialismus trennt; aber wir müssen trotzdem wissen, datz uns unser Weg über den Nationalismus hinaus zum Anti- Nationalismus führt. Darum weht heute ein Geist durch die ganze jüdische Presse, der daS ganze jüdische Bott zur Sozialisierung des Zionismusses auffordert, darum fordern Weizmann und Sokolow die Sozialisierung de« palästinensischen Bodens, darum kämpft und wirkt Max Brod für die Sozialisierung des ZioniSmuffeS. Das ist die Revolution der jüdischen Idee. Unsere Kührer gehen mit fliegender Fahne voran, und weisen un» den Weg. Wir müssen der jüdischen Fahne folgen. »Der jüdischen Fahne!" So schrieb Theodor Herzl einst an Baron Hirsch: »Eine Fahne, was ist dies? Eine Stange Holz, und ein Fetzen Tuch daran?!! Eine Fahne ist mehr wie dies. Eine Fahne ist das einzige wovon sich Nationen führen und leiten lassen, das einzige wem Nationen willig folgen, wenn es sein mutz selbst in den Tod!" Nochmals die Notlage der Rabbiner. Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt. Aber von der größten Freigiebigkeit bis zur schmutzigen Knauserei ist es auch nicht viel weiter. Dies bewiesen viele israelitische Kultusgemeinden während des ganzen Krieges bis heute, wo die Not und die Teuerung den Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Jüdischer Opfermut und jüdische Wohltätigkeit haben während des Krieges geradezu Triumphe gefeiert; es gab kein Gebiet der Wohltätigkeit, an der nicht Juden in hervorragender Weise beteiligt gewesen wären, kein humanitäres Unternehmen, keine Hilfsaktion, keine Sammlung, die nicht von Juden und jüdischem Gelde gefördert, unterstützt und subventioniert worden wäre. Was die Gemeinden in ihrer Gesamtheit und was jede einzelne Gemeinde in eigenem Wirkungskreise für die Flüchtlinge allein geleistet haben» bildet schon an und für sich ein Ruhmesblatt in der Geschichte der israfl. Kultusgemeinden. Dabei bildete doch die Flüchtlingsfürsorge noch lange nicht das einzige WohltätigkeitSgebiet, an dem sich die Juden in hervorragendster Weise beteiligten — ganz abgesehen von den diversen Kriegsanleihen, bei deren Zeichnung die jüdischen Gemeinden und deren ״fromme" und Wohltätigkeitsvereine und -Anstalten miteinander wetteiferten, um ihren Patriotismus zu bekunden. Allein, wie groß- und edelmütig sich die jüdischen Gemeinden und deren Angehörige in Bezug auf AuS- Übung der-höchsten Pflicht der Religion und Humanität, der Pflicht der Wohltätigkeit, sich benahmen, ebenso klein und kleinlich, ja geradezu schmutzig und geizig benahmen und benehmen sie sich ihren Angestellten oder Bediensteten — seien es nun Rabbiner, Kantoren, Lehrer, Schächter, Gemeindediener usw. — gegenüber. Wie sich manche Gemeinde ihren Angestellten gegenüber in dieser Zeit der höchsten Not benimmt, wird für ewige Zeiten daS traurigste Kapitel in der Geschichte dieses Krieges bilden. Der ganze Jammer und da» Elend der jüdischen Kultusgemeindebediensteten, aber auch die ganze Erbärmlichkeit und Herzlosigkeit der Gemeindegewaltigen — noch nie haben sie sich so offenbart wie während des Krieges und namentlich jetzt nach dem Kriege. — AIS eS hieß, datz die Flüchtlinge als staatliche Unterstützung ״bloß" zwei Kronen pro Kopf und Tckg erhalten, war man in jüdischen Kreisen darüber entsetzt, denn — so fragte man sich — wie kann man mit zwei Kronen täglich bei dieser Teuerung leben? Und jeder Jude erachtete eS als seine Pflicht, helfend einzügreifen und sein Möglichstes zu tun, um diesen Bedauernswerten hilfreich beizustehen. Und nun frage man die Angestellten und Bediensteten der jüdischen KultuSgemeinden, wie viele von ihnen beziehen einen Gehalt von sage und schreibe zwei Kronen pro Lag und Kopf für sich und ihre. Familienmitglieder; wie viele jüdische Kultusbeamten sich heute glücklich preisen werden, wenn fie diesen Schundlohn von zwei Kronen täglich P» Tag und Kopf beziehen würden! Dabei darf doch nicht der Unterschied zwischen einem angestellten Gemeindebeamten und einenr Flüchtling, autzeracht gelassen werden: schon inbezug auf Wohnung« Kleidung, Kiüdererziehung, Steuern usw. Ferner darf nicht übersehen werden, datz in dem letzten Jahre die Teuerung noch bei weitem zugenommen hat, datz manche Artikel, wio

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.