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Jüdische Volksstimme · 1919-06-20 · Heft 15 (20.6.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 15 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrs. XX. Stamme« 15. o-ני flimiiitiif(: halbjähri, . . .*an«! 12-50 ganzjährig .......... Italien 24׳— Deutschland, ganzjährig Mark 18׳— Rußland, ganzjährig , Rubel 12׳— Baäan, Frankreich ........ *rank» 24׳— a— -׳—ei Herausgeber: Max Hickl. D-1 Redaktion und Administration: Brünn, Sdlergaffe - Buchhändlerische Vertretung: CH* *latst, A-ipzßG Inserate: dm 6-spaltige Zentimsterrnum 2 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht ^snoriert. — Manuskripten ist RÜckpart» beizufügen. N--—--י Wien-Brünn.!11 :״m Prag—Lemberg. Europäische u. jüdische Sorgen. Fünf lange, bange Jahre sind nun bald verstrichen, seit Europa und die gesamte Kulturmenschheit nicht mehr zur Ruhe kommt. Keine einzige der großen Streitfragen Europas, auch kein einziges der großen nationalen Probleme, welches zum Zusammenbruche des dualistischen Oesterreich-Nngarn führten, sind bisher gelöst. Im Gegenteile, das Verhältnis der einzelnen Großmächte und der neuen Kleinstaaten zu einander ist ungeklärter denn je und innerhalb jedes einzelnen derselben, — soweit er nicht durch nationale oder religiöse Gegensähe zerklüftet ist — tobt der Klaffenkampf. Gesamteuropa ist schwer krank und schon beschaftigt man sich in Amerika in sehr ernstzu nehmenden Kreisen damit, wie man einerseits dem europäischen wirtschaftlichen Zusammenbruche zuvorkommen, bezw. aus ihm profitieren kann. So weit ist es bereits gekommen, daß Amerika ernstlich bereits auf den europäischen Markt spekuliert, eine Versorgung seiner Bewohner mit Ä e b-e ESÄNMr n und5 K Tt i*trwfc~10wir*m?r Haupt mit allen zu seiner Existenz notwendigen Be- Lürfniffen. Nicht bloß aus Gründen der Humanität, sondern weil es dabei auch ein gutes — Geschäft zu machen glaubt.- In Europa aber wird von den wechselnden Regierungen und hadernden Parteien nur Machtpolitik kultiviert welche jeden dauernden Frieden immer zwischen den einzelnen Staaten verhindert und durch eine kulturmörderische gegenseitige wirtschaftliche Absperrung das Massenelend steigert und auf diese Weise allüberall den sozial-revolutionären Strömungen den Weg ebnet.- * * Auf diese Weise sind die nationalen Chauvinisten aller Völker, die seit Jahrzehnten die Nationen gegenseitig und überdies alle zusammen ge- Feuilleton. Denkst Du noch . . .*) Von Hermann Blumenthal. Denkst Du noch an das Weiße Häuschen mit dem Strohdach, dort in dem engen Gäßchen unweit vom Bache? Wie ein blühender Kranz umringt es das Gärtchen mit jungem Rettig, Zwiebeln und Schoten. ES ist SamStag ״nach Tisch". In der Hellen, geräumigen Stube ist es still, daß man nur das Summen der Fliegen hört. An dem Tisch, dem weißen, reingescheuerten Tisch fitzest du und schaukelst dich über dem ״Traktat Kaduschin" .Durch die at- und blaugefärbte Tischdecke, die vor dem Fenster hängt, kommen die Sannenstrahlen herein und übergietzen Alles mit allerlei welchen, matten, zauberischen Farben. ES ist ein warmer Julitag und du fühlst dich etwas matt nach der ungewöhnlich reichen Sabbat- Mahlzeit. Einigemale schon hast du den Abschnitt begönnen, den der Rabbi dir für heute aufgegeven, doch es geht nicht. Deine Lippen bewegen sich und du murmeist gedankenlos ״Tanu Rabanan ..Die Rabbis haben gelehrt.. / Doch deine Blicke wandern müd und träumend durchs Zimmer. *) Aus dem soeben in M. HicklS Verlag erschienenen ' Buche ״Polnische Jugendgeschichten-. gen die Juden Hetzen bewußt oder unbewußt heute die Schrittmacher der — internationalen sozialen Revolution, wie sie vor S Jahren die Urheber des WelttriegeS waren.- Nun aber, wo es sich um die Liquidation des Weltkrieges handelt, zeigt es sich, daß über die brennendsten Streitfragen Osteuropas, Mitteleuropas und des Balkans die weitgehendsten Differenzen zwischen den Mächten der Entente und speziell zwischen Amerika und England einerseits, sowie Frankreich und Italien und zwischen diesen beiden Staaten unter einander anderseits existieren. * * * Unter diesen Streitfragen berührt ganz besonders das jüdische Volk die polnisch-ukrainische. Während unter dem 45 Millionenvolke der Ukrainer, wohl auch antisemitische Unterströmungen existieren mögen, aber es keine organisierte antisemitische ukrainische Partei, keine antisemitische Zeitung gibt, find innerhalb des polnischen Volkes alle Blätter und alle Parteien vom chauvinistischen und׳ antisemitischen Fanatismus erfüllt. Dieser macht sich aber nicht nur für alle Juden, ' wiedteauf p o l n i sch e m Boden sich immer -von neuem wiederholenden Judenpogrome beweisen, sondern auch für die Ukrainer, Tschechen und Deutsche empfindlich fühlbar. Aeußerst bezeichnend in dieser Richtung ist es, daß vor kurzem die tschechische ״Union" in Prag die polnische Politik in eine Reihe stellte mit der preußischen und den Polen ankündeten, sie würden bei dev Fortsetzung ihrer jetzigen Politik dort anlangen, wo jetzt Preußen sich befindet. Die Polen seien von niemanden geliebt, aber bei allen ihren Nachbarvölkern verhaßt. Man wird dies Urteil sehr verständlich und nicht zu hart finden. Wenn man die von den polnischen und rumänischen Heeren an der jüdischen, sowie ukrainischen Bevölkerung verübten Greueltaten in Ostgalizien, sowie in der Bukowina näher ins Auge faßt. Dort in dem halbdunklen Alkoven schläft der Nabbi, den aufgeschlagenen ״Sefer-Chaffidim" auf dem Polster und die Brille auf der Stirn. Und drüben, zu deiner Rechten, dir gegenüber, fitzt Gitele. Ihr Haar glänzt wie Gold und ihre Lippen erinnern dich an frische, rote Beeren. Hie und da blickt sie auf und Euere Augen begegnen einander. Dann wird eS dir heiß im Gesicht u׳ dein Herz klopft. Schnell senkst du dann die Augen auf daS Buch und murmelst: «Tanu Rabanan. Die Rabbis haben gelehrt —" Auf der Straße singt eine weibliche Stimme ein Lied. GS ist ein ruthenisches Volkslied; es handelt von einem Bächlein, daS einsam hinabläuft inS Tal. . . Dann wird eS wieder still. Dein Blick fällt auf Gitele, Euere Augen begegnen einander und wie ein Zittern geht es durch deinen Körper. Ein Gedanke ergreift von dir Besitz — ein dunkler, unverständlicher Gedanke. ״Ma jafit uma muamt, ahwa b' tamigim", — wie schön bist du, wie süß bist du, Liebe, mit deinen Wonnen." Du hast eS gestern im Hohelied gebetet und dann mit deinem Vater gesungen — warum kommt es dir jetzt plötzlich in Erinnerung? Du hast einmal die Erklärung gelesen, daß mit den Worten die Thora gemeint sei, ein anderer Komentar will bestimmt wissen, daß es das Judentum sei, das der königliche Dichter vefingt — doch wie kommt dazu deines Rabbi Töchterchen, wie kommt Gitele dazu —? Die stets trauriger werdende Lage der Juden in diesen Gebieten sowie in ganz O st europa, machte die Frage der Emigration eines ansehnlichen Leiles seiner jüdischen Bewohner nach Palästina aber auch die S i ch e r st e l l u n g der in der Diaspora verbleibenden Juden zur nationalen Pflicht und zum somit auch pflichtgemäßen Gegenstände ernster Diskussion. Eine solche verdient auch ein von einem a n o n y - men, scheinbar parteilosen Verfasser publizierte Broschüre, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Der Autor verwirft die Assimilation sowie den nur-religiösen Standpunkt, bekennt sich aber anderseits auch als kein Nationaljude oder Zionist. Um so überraschender ist seine Kardinalforderung: sämtliche Juden mögen — unbeschadet ihres Aufenthaltes — das palästinensische StaatSSürgerrecht erstreben und auf diese Weise auch englische Untertanen^w erden. Unter dem Schutze Englands würden alle Juden — ob sie in Palästina oder anderswo wohnen — zur Gleichberechtigung gelangen und vor! allen Pogromen usw. sowohl in Polen, wie anderswo geschützt werden. Man mag, wie immer zu diesem Vorschläge sich stellen, er ist sympthomatisch für die Lage der Juden in — Osteuropa. ~ —sch. Die Revolution der jüdischen Idee. Von Siegmund Urabin, Gablonz. Wir leben heute in einer Zeit, die mit allem Bestehenden gebrochen hat, und was wir gestern noch für natürlich und richtig fanden, ist uns heute schon völlig fremd und unbegreiflich. Die Schlagworte von Kaiser und Vaterland sind fast vergessen, und neue Ideen wie Kommunismus, Bolschewismus und Sozialismus, rücken heute in unseren Gesichtskreis. Diese Ideen die In deinem Herzen läßt sich eine Stimme vernehmen. Es ist, scheint es dir, eine Antwort aufdeine Frage — doch du verstehst sie nicht. Es ist, scheint eS, eine Antwort in einer jener siebzig Sprachen, die deine siebzehnjährige Unschuld noch nicht gelernt. Doch es ist eine Antwort! Und wie das Wiegenlied» chen das Kind beschwichtigt, obgleich es davon, kein Wort versteht, so wirkt die sanfte, stille, geheimnisvolle Sprache auf dein junges Herz. Und während deine Augen auf der jungen, blühenden Gestalt haften, wird es vor dir hell und immer Heller und du sagst plötzlich mit halblauter Stimme: ״Jtti milebanon Kalle. Jtti milebanon tabsi,- mit mir vom Libanon kommst du, o meine Braut..." Du hast die Worte niemals gründlich verstanden. Jeden Freitagabend, wenn du daS Hohelied betend, an diese Stelle gelangt warst, hieltest du inne und blicktest auf vom Gebetbuch. Wie oft überkam dich eine mächtige Sehnsucht nach jenem stolzen, herrlichen Berg. Du wußtest selbst nicht recht, woran du dachtest, dir schien es eine Phantasie, ein zaubervoller, unbegreiflicher Traum. Doch wie gut verstehst du jetzt die süßen, göttlichen Worte-l ״Mit mir vom Libanon, o meine Braut, wirst du kommen, herunterblicken vom Gipfel AmanaS, vom Gipfel des Snir und des Hermon — —יי And auf der höchsten Spitze des Berges Hermon steht ihr Hand in Hand und eS lacht und strahlt auf Verbreitet die ..Würbe Uolk$$flmme".

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