Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 14 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 ^Mische Weiß« es war geradezu bewunderungswürdig, zu sehen und zu hören, wie jedes einzelne Kind das Gelernte beherrscht und so war eS selbstverständlich, daß keine einzige Frage der prüfenden Herren unbeantwortet blieb. Besonderes Aufsehen erregten der halachische Bor. trag des zehnjährigen Schülers der ganztägigen Klasse, Heinrich Taube, und die Kenntnisse der Schülerinnnen der FortbildungSklasse, in welcher Mädchen jenes Wifsen an «Dtztim" usw. erhalten, welches die Grundpfeiler bildet für ein echt jüdisches HauS. Durch die Gründüng dieser Klasse hat sich die BereinSleitung einerseitS, der Leiter der Anstalt, Ehrwürden Herr Rabbiner Neuwirth, anderseits, ganz besondere Verdienste «worben, waS auch namens aller Schülerinnen Stella Seltner in einer sinnigen Ansprache dankend -um Ausdrucke brachte. Rach Schluß der Prüfung hielt seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Fürst eine zündende Rede, in welcher er Schüler und Schülerinnen zum fleißigen Weiter!«, nen anspornte und dem Lehrkörper, bestehend cntS dem Leiter der Schule, Rabbiner Neuwirth, dem Oberlehr« Oesterreicher, den Lehrern Rabbiner Benedikt Brav, Rabbiner Fleischmann, Tauber, für die großar- Ligen, jede Erwartung übersteigenden Lehrerfolge dankte. Herr Wolf Pappenheim tat dasselbe namens der Adas JiSroel und zollte außerdem Worte besonderer Anerkennung dem Obmann des Vereines, Herrn Wil- Helm Kritzler, für seine rastlose Arbeit für daS Gedeihen des Vereines und dem jüngsten Mitglied des Dar- Standes Herrn Leopold Lederer, dessen Tatkraft und Umsicht es zu danken ist, daß der Verein einer Zeit besonder« Entwicklung entgegensieht. Das segensreiche Wirken der Anstalt wird allgemein anerkannt und drückt sich auch in der Zahl der Schüler und Schülerinnen, die 300 bereits übersteigt, Jüdische Wähler wählet jüdisch! Hitndfcfum; Bolksverband für idie Juden in der Slovakei. Am 28. Mai 1919 fand in Lipto-szent-Miklos eine vom Volksverbande der Juden für die Slovakei einberufene jüdische Volksversammlung statt, an welcher Delegierte de? Kultusgemeinden aus den Komitaten Lipto, Arva und Turoc teilnahmen. Nachdem eine Vorbesprechung der Delegierten vormittags in der Gemeindekanzlei stattgefunden hatte, erstatteten Dr. Leo Sipos und Sekretär Emil Wald st ein das Referat über die Tätigkeit des Volksverbandes der Juden für die Slovakei, welches von der an 300 Köpfe, zählenden Bersammlung mit stürmischem Beifall ausgenommen wurde. Dem jüdischen Nationalrat in Prag wurde der wärmste Dank der Versammlung für seine Verdienste ausgesprochen und die folgenden Resolutionen einstimmig angenommen: 1. Die am 25. Mai in Lipto-szent-Miklos tagende jüdische Volksversammlung, an der Delegierte der Ge- -meinden der Komitate Lipto, Arva und Turoc teilnahmen, spricht dem Volksverbande der Juden für die Slovakei ihr volles Vertrauen aus sowie ihren Dank für die bisher im Interesse der Judenheit geleistete Arbeit und erklären den Anschluß an den Volksverband für eine unbedingte jüdische Notwendigkeit. L. Die Volksversammlung fordert, den Volksver- ׳band auf, auf Grund gesammelter Daten bei den maßgebenden Stellen der Republik zwecks einer gerechten Behandlung der jüdischen Bürger vorstellig zu werden. 3. Die Volksversammlung fordert den Verband auf, zur Gründung einer jüdischen Presse für die Slovakei sofort geeignete Schritte zu unternehmen. Dir Sabbatruhe im deutschen Völkerbund-Entwurf. Dem deutschen Entwurf zur Organisation eines wahrhaften Menschheitsbundes der Nationen ist als besondere Anlage ein internationales «Abkommen über Arbeiterrecht" beigegeben. In Artikel 4 dieses AbkommenS wird folgendes bestimmt: «...Auch soll dafür Sorge getragen werden, daß allen Arbeitern tvöchentlich, und zwar in der Zeit von Sonnabend bis Montag eine zusammenhängende Ruhepause von mindestenS 32 Stunden gewährt wird, wenn nicht im In. tereffe der Allgemeinheit die Verlegung dieser Ruhe, pause auf einen Wochentag durch das Gesetz auSdrücklich gestattet ist." MSdann heißt eS: «In Ländern, in denen allgemein oder für bestimmte Teile der Bevölkerung ein anderer Tag der Woche als Ruhetag üblich ist, tritt für die im vorstehenden vorgesehene Arbeitsruhe an Stelle des Sonntags dieser Ruhetag." Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Guttmann - Breslau an ber Lehranstalt für die Wissenschaft beS Judentums. Die Generalversammlung deS Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, die am letzten Sonntag im großen Lehrsaal des Instituts abgehalten wurde, nahm den VerwaltungSbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr entgegen, zu dem der Vorsitzende, Justizrat Dr. Arnold Seligsohn «läuternd bemerkte, daß daS Jahr 1918 eine tiefernste Zeit für die Entwicklung der Lehranstalt bedeutet. DaS Ku. ratorium hat in Hermann Eohen, Ludwig Geiger und S. Adler drei markante Mitglieder verloren, die dem Institut mit ihrem schwerwiegenden Rat und ihrer ausgezeichneten Sachkenntnis große Dienste geleistet haben. Eine Gedenkfeier für diese, sowie andere verstorbene Kuratoriumsmitglieder und für die im Felde gefallenen Hör« fand am 16. Februar dieses Jahres statt, in welcher der Vorsitzende des Lehrerkollegiums, Rabbiner Dr. Baeck, auch all« jener Männer gedachte, die bei Entstehung der Lehranstalt vor fast fünfzig Jahren mitgewirkt haben. Hierauf erfolgten die Neu- Wahlen. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder Geheimer RegierungSrat Professor Dr. Masse und Geheim« OberregierungSrat Professor Dr. Meyer wer. den wiedergewäblt; neugewählt werden Professor Dr. Ernst Eassirer, Rechtsanwalt Dr. Veit Simon und Lu. cian Picard.Frankfurt a. M. Im Anschluß an die Generalversammlung fand die Antrittsvorlesung des neuen Dozenten der Anstatt, Professor Dr. Julius Guttmann statt, den Justizrat Scligsohn mit einem Hinweis auf die besonderen Aufgaben des Hermann Cohen-Lehrstuhls, der zur Pflege der systematischen ReligionSphilosophie begründet wurde, begrüßte und einführte. Professor Dr. Guttmann würdigte die Bedeutung Cohens auf dem Gebiete der ReligionSphilosophie. Cohen hat eS als Erster verstanden, Brücken zu schlagen zwischen der Philosophie des Mitteialters und der Gegenwart und dadurch auch die von den jüdischen Denkern des Mittelalters geschaffenen Werte für unsere Zeit zu «schließen und nutzbar zu machen. Rückblickend wies Professor Dr. Guttmann darauf hin, daß bei den Philosophen des Altertums von einer Religionsphilosophie״als besondere Disziplin nicht die Rede sein konnte, weil die seelischen Energien, deren Ausfluß das׳ religiöse Leben bildet, von den alten Philosophen nicht als eigenes geistiges Substrat anerkannt und geltend gemacht wurde. Dies änderte sich erst in der mittelalterischen Philosophie, aber hier auch nur 'insofern, als das Verhältnis der historisch gegebenen Religion der allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnis gegenübergestellt wurde. Mit Kants Ueberwindung der Metaphysik hörte dieses Gegenüberstellen zweier einander völlig fremder Welten auf. Seitdem ist die Religion in der Philosophie anerkannt als Krönung des Sittlichkeitsbegrisfes. Dieser geläuterte Begriff wiH auch die Zukunft der jüdischen ReligionSphilosophie beherrschon, die gerade für unsere Zeit eine immer wachsendere Bedeutung besitzt. Dem Wirken für diese Idee war Hermann CohenS Leben gewidmet und in diesem Sinne soll der seinem Andenken geweihte Lehrstuhl weiterhin dienen. 600 Mische Eisenbahner entlassen. Nach der Besetzung Wilnas durch die Polen wurden sämtliche jüdischen Eisenbahner, etwa 600 an der Zahl, entlassen. Jüdische Schulen in Posen. Den ständigen Bemühungen des Jüdischen Volksrats in Posen ist es gelungen, bei der Regierung die Gründung einer jüdischen Schule durchzusetzen. D!e Jüdische Schule ist am 1• Mai 1919, vormittags 9 Uhr, in den Räumen Kl. Gerberstr. 11 mit den zwei untersten Klassen eröffnet worden. Zu genannter Zeit waren dort etwa 60 Kinder und eine große Anzahl von Eltern versammelt. Herr Lehrer Brzezinski eröffnete die Feier mit ein« Ansprache, in der « seiner Freude üb« die Gründung einer juoischen Schule ü׳ Posen Ausdruck verlieh und hervorhob, daß die Namen Dr. Calvary, Dr. Galland und Dr. Kollenscher in der! Geschichte der Schule unvergeßlich bleibe« wnden. Er dankte den Leitern des jüdischen VottSrateS für ihre Mühe und Ausdauer, den Eltern für das Vertrauen. daS fie der Schule entgegenbringen. Darauf richtete Herr Gemeinderabbiner Dr. Freimann einige herzli. che Worte an Eltern und Kinder und wies besonders auf dareligiöse Moment hin, da» für den Geist dies« Schule so wichtig und kostbar ist. He« Brzezinski sprach darauf noch einmal zu den Kindern, indem er ihnen in Form eines Märchens ihre Pflichten klar legte. Darauf bekam jedes Kind eine Düte Bonbon und durfte nach Hause gehen, wahrend die Kinder deS zweiten Schuljahres zu einer kurzen Prüfung zurück« blieben. Der Schulunterricht begann am Freitag, de» 2. Mai 1919, um 9 Uhr vormittags. Die Schule ist sind öffentliche städtische und wird von der Stadt «ntev» halten. Delegiertentag des deutschen GruppenverdandeS der AgubaS JiSroel. Der Gruppenverband der AgudaS JiSroel hat ei- | nen Delegiertentag auf den 11. Juni nach Halberstadt einberufen. Auf der Tagesordnung stehen, abgesehen von Regularien u. a. «Die Aufgabe der deutschen Orthodoxie in Erez JiSroel" und «Die Ostjudenfrage in Deutschland." Agronom Aaronsoh« abgestürzt. Agronom Aaronsohn, der durch die Entdeckung deS Em«, deS UrweizenS, auf den Gefilden des Hermon weltbekannt gewordene Palästinapionier, 1913 Präsident des Intern. Agronomenkongresses, ist . beim Fluge von London nach Paris abgestürzt. Die Postsäcke deS Flugzeuges wurden bei Boulogne ans Land gespült; vom Flugzeug und seinen Insassen fehlt jedoch jede Spur. Aaronsohn war von der großen Zukunft PalästinaS durchdrungen und lehnte die glänzendsten Anerbietungen ab, die ihm besonders wissenschaftliche Institute Amerikas machten. Er liebte daS jüdische Volk mit der ganzen Glut seines Herzens. Spaltung in ber ״Alliance"? Aus Paris wird gemeldet, daß eS in den Reihen der ״Alliance JSraelite Universelle" infolge ein« Meinungsverschiedenheit in bezug auf die Forderung nationaler Rechte für die Juden in den Diasporaländern zu einer Spaltung gekommen wäre. ES wird berichtet, daß die demokratischen Vertreter jedes Zusammengehen mit Affimilanten abgelehnt hätten und sich bereit erklärt haben, die Ford«ung nationaler MinderheitSrechte für die Juden in allen Ländern Europas zu un» terstützen. v Es steht fest, daß in den polnischen Gebieten auch weiterhin eine judenfeindliche Stimmung herrscht und die Judenverfolgungen in allen Städten sich fortsetzen. Ihr Bekanntwerden wird jedoch unterdrückt. Wir erfahren von einem neuen Pogrom in Ezenstochau. Am Dienstag, den 27. Mai verbreitete sich dort das Gerücht, eS sei aus einem Hause auf polnische Soldaten geschossen worden; das HauS wurde darauf von den Polen gestürmt. Fünf Juden sind in bestialischer 230די•• ermordet worden, teils mit Steinen erschlagen, der eine mit einem Bajonett erstochen, ein anderer, ein jübischer Schuhmacher, mit dem eigenen Schustermesteri abgeschlachtet worden. Acht bis neun sind schwer verwundet, etwa 60 leicht verwundet. Die jüdischen Geschäfte sind geplündert worden. Eine Kundgebung ber Orthsdoxie. Durch Vermittlung des neutralen Auslandes ergeht an die jüdische Orthodoxie in den Ententeländern -er folgende Aufruf: «An unsere religiösen Gesinnungsgenossen in den Ländern der alliierten und assoziierten Mächte! ten in den Wirren und Schrecken des blutigen Krieges durften wir hoffen, daß endlich zur Wahrheit werden würde, WaS wir täglich im heißen Gebet erflehen, WaS an den heiligsten Tagen des synagogalen Lebens den gedanklichen Höhepunkt unseres Gottesdienstes bildet. Eine Zeit der wahren Menschheitsverbrüdsrung glauhten wir ahnen zu dürfen, eine Zeit, in der das Unheil der armen Menschheit, die Flut des Hasses sich lösen würde in einem Meer versöhnender und auSgleichender Liebe. Deshalb trifft uns der Friedensvertrag so schmerzlich — nicht nur in uns«« treuen Liebe zu unserem mit dem Tode ringenden Vaterlande, sondern auch in dem keuschen Gebiete all der Empfindungen, in denen wir daS Glück der Menschheit erträumten, in de« nen wir Euch beneideten, daß Eurer Führe): Einer von