Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 14 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622046--3974-2625223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14. DiAWMVfM W»)RH1r m11 s Denn durch Verhinderung -eS Großgrundbesitzes wird auch die Sklavenwirtschaft verhindert, wie sie in Aegypten, Griechenland, bei den Plantagenbesitzern Alt-Rom-, wie sie aber in modernster und grausamster Form in den Süd-Staaten Nordamerikas und in Miltelamerika noch im. IS. Jahrhundert kratz zu Tage trat. Da jeder Jude Anteil an einem Bodenlos in Palä« stina hatte, konnte er als freier Dauer seine freie Hufe bearbeiten, war nicht gezwungen, seine ArbeitSkraft dem reichen Nachbar zu verdingen, konnte, wenn er in Schulden geriet, jederzeit seiner Familie durch das Jobeljahr seinen Besitz sicherstellen. Niemand sollte mehr Land besitzen, als er erarbeiten konnte, dadurch wurde aber auch ein Aristokratentum verhindert, welcher Stand dem alten Judentums ganz fremd war. So fremd, daß noch Samuel die Juden vor einem Königtume, und den damit verbundenen privilegierten Ständen warnen konnte. Demokratisch die Gesetzgebung, demokratisch fühlend aber war auch daS Volk, das in den ältesten Zeiten keinen König, keinen Herrscher kannte oder duldete; denn nur von Richtern wurde daS jüdische Volk geleitet, das nicht einmal verlangte, datz der Richter männlichen Geschlechtes sein müsse; denn die Bibel weiß auch von einem weiblichen Richter — Deborah — zu erzählen. Erst die Anlehnung an fremde Völker, erst die Asfimilationssucht und -lust der Juden führte dies Volk zum Königtum, daS ursprünglich als Wahl-Königtum gedacht ward. Nicht nur Verteilung der Bodenlose, auch die Bemessung der Steuer, die auch bis auf MoseS zurückgeht, hatte demokratische Grundlage; denn der.Reiche sollte nicht mehr, der Arme nicht weniger zahlen. Alle gleich, denn gleich wären alle Menschen vor Gott. WaS an demokratischen, was an sogenannten allgemein menschlichen Ideen die verschiedensten europäischen Kulturen besitzen, haben sie der Bibel, haben sie dem jüdischen Volke entlehnt. Jenem Volke, daS heute als Schmarotzer, als Parasit, als Gast, am fremden Tische oft sogar von Juden selbst bezeichnet wird. Gerade am Schewuothfeste wurde eS uns wieder zum Bcwuhtsein gebracht, wie hoch und hehr, wie erhaben und schön unsere jüdischen Ideen sind, aere perennius! wenn sich n! .׳!->!!§juden tsche«.. oder deutscher Couleur bemuyen, diese Ideen, das Judentum selbst, in Schmutz und Kot zu zerren. Doch dies kann nicht und wird nicht gelingen, weil daS selbstbewußte Judentum stets mit Stolz auf seine Errungenschäften pochen wird, weil wir selbstbewußten Juden, wir Jungjunden, niemals unsere Hand dazu bieten, werden, aus dem Judentum einen lebensunfähigen Greis zu machen. An den Feiertagen erinnern sich viele VolkSgenossen ihres JudentumeS, denn sie wollen hin und wieder in den Tempel gehen, um beim Maskir ihrer Toten zu gedenken. Aber bei dieser Erinnerung an die Toten vergessen sie ganz ihrer lebenden Verwandten, Brüder und Schwestern. Bei aller Pietät, die wir unseren verstorbenen Eltern zollen, dürfen wir doch der Lebenden nicht vergessen. Müssen bedenken, daß all' unser Gefühl, auch Mitgefühl, unser Gerechtigkeitssinn, unsere Rechtlichkeit in erster Linie dem Leben gewidmet sein muß u. nicht erst dem Toten. Denn nach dem schönen Sprich- Worte de mortuis nilnisi bene viel mehr sollte dieses Fest auch den Lebenden billig sein; warum nicht, was dem einen recht, soll dem anderen billig sein. Am Herzen liegt unS in erster Linie daS lebendige und nicht daS abgestorbene Judentum. Am Herzen liegt uns all daS zu erhalten, zu verbessern was heute noch im und am Judentums lebt. DaS mögen stets alle unsere Juden bedenken, bedenken auch zur Zeit der Wahlbewegung, zumal gerade die Feiertage viele von ihnen daran erinnerten, daß sie ja denn doch auch zum Judentums, zu den Juden gehpren. Und so hoffen Wir, daß unsere Juden Einkehr gehalten haben. Teschubah! Einkehr halten und einsehen, daß in dem jetzigen Zeitpunkte denn doch nichts anderefür uns Juden übrig bleibt, als Klipp und klar zu erklären, was Wir find, und WaS wir wollen I Wir sind Juden! Nicht Tschechen, nicht Deutsche! Als Juden wollen wir stets jüdische Interessen vertreten. Alles daS machen und unternehmen, WaS jüdische Ehre erfordert, wa» zur Stärkung und Förderung des JudentumS erforderlich ist. Getreu dem altjüdischen Ideale stehen wir auf rein demokratischer Basis, sind frei von den Vorurteilen, datz nur privilegierte Stände die Juden vertreten können, betonen vielmehr immer, daß nur diejenigen die wahren und echten Vertreter des Judentums find, die infolge ihrer Tätigkeit fürs Judentum und im Juden, tum sich das Recht erworben hgben für jüdische Interessen einzutreten. Nunmehr ist dies um so notwendiger, als d«.Hä!n!ck§ veanlk".!181 Cesfc.-slov. 50c. dem. strany dölnickö in seiner Nummer vom Dienstag, den 3. d., in einem Artikel betitelt *2idd", die angebliche - talmudische Legende, die Meyrink in seinem »Golem" mitteilt, datz von den 12 Stämmen Israel- 10 verflucht und nur 2 geheiligt wären, dahin erklärt, datz zu den 10 verfluchten jüdischen Stämmen, auch wir Juden der tschecho-slovakischen Republik gehören. (A k tSmto deseti proktlttfm re dvanäcti kmenfi Sidovskych patff na§e iidovstvo. Dovedou ovlädnouti I tisk, vetfiti se na mfsta eodpovSdnä» nametat! pak ildu ve tvÄf nejen kräsnä hesla, ale i blasfemle, Jen 1-Aby mobil däle 1§ti, ramöstnävvati mysl lidu v€cmi jinKmi, Spiniti druhd, aby nemS! Cas pkem§§1eti a je- Jfch ״kSeft“ snad neokoukl.) Wohl erklärt dies Blatt, sein Kampf sei nicht AntisemitiSmuS, sondern Antikapitalismus, aber wenn sozialdemokratische Blätter so schreiben, WaS haben wir von christlich-sozialen, WaS von agrarisch-klerikalen Zeitungen zu erwarten. Denn nicht auf die Worte kommt es an, sondern auf den Tenor. Und dieser wirkt eben so antisemitisch, wie der anderen Blätter. Wir hören Untertöne heraus, die uns allzubekannt sind, denn man merkt die Absicht und wird verstimmt. Auch hinter tschechische Parteien, seien sie nun proletarisch, seien sie bürgerlich, verstecken sich Juden. Auch an daS tschech. Volk versucht sich der Jude zu assimilieren. Nur braucht heute daS tschechische Volk diese Juden. Und die tschechischen Blätter der verschiedensten Couleur gestehen eS offen und ehrlich ein, sie stünden nicht um unS Juden; aber nichts destoweniger sind sie alle froh und glücklich, wenn sie über die Juden etwas Schlechtes schreiben können oder, wenn sie Nachrichten über Jüdisch-nationale bringen, welche Nachrichten derart gefärbt sind, wie in den ״Lidove Noviny" vom Freitag, den 30. Mai, in denen diese Blätter meldeten, datz die Juden trotz Bekenntnis zum jüdischen Volke, doch deutsch wählen würden. Diese Nachricht in den »Lidove Noviny" ist dazu angetan, die tschechische Oeffentlichkeit über unsere Stellung während der Wahlkampagne in ein schiefes Licht zu fetzen; da eS uns leider nicht möglich ist, in tschechischen Blättern unser Programm auSeinanderzusetzen, weil diese unsere Berichte nicht bringen, so muß es hier geschehen. Wer sich unbefangen mit der jüdischen Frage beschäftigt, weiß, daß wir Jungjuden immer unsere strikte Neutralität betont und gewahrt haben, datz wir nicht die Deutschen in Brünn stärken wollen, daß wir gar, aber gar keine Absicht haben noch weiters für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wenn aber die Deutschen daraus konkludieren wollen, uns Jungjuden den Tschechen zuzurechnen, so irren sie ebenso, wie die Tschechen, die unS in ihren Blättern den Deutschen zurechnen. —S— Zur Politischen Lage der ostgalizischen Judenheit. Trotz des von seinem StaatSlsnker in Paris abgegebenen Versprechens, die Ukrainer nicht anzugreifen, hat Polen mit der Haverarmee, die mit der Bestimmung einzig und allein an der Bolschewistenfront verwendet zu werden, von Frankreich nach Polen abgegangen ist, die Offensive gegen die Ukrainer ergriffen. Im raschen Tempo gelang es der an Mann» schaft, Artillerie stärkeren und mit reichlicher Munition dotierten polnischen Armee die ukrainische Front zu überrumpeln und beinahe ganz Ostgalizien zu besetzen.An und für sich war ja dieser Akt ein Werk des polnischen Imperialismus, der schon jetzt ins unermeßliche zu steigen beginnt. Abgesehen davon, hat auch diese Offensive ihre für unS Juden ziemlich unangenehme Schattenseiten. Im westukrainischen Staate war ja die Lage der Juden eine viel erträglichere als sie gegenwärtig in Polen ist. Allerdings fanden auch hier Judenexzesse und -Pogrome statt, jedoch mit dem einen Unterschied, daß sie hier von den Behörden unterdrückt und bekämpft wurden, in Polen dagegen von den Behörden unter Mithilfe des Militärs vorbereitet und veranstaltet werden. Einen unüberbrückbaren Unterschied gibt eS zwischen diesen zwei Staaten inSbesonderS in einer Frage — der jüdischen Autonomie. Während die polnischen Staatsmänner alle möglichen Kniffe und Mittel anwenden, um der großen europäischen Oeffentlichkeit zu beweisen, datz es keine jüdische Nation gibt und datz die Juden in Polen einzig und allein auf die Schaffung einer »Judaeo-Polonia" Hinzielen, um die »wehrlosen polnischen Massen zur Genüge auSnühen zu können", haben die ukraini-' schen Staatsmänner -en jüdischen Forderungen ein viel größeres Verständnis entgegengebracht. Der Borsitzende im ukrainischen StaatSfekretariat Dr. Holubswycz und andere führenden Männer haben d a > Prinzip der jüdischen Nationalität und die Notwendigkeit der jüdischen Autonomie anerkannt. Der von der jüdischen De- Völlerung Gewählte jüdische Rationalrat wurde von der Regierung als oberste autonome Behörde anerkannt. All« unseren jüdischen Angelegenheiten wurden ihm zur Verwaltung, alle jüdischen Beschwerden zur Erledigung übertragen. Erst vor kurzem .fanden in fast allen Städten Wahlen zu den jüdischen Orts- und BezirkSnationalräten statt. Erhebend war der Anblick dieser Wahlen, geradezu weihevoll war eS zu sehen, mit welcher inneren Zufriedenheit und Würde die jüdischen Männer und Frauen ihre Vertreter in die autonomen nationa» len Körperschaften wählten. DaS Resultat — überall erzielten die zionistische« Listenführer durchwegs 70 Prozent der abgegebenen Wahlstimmen — beweist klipp und klar, datz die jüdkschen Massen für das nationale Volksideal eintreten und auf die nationale Autonomie keineswegs verzichten wollen. Von den jüdischen Nationalräten wurden auch überall Ansätze zu einem gesunden jüdischen Schulwesen und zu wirtschaftlichen Institutionen geschaffen. Mit einem Worte, es begann ein neues jüdisches Leben zu keimen, daS mit dem alten verrosteten Kahalsysten samt ihren Vertretern, den schädigenden berräterischen ״MoSzkoS" abgerechnet und dem jüdischen Volkstume auch neue, dem wahren jüdischen Wesen entnommenen Formen verliehen hatte. Wenn auch die Juden momentan wirtschaftlich be°. drängt wurden, so war dies nur die Folge deS im ganzen Lande herrschenden Kriegszustandes und mit dem Eintreten geordneter Verhältnisse wären auch diese Beschränkungen gefallen und die Möglichkeit eines normalen Wirtschaftslebens zweifelsohne geboten. Noch einer Wohltat erfreuten sich die Juden unter der ukrainischen Herrschaft. Die ukrainischen Behörden beachteten überall die von den Juden proklamierte Neutralität — somit jenes Prinzip, wonach die Juden, als ein Volk sich in den polnisch-ukrainischen Kampf nicht mengen und auch von keiner Seite hineingeschleppt werden wollten. Niemand von den Kombattanten respektierte so haargenau diese neutrale Haltung der Juden als die Ukrainer. Und nun kam die polnische Offensive. —' Das Land wurde kaum besetzt und schon hören wir von antijüdischen Ausschreitungen in Boryslaw, Drohobycz, Stryj, Sambor. Kaum datz die Bahnverbindung mit dem Westen hergestellt worden ist und schon kommen uns Nachrichten zu, datz jüdische Staatsbeamten, die nur infolge ihrer wirtschaftlichen Lage gezwungen waren, bei den Ukrainern Dienst zu machen und trotzdem strikteste Neutralität eingehalten, ja selbst weder ukrainische Staatsembleme angelegt, noch das Gelöbnis geleistet haben, von ihnen zu Hunderten davongejagt, jüdische Schüler vom öffentlichen Unterricht ausgeschlossen werden. Noch fühlen sich die Polen im Lande nicht ganz sicher und schon heben sie zwangsweise Juden zum Militärdienst aus. Somit haben die Polen die Neutra» <lität, gegen unseren Willen, gebrochen und unS gegen unseren Willen in den unS Juden nicht tangierenden Kampf hineingezerrt, damit noch mehr jüdisches Blut fliehe — als ob die jüdischen Kriegs- und Pogromopfer eine noch zu geringe Blutsteuer für uns gewesen Wäre. Aber Polen begnügt sich auch damit noch nicht» Der polnische Chauvinismus ruhte nicht ... Er glaubte die Auflösung der jüdischen Bolksgemeinden und Nationalräte verfügen und die alte morsche Kahals» institution mit seinen verderbten Repräsentanten einsetzen zu müssen. Die Schamlosigkeit der polnischen Be- Hörden ging noch weiter. Sie berief sogar telegraphisch die im Auslande weilenden Kahalsjuden a la Feuerstein et consortes, die jüdisches Blut am Gewissen haben — wir erwähnen nur sein Werk, die blutigen Wahlen in Drohobycz am 19. Juni 1911 — damit sie ihre blinden Werkzeuge zur Stelle haben, um die jüdischen Volksmaffen noch mehr peinigen zu können unb sich dabei des Anblickes erfreuen zu können, wie die Juden von eigenen Brüdern in's Jammertal gestürzt werden. Grausamen, schrecklichen Zeiten geht jetzt die ostgalizische Judenheit entgegen. Die Gerechtigkeit der Geschichte aber fordert eS, datz wir allerweltS den Unterschied zwischen den Zuständen in Galizien unter ukrainischer und polnischer Herrschaft zeigen. , , ' Hie — nationale Autonomie, da — Grausamrett, eine Pogromhölle. Willkürakte polnischer Chauvinisten, ״HiM Jüdischer Volkskaleuder". /