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Jüdische Volksstimme · 1919-06-12 · Heft 14 (12.6.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 14 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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*‘titt 2 WMitch» ftrif ogNwn* >. 14 Nationalismus oder nationaler Chauvinismus? logne" war für die Franzose« noch immer ein Rahn« ruf, daunterdrückte Polentu« zu befreien. Französische Politiker wollten oder sahen nicht, daß daunterdrückte Polen in seiner Sklaverei — selbst zum Unterdrücker kleinerer Nationen wurde. Sie sa» hen nur die polnischen Märtyrer, die für ihre Idee nach Sibirien wandern mußten — sahen aber nicht den wütenden polnischen Hetzer der, als Nationaldemokrat, finstere Bolksmaffen zum Judenboykott und ״pogrom geradezu in unmenschlicher Weise aufwiegelte. In der Beurteilung der polnischen Frage fehlte Frankreich die historische Distanz zwischen der Zeit der Emigration und der Jetztzeit. Oder wollte der franzSfische Imperialismus gar absichtlich diese Distanz nicht beachten? * 9 * Und nun? Unter dem Schutze der Entente, ja als Freund und Alliierter Frankreichkonsolidiert sich heute der neuge» fchaffene polnische Staat. Dessen ungeachtet läßt dieser junge zur Freiheit wachgerufene Staat seine' »Juden hinmorden, und erbarmungslos auSrvtten. Unzählig sind schon heute die Namen der Städte in denen taufen״ de von unschuldigen Juden hingefchlachtet wurden. Trotz des herzzerreißenden Jammergeschreies von Millionen verzweifelter Juden, schweigt noch immer da- «europäische Gewissen". Und der nüchterne Diplomatenverstand begnügt sich heute mit der Stipulierung einer einzigen Klausel im Friedensvertrag, wonach die Einwohner, die «sich von der Majorität durch Rasse, Sprache oder Religion unterscheiden", geschützt werden sollen, und glaubt — ähnlich, wie der Berliner Kongreß — schon allezum Schutze der Juden'getan zu haben. Um den Mord und Raub an den Juden kümmert sich wohl keiner von den Versailler Herren mehr. Oder will gar Europa einen neuen papierenen Judenpunkt — ähnlich ,wie den Artikel 44 — schaffen? Soll in Versailles ein ernst zu nehmender FriedenSvertrag geschaffen werden, der nicht nur ein Fetzen Papier bleiben soll, dann muß Europa für die Einhaltung der Friedensbestimmungen. sichere Garantien schaffen. Einen sehr wichtigen Bestandteil dieser Bestimmungen muß auch die polnische Judenfrage bilden. Die Stipu- ׳ lierung einer Klausel genügt noch bei weitem nicht, ׳. ׳ ׳ - ׳ . , ־ ״ ״ nein, Europa mutz Mitte, sch-sf-n, um Polen, da« für Deutschtum-,-, durch -m- ,ud.sche zu di- Juden heute nichts weniper -l» eine Pogromholle und auch den Hatz -mzeln-r Nattonen unterist. zur Mirkltchen und faktischen Anerkennung der jüdi. -"--"d--׳ «.genschafte» von _ nattonal. sch-n MinoritätSschn-rechte ״»Ingen zu «innen. Tut e» *•*»™m »«Wtי״־»«® ״־• S,e vergeben aber ' dabei, daß wrr Juden einerseits rn der Draspora mit fast allen Nationen gedeihlich zusammenarbeiten müssen, andererseits auch in Palästina mit den dort lebenden Arabern einen moduS vivendi, eine Möglichkeit, mit ihnen gut und friedlich zusammenzuleben, finden müssen; denn sonst werden wir nie unser zukünftiges Land erlangen und behaupten, nie in der Diaspora wirklich frei und glücklich leben können. Aber manche unserer Chauvinisten gehen noch weiter: Sie erklären, daß ein'Nationaljude sich mit sozialen Problemen überhaupt niccht abgeben dürfe. Und gerade das ist es, wovor wir Juden uns hüten müssen, da wir sonst nie volle politische und wirtschaftliche Frei״ heit erhalten werden, weder in der Diaspora, noch in unserem Stammlande; A««1t «» tut# tritt wie an alle anderen Völker die se-tale Frage heran und wehr u»S, Dies« gcage, dieigentlich gar seine Beaniw»»«ng I?"" ®יי*״ 6"י יי,‘״6 *״ *יי 'י »e«»t»»r«e» bedarf, muß man jetzt oft austverfen, wenn man in der! jüngsten Zeit einige Chauvinisten im jüdischen Lager h1c f4uUut'“nb Emigra״ sprechen hört, die behaupten, der Jude habe sich nur!°^*ntrum für das jüdische Volk errichten wollen. mit dem Judentums zu beschäftigen, jede Verständigung mit den Völkern, mit denen wir in der Diaspora gemeinsam leben, und auch jede Betätigung auf sozialen Gebiete sei Assimilation. Bon diesen, die sich mit Unrecht Zionisten oder Jüdischnationale nennen, wird eben der Begriff Nationalismus falsch verstanden: National sein heißt nicht nur die Ueberlieferungen der Vorfahren zu erhalten (die Sprache, Literatur, Geschichte usw. zu pflegen), sondern auch für das Wirtschaftliche Wohl seines Volkes einzutreten und sowohl mit den Völkern, mit denen man gemeinsam in einem und demselben Lande wohnt, als auch mit den Nach״ barvölkern ein gutes und beide Teile fördernde# Verhältnis zu pflegen; dann werden nie die Begriffe Wirt#- und Gastvolk auftauchen, da wir Juden ebendasselbe Recht auf den Boden, den wir bewohnen, haben, wie alle anderen Völker und dieses Recht soll unS der nationale Chauvinismus nicht rauben. Wjr können uns Wohl da# letzte Volk nennen, da# zum Nationalbewußtsein gelangt ist, da# erkannt hat, daß es als gemeinsames Band, nicht nur die Religion, sondern die Stammesverwandtschaft habe. In dem Augenblick, als einige Erlesene unsere# Volkes zu dieser Erkenntnis gelangt waren, waren sie natürlich Kestrebt, eS den anderen Nationen gleichzumachen: Sie würden sich ihrer Kraft bewußt, sie erkannten, daß sie nicht ein niedriges, sondern ein mit Gewalt niedergedrückteS Volk seien und Druck erzeugte Gegendruck. .So verbreitete sich unsere nationale Bewegung. Wir suchten dem Nationalbewußtsein anderer Nationen nachzusind ja direkt gezwungen, unS mtt sozialükonomischen Fragen zu beschäftigen. UnS kan« es nicht einerlei sein, »b eine Despetie, fei »S «durch eine» einzelne», sei es durch den Staat Über uns auSgeübt werde» sa« oder ob wir politisch und wirtschaftlich frei sein werden — und politische Freiheit ist mit ökonomischer Knechtung unvereinbar — »b in PalSstiua das System de# «api״ taliSmnS, KammuniSmuS, Anarchismus -der Geu-ffen״ schaftSs-zialiSmuS herrschen soll. Wir müssen auch feststellen, ob der Boden Gemeineigentum -der Privat״ eigentum einzelner Kapitalisten sein soll, ob da# jü״ dtsche Proletariat in der neuen Heimat so wie früher in der Diaspora, zur Abwechslung vielleicht von jüdischnational sich nennenden Ausbeutern geknechtet werden soll oder ob jeder an dem Boden unserer Gäterden ihm gebührenden Anteil und den seiner Tüchtigkeit und seinem Fleiß entsprechenden Gewinn haben s-I. Für die Juden, die auswandern müssen oder wo!״ len und nur einen kleinen Teil der jüdischen Gesamt״ h-tt vorstellen, ist, wie wir gesehen haben, die soziale Frage hochwichtig, aber noch wichtiger und beinahe eins Lebensfrage ist sie für diejenigen, die in der Diaspora weiterleben müssen. ES wird doch sicher niemand leug״ nen, daß ein Grund zum AntisemttiSmuS, vielleicht so״ gar die Hauptursache, die wirtschaftliche Rot ist, in welcher der größte Teil der physisch und geistig arbeitenden Bevölkerung leben muß; denn nur einem hungrigen und unzufriedenen Volke können gewissen#״ lose Politiker das Schlagwort ״Jud" hinwerfeu und daher ist es für uns Juden hochwichtig, die Lag« der eifern, wir lernten unsere Sprache wieder kennen und Arbeitenden Bevölkerung zu bessern, aus einem hungschätzen, wir lasen in der Geschichte unserer Vorfahren, waren swlz auf unsere Nationalhelden — und in der neuesten Zeit ahmen einige auch den nationalen ChauvinismuS anderer Völker in feiner krassesten Form nach; sie bemühten sich die jeden feinfühlenden Menaber der Versailler Frieden nicht — so ist sein Werk nur eine Farce ähnlich, wie es der Berliner Kongreß hinsichtlich seiner, nur dem Scheine nach, beschlossenen Gleichberechtigung der rumänischen Juden im Jahre 1878, gewesen ist. Ben Nachman. ־־־־־ גבולות hobrWsoha Monatsschrift »Sorg nicht Dawid, sieh nur, du fährst so einen weiten Weg . . .״ »Oh, ich bin so Gott will, bald wieder zu Hause." Und sie begleitet ihn zur Bahn. Es ist eine Helle Nacht und ringsum schlummert alles im süßen Schoße des Traumgottes. Wie jugendliche Brautleute, welche sich in späten Nachtstunden davon schleichen, gehen sie aneinander geschmiegt, Schulter an Schulter. »Gute Nacht, Rosie-leben;" »Gute Nacht, fahr gesund." Eine lange, lange Weile steht sie da am Hügel, schaut ihm sehnsüchtig nach bis er in der Nacht verschwindet. Als endlich der Zug gepfiffen, geht sie nach Hause, leise vor sich hinflüsternd: »Du süßer, du guter Engel, wenn du nicht wärst. . . Einmal wollte er zum ״Riczenec" fahren, jedoch wagte er es nicht wieder. Nosie war damals so vergrämt.... «Und wenn er befiehlt..." Er unterbrach sie Plötzlich und wollte nichts davon hören. »Roseniu", sagte er tröstend — bei »Ihnen" ist Mitleid vorhanden, tiefes Mitleid . . Traurig wird es bei ihnen, wenn es im Gäßchen Festtag gibt, z. B. eine Hochzeit, oder etwas ähnliches. Oh, dann wird es gern sehr traurig . . . Spielt die Musik einen fröhlichen Trauungsmarsch, ziehen sie sich rasch in ihr Stübchen zurück, verschließen Türe und Fenster. Aber wie zum Trotz dringen die Töne in einem wilden Satantanz zu ihnen hinüber und ihnen ist es als ob böswillige Teufel mit feurigen Fingern in ihren gequälten Herzen herumwühlten ... Einstens, eS war gleich nach der Hochzeit, es blühten noch Hoffnungen und Träume, oh da verstanden sie es auch fröhlich zu sein. Ihre Sabatte und Feiertage pflegten doch so lustig zu sein, daß sie sich heute mit süßer Wehmut jener Zeiten erinnern. Samstag abends. Ringsum brennen viele, viele Lichter. Nosie sitzt strahlend, sabattlich gekleidet Dawid Hersch gegenüber und hört seinen Sabattgesängen zu. «Esches Chajil mi jimzu? ja, lieber Vater, mi jimzu?" Kleine Engelchen mit Weißen Schwingen schweben um sie wohl so innig süß . . . Heute ist eS ganz anders. Unerfüllte Hoffnungen, vernichtete Träume . . . Es lebt sich hin trocken, nüchtern. Samstag ist es sehr traurig in ihrem Stübchen. Man fühlt es ganz deutlich heraus, daß hier jemand s^ylt damit ihnen wohl sei. Man schläft also den ganzen Tag. Mitunter plaudert man auch ein wenig. ״Wie wäre es geworden, wenn uns Gott mit einem Kinde beschenkt hätte?" fragte Roste unmittelbar. ״Wie? . . sagt Dawid Hersch gerührv, ״hm . . . die besten Lehrer ... die feinsten Kleider." Oft kommt es vor, daß man ganze Tage verplandert und ganz einfach vergißt, ob alles nur ein Wunsch sei. An milden Sommerabenden sitzen beide auf ihrer Türschwelle, schauen in den Nachthimmel bis in den Hellen Tag hinein. Und wenn dann am Morgen ihr Laden später als alle gesperrt ist, spötteln die Nachbarn. ״Sie müssen am Tage einholen, waS sie in der Nacht versäumt haben." rigen Volke ein sattes zu machen; jedes ökonomisch gutstehende Volk sucht nämlich wissender und zum Kultur״ Menschen zu werden und ein mit seinem Lose zufriede״ ner Kulturmensch kann nie nationaler Chauvinist und daher kein verbissener Rassenantisemit sein, da er eben auch wirtschaftlich keinen Grund dazu hat. Aber nicht nur die Völker, mit denen wir zusam״ menwohnen, wollen wir ökonomisch freier und zufriedener machen, auch hunberttausenbe unserer Stammes״ senoffen schmachten ja in ärgster Not und allen denen muß doch in erster Linie geholfen werden. Diese hochwichtigen Ziele der jüdischen Moderne können aber nicht nur durch Pflege der hebräischen Sprache und Literatur, der Geschichte unserer Vorsatz״ ren, der Geographie unserer zukünftigen Heimstätte und nicht durch Aufblühen des falsch verstandenen Mystizis« mus — was bis jetzt wohl zur Geburt, Verbreitung und Erhaltung unseres Nationalgedankens unbedingt notwendig war — erreicht werden, sondern hauptsäch-!ich durch werktätige Arbeit auf dem Gebiete der Sozial״ reform. Darum muß jeder Zionist und Jüdischnationale sich rege mit den sozialen Problemen beschäftigen, er darf nicht unerfahren sein in diesen wichtigen Wissenschäften, die, falsch angewendet, Verderben, richtig a'öer, wahres Heil bringen können und nur dann kann er wahrhaft jüdischnational genannt werden, wenn er allen Chauvinismus ablegt und die politische und Wirtschaft״ liche Freiheit seines Volkes sowie der Gesamtheit mit aller Kraft anstrebt. Fr. Sch . . z. Schewuoth. Im Juni 1919. DaS Wochensest, das wir eben feierten, zwingt uns zum Nachdenken und zwar umsomehr, als das Fest' auch Zeman mattan Tauroßenu heißt. Die Zeit unserer Gesetzgebung. Das Fest erinnert uns lebhaft an unseren Lehrer Moses, der den Juden die ersten Gesetze gab. Die Gesetze, die durchdrungen sind von menschlichen und demokratischen Gedanken. Namentlich zeugt davon die mosaische Agrargesetzgebung, von welcher der amerikanische Nationalökonom und Bodenreformer Henry George in seinem »Fortschritt und Armut" behauptet, sie wäre von einem Heros geschaffen. MoseS ging von dem richtigen Gedan״ ken aus, daß in einem Staate, in dem ein Großgrundbesitz fehle, niemals eine soziale Frage entstehen könne. Eine Idee, die heute von allen Bodenreformern anerkannt und verteidigt wird, namentlich von Damaschke, Franz Oppenheimer und George. verbreitet die Jüdische Volsstimme!"

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