Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 14 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX, ftttJttme* 14 ,--- Bez«§»»reifer halbjährig . » Manen 12 50 ganzjährig.. . . —׳24 Kronen , Deutschland, ganzjährig . . , , . —׳18 Mark . Balkan, Frankreich....... ..___- ...———— — ׳12 Rubel . —׳24 «Frank . ' 5"<ן\ Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S Buchhändlerische Vertretung: Vtt, Me««, Lettzzi» Inserate: dev 6-spaltige ZentimsLerrttum 2 Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht «.on» riert. — Manuskripten ist Rückporto deigufügett. Wien—Brünn. 12. Jiin, 1910. /14. Siwan 5879 Prag—Lemberg. Julien Bmuus! Wählet am 15. Juni 1919 jene Listen, die die Namen aufrechter, selbstbewußter Juden tragen. Juden und Jüdinnen, erfüllet Euere Pflicht! Wen MM! II INI uiirr Die Polnische Judensrage im Lichte des Versailler Friedens- Vertrages. In dem auf Polen Bezug habenden Teil des FriedenSvertrageS findet sich folgende Klausel: »Die polnische Regierung erklärt sich damit einverstanden, daß in dem Vertrag mit den Großmächten solche Bestimmungen ausgenommen werden, welche diese Mächte für notwendig erachten, um in Polen die Intetessen derjenigen Einwohner zu schützen, die sich von der Majorität durch Raffe, Sprache oder Religion unterscheiden." Diese Klausel bestimmt noch bei weitem nicht, welcher Art diese Rechte und inwiefcrne sie gerantiert sein sollen — und schon wittert die ganze polnische Presse gegen diesen ״Judenpunkt", der den Polen von draußen aufgezwungen wird. Choloniewski, der Sprecher der chauvinistisch-antisemitisch gesinnten Nationaldemokraten klagt über den mächtigen jüdischen Einfluß, dem die Polen außer dem Verlust von Danzig auch die Stipulier.ung dieser Klausel zu verdanken haben. Eine ähnliche Situation erlebten wir Juden schon im Jahre 1878. Auch damals galt es die Rechte — und die bürgerliche — der Juden in einem ncueingerichteten Staate zu sichern. Und auch dieser Staat gebärdete sich wie ein Wahnsinniger gegen den von außen aufgezwungenen Juden- Punkt. Damals hieß der Staat Rumänien und der Judenpunkt war nichts anderes als der Art. XL1V des Berliner Vertrages vom Jahre 1878. Der mächtige Fürspreche! der jüdischen Rechte der damalige französische Minister des Aeußern Waddington setzte alle Hebel in Bewegung, um Rumänien zur Anerkennung dieses Artikels zu zwingen. Ja er mußte selbst einen fast zweijährigen diplomatischen Kampf um den Judenpunkt führen. Nicht ganz anders stehen die Sachen heute. Auch heute brüstet sich ein französischer Minister für die Freiheit ״aller kleinen Völker" einzutreten und rücksichtslos will er den Friedensvertrag diktieren. Auch heute werden ähnlich wie damals neue Staaten begründet. Mit besonderer Liebe nimmt sich jetzt Frankreich seines Schoßkindes — Polen — an. Polen' war ja seit Napoleons Tagen der Liebling der Franzosen. ״La Pologne" war für die Franzosen der Inbegriff eines unglücklichen, durch Verschulden der alten Diplomatie in Sklaverei geratenen Volkes. Der Befreiung Polens hat Frankreich stets ein mutigeS Wort gesprochen. Fanden ja alle politischen Flüchtlinge Polens eine gastfreundliche Aufnahme in Frankreichs Landen. Von hier gelangten ja alle polnischen Nationalbestrebungen in das Heimatsgebiet. Mickiewiez, Lelewel, Czartoryski, Worcel, Klaczko — sie alle waren die Schöpfer und geistigen Führer der Emigration. In ihnen sah Frankreich die Vertreter des Polenvolkes. In diesen idealerfüllten Menschen mit reiner Seele und Gesinnung wähnten die Franzosen das wahre Abbild des polnischen Volkstums zu sehen. Die Zeiten änderten sich und mit ihnen verschwand auch die Emigration als Trägerin des polnisch-politischen Lebens von der historischen Oberfläche. In Polen selbst regten sich neue Bewegungen, deren Stigma eine ausgesprochene antisemitisch-national-polnische Richtung geworden ist. Der Judenbohkott wurde zum Leitfaden polnischer Gegenwartspolitik. Frankreich spürte nicht diesen Wechsel in der polnischen Gesellschaft — sie sah die Polen noch immer mit denselben Augen, wie zur Zeit der Emigration. Es wähnte noch immer, daß die Polen im Geiste der ersten Emigranten-Jdealisten tätig seien. ״La Po- Feuilleton Kinderlos. Skizze von Benzion Moser (Lemberg). (AuS dem Jüdischen übersetzt von Malka Locker.)" Schon lange, lange, seit Menschengedenken wohnen sie am äußersten Rande der Kramladen. Dort besitzen sie ein vier Ellen großes Stübchen und einen schmalen Laden mit alten Kleidern. Ihnen ist es genug. Nur leben sie in diesem winzigen Raum bloß für sich, abgeschloffen für die Umgebung. Weil sie Gott gedemütigt hat, bitter gedemütigt. . . . Sie sind kinderlos . . . Nicht einmal ein kleines Grab auf Gottesacker, wo man verweilen könnte und flüstern ״Hier ruht unser Joselle . Und sie haben ein tiefes Mitleid zueinander. Wie zwei auf einer wilden Wüste zu einem gemeinsamen Ziel Verirrte leben sie einander zugetan, hingegeben . . . Sie haben für einander nur zärtliche Worte, liebende Blicke, als ob sie gestern getraut wären. Besucht sie einmal eine Nachbarin, schaut sich dieses Leben an wie sich hier alles zusammenwebt, Gespräch und Hausgerät — muß in ihr ein Gefühl aufkommen. »Du lieber Gott, warum hast Du diese Stillen so hart bestraft?" Morgens, wenn schon überall volles Leben herrscht, ist ihr Laden noch gesperrt. Erst kommt der ״Wassergoj". Klopft stark an die Tür. Da springt Dawid Hersch rasch vom Bett, beschüttet die Hände mit «Nagelwaffer" tritt langsam an Rostes Bett und beginnt sie sachte zu wecken: «Steh auf Leben!" — Ist es schon spät? — fragt Roste müde. — «Oj, oh, der Bettler ist schon am zehnten Dorf". Da nimmt Dawid Hersch den ״Tfilen-Sach" und verloren nachdenkend geht er in Schühl, innerlich gedemütigt, jedem zuerst ״Gut Morgen" sagend. Roste öffnet indes den Laden und zieht sich rasch in ihr kleines Stübchen zurück. Ist ein Markttag, mutz man früher aufstehen. Roste wälzt eine Kiste Ware einher, macht vor der Tür noch eine Verkaufstelle, Dawid Hersch dreht sich indes im Laden herum und sortiert die Waren. Es ist ein lärmender Markttag. Alle schreien laut, frech, Roste wird mitgerissen und ruft: «Hierher, Käufer, hier ist echte Pester und Wiener Ware!" Darüber werden die Nachbarn erbost und beginnen zu schimpfen: «Seht nur, wie sie den Mund auftut." Es könnten ihr sonst die Kinder verhungern." Ob über Roste ein Donner einschlüge, hält sie plötzlich inne, eist voller Weh zu Dawid Hersch in den Laden und weint den ganzen lieben Tag. Meine Schande. Du lieber Gott, oh, daß sie davon heimgesucht, mit meinem Weh geprüft werden. Wenn es allmählich dunkler wird, die Geschäfte sich leeren und das letzte Geräusch verhallt, verlieren sich beide, Dawid Hersch und Roste tief im finstern Stübchen und .zählen die heutige Losung. Ist es aber gar zu traurig und Dawid Hersch möchte ein bißchen aufheitern. ״Gebe Gott für immer Noseniu." ״Ein schönes Sümmchen." ״Oh, du bist nicht klug Dawid, gar nicht klug. Und was haben wir von all dem Geld? . . . und wieder Geld? wozu? . . . Tief empfindet Dawid Hersch die traurige Wahrheit dieser Worte. . . «Es ist Zeit Mincha, zu beten", sagt er endlich, erhebt sich, begleitet von Rostes schmerzvollem Stöhnen. ״Jisgadal wejiskadasch." An solchen Vorabenden Pflegt sein Beten inniger und süßer als sonst zu sein. In den heißen Sommertagen, wenn der Bauer auf dem Felde arbeitet und keine Märkte vorhanden sind, sitzen beide in ihrem kleinen Laden und führen lange Gespräche. Oft verirren sie sich auf Umwegen, auf trüben, nicht selten auf schönen und heiteren. ״Na, wenn der,'der ewig lebt, nicht will, muß es ja so sein . . ." «Deshalb sage ich doch, wir sollen eine ״Torah" ge» ben." «Du hast recht, Roseniu, eine Torah und beim besten Sojfer lassen wir sie schreiben." ״Und ich werde ein seidenes Hcmdchen nähen . . .. ein schönes . . ." ״Ein Festmahl werden wir geben, ein reiches. . ״Musik wird spielen", fällt Roste ein, «genau als würden wir ein Kind zur Trauung führen . . ." Beide schweigen in düstere Gedanken versunken... An den langen Winterabenden ist es noch trauriger. Dawid Hersch sitzt in ״Klaus" bei einer ״Gemorah" und lernt innig voller Weh; scheint als ob er eine herbe Frage stellen wollte: ״Warum? und..." Es ist herzzerreißend. Daheim sitzen Roste am Herd, einsam, gleichsam in sich verloren, strickt einen Strupf und spinnt schwere unheimliche Gedanken. . . Einmal im Jahre fährt Dawid Hersch nach Wien oder Pest um Ware zu kaufen. Da kommen wieder im winzigen Stübchen traurige, aber herzinnige Abende. ״Du wirst Roleniu eine Nachbarin zu dir bitten, während ich abwesend bin, es ist nicht geheuer allein zu schlafen." llerbreltel <Ue ״Mrcbr Uolk$$tim1(1e".