Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 13 (2.6.1919)
- Date
- 1919-06-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Deik d Nf. 13. •flt 16. September 1864 in Böhmifch-Leipa als Sohn eines Kantors geboren, trieb musikalische Studien in Wien und Prag mit besonderem Erfolge und war nach tüchtiger Vorbereitung bei seinem Vater mit Leib und Seele Kantor. So lebt fein Andenken fort in unserer Gemeinde und war der Nachruf de» ehrw. Herrn Rab. Dr. Hoch ein wohlverdienter. Ehre seinem Andenken! Krakau. Das hier erscheinende klerikal-antisemitische Matt »GloS Rarodu" veröffentlicht in der heutigen Nr. einen Leitartikel, in dem es u. a. heißt: »Den letzten Pariser Telegrammen zufolge befindet sich iu dem Text de» Vertrages mit den Koalitionsmächten, der der Warschauer Regierung zur Unterzeichnung vorgelegt wird, folgender PaffuS: »Polen ist mit der Aufnahme des nach stehenden״ Beschlusses in den Friedensvertrag einverstanden: Achtung der Anordnungen, die von den Mächten für den Schütz der Bewohner Polens, die sich durch ihre Raffe, Sprache und Religion von der Mehrheit unterscheiden, für angebracht gehalten werden". Hierbei kann es sich nur um unsere jüdischen Mitbürger handeln. Liegt denn daS Bedürfnis vor, auf den Antrag der Rabbiner eine Kuratel über uns zu verhängen? Möge uns niemand die antisemitischen Ausschreitungen Vorhalten, die nicht ohne Schuld der Juden, als eine Erscheinung der Verwilderung nach dem Kriege gekommen find, und die geschichtlich einen allzu geringen Bruchteil des DaseinS der jüdischen Bevölkerung in Polen bilden, um daraus irgendwelche dauerhafte Schlüffe zu ziehen. — Warum hat Westeuropa keine Juden? Weil es sie ermordet und vertrieben hatte. Ist es heute daher berechtigt, gegen uns zu intervenieren, gegen ein Volk, dem daS Judentum beinahe sein Dasein verdankt? ES wäre doch viel einfacher, den Fehler der Ahnen wieder gut zu machen und die Verbannten wieder aufzunehmen. Die angekündigte Einmischung in unsere inneren Verhältniffe müssen wir als eine durch nichts verdiente schwere Demütigung, als Beleidigung und als einen grundsätzlichen unzulässigen Anschlag auf das Ansehen unseres Staates und auf unsere Rechte als Herr im eigenen Hause zurückzuweisen." Lemberg. Die hiesige polnische Postdirektion hat sämtlichen jüdischen Postbeamten, die sich zur jüdischen Nation bekennen, gekündigt. Einer Abordnung der Lemberger Zionisten, die in dieser Angelegenheit bei der Warschauer Zentralregierung vorstellig wurde, wurde zugesichert, daß diese Verordnung der Lemberger Behörde aufgehoben werden würde. Dessenungeachtet hält die hiesige Direktion die Kündigung der jüdischen Beamten aufrecht, die nunmehr brotlos werden. Berlin. Am Montag, den 26. Mai, fand in den Räumlichkeiten des Hotel ״Rheingold" die Eröffnungs-- fitzung des Palästina-Delegiertentages der deutschen Zionisten statt. Es waren über 150 Delegierte, zahlreiche Mitglieder des Zentralkomitees und über 1000 Gäste anwesend; die Dauer der Konferenz ist auf vier Tage berechnet. Namens des Aktionskomitees eröffnete Marburg die Tagung mit einer Begrüßungsrede, Rubaschoff sprach für Poale-Zion, ferner sprachen Tartakower (Deutschösterreich) und Lenburg (Polen). Rechtsanwalt Dr. Klee hielt eine flammende Protestrede gegen die Pogrome, die von der Versammlung zu Ehren der ermordeten Juden stehend angehört wurde; hierauf leisteten alle Anwesenden den Schwur in treuer Arbeit für unser Volk weiter auszuharren. In seinem politischen Referat wies Hantke auf die Notwendigkeit der Arbeit für den Palästinaaufbaufond hin, worauf sich eine kurze politische Debatte entwickelte. Hirauf referierte Davis Triesch über die Ansiedlungs- Möglichkeiten in Palästina. Derfonaknachrickcken. Wien. Samstag, den 31. Mai, 9 Uhr vormittags, begeht im Seitenstettentempel Herr S. S. Kohn, die Barmizwah seines Sohnes. Wien. Fräulein Kitty I o k l wurde an der Univerfität Zürich zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Sie ist die Schwester unseres im Kriege verstorbenen Gesinnungsgenossen Hans Jokl, A. H. der Lesehalle in Brünn und Wien. Verlobung. Unser Mitarbeiter Herr Rabbiner Dr. Ezechiel Landau, Strakonitz, hat sich mit Frl. Helene Grünberg, Berlin, verlobt. Unsere besten Glückwünsche. — Die Redaktion. Berlin. Der bekannte Nervenarzt Prof. Dr. Herm. Oppenheim ist gestorben. Karlsruhe. Als Nachfolger des verstorbenen Rabbiner Dr. Appel wurde Dr. K u r r e i n, ein Sohn des Rabb. Prof. Dr. Ad. Kurrein. Teplitz, gewählt. Würzburg. Die hiesige Gemeinde beklagt den Tod des Distriktsrabbiners Nathan Bambe rg er. Streiche Herschl OstropolerS des jüd. Till Eulenspiegels. Einmal herrschte in Estrompla unter den Juden große Aufregung: Ein Bauer, der einzige, der Häcksel zu verkaufen hatte, wollte diese damals sehr gesuchte Ware den Juden nicht unter dem Doppelten des sonst üblichen Preises verkaufen. Daß die Juden darüber von Stunde zu Stunde erbitterter wurden, läßt sich Wohl denken. Plötzlich ging ein Ruf der Freude durch die Menge: Herschl war da. Sofort umringten sie ihn, um ihm den Vorfall zu erzählen. ״Siehst du den Bauer dort?" rief einer, ״dem mutzt du einen Streich spielen." Herschl ließ sich'S nicht zweimal sagen. Cr ging auf den Bauer zu und fragte ihn, ob er Häcksel habe und was er dafür verlange. ״Juden zahlen das Doppelte des gewöhnlichen Preises", war die Antwort. Herschl machte ein saueres Gesicht, runzelte die Stirn und erklärte sich schließlich — von den Umständen gezwungen — bereit einige Säcke Häcksel zu kaufen. Der Bauer rieb sich die Hände vor Freude, weil es ihm doch gelungen war, einem Juden die Ware um den teueren Preis anzuhängen. Herschl aber forderte ihn auf, ihm mit einer Anzahl Säcken zu folgen, er wolle ihn führen. So machten sich beide auf den Weg. Als sie in die Nähe des jüdischen Bades kamen, forderte Herschl den Bauer auf, ein wenig zu wgrten, er wolle zuerst nachsehen, ob in der Scheune noch Platz sei. Dann nahm er einen Sack unter den Arm und ging hinein. Drinnen streute er rasch den Häcksel auf das Wasser, bis die ganze Oberfläche bedeckt war und eilte hinaus, ,um den Bauer hineinzurufen. ״Da streu den Häcksel auf!" rief er ihm zu, als sie beide drinnen waren. Als einige Säcke geleert waren, hietz er ihn den Häcksel fest zusammenstampfen, damit sie mehr Platz bekämen. Der Bauer holte kräftig mit den Stiefeln aus — ein Plumps — und Herschl war über alle Berge. * * Herschl kam einmal, ärmlich gekleidet, wie er war, in ein Wirtshaus. Der Wirt, der ein Protz und Grobian zugleich war, warf Herschl zur Tür hinaus. Dies wollte unser Freund nicht ungerächt lassen und kam auch bald auf einen guten Gedanken. Er eilte zu seinem Nachbar, von dem er sich ein elegantes Gewand auslieh, und holte auch einige Freunde ab, die gern auf den Plan des lustigen Gesellen eingingen. Ebenfalls vornehm gekleidet, gingen sie mit ihm ins genannte Wirtshaus, wo sie beim lPirt das Beste und Teuerste, was er am Lager habe, bestellten. Der Wirt, der keine Ahnung hatte, wer die Gäste waren, schmunzelte vergnügt, denn er gedachte sie gründlich zu rupfen. Die Fremden fragten auch gar nicht um den Preis, sondern atzen und tranken um die Wette. Als sie endlich zum Bersten satt waren, riefen sie den Wirt, um zu zahlen. Da bot sich einer an, alles zu bezahlen. ״H-lt!" rief ein anderer, ״ich habe euch zum Mahl eingeladen, ich habe zu zahlen." ״Nein!" schrie ein dritker, ״das gibt's nicht!" Und so entstand ein Streit, der den Wirt nicht wenig besorgt machte. ״Freunde", sagte da Herschl, ״ich will euch einen Vorschlag machen: Wir losen, und wen das Los trifft, der zahlt alles." ״Gut!" rief der Wirt, und auch die anderen sttimmten zu. ״Nun", fuhr Herschl fort, ״da ein Unparteiischer losen muß, so soll das der Wirt tun. Wir binden ihm die Augen zu und er soll nach uns greifen. Wen er zuerst berührt, der wird zahlen." Der Vorschlag gefiel allen, die Freunde banden dem Wirt kräftig die Augen zu und, während er nach allen Seiten herumtappte, waren sie längst verduftet. Warum die Chelmer ״klug" sind. Die Chelmer fragten einmal Hersch Astropolski, wie es komme, daß die Chelmer Leute alle kluge Männer sind. Hersch erwiderte ihnen: «Der Schöpfer der Welt läßt in jedem Städtchen einige Gelehrte, Kluge usw. geboren werden und er setzte über jede Art Seelen einen besonderen Engel ein. So macht sich jeder Engel mit seinem Bündel Seelen von Jahr zu Jahr auf dem Weg und läßt in jedem Orte die bestimmten Seelen niederfallen. Einmal kam der Engel, der über die Seelen der Klugen gesetzt ist, mit einem vollbeladenen Sack durch Chelm. Und da Chelm von Berge und Tälern umgeben ist, glitt der Engel aus und hat er alle Klugen — Seelen auf Chelm ausgeschüttet. Herschd Ratschlag. Hersch Ostropolski kam einmal nach Patzanow und da traf er die Gemeinde in einer großen Verlegenheit. Es wurde nämlich der Schmidt des Ortes wegen einen Mordschlag zum Tode verurteilt. Nun befand sich die Stadt in einer Verlegenheit, da weit und breit kein — Schmidt war. Als Hersch dort eintraf, wendeten sich die Leute an ihm um Rat. Nun hatte Hersch eine gute Gelegenheit sich an einen ihn bösgesinnten Schlösser zu rächen. Er gab den Rat, das anstatt des Schmiedes einer der Schlosser und zwar der jüngere gehenkt werden soll. Dem GerichtSrat gefiel dieser Rat und das Urteil wurde dementsprechend abgeändert. Brünner Nachrichten. Verein ״Machfike HadaS" in Brünn, Adlergaffe 12. (Wiedereröffnung der Massigen Talmud-Thora-Dibelschule.) Der Vorstand des Vereines ״Machsike Hadas" hat beschlossen, die öklassige TalMüd-Thora-Bibelschule, für Knaben und Mädchen vom 6. bis 15. Lebensjahre zu reorganisieren. Die Intention des Vereines geht dahin, die Schule nach einem von berufenen Fachmännern ausgearbeiteten Schulprogramme sowohl in religiöser, als auch in mobern-jützischer Richtung auSzugestatten. — Die Eltern werden aufgefordert, die Anmeldüng der Kinder entweder auf schriftlichem Wege dem Vereine ״Machsike HadaS" in Brünn, Adlergaffe 12, bekannt zu geben, oder die Einschreibung mündlich: Sonntag, den 8. Juni in der Zeit von 10—12 Uhr vorm. Dienstag, den 10. Juni in der Zeit von 6—6 Uhr nachm-, Mittwoch, den 11. Juni in der Zeit von 6—6 Uhr nachm., Donnerstag, 12. Juni in der Zeit von 4—6 Uhr nachm., Sonntag, den 16. Juni in der Zeit von 11—12 Uhr vormittags vorzunehmen. Brünn, den 28. Mai 1919. Der Vorstand des Vereines Machsike HabaS, in Brünn. Jüdische Frauenversammlung. Das jüdisch-nationale Wahlkomite veranstaltete am Dienstag, den 27. d., in der Schwechater Bierhalle eine Wählerinnen-Versammlung. Die Referate erstatteten: Frau E. Rotter, Frau Berta Schnabel und Herr Dr. Arthur Feldmann. Die beiden Referentinnen besprachen die Stellung der Frau im allgemeinen, der jüd. Frau im besonderen. Dr. Feldmann sprach über die Aufgaben der Jüdischnationalen in der Gemeindestube. Es sprachen noch die Herren Prof. Dr. Braun, Hochwald, Tintner, Grün. Mit der Aufforderung am Wahltage nur für die Liste der Jüdischnationalen zu stimemn, schloß die Vorsitzende, Frau Pisk, die Versammlung. Verein Theodor Herzl. Sonntag, den 25. Mai veranstaltete der Verein Th. Herzl im großen Saale des Künstlerhauses einen Vor» tragsabend, der sich eines recht guten Besuches erfreute. Am Vorlesetisch erschien Herr Ernst Grünan, Mitglied des Troppauer Stadttheaters. Der Vortragende brachte Kapitel aus: ״Stephan Zweigs Jeremias", zur Vorlesung. In glänzender Weise verstand es Herr Grünan, durch die vortreffliche Art seiner Vorlesung, das Publikum bis zum Schlüsse zu fesseln. Stürmischer Beifall ward Herrn Grünau zuteil. Die Brünner Wähler nach Beschäftigung, Nationalität und Geschlecht. Nationalität Beschäftigung böhmisch Geschlecht m. w. deutsch Geschlecht IN. w. zus. Fabrikanten 53 39 162 119 373 Geschäftsleute und Gewerbetreibende 6810 5439 2330 1919 16498• Feldbauer 611 740 893 313 2057 Beamte, Lehrer, Aneestel te. Diener und andere 10700 8876 7505 6039 33120 Arbeiter 15272 1S706 2284 2182 33444 Private. Pensionis- _ ten u. Rentner 1520 9727 1109 6260 18610 Soldateu 3383 331 3714 Dienstmädchen 6052 1197 7249 Nichtbeschäftigte 837 2529 476 1194 5036 Anzahl der Wähler 39186 47108 14590 19223 MM 86294 33813 Auffallend ist es, daß die derzeitigen Machthaber in ihren statistischen Arbeiten, den Bestand einer jüdischnationalen Gruppe, mit Absicht übersehen. Wir müssen entschieden gegen diese Art und Weise Statistik zu machen protestieren und verlangen von den maßgebenden Faktoren die entsprechende Richtigstellung. Ein neues erstklassiges Künstler-Variete in Brünn. Am 19. Juni 1919 trifft das Ensemble ״Sans Souci" in Brünn ein und eröffnet im Garten der Schwechater Bierhalle, auf der hiezu neu erbauten Bühne, eine Reihe von Gastspielen.-Zur Aufführung gelangen Operetten und Komödien sowie Solovorträge von nur erstklassigen Kunstkräften. — Alles Nähere durch die Straßenplakate.