Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 13 (2.6.1919)
- Date
- 1919-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 13. 9n1v|Rmr mmt 3 WSn-en, in denen Familien von acht bis zehn Personen wohnen. Die Kinder sind meist rachitisch und tuberkulös, immer halb verhungert, die Eltern gebrochen und resig inert. Schone und gesunde Menschen gehen in dieser trostlosen Behausung rettungslos zugrunde, niemand nimmt sich ihrer an. Die Gemeinde Wien hat nicht einmal BersorgungSanstalten oder Spitäler zur Verfügung, um auch nur in den dringendsten Fällen ein Asyl gewähren zu können. Oft mutzte seitens des sozialen AmteS der Frau Müller tagelang gesucht werden, bevor eine Unterkunft für einen Unglücklichen beschafft werden konnte. Nicht minder im argen liegt die Fürsorge für verlassene Kinder. Das Jugendheim der Stadt Wien, das für 200 Kinder Platz hat, beherbergt meist gegen 800 Kinder; dieselben verkommen in Schmutz, Elend und Aussatz. Diese Kinder werden meist an private Ziehe!- tern abgegeben. Es ist höchste Zeit, datz sich die jüdische Gemeinschaft dieser Verpflichtung bewußt wird. Frau Müller konnte nur an dem Stand der Sterbestatistik Nachweisen, wie über alles Erwarten groß die Zahl der verelendeten Juden Wiens ist. Von 4035 Todesfällen waren 2001 auf ein Gratisbegräbnis angewiesen, d. h., datz etwa 60 Prozent der Wiener Juden in Not und Elend leben, etwa 100.000 Menschen! Rachitis, Tuberkulose, Seuchen greifen um sich, und täglich sterben ein paar Menschen buchstäblich den Hungertod! Die ergreisenden Einzelnheiten erschütterten daS grohe Publikum auf das tiefste. Wien. (Goldene Hochzeit.) Samstag, den 10.׳ Mai, feierte der Chef der Firma Philipp Weiß und Söhne, Hr. Philipp Weiß und seine Gattin Berta, das Fest der goldenen Hochzeit und zugleich den 40jährigen Bestand ihres GrotzhandlungS- und Fabrikshauses. Die Feier gestaltete sich zu einem Feste des Josefstädter Tempelvereines, dessen verdienstvolles Vorstandsmitglied Herr Weiß ist. Im festlich geschmückten Neudeggertempel, den Freunde und Verehrer des Jubilars dicht füllten, ging die solenne Feier vor sich, zu der sich nebst den Familienangehörigen Gemeindemitgliedern zahlreiche Vertretet: der verschie-l Volksschule den Bibel- und Talmud-Unterricht erteilte densten Korporationen, Tempelvereine, Wohltätigkeits-! und sich auch in mehrfacher Weise im jüdisch-öffentlichen anstalten eingefunden hatten. Sr. Ehrw. Herr Rabbiner 1 Leben, wie durch Abhaltung von Vorträgen ustv. betä- Dr. Bauer hielt an das Jubelpaar eine überaus Herz-1 tigte. Das Leichenbegängnis dieses Talmud-Chochom, liche Ansprache, in der er die Bedeutung des so seltenen! der einer Pretzburger Gelehrten-Familie entstammte. Festes auseinandersetzte, die schöne, echtjüdische Wirk-' gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der samkeit des Ehepaares schilderte und den Segen des Trauer der jüdischen Leopoldstädter Bevölkerung um verweisen aus die Beschlüsse der sozialistischen Interna tionale in Stockholm, Bern und Amsterdam, wo unsere nationalen Forderungen namens des Proletariats Ser ganzen Welt anerkannt wurden. Als Mitglieder diese- GemcinderateS wollen wir dahin wirken, datz Wien groß und angesehen, eine Stätte fruchtbarer Arbeit, des Gewerbefleitzes und Handels, ein Sammelpunkt künstlerischen und wiffenschaftlichen Schaffens bleibe, sich durch gute städtische Einrichtungen auszeichne und den Ruf der Gastfreundschaft wieder erwerbe. Als Angehörige eines Volkes, das seine nationale Gemeinschaft auszugestalten erst im Begriffe ist und deshalb alle sozialen Schichten in seinem Lager sammeln mutz, werden wir im Geiste der vieltausendjährigen sozialen Tradition unseres Volkes für jeden sozialen Fortschritt eintreten, die Ungerechtigkeiten der gegenwärtigen Wirtfchaftsordnung bekämpfen und unsere Kräfte für eine wahr- Haft soziale Verwaltung dieser Stadt einsetzen. (Leb- Hafter Beifall.) Wien. Bei dem ״Prediger Mannheimer-Verein" gelangen am 17. Oktober d. I., Unterstützungen an bedürftige Rabbiner, Prediger und isr. Lehrer, die dienstunfähig, sowie deren Witwen und Waisen, wenn sie unversorgt und vermögenslos sind, zur Verteilung. Die Würdigkeit des Petenten, sowohl bezüglich ihrer Leistungen als ihres Charakters und Verhaltens, ebenso wie die Dauer der Verwendung, die Dienstunfähigkcit und Bedürftigkeit ist urkundlich nachzuweisen. Witwen und Waisen haben außerdem noch den Nachweis zu erbringen daß sie unversorgt und vermögenslos zurückgeblieben sind. — Ungestempelte Gesuche sind bis 15. August an den ״Prediger Mannheimer-Verein", Wien, 1. Bezirk, Etzlinggasse 7, zu richten. * * Nach schwerem Leiden ist im Alter von 39 Jahren am 4. Mai l. I. Rabbiner M. L. G o l d st e i n gestorben, der eine Reihe von Jahren an der Talmud-Thora- Allmächtigen für dasselbe anflehte. Herr Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller überbrachte die Glückwünsche des Bürgermeisters, Herr Obmann Adolf Beck, gratulierte ' im Namen der Vorstandskollegen, Herr Kuliusvorstcher diesen trefflichen Mann. Im Sterbehause s'.ach Worte des Abschiedes namens der Frau, des Kindes und der Verwandten tief erregt der Bruder des Verstorbenen, Rabbinatsverweser S. Goldstein in Neunkirchen und S. Steiner beglückwünschte das Jubelpaar namens des Rabbiner S. Baumgarten-Adatz Jisroel würdigte die Kultusvorstandes, Herr Dr. M. Bernhard namens der Verdienste des so früh Verschiedenen. Eine ansehnliche jüdischnationalen Partei. Der Jubilar Herr Philipp Weiß wurde mit einem feierlichen ״Echod juchid" zur Thora gerufen, machte namhafte Spenden für verschiedene wohltätige Zwecke, wie auch seine Söhne die Wohl- Schar folgte dem Leichenwagen, welchem Schüler der Talmud-Thoraschule voranschritten, bis zur Talmud Thoraschule, wo zur Ehrung des Toten Halt gemacht wurde. Am Friedhof widmeten Worte des Gedenkens -tätigkeitsinstitutionen des Vereines mit größeren Be^räj £crr Oberlehrer Jakob Kohn, Herr Rabbiner Schenk gen bedachten. Herr Rabbiner Dr. Bauer verfaßte für j Rabbiner Schächter und Obmann des Pestalozzi-Berei das Jubelpaar einen Mischcberach, den der Kantor stimj ncg Arnold Lcmberger. Das Leichenbegängnis des Da mungsvoll vortrug, der verstärkte Chor intonierte daS Hingeschiedenen, der in sehr bescheidenen Verhältnissen Hallelujah, womit die Tempelfcier ihren Abschluß fand.! bezeugte, daß das jüdische Volk seine Gelehrten Rabbiner, Kantoren, Vorstände und Vertreter begaben j x^bt und ehrt und möge diese letzte Ehrung ein schwasich hierauf in die Wohnung des Jubelpaares, wo der; Trost für die junge Witwe sein. Vizepräses, Herr Wilhelm Freund, eine Adresse des Vor- ‘ standes in Begleitung einer gehaltvollen Ansprache überreichte. Es sprachen dort ferner: Herr Architekt Fuchs für den Tempelverein Wieden-Margareten, Herr M. Felsenburg und Rabbiner Flesch für den Verein Stumpergasse, Herr S. Bernhard, Fünfhaus, Herr M. Fleischner Bnei Brith, Herr Spitzer, Margaretener Krankenverein, Dr. Karl Löwy vom Nachlath Jeschurun, Vertreter der Favoritener Tempels, der Philantrophia, Brockensammlung für jüdische Arme, Einheit, Nachlath Jeschurun. Die Herren Hofrat Dr. Frankfurter, Rabbiner Dr. Dobrinski, Dr. Taglicht, Kantor Baßl u. v. a. gratulierten schriftlich dem würdigen Jubelpaare. Wien. Eine Erklärung Dr. Jakob Ehrlichs im Wiener Gemeinderate. Namens der jüdischnationalen Gemeinderäte gestatte ich mir folgende Erklärung abzugeben: Wir sind als Angehörige des jüdischen Volkes in den.Gemeinderat gewählt worden. Wir legen Wert darauf, zu betonen, daß unserem Nationalismus jeder aggressive und chauvinistische Charakter fehlt, und daß er nicht beabsichtigt und auch nicht geeignet ist, den deutschen Charakter dieser Stadt zu beeinträchtigen (Beifall), ebensowenig wie er in anderen Nationalstaaten eine Aenderung an deren Charakter herbeizuführen anstrebt. Wir wollen lediglich als treue Söhne des jüdischen Volkes in unseren Bemühungen um die Erhaltung und Pflege unseres Volkstums und dessen kultureller Güter nicht behindert werden. Wir wollen die uneingeschränkte und tatsächliche Gleichberechtigung genießen und als Juden ohne jede Zurücksetzung vollgültige Bürger der deutschösterreichischen Republik und der Stadt Wien sein. Wir Die polnischen Judenpogrome. Ein jüdischer Appell an die polnische Friedcnsdelegation, und die herausfordernde polnische Antwort. Dem Jüdischen Preßbüro in Stockholm wird aus Paris telegraphiert: Im Aufträge der Delegationen des amerikanischjüdischen Kongresses und der jüdischen Nationalräte der verschiedenen Länder hatte Nahum Sokolow eine Unterredung mit der polnischen Delegation. Sokolow appellierte an die polnischen Führer nichts zu unterlassen, um den Pogromen Einhalt zu tun. Ein Mitglied der polnischen Delegation erwiderte hierauf: ״Sie wünschten den Krieg und haben ihn; sie suchten unsere nationale Einheit durch ihre nationalen Forderungen zu stören, jetzt haben sie das Resultat. Wir werden daS, was in unseren Kräften liegt,! tun, um Unruhen vorznbeugen, aber unglücklicherweise ist das nicht leicht. Die Unruhen sind das unvermeidliche Resultat ihrer antipolnischen Politik." Diese herausfordernde Erklärung überzeugte die jüdischen Delegationen, daß ein weiteres Verhandeln mit den Polen zwecklos ist. Die Pogromwette in Westgalizien. Das Jüdische Preßbüro in Stockholm meldet: Aeber die Pogromereignisse in Westgalizien liegen uns eine Reihe neuer Telegramme vor, die wir zufammenfaffend nachstehend wiedergeben: In KnlboSzewa in Westgalizien fand am 6. Mai ein von polnischen Bauern und Trup- Pen veranstalteter Pogrom statt, der auch am sechsten anhielt. Die jüdischen Geschäfte wurden auSgeplündert. Getötet wurden folgende Personen: Salomon Schnur, F. Raisach und Markus Kirschbaum, der am Friedhof von den Exzedenten erschossen wurde, Sara Jenny Natowicz, die Frau des Hersch Bienenstock und noch zwei andere Personen, deren Namen unbekannt sind. Ungeführ 100 Juden sind verwundet; die geraubten Gegenstände wurden von den Exzedenten auf Fuhrwerken fortgeführt. Am 5. Mai überfielen polnische Rekruten, die vom Dorfschulzen aufgehetzt wurden, die jüdischen Einwohner von Wolbromy. Diele Juden wurden geprügelt und ausgeplündert. In Ksiaze Willy ereigneten sich Judenexzesse am 2. und 3. Mai. Sechs Juden wurden verwundet. Mendel Horowitz, Mendel Rohmaiti, dessen Frau und Kind und alter Diener ringen mit dem Tod. Der Sachschaden ist sehr groß. Die Miliz schritt zu spät auf Intervention des Ortsgeistlichen ein. Die Warschauer Regierung setzte den General Szemotta zum Militärkommandanten in Westgalizien mit dem Aufträge ein, die Exzesse zu unterdrücken. In Glogow fanden am 5. Mai Judenexzesse statt; vier Juden wurden verwundet. Der Sachschaden beträgt eineinhalb Mioillnen Kronen. In Tarnow hetzt die Lokalpresse unter der Leitung des Dr. Dzisma gegen die Juden. Seit einigen Tagen werden am Bahn- Hof Juden ausgeplündert und geprügelt. Insbesondere beteiligen sich daran Soldaten der Haller Armee. Am 8. Mai. wurden in der Umgebung von Krakau judenfeindliche Flugschriften unter den Bauern verteilt. Die Pogrombewegung in Westgalizien hält noch an. Am 6. Mai fanden in Majdan KolbuSzowski Judenexzesse statt. Von den 150 jüdischen Familien, die in der Ortschaft leben, wurden 140 ausgeplündert. 15 Juden sind leicht und 17 schwer verwundet. Die Bauern und die städtische polnische Bevölkerung organisierten einen Judenboykott. Am 12. Mai verweigerten die Bauern auf edm Jahrmarkt den Verkauf von Lebensmitteln an die Juden. JmDorse Rosinow bei Majdan ermordeten die Bauern am 6.' Mai den 70jährigen Juden Mathias Blitzer. Am 8. Mai ereigneten sich Judenexzeffe in Jo- Idlowa, bei denen mehrere Juden schwer verwundet wurden; der materielle Schaden beträgt ungefähr eine Millionen Kronen. Am 14. Mai war das jüdische Äiertcl in Lemberg wieder der Schauplatz von schweren Ausschreitungen gegen die Juden. Die Exzedenten waren polnische Solbaten. In der Stadt war das Gerücht verbreitet, daß im jüdischen Viertel ein Bolschewistenaufstand unterdrückt wurde. lieber den Pogrom in Rzeszow wird der ״Wiener Morgenzeitung" telegraphiert: »Gelegentlich der Konstituierung eines jüdischen Komitees in Rzeszow, das die Gewährung von materiellem und rechtlichem Beistand an die Pogromopfer bezweckt, wurde festgestellt, datz während der Pogrome mehr als 200 Personen verwundet, zirka 200 Wohnungen auSgeraubt und 50 Geschäfte ausgeplündert wurden. Der Schaden beträgt ungefähr 20 Millionen Kronen. 16 Thorarollen wurden geschändet; die beiden jübischen Friedhöfe zerstört.