Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 12 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt 12 HMch« »Ei»«» Ctttt stratze 32, März-April 1919. 19! Jahrgang. Heft 3/4. — Inhalt: Die hebräische Sprache und das jüdische Volk. Schriftsprache und Umgangssprache. PhiloS tragisches Schicksal. — Dr. Karl Schwarz: Hugo Krayn (mit acht Abbildungen). — Dr. B. Friedberg: Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. Die Sprache der Völker. — Sch. Gorelik: Perele Skizze. — Dr. H. Warschauer: Moderne soziale Probleme. — Mein erster Fasttag. Aus den Erzählungen des alten Professors der Astronomie. Neue jüdische Monatshefte. Zeitschrift für Politik. Wirtschaft und Literatur in Ost und West. Verlag Berlin-München. 3. Jahrgang, Heft 9—12, 10. bis 25. Februar, 10. bis 25. März 1919. — Inhalt: Prof. Dr. Karl Lew in: Das Galuthproblem und der ZioniSmus. — Dr. Elias H o r w i c z: Georg Simmel als jübischer Denker. — Prof. Dr. St aerk: DaS Werk MoseS und seine Geschichte. — Heinrich Loewe: Aus der Sprachgeschichte der Juden. — Dr. M. Glück son: Hermann Cohen und daS nationale Judentum. — Leo Rosenberg: Kckrl Marx. — Dr. L. Bergmann: Sozialisierung in Palästina. — Sch. Gorelik: Schalosch Seüdoth bei Äwigdor DobrowinSki. — Professor Dr. S. Krauß: Wer hat das Schießpulver nach Deutschland gebracht? — A. H.: Ein jüdischer Holzschnitt. Die jüdischen Vertreter in Paris und die Polen. Polnische Phantastereien. Der ..Kurjer Poznanski" (Nr. 106 vom 8. Mai) bringt eine Zuschrift seines Pariser Sonderberichterstatters vom 25. April, in der cs u. a. heißt: ״Das amtliche Verzeichnis der Friedensdelegierten weist 27 Staaten auf, aber es fehlt darin eine Großmacht, nämlich das Judentum. Und doch spielen die Juden eine riesige Rolle im Friedenskongreß. Die jüdischen Einflüsse sind zweierlei Art: Unsichtbare und öffentliche Einflüsse. Die ersteren strömen durch Tausende von verborgenen Kanälen, durch die die Hochfinanz mit der Politik ver- Kunden ist. Es genügt, Herren zu nennen, wie Straus und Baruch, die unter den amerikanischen Vertretern figurieren. Sie haben gewissermaßen eine amtliche Bertretung in dem Komitee der Delegation für jüdische Angelegenheiten bei der Friedenskonferenz. Es gibt darunter Rabbiner, Oberrabbiner, ZadikS, (?) Schriftgelehrte, die aus Polen, Rußland, der Ukraine, Rumänien und Ungarn hierher gekommen sind, um einen Appell an den Kongreß wegen der Rechte des unterdrückten Volkes Israel zu richten. In Paris, London und Newyork asiimilieren sich die Juden mit ihrer Umge- Lung. Im Osten ist es anders. Hier befindet sich der Sitz des jüdischen Nationalismus. Dieser jüdische Nationalismus wird durch das Komitee der Delegation für jüdische Angelegenheiten in Paris vertreten und die Delegierten der jüdischen Nationalräte in Polen spielen darin die wichtigste Rolle. Dje Herren Sokolow, der bekannte Führer des Zionismus, und Osias Thon, der Abgeordnete zum polnischen Landtage, bemühen sich eifrig als Vertreter der jüdischen ״Nation" in Polen. Sehr bezeichnend für . das politische Programm der jüdischen Nationalisten in Opalen ist eine Denkschrift, die durch die oben erwähnten Herren der polnischen Kongreßdelegation überreicht worden ist. Der Inhalt bedeutet nichts weniger als die Gründung eines jüdischen Staates in Polen. Sie verlangen besondere Rechte für die jüdische nationale Minderheit, und zwar Rechte, die durch die polnische Verfaffung verbürgt sein sollen. Diese Rechte umfasse^ nach der Denkschrift die Gesamtheit des konfessionLllen, kulturellen, sozialen Lebens und der Verwaltung. Die jüdische Bevölkerung des ganzen Staates wählt ihre eigene allgemeine jüdische Bersammlung, also einen eigenen jüdischen Landtag. Dieser Landtag tritt ledes Jahr für einen bis drei Monate zusammen und wählt einen obersten jüdischen Rat, der die ausschließliche Vertretung der jüdischen Volksgemeinschaft nach außen hin darstellt. Wir haben also auch eine jüdische Regierung. Diese Regierung hätte in der polnischen Regierung einen besonderen Vertreter in der Person des Staatssekretärs für jüdische Angelegenheiten, der aus drei durch den obersten jüdischen Rat vorgestellten Kandidaten ernannt wird. DaS Schulwesen strv selbstverständlich jüdische sein, ebenso besondere jübische Steuern, Anerkennung der hebräischen Sprache und des Jargons im öffentlichen Gebrauche usw. In« bem sich die Juden auf diese Weise unter Ausschluß de» Einflußes des polnischen Staates organifieren, derden polnischen Staat. Sie verlangen nämlich, daß die »demokratischen und religiösen Standpunkte au», wäre Abgeordneten für den polnischen Landtag durch befon. dere jüdische Kurien gewählt werden. Die Verwirklichung dieses Programms würde auS Polen ein jüdisches Paradies auf Erden machen. Polen wäre alsdann Palästina, und Warschau die auserwählte Stadt Jerusalem. Wir wissen nicht, ob die polnischen Delegierten auf diese jüdische Denkschrift irgend etwas geantwortet haben, und was sie geantwortet haben. In dieser Frage ist ausschließlich der Landtag kompetent, denn die jüdische Frage ist eine Frage der innerpolitischen Politik. AüS diesem Grunde müßte Polen dagegen protestieren, wenn man in der Friedenskonferenz die Frage der polnischen Juden entscheiden wollte, denn in diesem Falle müßte auch die Frage der amerikanischen, englischen und französischen Juden besprochen werden. Entweder ist die Judenfrage eine'internationale Frage, und in diesem Falle muß sie für alle Staaten nach einheitlichen Grundsätzen geregelt werden, oder sie ist es nicht, und dann hat auch niemand das Recht, sich in die polnischen jüdischen Verhältnisse zu mischen. Es erscheint zweifelhaft, ob die Friedenskonferenz sich noch mit der jüdischen Frage belasten wird. Aber die Polen können die Gefahr des jüdischen Nationalismus nicht außer acht lassen, der darin abzielt, Polen zu einem polnisch-jüdischen Staate umzubilden." Brünner Nachrichten "Reinen Tisch machen״. In Brünn besteht eine ״Deutsche Lesehalle". Diese Institution wurde auch von Juden geschaffen und jüdisches Geld hat nicht zum geringen Teile hergehalten um die Auslagen zu bestreiten. Die Besucher der deutschen Lesehalle waren zumeist unsere lieben Kahaljuden. In den Räumlichkeiten der Lesehalle wurden die Schlachten. Pläne, nicht nur für die allgemeinen Wahlen, sondern ׳!׳־׳cf׳ für unsere Kultusgemeinde ausgearbeitet. Wer sei nerzeit nicht Mitglied der Lesehalle war, konnte ein Mandat in der jüdischen Kultusgemeinde nicht erlang,:«. Der Umsturz brachte es mit sich, daß ein Teil der Juden, bei der jüngsten Volkzählnng sich als Juden bekannten; darunter auch einige Personen, die Mitglieder der Lese- Halle wärest. Der Leitung der Lesehalle ist dies bekannt. Mit Recht fordert nun die Leitung der Halle diejenigen Personen auf, die sich nicht zur deutschen Nation bekennen, zum Austritte aus der Lesehalle auf. Die Herren wollen «reinen Tisch machen"! Wir verstehen nicht, wie Juden noch immer Mitglieder einer fremdnationa. ken Organisation sein können. Eine stürmische Wählerversammlung der Poale Zion. Dienstag, den 20. d. M., fand in der Schwechater Bierhalle eine Wählerversammlung der Poale Zion mit der Tagesordnung ״Die Gemeinderatswahlen" statt. Das Referat erstattete Dr. Loria. In den Ausführungen des Referenten, sowie in der Debatte wurde auch die Unmöglichkeit der Aufstellung einer gemeinsamen Liste für die Gemeinderatswahlen hingewiesen. Es kam zeitweise zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen den Poale-Zionisten und Bürgerlichen. Prof. Braun trat energisch für ein gemeinsames Vorgehen beider Gruppen ein. Es ist zu erwarten, daß der Jüdische Volksrat diese Angelegenheit im Interesse der jüdischen Sache ins richtige Geleise bringen wird. Es sprachen noch Prof. Zeisel, Ing. Friedmann. Dr. G. Kohn, Dr. Rättnger. Haskarah. Wir erhalten folgende Zuschrift zur Beröffentlichung: Die Zeit des Umsturzes hat eS mit sich gebracht, daß die demokratischen' Ideen überall durchdringen. ES wäre höchste Zeit, daß auch die Einrichtungen in unserer Kultusgemeinde und in der Synagoge etwas im Sinne der heutigen Zeit geändert würden. Leider ist durch daS Verschulden unseren Kultusvorsteher und Rabbiner daS religiöse Gefühl bei der Mehrzahl der Juden geschwunden. Unsere Synagogen werden so selten als möglich ausgesucht. Eine Ausnahme bilden die Feiertage, an denen daS MaSkirgebet verrichtet wird. Die Pietät, wie es unsere modernen Juden sagen, veranlaßt sie das Gotteshaus aufzusuchen. Aber, die Art und Weise, der HaSkarahordnung, ich meine da» vorlesen der Namen, derjenigen Verstorbenen, die kein anderes Verdienst umS Judentum erworben, als, dich sie oder ihre Angehörigen, in der glücklichen Lage waren, Geld zu besitzen und hiefür zu bezahlen, tragt dazu bei, Gefühle zu erwecken die dazu beitrage», daß ein Großteil Juden, zichten sie selbst durchaus nicht auf ihren Einfluß auf auch 88 diesen Tagen da» Gotteshaus meiden. Vom eine Aenderung wohl am Platze. Das Vorlesen von Namen, hat nur dann einen Sinn, wenn es sich um Personen handelt, die im jüdischen Geiste gelebt und und gewirkt haben. Keinesfalls darf das Geld allein ausschlaggebend sein. Hoffentlich genügen diese Zeilen, um in dieser Richtung Wandel zu schaffen. O. P. Wählerversammlung ber jüdisG» Wählerinnen. Dienstag, den 27. Mai, 8 Uhr abends, findet in der Schwechater Bierhalle eine jüdische Wählerinnenversammlung statt. Es sprechen Frau Dr. Rotier und Frau Berta Schnabl. Kumsicßau. Die Pogrome in Wilna. Aus Berlin wird telegraphiert: Berlin, 13. Mai. Wir erhalten endlich absolut zuverlässige Nachrichten über die Pogrome in Wilna, aus denen Folgendes her« vorgeht: Wilna wurde in der Nacht vom 18. auf den 19. April von einer kleinen Anzahl polnischer Legionäre, die in einer Stärke von etwa 400 Mann in einem einzigen Eisenbahnzug ankamen, eingenommen. Die Straßenkämpfe dauerten vom 19. bis zum 21. April: Die Bolschewiken, von denen offenbar auch nur eine geringe Anzahl die Stadt besetzt hielt, mußten abrücken und nahmen 36 Geißeln mit,Darunter die Frauen der UnterstaatSsekretäre Rosenbaüm und Rachmielicz. Diese Geißeln wurden nach Wilkomir gebracht, wo sich auch der fälschlich totgesagte ehemalige Berliner Botschafter Joffe befindet; über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Während des Kampfes bewaffneten die Polen den polnischen Straßenmob, der sofort furchtbare Pogroms veranstaltete. Die Chewra Kadischa stellte bisher 2200 jüdische Leichen fest. Sämtliche Besucher des Sabbathgottesöienstes wurden ermordet. Der Materialschaden ist ungeheuer. Die ganze waffenfähige Mannschaft, etwa 10.000 Juden, wurde nach Lida verschleppt und von dort weitertransportiert, wohin ist unbekannt. Oberrabbiner Rubinstein wurde mißhandelt und eS wurde verlangt, er solle eine Erklärung unterschreiben, daß die Bolschewiken den Pogrom veranstaltet hätten. Als er sich weigerte, wurde er verhaftet. Drei Tage nach der Einnahme Wilnas kam General PilsudSki, der seinen Bruder Rechtsanwalt PilsudSki als Kommandanten der Stadt einsetzte. Dieser stellte sofort die Ordnung wieder her, befreite Rubinstein und setzte, um den guten Willen der Polen vorzutäuschen, eine Stadtverwaltung ein, die au» vier Polen und'drei jüdischen Kaufleuten besteht. Trotzdem-wird die jüdische Bevölkerung von den Polen vollständig boykottiert, sie weigern sich, ihr Lebensmittel zu verkaufen, sodaß unter den Juden eine furchtbare Hungersnot herrscht. Die Stadt wurde später von den Bolschewiken bombarbiert, die drohten, bei der Wiedereinnahme die ganze Bourgeoisie umzubringen. Pogrom-Protest amerikanisch-jüdischer Solbatenmütter. Die WohltätigkeitSgesellschaft jüdischer Damen in Newyork veranstaltete eine Versammlungdie im Namen der jüdischen Mütter, deren Söhne auf dem europäischen Schlachtfelde gekämpft haben, einen Protest gegen die polnischen Pogrome veschloß. Abschriften diese» Protestes wurden an Frau Wilson, die Königin von England und Italien und die Damen Poineare, Lloyd George, Clemenceau und Orlando geschickt. Branting über Me Polnischen Pogrome. Bor seiner Abreise nach Amsterdam veröffentlichte Branting einen Brief in der ״Humanite", in dem er auf die Nachrichten über Pogrome in Polen hinweist, die er von Miller und Chasanowitsch erhalten hat. Nach einer eingehenden Schilderung der furchtbaren Ereignisse ist Polen, besonder» in PinSk, spricht er in diesem Artikel seine Meinung au», daß eS höchste Zeit sei, Garantien für Recht und Freiheit, wie sie vom Präsidenten *Wilson proklamiert worden sind, auch für die jüdische Bevölkerung in Polen und anderen Ländern Osteurvpa» zu erhalten, wo sich mit kleinen Unterbrechungen immer tötetet Szenen, die an das barbarische Mittelalter erinnern, wiederholen. Orthodoxie «ch ZtouiSmu». Auf Veranlassung der MiSrschiMrtSgruppe. hier, hielt am Montag, den IS. d. Mts., Herr Dr. «. Barth» Berlin im Kauftnännischen Vereinshause einenintereyanten Vortrag über .Zionismus und Orthodoxie*, der mit große« Beifal^aufgendmmen wurde. S-ch eknee