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Jüdische Volksstimme · 1919-05-23 · Heft 12 (23.5.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 12 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 MUCi. . »301^1 «vnvpmiir 'UGM-MW FLn , fi-ry «MS schm Gemeinden, sondern auch aus weit entfernten Gegenden, die aus Frankfurt, Trier, Belgrad an ihn Anfragen» .Schaalot" gerichtet wurden. Seine Entschei- Lungen ״Teschubvt" wurden selbst von bedeutenden Rabbinern besonders beherzigt und gewürdigt. Wahrend der Zeit, als er das Rabbineramt ׳in Eisenstadt inne hatte, grassierte dort eine böse Krankheit, die Spielsucht, so sehr, daß er sich gezwungen sah, die- Glbe durch den Dann ״Eherem" zu bekämpfen. AIS Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1862 als 16jähriger Jünger die Eisenstädter Rabbinerschule besuchte, wurde ihm erzählt, dass der Cherem des ״Meharam Äsch" hundert Jahre lang Giltigkeit hatte. R. Meir hatte den EisenstLdtern bloß am Thanuka, Purim, Cholhamoed und bei Familienfestlichkeiten daS Kartenspiel gestattet. Trotz seiner Frömmigkeit war er denn doch liberal und bestrebt die Bahn der Diskussion frei zu lassen. Einst wurde er befragt, warum es in der ersten der achtzehn Denediktionen »Schemone eSre" heisst: »Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs״, da eS doch wohl einfacher heissen könnte: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? R. Meir beantwortete diese Frage in folgender Weise: König David ermahnte seinen Sohn Salomo »Du mein Sohn erkenne den Gott deiner Väter da es Cloke owicho und diene ihm weowdeHu." Diese Stelle will unS sagen, dass wir an Gott nicht bloss aus überkommener Ueberlieferung von den Eltern, ohne eigene Selbstforschung glauben sollen, denn ÄeS ist Sitte der Heiden, sondern die Tradition muh durch das eigene Erforschen, wie durch daS Selbstdenken bewahrheitet werden. Daher gebrauchte der gottbegeisterte Sänger beide Ausdrücke: ״Erkenntnis״ und ״Ueberlieferung". Abraham war in seiner Zeit der Erste, der den wahren Gott aus eigener Anschauung und Erforschung erkannt und hierüber auch andere zu belehren sich bemüht hatte. Wenn cs also geheissen hätte, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, so Ware map versucht gewesen anzunehmen Gott sei deshalb der Gott Isaaks und Jakobs gewesen, weil er der Isaak und Jakob haben diesen Glauben bloß als ein väterliches Erbe übernommen, daher wird der Name ״Gott" bei jedem Einzelnen Wiederholt, um dadurch gleichsam andeuten zu können, daß Gott von Isaak und Jakob auf dieselbe Weise — nämlich aus eigener Anschauung und Ueberzeugung wie von Abraham erkannt wurde. Diese Lehre, sagt R. Meier Asch, ist die wahre Stütze unseres Glaubens." Anitta Müller. Der Name dieser Frau ist schon lange zur populären Berühmtheit gelangt. Wir begegneten ihm seit Kriegsbeginn gar oft als Verkörperung einer aufgetauchten gütigen Fee, die gekommen war, all das unsägliche Leid der Kriegsverheerung zu mildern und das grause Schicksal tausender Kriegsflüchtlinge durch Schaffung von Wohktats- und klug erdachte Arbeitsorganisationen erträglich zu machen. Die unermüdlich werbende Tätigkeit dieser in ihrer Art seltenen Samaritärin, die jetzt noch'dem edlen Werke eifrig und bewundernswert obliegt, hak rühmliche Erfolge aufzuweifen — Lohn, der köstlich lohnt und des Preises wahrlich nicht bedarf. Weshalb ich aber nun der Frau Anitta Müller derehrungsvoll gedenke, das ist der nachhaltige mächtige Eindruck, den die agitatorische Wirksamkeit dieser prächtigen, von mir, früher nicht persönlich gekannten Frau anläßlich der letzten Gemeinderatswahlen, am 4. Mai d. I., im Dienste der jüdischen Partei , auf mich und tausend andere ausgeübt hat. Aus den Erfahrungen ihres Organisationswerkes heraus, gewann sie den zwingenden Antrieb, in die Öffentlichkeit zu treten und daS jüdische Volk von Wien aufzurütteln. Man mußte den hellklingenden Sopran dieser für ihre Sache begeisterten, temperamentvollen Rednerin gehört haben, um begreifen zu können, wie diese jugendliche, auch durch ihre Erscheinung einnehmenden Frau, das Massenpublikum zu ergreifen und Hinzureißen vermochte. Was sie uns vom Wiener Judenelend schilderte, waren Ergebnisse sorgfältig gemachter sozialer Studien, traurige Statistik ״Bilder vom Wiener Elend", unter welchem Titel Frau Anitta Müller übrigens im Vereine mit dem Schriftstell« Bruno Frei am 22. Mai 1619 im Mittleren Kon» zerthaussaale einen Lichtbilder-Bortrag hielt. Als die mit lautloser Stimme angehörte Rednerin ihre trüben Wahrnehmungen so wirksam verdolmetschte,' darauf verwies, wie seit Dezennien jüdische Lehrer und Beamte vom Gemeindedienste ferngehalten, jüdische Handwerker und Lieferanten gemieden und das zu den Gemeindelasten erheblich beisteuernde jüdische Volk ver- Unglimpft und zur Seite geschoben werde und die Frage stellte: wie lange noch sollen wir uns ins Gesicht spucken vyd treten lassen, da brach ein minutenlanger Sturm des. Beifalls los und vielfach wurden Dünsche laut, dass einige Frauen von diesem Schlage un» vertreten mögen. Der schöne Erfolg de» 4. Mai d. I., für die jüdischnationale Partei IN Wien ist ein wesentlicher Bedienst Frau Anitta Müllers vorzüglicher Mitarbeit, wofür ihr diese Zeilen als einen Zoll herzlichen Dankes gelten sollen. ». L. Eine Erklärung Dr. OsiaS Thons. Der ״TempS" bringt in seiner Ausgabe vom 21. April eine Erklärung des jüdischen Abgeordneten im pol» nischen Landtag und bekannten Krakauer Rabbiner» Dr. OsiaS Thon, der gegenwärtig in Paris wHilt, über die Forderungen der jüdischen Bevölkerung in Polen. In dieser Erklärung heisst es: ״Ich bin erstaunt, in Frankreich auf derartige verkehrte Ansichten über unsere Bestrebungen zu stoßen. Man sagt, wir wollen einen Staat im Staate schaffen. Das ist völlig falsch. In keinem Falle wollen wir gleichsam einen Keil in die polnischen Staatsrechte treiben. In Polen leben heute drei Millionen Juden. Ausschlaggebend ist vor allem der Umstand, dass wir kompakt gesiedelt in den Städten leben, wo wir Maffensiedlungen bilden. Wir sind im Besitze nationaler Eigentümlichkeiten und niemandem steht das Recht und die Kraft zu, uns zu deren Preisgabe zu zwingen. Wir sind im Besitze unserer eigenen Religion, unserer eigenen Sprache, unser.es eigenen Schrifttums, unserer Institutionen, Bräuche, Feiertage. Kann uns die Möglichkeit verwehrt werden, unser inneres Leben unserem eigenen Willen gemäss zu gestalten?! \ '* ־^,j Man räumt uns gleiche Rechte ein. Damit aber diese > Rechtsgleichheit vollkommen und wirksam ist, ist eS er«* forderlich, daß unS nicht das elementare Recht aberkennt, zu sein, was wir find, daS man uns ermöglicht, unser nationales Leben zu erhalten und zu entfalten. In folgender Weise denken wir uns die künftige Organisation des polnischen Judentums. Jede jüdische Gemeinde wählt auf demokratischer Grundlage ihren eigenen Rat, dem die Aufgabe obliegt: j 1. Die Regelung der religiösen Angelegenheiten. 2. Or-! ganisation des öffentlichen Erziehungs- und Unterrichts-! Wesens (Schule, Vorlesungen, Bibliotheken usw.). Wir! wollen, daß unsere Kinder in unseren Schulen eine jüdische Erziehung erhalten, die dadurch möglich wird, daß man dort unsere Literatur urtd unsere Geschichte lehrt. Selbstverständlich wird dort alles gelehrt werden, was ein Bürger Polens wissen muß. Ferner sieht unser Organisationsentwurf die Schaffung eines an der Spitze des polnischen Judentums siehenden Oberrates vor, eines ausführenden und kontroll- -׳chtigten Organs, gewählt - vom jüdisch-nationalen Parlament, dem die gleichen Aufgaben obliegen, wie der Gemeinde, mit natürlich weit ausgedehnteren Grenzen; seine Aufgabe wird die Wahrnehmung und Verfechtung der Interessen des polnischen Gesamtjudentums. Wir werden auch an die Regierung die Forderung stellen, in Uebereinstimmung mit dem jüdischen Oberrat einen Staatssekretär für jüdische Angelegenheiten einzusetzen. Das ist annähernd das Ausmaß unserer Forderungen. Ich wiederhole: es handelt sich lediglich um eine auSschließliche Organisation der inneren Angelegenheiten. Man glaube ja nicht, es handle sich hier bloß um daS Programm einer jüdischen Partei. In bezug auf diese Frage ist bereits der Wille des polnischen Gesamtjudentums in unzweifelhaftester Weise zum Ausdruck gekommen, namentlich in den Landtagswahlen. Es gibt keine Repräsentanten der Assimilation. Sie wagten es nicht, ihre Kandidaten aufzustellen, mit Ausnahme von Krakau, wo mein Gegner, Dr. Groß, der Abgeordnete des Wiener ReichSrateS, bloß 2000 Stimmen auf sich vereinigte, gegen die für mich, den Kandidaten der Zionisten, abgegebenen 12.000 Stimmen. Sämtliche 6 jüdischen Abgeordneten stehen inbezug auf unsere Bestrebungen auf national-jüdischem Boden. Ich glaube, meinte Dr. Thon zum Schluß, daß sich ein moduS vivendi finden würde. DaS Leben selbst, stärker als alle Theorien, wird uns dazu zwingen. Die Auflebung Polens ist ein schlagendes Zeugnis des Sieges des Rechtes über die brutale Gewalt, und es ist unmöglich, daß die Polen uns gegenüber den Grundsatz verleugnen, für den sie gelebt, für den fie gekämpft und gelitten haben. Das auferstandene Polen wird der Kräfte aller seiner Söhne benötigen. ES ist notwendig, daß wir miteinander so rasch wie möglich einig werden". Wiener Nachrichten. Wie«. (Zweiter Vortragsabend Josef Grob.) Dem bekannten Schriftsteller Josef Grob verdanken wir wieder den Genuss eine» nach jeder Richtung hin gelungenen »!ס »m1 fade des Hotel Post stattgefunden hat. Diesmal sprach Herr Sigmund Haber einleitende Worte über Grob» schriftstellerischen Leistungen, brzeichnete ihn als den Wegweiser und Bahnbrecher auf dem Gebiete der oftjüdischen Literatur und las dann Grobs herrliche Skizze »Gin Gast im Städtchen" sehr Wirkungsvoll vor. Herr stud. phil. Leo Eigenfeld, begleitet vom bekannten Komponisten Herrn Rudolf Braun, erwarb sich mit seinen meisterhaften Biolinvorträgen verdienten Beifall. Einen besonderen Erfolg erzielte mit zwei Liedern (Grob-Reifen) Herr Oberkantor G. MargulieS; ebenso Frau Wundermann mit ihren aktuellen Jmprovisationen. Eine feierliche Stimmung herrschte im Auditorium als Grobs Vorlesung aus eigenen Schriften angekündigt wurde. Er las einen sehr heiteren Monolog ״In der Fortschritts-Synagoge" und glauben wir uns keiner Nebertreibung schuldig zu machen, wenn hier behauptet wird, dass eS in der jüdischen Literatur kaum einen zweiten gibt, der über soviel satyrischen Humor verfügt, wie Josef Grob. Die zahlreichen Anwesenden dankten dem Vortragenden mit herzlichen und innigem Beifall. Zum Schluss gelangte Grobs Einakter »Mein Nachbar" zur Aufführung, bei welchem die mitwirkenden Damen Frau Wundermann, Frl. Hacker und Frl. Gewürz; die Herren Mediziner Frei, Strysover, Katz, Meister, Hein» rich Grob, Gewürz und MeiselS ihre Rollen mit Derständnis spielten. Besonders Frau Wundermann, welche wenn auch keine Berufsschauspielerin ist, jedoch auf den Bühnenbrettern heimisch ist, und nicht zum erstenmale ihre künstlerische Begabung wohltätigen Zwecken widmete, rief grosse Begeisterung hervor. Eine ausführliche Kritik über Grobs erstes Bühnenwerk behalten wir unS für später vor. Schon heute aber können wir konstatielen, dass Josef Grob als Bühnenschriftsteller, ebensolche Anerkennung finden wird, wie in seiner bisherigen journalistischen Tätigkeit. D. F. * * a$u einem Aufruf in der Wiener Morgenzeitung vom 11. Mai erwähnt der provisorische Jüdische Nationalrat in Deutsch-Oesterreich die Tätigkeit des Jüdischen Zentral-Hilfskomitees. Die Art der Erwähnungdie zu einer falschen Auffassung der Zusammensetzung und Leistungen dieses Komitees führen könnte, veranlasst das Jüdische Zentral-Hilfskomitee um Aufnahme des folgenden Berichtes in Ihr gesch. Blatt zu ersu» chen: Den Cxekutiv-Ausschutz des Jüdischen Zentral- Hilfskomitees bildeten Mitglieder des Vorstandes der Jsr. Kultusgemeinde, des Jüdischen Nationalrates,, der Sozialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller, des Fürsorge-Komitees für heimkehrende jüdische Soldaten, der Jüdischen Soldatenfürsorge, des Verbandes der Jsr. Humanitätsvereine B'nai B'rith, der Jsr. Allianz zu Wien und der Chewra Kadischa. Das Jüdische Zentral- Hilfskomitee widmete seine Fürsorge den nach Wien, sowie in die östlichen Länder heimkehrenden Soldaten, ferner Pogrom-Flüchtlingen, Arbeitslosen, bedürftigen Studenten und sonstigen Notleidenden. Die Hilfeleistung erfolgte durch Verköstigung, Bekleidung, ärztlichen Beistand und Geldunterstützung. Die Ausgaben überstiegen eineinhalb Millionen Kronen. Dieser Betrag wurde durch folgende Leistungen aufgebracht: Infolge der Intervention des Fürsorge-Komitees für jüdische heimkehrende Soldaten stellte das Staatsamt für soziale Fürsorge aus einer Sammlung 636.000 Kronen zur: Verfügung; die Jsr. Kultusgemeinde widmete 160.000 Kronen, das Komitee für die Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder 100.000 Kwnen, Herr Nathan Eidinger 100.000 Kronen; der Rest wurde zumeist durch Sammlungen der unter Mitwirkung des Bezirkskom» Missionen der Kultus Gemeinde gegründeten Lokalkomitees beschafft. Die Agenden des Jüdischen Zentral- Hilfskomitees führten daS Bureau der Fürsorge für Demobilisierte (anfangs 3. Bez., Rainerstraße 3 und 2. Bez., SnnSgaffe 13, später Mariahilferstrasse 47), ferner die Bureaux der Jsr. KuUusgemeinde und der So» zialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller. » * Jüdischer Gesangverein. Bei der am 7. Rai ISIS abgehaltenen konstituirenden Versammlung wurde die Gründung des Jüdischen Gesangvereine» vorgenommen. DaS allseittg lebhafte Interesse für diesen Gesangverein kam in der ausserordentlich zahlreichen Beteiligung aller jüdischen Kreise zum Ausdruck. VS wurde grundsätzlich beschlossen, den Verein in eine Damen- und Herrensektion zu gliedern, welche selbständige Urbungen abhalten und sich gelegentlich zu gemischten Shörea vereinigen. Zur AuSar-

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