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Jüdische Volksstimme · 1919-05-23 · Heft 12 (23.5.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 12 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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*Mische vOlk--1««E» IS Seite L genügen und hätte Ihne« die ganze Arbeit erspart. Es ist auch völlig unwissenschaftlich und unlogisch aus dem Bestand einer Orgel eia pro der Hallakah ablettm zu vollen. Ebenso könnten Sie behaupten, alt Ehasan kann jeder irreligiöse Mensch fungieren. Weil zur Zeit des Ehatham Sofer in Prrtzburg oder zur Zeit des Rab. Menachem Pwhnitz in KereSztur irreligiöse Kantoren ihres Amtes walteten. Sie machen sich über hallakihsche Tüftelei lustig, gehen ihr aber ganz aus dem Wege. Und wenn Sie in Ihrer Polemik sagen, daß im Laufe der Zeiten so vieles kn den Tempel eingedrungen ist, das der Hallakah nicht entspricht, was folgt daraus: ergo kann auch die Orgel eingeschmuggelt werden. Welche Logik! Wenn in der Diaspora manches von nutzen trotz Hallakah in den Gottesdienst Eingang gefunden, das Sie als nichtjüdisch bezeichnen — so wollen Sie als Jude auf dieser Bahn sortschreiten und die Hallakah mißachtend noch andere Dinge einführen? Wenn Sie den Gottesdienst von all diesen gegen die Hallakah verstotzenden Mitzständen reinigen wollen, finden Sie die gesetzeStreuen Juden auf Ihrer Seite. Da haben Sie Vorläufer wie den Maharschall auf den Sie sich berufen können. Und diese Tätigkeit wäre Reform in gutem Sinne zu nennen. Aber mit Ihrer Orgelfürsprache stehen Sie auf dem Standpunkte Aut tossifu sarah. Datz die Orgel als Sarah zu bezeichnen ist, sagt uns klar die Hallakah — ohne Deutelei und Tüftelei. Ihr Orgelpro ist mit der Simritat zu verglei» chen und mit dem hallakischen Gutachten wollen Sie den Sohn eines PinchaS. — Unter Reform ist eigentlich Verbesserung zu verstehen und dafür gibt es auch im Gotteshaus des Ostens so manche Tätigkeit. .Aber Herr Professor glauben Sie wirklich mit dem Tempel, dem alten oder neuen, mit oder ohne Orgel das Judentum erhalten zu können? Der Schwerpunkt liegt ja ganz wo anders. Wenn Ihnen die Erhaltung des jüdischen' Lebens als Aufgabe dient, dann legen Sie die Hände, an daS jüdische HauS — Lehrhaus — Mikwah — Sche-' chitah — dort müssen Sie das Judentum anfassen. Es durfte Sie in diesem Belang eine Antwort deS ung. ( Ministeriums auf einen Rekurs der Pretzburger Ge-j meinde gegen eine von der Stadt verfügten Besteue-! rung der Mikwah interessieren, die ich wörtlich zitiere: Die Mikwah ist kein geschäftliches Unternehmen — blotz eine religiöse Eiirrichtung.---״Mikwah", bemerkt weiter die ministerielle Verordnung, ״ist die wichtigste und notwendig st e Einrichtung der jüdischen Religion. Wichtiger als eine Synagoge, denn beten kann man auch unter freiem Himmel oder in einem gemieteten Lokal, hingegen man aber als Mikwah nur ein solches Bad benützen darf, das den Paragraphen des Schulchan Aruch entspricht." Ein Beispiel für Sie, Herr Professor, wie die nichtjüdische Behörde die Hallakah respektiert. Es ist auch nicht in Einklang zu. bringen mit der Hallakah, mit der Logik, wenn Sie Dr. Grünwald den Borwurf machen, datz er vom Gefühl gegen die Orgel spreche. Ist Kawanah nicht das Leitmotiv bei allen Gebeten, insbesondere aber bei der Tefillah? Mutz ich Ihnen erst den Satz zitieren: ״Tefillah bcho Kawana kegus belo neschama"? Religion als solche ist doch vornehmlich Herzens und Gefühlssache.. Wenn Grünwald behauptet, das jüd. Gefühl sei gegen die Orgel, so hat er damit ein Haupt» argument contra ins Treffen geführt und all Ihre Deweise und Zitate von Korfu und anderen Orten zu- Nichte gemacht. Ist Ihnen der Satz abhanden gekommen En mewim raja mifi Hascholim und mis haposchim? Wien, 8. Mai. ISIS. l Maler David Kohn. R. Meier Eisenftadt. Einer der Begründer der ehrw. Kultusgemeinde in Eisenstadt war der um das Judentum hochverdiente Oberrabbiner Samson Wertheimer inWien. Er zeichnete sich nicht nur durch Frömmigkeit, sondern auch durch gründliche talmudische Gelehrsamkeit aus. Auf seinem Grabsteine heitzt es, datz er Rabbiner in Nikolsbürg, Wien, Eisenstadt, WormS und Landesrabbiner in Ungarn war. Diese Notiz, bemerkt L. A. Frankl, ist dahin zu erklären, datz er diese Bezeichnungen als Ehrentitel führte, wie etwa in der Gegenwart ein Mann Ehrenbürger mehrerer Städte ist. Er führte auch den Titel ״Nasi" von Jerusalem, Zefät Hebronde. In Wien wurde er ״Rabbenu" angefprochen, er schlichtete Streitsachen, gab Gutachten ab, wie im Buche ״Chawat Jad" ersichtlich. Er verschaffte denen, die seit 1671 aus Wien verbannt waren und zerstreut in ungarischen Dörfern lebten, die Bewilligung, sich in Gemeinden zu versammeln. Es entstanden so im Oedenburger, Szalader und Eisenburger Komitat entlang der streirischen Grenze an 40 Gemeinden, welche Begünstigung ihm durch seine Beziehung zum Obersthofmeister des KaiserS Leopold!., dem Grafen Batthyany, zuteil wurde. Die Muttergemeinde war Rechnitz; er liefe daselbst im Jahre 1718 eine Synagoge bauen, an der noch jetzt eine Denktafel besteht, die da meldet, datz der Bau ganz auf Kosten Wertheimers auSgeführt wurde. Er gründete eine Stiftung für Jerusalem, wo sein Name in der TodtengedächtniSfeier für ewige Zeiten genannt wird, und hinterlietz für seine armen Verwandten, die bis ins zehnte Geschlecht unterstützt werden sollen, ein grotzeS Vermögen. Um Eisenstadt hatte sich R. Samson Wertheimer besondere Verdienste erworben, indem er diese Gemeinde nicht nur neu begründet, sondern ihr auch einen hervorragenden äußerst würdigen Gelehrten, der bald als die erste rabbinische Autorität Ungarns anerkannt wurde, zum Seelsorger empfohlen hatte. R. Meir Eisen st ad t, gewöhnlich ״Mehoram Asch" genannt, scheint ein Pole von Geburt gewesen zu sein. Sein erster RabbinatSposten war Schidlow in Polen.' R. Samson Wertheimer, der den Titel Oberhoffaktor und Landesrabbiner führte, dürfte ihn, wie D. Kaufmann sehr richtig bemerkte, auf seinen Reisen in Polen kennen und schätzen gelernt haben.*) Von dort *) Asulai in seinem ״Schem Magedolim" S. 80, nennt ihn R. Meir Aschkenasi, Enkel einer Schwester des R. Sabbatai Kohen, Verfassers des Kommentars zu «Schulchan Arudi". nicht zu wundern, daß er, während alle anderen den Tempel nach seiner Wiederherstellung ob seines neuen Glanzes nicht genug bewundern konnten, beim'Anblick der Marmortafel in solch' heftige Zornesaufwallung geriet, datz wenig fehlte, und die ganze schöne Tafel w^e darob in Trümmer gegangen. Die schöne Blume im Kranze der Tugenden, die diesem gwtzen Lehrer in Israel schmückt, war die Bescheidenheit. Schreiber dieser Zeilen hatte, so oft er während seines Aufenthaltes in Eisenstadt das Grab des Rabbi Meir Asch besuchte, dessen Grabstein bewun» Lert. R. Meir hatte, wie mir damals ein alter Talmudist mitteilte, vor seinem Hinscheiden den Wunsch geäußert, datz seine Mazewa nichts anderes als seinen Namen und Datum des Absterbens enthalten möge. Ja an der Bescheidenheit erkennt man die Größe des ManneS. Aus dieser hier gelieferten, biografischen Skizze ist klar ersichtlich, datz der einstige Wiener Rabbiner Samson Wertheimer nicht nur ein großer Talmudist und vorzüglicher Finanzier, sondern auch ein vortrefflicher Entdecker talentierter Rabbiner war, denen er stets-einen geeigneten Wirkungskreis anzuweisen verstand, wo sie eine segensreiche Tätigkeit entfalten konnten. Er War in des Wortes edelster Bedeutung ein mokir rabbonim, ein Verehrer der gelehrten Rabbiner, mochten sie auch noch so unbKnttelt gewesen sein. Es wird von ihm erzählt, datz er trotz feines Reichtums und seiner hervorragenden Stellung es nicht verschmähte, armen wandernden jüdischen Gelehrten einen Ehrenplatz an feinem Tische anzuweisen und sich mit ihnen, wie es früher Sitte war, nach dem letzten Gerichte über eine talmudische Materie oder über Midraschstellen zu unterhalten. Einst kam R. Abraham Hellin nach Wien, lebte hier drei Jahre und war oft der Gast Wertheimers, mit dem er an der reichbesetzten Tafel manches Gespräch über schwierige Stellen der Talmud- und Midrasch-Literatur führte. Diese Tischgespräche des R. Samson Wertheimer sind zum Teil erhalten worden in dem Kommentar zu Midrasch-Rabbah, der unter dem Titel ^Sera Abraham" oft gedruckt wurde. Nach dem Hinscheiden des Meharam Asch hatte es längere Zeit, außer R. Meir Barbi, Oberrabbiner in Pretzburg, keine besonders hervorragende rabbinische Autorität in Ungarn gegeben. AuS den Responsen «Noda bijehuda" ist zu entnehmen, datz die meisten Rabbiner Ungarns der damaligen Zeit sich mit ihren Fragen an den berühmten Prager Oberrabbiner Ezechiel Landau gewandt und datz dieser den R. Meir Barbi als den gelehrtesten Rabbiner Ungarns betrachtet und hochgeschätzt hatte. ES fruchtete auch nichts, datz jetzt wieder Kantor Träller wie gewöhnlich der Sache eine Wendung ins Heitere zugeben sich bemühte: Man könne ja die Marmortafel wieder herausnehmen, und sie einfach umdrehen, so zwar, datz der Name Isidor Finkler nach oben komme, von wo er dann, wenn auch verkehrt, auf den Vorsteher so von oben herabschauen könne, — Jsidor Finkler blieb einmal unversöhnlich, und kehrte in gerechter Verdrossenheit auch bald darauf der undankabren Gemeinde ganz den Rücken. Mit seinem Gelds konnte er es sich ja jetzt leisten, in der Grotzstadt zu leben. — berief er ihn nach Worms, der eigenen Vaterstadt, an die er ihn gern durch Aufrichtung eines hauptsächlich für ihn und feine Schule geschaffenen Lehrhauses dauernd gefesselt hätte. Allein die Krieg-wirren um die Wende des Jahrhunderts vereitelten den gehegten Plan; es war für R. Meir nicht länger feines Bleibens in Worms. Aber Wertheimer hatte die Sorge für den Freund nicht aus dem Auge verloren. Dank Wertheimers herrschendem Einflüsse in den Gemeinden Mährens, wählte Protznitz R. Meir zu seinem Rabbiner, welchem daselbst eine sorgenfreie Stellung bereitet wurde. Er blieb fortan der Beirat des Wiener Rabbiners und Hoffaktors, der in, seiner Frömmigkeit in keiner Sache allein Richter sein mochte. Als dieser 1708 die im Rakoczischen Aufstande durch die Raubzüge der Kurutzen zersprengte Gemeinde Eisenstadt, deren reiche Bewohner in Wien und Wiener Neustadt, als Flüchtlinge sich angesiedelt hatten, wieder Herstellen wollte, zog er, zu den in seinem Hause**) gepflogenen Veratungen und Verhandlungen auch R. Meir heran, dessen Weisheit und rabbinische Autorität es im Vereine mit Wertheimer auch gelang, die Widerstrebenden zur Rückkehr in ihre Heimat oder zur Uebernahme dauernder Beitragspflicht gegen die verarmte Gemeinde zu bewegen. Die Wohlhabenden, die sich zur Heimkehr entschließen mochten, hatten sich bis zu einem gewissen Termine bei R. 'Meir zu melden; nach demselben verfielen ihre Liegenschaften in Eisenstadt an die Gemein« de, der sie sich noch obendrein zu einer lebenslänglichen Beisteuer verpflichten mußten. Aber erst Ende 1717, nämlich am Rüsttage des Monates Lebet sollte der Reubegründer der Gemeinde, nachdem er ein Jahrzehnt in Protznitz und nochmals in Schidlow Rabbiner gewesen, das rabbinische Lehramt in ihr übernehmen. Bis auf eine kurze, durch Furcht vor Angeberei veranlatzte Unterbrechung***) blieb er fortan bis zu seinem am 7. Juni 1744 erfolgten Tode und über sein Grab hinaus das verehrte Oberhaupt der Gemeinde Eisenstadt, dessen Namen er in seine eigene Unsterblichkeit ausgenommen hat. Wertheimer bediente sich seiner, als er offiziell die Geschäfte des ungarischen LandesraLbinates zu verwalten hatte, als eines obersten Forums in der Entscheidüng rabbinifcher Fragen rc. Datz Rabbi Meir Asch zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten seiner Zeit gezählt wurde, deweist der Umstand, datz nicht nur aus vielen ungari- **) Nach den Aufzeichnungen im Archive der jüdischen Gemeinde zu Eisenstadt vom Jahre 1708, die mir H. Felix Blau mitgeteilt hat, hätte Wertheimer, der an Gicht erkrankt war, unter Vorsitz R. Meir'S, der damals Rabbiner von Proßnitz war, am 14. Tamus 1708 die Konferenz in Betreff der Neubegründung dieser Gemeinde zu sich nach Wien berufen. Die Verhandlungen der Parteien, der Armen und Wohlhabenden, sind im Gemeindebuche F. 26 noch erhalten. Die Anmeldungen zum Beitritt sollten vor dem 16. Ab d. I. in Baden, auf dem halben Wege zwischen Wien und Eisenstadt, erfolgen. ***)Nach Eisenstädter Ueberlieferungen soll er eines Freitags morgens, anfangs 1722 plötzlich verschwunden sein, um erst 1726 zurückzukehren. Am darauffolgenden Sabbat soll er dann auch von fürstlichem Grenadieren , die zu seiner Verhaftung erschienen waren, in seiner Wohnung gesucht worden sein. Die Veranlassung dieser geheimnisvollen Flucht, pflegte R. Moses Zerls, Rabbiner in Eisenstadt, wie mir sein Schüler, Herr Rabbinatsassessor S. L. Brill in Budapest, mitteilte, folgendermaßen zu erzählen. In der benachbarten Ortschaft Zinkendorf war die Kirche beraubt worden. Die von diesem Diebstahl herrührenden Gegenstände hatten fünf- Personen gekauft, die über diesen Handel in Streit gerieten. Spät in der Nacht uneinig heimkehrend, bemerkten sie in der Wohnung des noch im Studium vertieften Rabbiners Licht. Bereit zu schlichten und auszugleichen, wie er war, entschied er, trotz der ungewohnten Stunde, in tiefster Ahnungslosigkeit über die Herkunft deS Streitobjektes, die ihm vorgetragene Rechtssache. Des Morgens, als die Nachricht.vom Raube sich verbreitet hatte, erklärte der Nachtwächter, er habe fünf Männer zu verdächtiger nachtschlafender Zeit aus der Wohnung des Rabbiners treten sehen.. Sofort, noch rechtzeitig vom Vorsteher »der Gemeinde gewarnt, der den unbescholtenen Rabbiner dew Roheiten und Gefahren einer Untersuchung, wie sie damals üblich war. entziehen wollte, floh R. Meir und soll bis zur.Austragung dieses Handels angeblich in Protznitz sich aufgehalien haben. Sein Sohn R. Jsak blieb in Eisenstadt unbehelligt, wie dann auch weder die Familie, noch die Gemeinde, wegen des flüchtigen Rabbiners etwas zu leiden hatte usw/DaS Andenken an jene traurigen Vorgänge erhält in Eisenstadt noch ein Gebet, das jeden Montag und Donnerstag gesprochen wird. ..Hickls Jüdisch« BoNskalmder".

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