Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 12 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622044--3954-2625201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zayrg. XX, Nummer 12 ■---:- Ce*t1|»M eif e: -1 *-:---m Redaktion und Administration: Brünn, Adlergafie L halbjährig . I Buchhändlerische Vertretung: Ott, Kle««, Leipzig ganzjährig.. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... —״24 Kronen . -*18 Mark . ♦ Herausgeber: Max Hickl. Inserate: dsv 6-spaltige ZentimoLevvaum 2 K . Rubel 12•— Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht y,no- Balkan» Frankreich....... S- . Frank» 24 — j riert. — Manuskripten ist Rückport, betzufügen. M-----י----W Wien—Brünn. 33. Mal «919. 33. (|ar 9679 Prag—Lemberg. Zur politischen Lage. Es will nicht Frieden werden in Europa, weder zwischen den einzelnen Staaten, noch innerhalb derselben. Ja heute ist die Gefahr größer als je, daß auch nach offizieller Beendigung des Krieges nach Unterzeichnung des Friedensvertrages der Friede nur ein Waffenstillstand von unbegrenzter Dauer sein wird. Kein einziges der großen Probleme, die zum Weltkriege führten, werden auf Grund des Friedens- Vertrages, wie er jetzt vorliegt, gelöst werden. Speziell in Ost-Mitteleuropa und am Balkan wird das Chaos der einzige fixe Pol in der Erscheinungen Flucht sein. Vergrößerter Ratkonalitätenstreit, wachsender AntisemitiSmuS und täglich zunehmenüeS soziales Elend sind das positive Ergebnis des Weltkrieges mit allen daran sich knüpfenden Folgenerscheinungen. Die Kurzsichtigkeit der einzelnen Negierungen, die Machtgier der verschiedenen Parteien, die politische Unbildung der Mafien bildet aber das Haupthindernis, aus dem allgemeinen Wirrwar den Ausweg zu finden, ber^zur,. Gesundung Europas, zur Völkerverständigung Besonders notwendig Wäre' zwischen den neuen Nationalstaaten Deutsch-Oesterreich, Tschechoslovakien, Polen, Ükraina, Ungarn, Ingoslawie» und Rumänien. Die ethnische Zusammensetzung und die Wirtschaftlichen Bedürfnisse der produzierenden Schichten in diesen neuen Nationalstaaten erheischen es, dringendst, daß zwischen ihnen und in jedem derselben die nationale Streitaxt begraben wird und endlich in 12. Stunde die wirtschaftliche Reform im großen Stile in Angriff genommen werde. Mit der fortgesetzten Verhetzung der Deutschen und Tschechen ,der Polen und Ukrainer und aller gegen die Juden, mit der wirtschaftlichen Abgrenzung der ein¬ Feuilleton Die große Spende. Von Dr. Max Steif, Raußnitz. Zu jenen komisch-traurigen Figuren, die, wenn es Taler regnet, davon nur die Löcher im Kopfe abbekommen, konnte Isidor Finkler wohl nicht gezählt werden. Denn auch ihm hatte der große Umstürzler Krieg, der daS unterste zu oberst kehrte, soviel mit freigebiger Hand zugeworfen, daß er hiedurch in die glückliche Lage versetzt wurde, sich jetzt auch etwas von des Lebens Annehmlichkeiten vergönnen zu dürfen, während er bisher nur seine schlimme Kehrseite zu verspüren gehabt. -- Und da zum vollen Behagen, wie jeder weiß, auch ein wenig Achtung und Anerkennung von seiten der Leute gehört, so wird es niemand unserem Isidor Finkler ver- Übeln dürfen, wenn er, der bis dayin infolge seines Handels mit Kaninchenfellen und ähnlichen nützlichen Dingen keinerlei Ambition nach dieser Richtung hin aufkommen lassen dürste, jetzt den unabweislichen Drang in sich aufsteigen fühlte, auch zu einiger Geltung in der Gemeinde zu kommen. Und daß der Weg hiezu am schnellsten mittels des Geldes führen könne, war ihm klar, nur das w i e? bereitete ihm einiges Kopfzerbrechen. Beim Toraaufrufen jedem wohltätigen Vereine soviel zu spenden, wie dies bis nun von niezelnen Nationalstaaten ruiniert man jeden einzelnen derselben. Die Juden wollen ihre Pflichten als Staatsbürger in jedem derselben erfüllen; aber sie fordern anderseits daS Recht der freien Entfaltung als selbständiges jüdisches Volk. Durch Abkehr von der Assi mi l a t i o n . sind aber auch die Juden in der Lage, ihrer Aufgabe als völkervermittelnde Nation zwischen den einzelnen Nationalstaaten und innerhalb derselben gerecht zu werden, zu ihrem eigenen Nutzen, aber auch zum Nutzen der übrigen Völker, mit denen sie derzeit zusammenwohncn und auch nach Erlangung einer palästinischen Heimstätte in ihrer überwiegenden Mehrheit wohnen werden. Darum müffen die Juden, ob sie, nun in Prag oder Brünn, in Lemberg oder Krakau, in Budapest oder Agram wohnen, an dem Abbau des Völkerhafies, aus dem ja der Raffenantisemitismus ebenfalls entspringt, zielbewußt eintreten. Die Verhältnisse ändern sich wohl täglich-und es ist Unmöglich, heute noch vorauszusehen, wie viele Um: stürze wir in der nächsten Zeit noch in Europa erleben werden; aber sicher ist das eine, daß schon die ükonomische Lage der breiten Volksschichten, besonders in den ||jg|e^en Staaten- Ost-Mitteleuropas wt& am ^al!an neuen Form, wie eS a^ch^Mi^^k^o^e'^^r^^^ ausführte —besonders in wirtschaftlicher Hinsicht zusammenzuschließen. Ob eS dazu früher oder später kommen wird, zumal da die Entente den Anschluß Deutsch-Oesterreichs Deutschland verbietet, das wird ja die Zukunft lehren. Tatsache ist es, daß dies auch vielfach von der Ent- Wicklung in den einzelnen neuen Nationalstaaten und speziell in Deutsch-Oesterreich abhängt. Hier regt sich bereits eine Opposition gegen den ״Anschluß an Deutschland" unter einem Teile der sozialistischen Arbeiterschaft, besonders unter der Fraktion Föderation revolutionärer Sozialisten ״Jnternatiomandem geleistet worden, hätte sicherlich allgemeine Sensation hervorgerufen, aber war doch schließlich nur wie eine Art Naketenfeuerwerk, dessen Wirkung über die Stunde nicht hinausreichte. Vorübergehend kam ihm auch der Gedanke, ob sich der gewollte Zweck nicht durch eine Spende. zur Beschaffung eines schönen Tcppiches auf dem Almemor oder eines Thoravorhanges erreichen ließe. Allein so erwägenswert ihm für den Augenblick dies geschienen, es war doch nicht so recht geeignet, seinen Namen immer wieder in den Mund der Leute zu bringen, die ein merkwürdig schwaches Gedächtnis an den Tag zu legen pflegen, wo es die guten Taten der Anderen giltz Endlich fuhr es ihm wie erleuchtend durch den Sinn: Wie wäre es, wenn er den Tempel, der innen und außen bereits Alterserscheinungen aufweist,׳ auf eigene Kosten vom Grund auf renovieren ließe? Dann hatte er ein gutes Anrecht darauf. Daß diese Tatsache auf einer Marmortafel im Tempeleingange verewigt werde. Und jeder, der den Tempel betrat, wurde, ob er wollte oder nicht, immer von Neuem daran erinnert, was er, Isidor Finkler, der Gemeinde geleistet. Ja, das 1 war das einzig Richtige, sich die Achtung und Anerken-!nung aller durch eine unzählige Reihe von Jahren zu sichern. Und so wurden die Väter der Gemeinde eines TageS von diesgm hochherzigen Anerbieten Isidor Finklers ebenso überrascht, wie wegen der erschwerenden Bedingungen, die hieran geknüpft waren, in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Denn so verlockend eS auf der einen Seite war, ohne die mindeste Belastung des Genale". In einem Flugblatte der Arbeiterräte heißt es: Wir lehnen den Anschluß an das Deutschland der Scheidemänncr ab, die Männer, an deren Findern das Blut unserer großen Proletarierführer Liebknecht und Luxenburg klebt.2c. sie sollen und dürfen nicht in unserem Lande regieren. N i e d' e r mit dem Anschluß an den deutschen Bourgeoisiestaat. Mitten in diesen sich kreuzenden, vielfach in sich selbst zerklüfteten Strömungen,— macht sich all — überall ein verhüllter und unverhüllter Antisemitismus als Begleiterscheinung des Chauvinismus breit. Dringender als je ist daher heute der Mahnruf an die Juden: frei von jeder chauvinistischen und klafienegoistischeu Politik sich auf nationaler Grundlage zu organisieren. Offener Brief an Herrn Pros. Dr. Samuel Kraus. Ihr sachliches Gutachten in der Orgelfrage kenne ich nicht, habe nur Ihre Polemik in der Btochs Wochenschrift verfolgt. Ich vermisse darin den wissenschaftlichen ,Ton. Was hie Hallakah betrifft, wissen Sie. als Gelehrdie Orgel und den jüdischen Drgartiften * sei. Sie wissen ganz gut,.daß während der Tefilah weder im Beth Hamidrasch noch in einem der vielen zu dieser Zeit in Jerusalem bestandenen Bcthäusern Kle Schir zur Anwendung gebracht wurden. Es war dies nur beim Nissuch majim der Fall. Aber wozu die Arbeit! Uns gesetzestreuen Juden genügt der Talmud, der Rambam, den Beth Josef und Rema vollständig und für die anderen brauchen Sie keine Gründe und Beweise anzuführen. Und warum denn in die Ferne schweifen nach Korfu. Sie können sich ja auf Holdheim Einhorn, Chorin Löw u. a. berufen. Es würde vollauf sehen, so peinlich erschien ihnen allen der Gedanke, es damit gleichzeitig in den Kauf nehmen zu müssen, daß ein Name. auf einer Marmortafel im Vorraume des Tempels prangen sollender bis dahin nicht gerade zu klingendsten in der Gemeinde gehört, dem, wenn man ihn überhaupt aussprach, stets etwas Geringschätzend-lächerliches anhaftete. War eine solche Zumntung nicht unerhört, und würde die Zustimmung hiezu nicht direkt, eine Profanierung der heiligen Stätte bedeuten? Aus solcher Zwangslage wußte schließlich nur der findige Geist Berl Greiners, des Tempelvorstehers, den einzig richtigen Ausweg zu finden, der dahin ging, das großmütige Anerbieten auf jeden Fall anzunehmen und mit Dank zu votieren. Was aber die kritische Mavmortafel betrifft, so ließe sich hier die Schwierigkeit dadurch beheben, daß man ihrer Inschrift folgende Form gebe: In der ersten Zeile und in großen Buch» staben die Worte: ״Unter dem Kultusvorsteher Moriz Eisinger", in der zweiten in kleinen Buchstaben: »wurde ׳dieser Tempel renoviert durch die munificente Spende", und in der dritten Zeile in ganz kleine Buchstaben: «Isidor Finklers". — Ward hindurch beiden Teilen'vollauf Genüge getan, indem jeder gerechtweise das Seine zugewiesen erhielt? Und so ging man mit dem beruhigten Bewußtsein auseinander, hier wieder ein überaus schwieriges Stück Mmeindearbeit mit diplomatischem Geschick gelöst zu haben. Vielleicht hätte sich auch eine weniger ehrgeizige Natur mit solch' zweideutiger Lösung der Angelegenheit zufrieden gegeben. Unser Isidor Finkler besaß ^jedoch meindebudgets den Tempel in neuer Schöne erstehen zu! solche Selbstverläugnunig nicht. Und so war eS״ auch Uerbreiut die ״Jüdische llolksstimme".