Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 11 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 11 Ist Deutschland antisemitisch? Der mehrheitssozialistische Abgeordnete Georg Lavidsohn sprach jüngst cnrf Veranlassung der Groß-Berliner Ortsgruppe des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im überfüllten Haverlandschen Fcstsaal über das Thema: »Ist Deutschland antisemitisch?" Nach Beendigung des Vortrages kam eS, wie die »Berliner Neueste Nachrichten" berichten, in der längeren Aussprache zu Ausschreitungen einiger radaulustiger, halbwüchsiger Elemente, die zu Tätlichkeiten auszuarten drohten. So nahm u. a. ein junger seidgrauer Bursche das Wort, der sich als Mitglied des Deutschnationalen Jugendbundes bezeichnete, um die Versammlung in der unflätigsten Weise zu beschimpfen. Da die Ausführungen dieses Jünglings aber nur die andauernde Heiterkeit der großen Mehrzahl der Versammlnng erregten, geriet jener in einen derartigen Zorn, daß er plötzlich einen Schlagring aus der Tasche zog und auf die am Versammlungstisch anwesenden Herren eindringcn wollte. Der Vorsitzende begnügte sich damit, dem Nadaulustigen das Wart zu entziehen. Der Kern der Davidsohnschen Ausführungen ist dahin zu* sammenzufassen, daß nach Ansicht des Redners das deutsche Volk in seiner übergroßen Mehrzahl als nicht antisemitisch anzufprechen sei. Dagegen beschuldigte er die Bureaukratie des Reiches und Preußens des AntisemitiSmus, gegen den die Minister im Augenblick machtlos sind. In diese mZnsammenhang nannte er die Ressort? der Minister Wissell, Haenisch und des Polizei- Präsidenten Ernst. * Tagung jüdischer Pfakfinbervereine in Polen. Am 24. April 1919, 8 Uhr morgens, begann im Lokale des Gesangvereines ״Kasamir" in Lodz die Tagung der Vertreter des jüdischen Pfadfinderverbandes in Polen. ES waren 80 Vertreter aus 60 Städten eingetroffen. Direktor Perlmaan eröffnete die Konferenz im Namen des Lodzer Pfadfinderverbandes mit einer Begrüßungsansprache. Begrüßungsreden hielten ferner ReichStagsabgeordneter Dr. Rosenblatt, Dr. Gimchani und Dr. Prhbalski. In das Präsidium der Konferenz wurden gewählt die Herren: Direktor Pcrlmann (Lodz). Schajcwicz i'Ezenstochau'!, Kornaold sMarschanl, Rinjeb tMlawa). Es wurden sodann Referate über die 'Pfadlinderbewegung unter den Juden gehalten. Die Pogrome in Wilna bauern fort. A1»s Berlin wird telegraphiert: Berlin, 7. Mai. Zuverlässige Augenzeugen berichten, daß der Pogrom in Wilma noch immer andauert. Bisher wurden vierundfünfzig Juden ermordet, eine große Anzahl verwundet und über drei tausend Gefangene fortgeschleppt. Alle jüdischen Häuser und Geschäfte wurden ausgeraubt, 'Oberrabbiner Rubinstein wurde geschlagen, Oberrabbiner Grodzcycki vollständig auSgeplündert. Auch der Rabbin ׳r der Stadt Landwarowo wurde geschlagen und die dortige Synagoge auSgeraubt. Der bisherige Sachschad enbeträgt über 60 Millionen Mark. Die jüdische Bebölkerung schwebt andauernd in der größten Lebens fahr. Die Juden können Wilna nicht verlassen, und die Geschäftsleute werden mit Gewalt verhindert, Lebensmittel an sie zu verkaufen. Die Amsterdamer Sozialistenkonferenz und die Juden. In der »Freiheit", dem Organ der unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands, schreibt Hugo Haase in der Nummer vom 4. Mai in einem Aufsatz über die internationale Sozialistenkonferenz in Amsterdam folgendeS: . . . »Die Konferenz hatte auch zu den zioniftzschen Sozialisten, den Poale-Zionisten, Stellung zu nehmen. Die Juden erhalten jetzt eine nationale, öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. An dieser Tatsache kann kein Politiker, kann namentlich die Internationale nicht vorübergehen. Die Konferenz hat demgemäh auch die Vertretung des jüdischen Volkes im Bölkerbunde gefordert. Sie hat ferner für die Juden in den Ländern jüdischer Maffenfiedlung den Grundsatz der nationalen Selbstverwaltung ebenso wie für die andern nationalen Minderheiten aufgestellt. Sie hat internatiolen Schutz der Juden wie aller anderen nationalen Minderheiten gegen physische Verfolgung und Wirtschaftliche Bedrückung verlangt." Rationale Forderungen in Pose». DaS Mitteilungsblatt des »Jüdischen BolkSratS" in Posen veröffentlicht eine Denkschrift, in der die po-!׳tischen, wirtschaftlichen und kulturellen Forderungen ״Jüdisch-- der hinter dem Dolksrat stehenden nationalen und orthoboxen Kreise auSführllich entwickelt werden. ES wird grundsätzlich die Bildung nationaler Gemeinden und ihre Zusammenfassung zu einer national-autonomen Gesamtgemeinde vorgeschlagen. Neben den nationalen Gemeinden bestehen die Synagogengemeinden. Das Steuerrecht steht jedoch anscheinend nur den Nationalgemeinden zu. Die Träger des jüdischen Schulwesens sollen besondere Schulgemeinden oder die Synagogengemeinden sein. Hierzu ist zu bemerken, daß der polnische Obcrvräsident am 1. Februar 1919 das Simultanschulwesen in der Provinz Posen bereits aufgehoben und erfreulicherweise die konfessionelle Schule eingeführt hat. In wirtschaftlicher Hinsicht wird die Bildung eines jüdiscken Wirtschaftsamtes, Verbot desBoykott, Berücksichtigung^ieS Sabbats in der Staatsverwaltung gefordert. Deigegeben ist ein Abdruck der Erklärung des Obersten polnischen Volsrates vom 13. Dezember 1819, worin angeordnet wird, daß auf ״die Eigenart der Juden in gesamter Verwaltung des Staates gebührende Rücksicht zu nehmen sei." Agudath Hamajim. Ju Palästina hat sich eine Gesellschaft von Fachmännern unter dem obigen Namen gebildet, welche die Gewässer des Landes für Fischereizwecke und Schiffahrt ausnützen will. Das Statut der Gesellschaft wurde der Regierung zur Genehmigung vorgelegt. Die erstenJaffa-Orangen in England. Die erste Schiffsladung von Jaffa-Orangen seit Kriegsausbruch ist in Liverpool und London angekommen. Der MiSrachi in England. Zur Zionistenkonferenz hatte der Misrachi eine impanierende Vertretung entsandt. Besonders die amerikonischen Misrachisten, die mit ihren 26.000 Mitgliedern ein Recht auf sieben eigene Delegierte hatten, wußten unter Führung von Rabbi Meier Berlin dem Misrachi große Svmpathien zu verschaffen. Die Misrachi-Zentrale in England benutzte die Anwesenheit der amerikanischen Gesinnungsgenossen zu einer intensiven Propagandatätigkeit durch Massenversammlungen usw. An einem einzigen Abend wurden bei einer solchen Versammlung 350 neue Mitglieder angemeldet und 10.000 Francs gesammelt. Die MiSrachi-Zentrale Englands wird in aller Kürze durch unser Londoner Büro eine eigene Zeitung herausgeben. Der Standpunkt des Kownoer Raws. Der Kownoer Ratos erklärt in einem Schreiben die ausgestreute Behauptung, er habe auf der Züricher Konferenz eine feindliche Stellung gegen den Misrachi eingenommenund sich geäußert, daß er alles darum geden würde, wenn der ganze Zionismus »botel" gemacht werden könnre, für Erfindung und fährt dann fort: »Meine steten tiefen Sympathien für die heilige Palästinaarbeit und mein heißes Sehnen danach, die gesamte Orthodoxie, gleichviel welcheru Organisation, einig und eifrig dabei betätigt zu sehen, meine stete Ab- Neigung gegen jede Trennungspolitik innerhalb des Judentums im allgemeinen und innerhalb der Orthodoxie insbesondere und meine ernsteren Bestrebungen, die Zusammenarbeit aller Schicht enunseres Volkes für und in Palästina zu ermöglichen und herbeizuführen, sind von jeher wohl bekannt und haben während meiner ganzen schweren und mühseligen Arbeit inZürich, die ich als ein Opfer meinerseits betrachte, auf jeden Schritt und Tritt, von meiner ersten Begrüßungsrede an bis auf den heutigen Tag, zum schärfsten und klarsten Ausdruck, was, wie ich glauben darf, zu der friedlichen Richtung der Konferenz und der darauf folgenden Schritte vielleicht viel beigetragen hat." Pogrom in Bialystok. Bon Personen, die am Freitag, den W. April, Bialhswk verlassen haben, wird über schwere AuSschreitungen gegen die Juden berichtet, die dort am genannten Tage ausgebrochen sind. Als eine Partie gefangener Bolschewisten durch die Straßen geführt werden sollte, wurde die Schließung sämtlicher Geschäfte angeordnet. In den Straßen begann alsbald eine furchtbare Jagd auf Juden, die blutige Mißhandlungen erlitten. Als die Gefangenen die Stadt verließen, schien eine Beruh!- gung einzutreten. Rach kaum einer Stund» begannen jedoch die Exzesse, diesmal in noch weit schwereren Formen, von neuem. Banden, die erst vor kurzem in Bialhstok eingetroffen waren, durchstreiften die ganze Stadt, wobei sie sämtliche Juden in systematischer Weise ausplünderten und mißhandelten. Sine furchtbare Bestür» Serie 5 * zung griff Platz. Um 1 Uhr wurden sämtliche Geschäfte geschloffen und die Straßen lagen wie auSgestorben -a, nur aus einzelnen HKusern wurden Rettungsschreie vernommen. Zu dieser Stunde verließen die ^währSmänner die Stadt, so -aß man über die weiteren Vorgänge im ungewissen ist. Der heurigen Nummer liege« Posterlagscheine bei. Die P. T. Empfänger werden um gefl. umgehende Bezahlung des Abonnemeutsbetrages ersucht. Die Administrativ«. Borresponäenzen. Brünn. Gg. Dr. Adolf G r ü n f e l d hat seine Advokaturskanzlei in der Krapfengasse 16 eröffnet. Eibenschitz. Sonntag, den 4. Mai l. I. fand im Sitzungssaale des jüdischen VolksgemeindehauseS eine zahlreich besuchte Versammlung der hiesigen Judenschaft statt. Herr Dr. Theodor Haas aus Brünn beleuchtete in einer schwungvoll großangelegten Rede die Ziele der Organisation des Nationaljudentums und klang seine Rede in der Aufforderung, zahlreich der in Eibenschitz zu gründenden nat.-jüd. Vereinigung beizutreten, aus. Den Vorsitz führte S. E. Herr Rabbiner Doktor Hermann Hand! und appellierte derselbe in demselben Sinne an die Teilnehmer und schloß mit Dankesworten an den Referenten , dl-> VersMmlung. Anschließend fand die Konstituierung des provisorischen jüdischen Orts-Volksrates statt, bei welcher Kultusvorsteher Herr Gustav Neubauer-Samek zum Obmann gewählt wurde. Berlin. Der Verein ״Jüdische Lesehalle und Bibliothek" hielt seine 25. Generalversammlung ab. In Vertretung des abwesenden ersten Vorsitzenden, Dr. Max Ginsberg, eröffnete der zweite Vorsitzende, Prof. Dr. Moriz Schäfer, die Sitzung, und erstattete folgenden Bericht: Die Jüdische Lesehalle und Bibliothek hat auch im abgelaufenen Jahre 1918 sehr unter der Ungunst der Verhältnisse zu leiden gehabt. Die Folgen deS unglückseligen Krieges machten sich, wie auf allen Gebieten, auch in dem Betrieb der Jüdischen Lesehalle geltend. Die schwierigen Verkehrsverhältnisse beschränkten' den Besuch. Die Anzahl.derjenigen, die in diesem Jnstitut im vergangenen Jahre Belehrung und Fortbildung gesucht und gefunden haben, beläuft sich aüf 7266 Personen. Der Bücherbestand umfaßt 9531 Bände, von denen im Berichtsjahre 1203 Bände verliehen und 297 Bände für den Lesesaal ausgegeben wurden. Der Vorsitzende gebachte sodann in tiefempfundenen Worten der schweren Verluste, die der Verein durch den Tod der Herren Louis Foerster, Rabbiner Dr. Josef Stier und Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger erlitten hat, und drückte die Hoffnung aus, daß der Jübischen Lesehalle auch in Zukunft die Männer nicht fehlen mögen, die ihr helfen, die Wissenschaft deS Judentums in immer weitere Kreise zu tragen. Darauf erstattete der Schatzmeister, Herr Benas Levy, den Kassenbericht, der in Einnahmen und Ausgaben mit 8930,06 Mark balanciert. Zum Schluß wurden die bisherigen Mitglieder des Verwaltungsausschusses einstimmig wiedergewählt. Fulda. Nachdem der bisherige Provinzialrabbiner Dr. Eahn nach jahrzentelangem tat- und erfolgreichem Wirken in den Ruhestand getreten ist, . wurde dessen Sohn, Herr Rabbiner Dr. Leo Cahn, zum Provinzialrabbiner der ehemaligen Provinz Fulda und zum Gemeinderabbiner gewählt. Sofia. Hier ist eine Palästinabank, die Bulgaro- Palästinabank, mit 5 Millionen Leva Aktienkapital, gegründet worden. Präsident des BerwaltungSrateS ist der Direktor der Rustschuker Eskomptebank Benun in Sofias Vizepräsident der Sofioter Großkaufmann Sigmund Rintl. DaS Unternehmen bezweckt neben der Förderung der zukünftigen Handelsbeziehungen Bulg« riens zu Palästina die finanzielle Abwicklung der An- Gelegenheiten jener Juden, welche nach Palästina äuSwandern wollen, denn die mißliche Wirtschaft und Potttische Äage läßt mit einer weitgehenden Auswanderung rechnen. r Budapest. Am 6. Mai kam es in einigen Stadtteilen zu großen antisemitischen Demonstrationen, .Der Pöbel plünderte die jüdischen Geschäfte und zündete, sie an einigen Stellen an. Die Juden wurden auf die Straßen geschleppt und mit Steinen beworfen. Einige von ihnen wurden tödlich verwundet. Die Polizei war nicht genügend stark, um de« Pöbel Widerstand zu keiften.