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Jüdische Volksstimme · 1919-05-16 · Heft 11 (16.5.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 11 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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S-ite 4 Nr. 11. Lag-Beomer. Zwischen Peffach und Schebuoth starben einst 12.000 Schüler deS Rabbi Akiba. Diese erwähnte Ueberlieserung wird als der ursprüngliche Anlatz bezeichnet um deffentwillen die Sefirawochen den Charakter einer Trauerzeit erhalten haben. Am 33. Omertage soll dieses Sterben aufgehört haben. Darum wird für diesen Tag die Trauer aufgehoben. Bei den Kabballisten wird dev Lag-Beomet dem Gedächtnis der Rabbi Simon ben Jochai, dem angeblichen Begründer der Kaballa geweiht. Bei uns ist die Auffassung durchgedrungen, nach welcher an diesem Tage das Sterben unter den Schülern Rabbi AkibaS aufgehört hat. In der Zeit, die ursprünglich zu freudiger Erntearbeit bestimt war, beobachten wir heute Trauerbräuche. Mehrere Wochen sind einer schmerzlichen Erinnerung geweiht. Darum offenbart sich die Eigenart des Judentums, der ganze Ernst mit dem eS an der sittlichen Erziehung seiner Bekenner arbeitet, datz ein solch gewaltiges Sterben, wie das der Schüler des Rabbi Akiba, ein Gedächtnis deS jüdischen Volkes weiterlebte, wird kaum Ausfallen. 12.000 Schüler hatte Rabbi Akiba, die im ganzen heiligen Lande lebten und wirkten, die zu seinen Fützen gesessen und seinen Worten gelauscht hatten. Sie waren in dieser ernsten, unruhevollen Zeit, da daS Joch der römischen Fremdherrschaft so furchtbar auf Israel lastete, die Hoffnung ihres Volkes. Aber sie war sich gegenseitig fremd. Darum sagt die Ueberlieferung mußten sie sterben. Nachdem jene Männer gestorben waren, also so wie es in der Sprache des Midrasch heißt, die Welt verödet, da lag aus Mangel an Thorakundigen, da bildete Rabbi Akiba aufs neue Schüler aus. Es waren ihrer nicht mehr so viele. Nur sieben. Eine verschwindend kleine Zahl im Vergleich zur früheren. Aber sie beherzigten die Mah- , nung ihres Lehrers, und durch sie wurde die Lehre verbreitet, ihr Wirken ward zum dauernden Segen. Alljährlich, wenn wir die 7״ Wochen" zählen, gedenken wir jener Männer, die als Lehrer, das Gotteswort kündeten und sich in den Dienst eines höheren Ideals stellten. Die tschechischen Juden und die Gemeindewahlen. Das C. B. meldet aus Prag: Zu den bevorstehenden Gemeindewahlen teilt uns der tschechisch-jüdische Vollzugsausschutz im Namen aller tschechisch-jüdischen Organisationen mit, daß die tschechischen Juden, da sie keine von den Interessen der übrigen Bevölkerung abweichende Interessen haben, nicht selbständig in die Wahlen eintreten werden, sondern daß jeder von ihnen den Bewerber , derjenigen tschechischen Partei wählen werde, der er angehört oder die ihm durch ihr Programm nahesteht. Bei den Wahlen werden die tschechischen Juden sich dafür einsetzen, datz die indifferenten Schichten der jüdischen Bevölkerung nicht für die politischen Ziele der Deutschen oder der Zionisten auSgebeutet werden. — (Anmerkung des Brünner ..Tagesbote": Für die zum Deutschtum sich bekennende Judenschaft gilt natürlich eine ähnliche Richtschnur. Sie wird Deutsch wählen und sich nicht für tschechische oder zionistische Ziele mitzbrauchen lassen.) — Na also, da haben wir es, die Assimilanten ohne Unterschied der Nationalität sind in der Sucht sich den Andersnationalen anzubiedern eines Sinnes. Der Lohn wird wohl nicht auSbleiben. Stz werden schon beide den Fußtritt erhalten. . Der Judenpunkt. Die offizielle «Cechoslovakische Korrespondenz" vom 1. Mai 1919 schreibt: Der Judenpunkt. Die Deutschen Prags benützen den im neuen Gemeindewahlgesetze vorgesehenen Minoritätenschutz zu einem selbständigen Vorgehen und fordern, ihre Wähler auf, ihr Deutschtum auch an der Wohlurne zu bekennen. Soweit dabei wirk-!ich nur Deutsche in Betracht kommen, läßt sich geine derartige Deklaration nichts einwenden. Die Ur- Wer Wen es aber bei dieser Deklaration hauptsächlich auf. die Juden abgesehen, an die man immer herantritt, wenn MM ihre Stimmen oder ihr Geld braucht. Sonst, vher fivd fie in der deutschen Häuslichkeit der geächteter FrenWng oder bestenfalls der geduldete unerbeten« Gast. DaS hat sich auch jüngst wieder gezeigt, als di« einheitliche deutsche BolkSpartei für Böhmen gegründet wurde, welche den Juden programmatisch die Aufnahme versagt. Man hätte meinen sollen, datz dies genügen werde, die Ausgesperrten zu einer der Selbstachtung entsprechenden Haltung zu veranlassen. Statt dessen jammern sie würdelos über die neue Kränkung, die ihnen ungeachtet aller Opfer für die deutsche Sache zugefügt worden ist, erblicken aber darin nur eine bedauernswerte Verirrung und sind bereit, den erhaltenen Fußtritt nicht nur zu entschuldigen, sondern durch outrierte Deutschtümelei und verschärften Gegenhatz zu quittieren. Und doch hätte sich gerade jetzt ein besonders geeigneter Anlaß zur Selbstbesinnung geboten. Läßt man die Juden nicht als ׳vollgültige und gleichwertige Volksgenossen gelten, dann weist man ihnen damit nur den Weg zum nationalen — Selbstbestimungsrecht, welches auch die Pflicht umfaßt, sich selbst zur Geltung zu bringen und zu diesem Behufs endgiltig eine einseitige Gemeinschaft zu lösen, die von der anderen Seite längst gekündigt worden ist. Damit ist auch die Richtschnur für das Verhalten der Juden bei den Prager Gemeinderatswahlen geoeben. Warum sollen sie ihre Haut für jene zu Markte tragen, welche sonst ihre Gemeinschaft und wo immer es zulässig ist, auch ihre Gesellschaft meiden? Wenn das Wahlstatut den Minderheiten eine Vertretung in der Komune zugesteht, dann brauchen doch die Juden den Nutzgenuß dieses Rechtes nicht in übertragenem Wirkungskreis von jenen ausüben zu lassen, denen sie sonst fremd und zuwider sind. Ohne jüdische Stimmen sind aber die Prager Deutschen kaum mehr als eine erweiterte Tafelrunde. Die Juden aber können mit dem Stimmzettel eigene Anwälte ihrer Interessen gewinnen und zugleich ein den geänderten Zeitumständen angepaßtes Verhältnis zu tschechischen Majorität anbahncn, mit der sie doch ln Frieden leben wollen. Das wäre zugleich atzch die beste Lösung des ,.Judenpunktcs", über welchen keine deutsche Parteibildung ohne kritische Weiterungen hinwegkommt. Wiener Nachrichten. Wiener Kinder zu Familien aufs Land. Wir erhalten einen Aufruf mit der Bitte um Veröffentlichung, dem wir nachstehendes entnehmen: »DaS Elend unserer armen Kinder ist nach diesem ärgsten Hungerwinter ins Riesengroße gewachsen. Es ist so groß geworden, datz sogar die Kommissionen unserer ehemaligen Feinde schleunigst Hilfsaktionen eingeleitet haben. Voll Genugtuung haben wir vor einigen Tagen die Nachricht vernommen, da mit Hilfe der Ententestaaten und der Neutralen auch Heuer trotz der verschlechterten V׳.׳rhältnisse, die im Vorjahre so segensreich wirkende Aktion «Kinder aufs Land" wieder ermöglicht wird. Das alles genügt aber nicht. Wir dürfen die Sorge um unsere Kinder nicht allein fremder Hilfe überlassen. Viele tausende Grotzstadtkinder werden noch übrig bleiben, für die ein paar Wochen Landaufenthalt nicht nur Glück und Freude, sondern vielleicht auch Leben und Gesundheit bedeutet. Auch diese müssen die notwendige Kräftigung finden. Darum soll jede Familie, die Heuer auf dem Lande selbst Erholung finden wird oder ständig in der schönen Umgebung Wiens und in den besser versorgten Gegenden Deutschösterreichs wohnt, an ihrem Glück ein armes, nahrungs-, luft- und freudebedürftMes Kind auf ein paar Wochen teilnehmen lassen. WeM heute auch an unserem Tische keine Ueberflutz mehr herrscht, vergessen wir nicht, datz andere noch viel weniger haben. Wo vier satt werden, kann noch ein fünftes esserhoffen zuversichtlich, daß alle, an die sich unser Aufruf richtet, recht bald uns die Adresse senden werden, wohin der sehnsüchtig wartende Gast geladen wird. Viele Familien haben uns schon Zusagen gemacht, allein, noch viele tausende fehlen uns. Auch Geldspenden erbitten wir, da die Durchführung der Aktion grotze Mittel erfordern wird. — Die näheren Bestimmungen über die Aufnähme der Kinder, welche durch den Verein «Soziale Hilfsgemeinschaft Anitta Müller" erfolgen soll, werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden. Anfragen wegen Uebernahme von Kindern, Zusagen, Zustimmungen und Geldspenden bitten wir an: Soziale Hilfsgemeinschaft Anitta Müller, MtionSkymite «Wiener Kinder zu Familien aufs Land", 1. Bez., Schottenring LS, zu senden. — OberlandeSgerichtSrat Dr. Lud-, wig Altmann, Bernhard Goldstein, Prof. Dr. Adolf Lorenz, Gemeinderätin Anitta Müller, Dr. Paul Bittorelli Präsident des BerwaltungSgerichtShofeS,' Prof. Dr. I. Zappert. » Organisation der Angestellten d. Wiener BethauSoereine Am 4. Mai d. I., hat eine Versamlung der Wiener Tempel- und BethauSvereins-Angestellten stattgefunden, die von allen Kategorien zahlreich besucht war und einen geradezu feierlichen Verlauf nahm. Sämtliche Redner und Tenlnehmer wurden sich der unabweiSlichen Notwendigkeit bewußt, eine auf breitester' demokratischer Grundlage aufgebaute Organisation zu schaffen, die der unwüdigen und unerträglichen Lage, in welcher sich diese Gruppe der jüdischen Religionsbeamten befindet, ein Ende bereiten und ihr die Rechte und LebenSbedingungen erobern soll, auf die sie vermöge ihrer Bedeutung und Stellung im jüdischen Kultusleben Wiens vollen Anspruch hat. Auch über die Wege und Ziele einer solchen Organisation herrschte volle und klare Einmütigkeit, waS in einer einstimmig angenommenen programatischen Resolution zum Ausdrucke kam, deren Veröffentlichung sich zwar vorläufig Schwierigkeiten entgegenstellen, die aber spätestens anläßlich der konstituierenden Generalversammlung publiziert werden wird. DaS dürfte voraussichtlich in vier bis fünf Wochen der Fall sein. Inzwischen sollen die ersten Anfangsaktipnen ruhig und besonnen vorbereitet werden, um sie nicht durch ein übereiltes Vorgehen zu schädigen. Nur für den Fall, als in der Zwischenzeit unvorhergesehene Ereignisse eintreten sollten, die ein sofortiges Eingreifen notwendig machen, wird daS vorbereitende Komitee als vorläufiger Vollmachtträger der bereits beigetretenen Mitglieder alles Entsprechennde vorzukehren suchen. * * * BolkSspeisehalle Verein ״Einheit". Die ״Einheit" versendet folgenden Bericht: «Die j Arbeit, welche die heurige Pessachversorgung erforderte, war ob des beispiellosen Mangels an Lebensmitteln und der fabelhaften Höhe ihrer Preise ungeheuer groß. Umsomehr war der Vorstand der «Einheit" beflissen, die Pessachaktion, so gut eS nur irgend möglich war, durchzuführen. Aber trotz größter Mühe und großer Opfer konnte nur ein Teil dessen erreicht werden, WaS in glücklicheren Jahren' die ״Einheit" am Pessach geboten. Allerdings stellten ,ich die Kosten der Pessachaktion so hoch, datz die Einheit an diesem Defizit lange zu tragen haben wird. Den Umfang der Aktion während der neuntägigen Feiertage zeigen folgende Ziffern: ES gab 29.798 Mahlzeiten, darunter 1000 Gratisportionen. An der Ausspeisung nahmen auch die Schützlinge von «Tomech-Ewjonim" und die des Studentenhennes 6. Bez., Engerthstraße teil. Neberdies hatte die Einheit die Pessachverköstigung der kranken Soldaten der Wiener Spitäler übernommen; eS wurden ihnen 1862 Portionen gesendet. Wer an den Sederabenden die von den Gästen dicht besetzten Speisesäle sah, die feiertäglich instand gesetzt waren, war von dem Anblick bewegt. Besonders feiertäglich ging eS an den Sederabenden in der Mensa zu, bei welcher Gelegenheit sowohl seitens deS Vorstandes, als auch seitens des MensaausschusseS Ansprachen gehalten wurden." * * * Leichenbegängnis beS ReligionSlehrerS Dr. David Kanitz. Freitag, den 2. Mai 1919, fand daS Leichenbegängnis des ReligionSlehrerS Dr. David Kanitz statt. Eine ansehnliche Anzahl von Teilnehmern fand sich ein, dar«, unter die Schüler des Privat-RealghmnafiumS im 8. Bezirk unter Führung ihrer Lehrkräfte. Rabbiner Dr. Grunwald sprach zunächst im Namen der Familie, hierauf Rabbiner Dr. Rofenmann als Leiter der Inspektion für Volks- und Bürgerschulen, im Namen der Kollegen sprach Rabbiner Dr. Taglicht. Hierauf ergriff Landesschulrat Dr. Spitzer das Wort, um im Namen der KultuSgemeinde Abschied vom Verklärten zu nehmen. Herr Religionslehrer L. WieSner sprach im Namen de» VerbandeS der Angestellten der Kultusgemeinde und Präfekt Kowel im Namen der Schüler, . Einqesendet. Löbl. Redaktioül Sie hüben in Ihrer Nummer vom 9. MM einen Bericht des Verbandes der Rabbiner Mährens pnd Schlesiens gebracht, worin auch meine Wahl in den Vorstand erwähnt wird. Ich ersuche Sie höflichst in der nächstenMümmer zu berichttgen, datz ich die Wahl nicht cmgenWMN Habe. Der Vorstand hat den Berichten die ZeitungM gegeben, ohne mich angefragt zu haben, ob ich die Wahl annehme. Bestens dankend hochachtungsvoll' Dr. Ludwisi Levh.

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