Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 11 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Sette 3 sollte das Memorandum direkt dem Viererrate vorgelegt »«de«. DaS Ergebnis dieser Schritte konnte Herr Adler nicht abwarten, da ihn BerufSpflichten nach Prag zurückriefen. MS eine speziell die tschechoslovakischen JuLen^dctreffende Tätigkeit der Paager Delegierten wäre die Unterredung mit dem Minister Benesch zu verzeichnen. In einer längeren Unterredung setzten ihm Dr. Hugo Bergmann und Norbert Adl« die Verhältnisse der tschechoslovakischen Judenschaft auseinander und besprachm» mit ihm die Möglichkeiten, welche sich der jüdisch, nationalen Politik im tschechoslovakischen Staate bieten. Die Ansichten des Ministers über die Judenfrage find klar und gefestigt und beruhen, wie er der Deputation mitteilte, auf gründlichen Studien der heimatlichen und fremdländischen Verhältniffe. Seine Anfichten stimmen vollständig mit dem bekannten Standpunkt des Präsideuten Masaryk überein. Sr betrachtet die Lösung der Judenfrage als Prüfstein für die Höhe der Kultur ei» ne« Volke«. Darum werde der tschechoslovakische Staat die ihre Entwicklung und ihre Zukunft betreffenden Wünsche der Juden respektieren. »Will fich ein Jude affimilieren, können und wollen es ihm nicht verwehren. Als richtig sehe ich jedoch Ihren Standpunkt an, welcher mir auch persönlich sympathisch ist." Die Deputation wies darauf hin, daß zur Zeit der österreichisch-ungarischeu Herrschaft die Juden zur Unterdrückung schwächerer Völker mißbraucht wurden und daß gerade dadurch die Verhältniffe der Juden zu diesen Völkern vcrgiftet wurden, wogegen die Zionisten stets protestiert haben. Der Minister erklärte, daß der tschechische Staat die Juden nie so mißbrauchen werde. Die Delegierten gewannen die Ueberzeugung, daß Minister Benesch die ehrliche Abficht habe, an der Herstellung eines guten Bcrhältniffes zwischen den verschiedenen Nationalitäten nach seinen Kräften mitzuarbeiten. Der Referent beantwortet noch einige die Details der Verhandlungen betreffende Fragen einzelner RationalratSmitglieder. Hierauf berichtet Dr. Sonnenfeld aus Brünn über die Plenarsitzung des Brünner Landesvolksrates in Prerau. Sein Bericht behandelt finanzielle Fragen, ferner die Wünsche des Brünner BolksrateS, bezüglich der geplanten wirtschaftlichen Schutzorganisation und der Schulfrage. Herr Rudolf Kohn gibt noch einmal näheren Aufschluß über seine Unterredung mit Minister Habermann. Die Sitzung wurde von Dr. Singer mit einem Dank an dis Erschienenen geschloffen. Brünner Nachrichten. Die Gemeinbewahle«. MS erste Versammlung, in Angelegenheit der Brünner Gemeindewahlen, fand, Dienstag, den 13. d., im großen Saale der Schwechater Bierhalle eine vom jüd. VollSrate Brünn, einberufene Volksversammlung mit der Tagesordnung: »Die Juden und die Gemeinde- Wahlen" statt. Mittels Maueranschlagen und Flugzettel wurde die jüdische Bevölkerung aufgefordert, in der Versammlung zu erscheinen. Schon vor Beginn der Versammlung war der große Saal überfüllt. Namens des Volksrates «öffnete Herr Dr. Sonnenfeld die Versammlung, begrüßte die Erschie. neue» und erteilte dem Referenten Herrn Sekretär Dr. G. Kohn das Wort zu seinem Referate. Redner hielt einen Rückblick auf die verfloffenen KriegSjahre, hob die schmähliche Haltung der »Siegfriedler" auch der jüdisehen hervor, brandmarkte in kernigen Worten die Gebarung und Betätigung der offiziellen jüdischen Derkreier im Kahal und in den öffentlichen Bertretungskör- Peru, wie« nach, wie diese Herrschaften seligen Angedenken« auf Kosten des Judentums sich politisch betätiglen, aber derjenigen Juden, die eine jüdische Politik, akS im Interesse der Juden gelegen forderten, auf das schärfste bekämpften. Die zweieinhalb Millionen Juden deS alten Habsburgerreiches hatten im Parlament nur einen Vertreter. Der Redner forderte die Juden auf in der tschechoslodakischen Republik eine rein jüdische Politik zu Letreiben, die Juden dürfen nicht in den alten Fehler ver» fallen und d« Krankheit: .Assimilation" huldigen. Der Jude müsse fich al« Jude bekennen und dürfe fich Wed« alS Deutscher noch als Tscheche auSgeben. ^Nur eine wahrhaft jüdische Politik, frei von KompyMtffen, sei von d« jüdischen Bevölkerung zu betreibenWSuf die Brünner Gemeinderatswahlen zu sprechen kommend, hob kt Referent besonders hervor, daß durch einmütigeS Vorgehen kr hiesigen Juknschast eg uns möglich fei« w«k einige Mandate zu gewinnen. Die vartreff* kiche« Ausführungen des Referenten fanden stürmisch«. Beifall. Nun kam Frau Aaitta Müller aus Wien zu Worte. Von der Ver;«mmtung mit lebhaften Ovanonen begrüßt, schilderte Frau Müller in packender Weise den Werdegang der Agimilatton urur lyeer Fuhr«, wies insbesondere aus den Banteroit hin, den sie AffnnUatwnSpolitik gezeitigt uni) hob die Notwendigteit des Bekennlniffes zu unserem Volkstume hervor. Frau Müller kam hierauf auf die Stellung oer Frau während des Krieges und in der Politik zu sprechen. Sie vertrat, auf Grund ihrer gesammelten, reichen Erfahrungen und Betätigung, den Standpunkt, die Frauen müssen unbedingt fich als selbständiger, politischer Fakwr betrachten, als Frau in den Wahlkamps, unbeschadet der Anschauung des Mannes, eintreten. Die jüdische Frau und das jüdische Mädchen, müffen sich ihres BolksbewußtseinS bewußt werden, für die Regeneration des JukntumS arbeiten. Die Notlage im jüdischen Volke sei furchtbar. 70 v. H. der Juden sind Proletarier. Die Not bringe es mit sich, daß ein großer Teil der Prostituierten Jüdinnen find. Nur durch gemeinsame Arbeit aller Juden, ohne Unterschied der Partei und Klaffe, könne die Judenfrage gelöst werden. Nach Anschauung der Referentin, dürfe sich daS Judentum den Luxus der Zersplitterung nicht gestatten .Mit einem hinreißenden Appell bei den Wahlen nur jüdischnational zu wählen, schloß Frau Müller ihre glänzenden, in wärmster Weise vorgebrachten Ausführungen. Lebhafter, stürmischer Beifall folgte dem Referate. . s ch Nachdem noch Frl. Lya Steif zu den AuSsührungen der Referentin Stellung genommen, schloß der Vorfitzende die Versammlung. * * * Geaeral-Bersammlung des Vereines ״Machsike. HabaS". Donnerstag, den 8. d., fand ^nter äußerst reger Be» teiligung der Mitglieder die diesjährige General» Versammlung statt. Der Obmann des Vereines, Herr Arnold Steiner begrüßte die Erschienenen, wies auf die erfolgreiche Tätigkeit des Vereines während der Kriegsjahre hin. Trotzdem der größte Teil der aktiven Mitglicder unter den Waffen stand, wurden die Institutionen des Vereines nicht nur erhalten, sondern in jeder Beziehung ausgebaut. Herr Steiner kam auf die Tätigkeit für die Flüchtlinge zu sprechen, bewnte insbesondere, daß die in Brünn begründeten Wohlfahrtsinstitutionen der Initiative der »Machfike Hadas" zu verdanken sei. Während andere Vereine durch die schwere Weltkatastrophe beinahe einen vollständigen Stillstand ihrer Tätigkeit aufzuweisen hatten, kam für den Verein die Stunde seines großen Schaffens. Ungeheuer schwer war die Last, die eine kleine Schar auf sich genommen. Unter der Leitung des Redakteur Hickl wurde die gewaltige Arbeit für die Flüchtlinge geleistet, die Erhaltung des Bethauses, der Talmud Thora usw., stellte große Anforderungen an sämtliche BereinSmitglieder. Der Vorfitzende dankte den Ausschuß und Bereinsmitgliedern für ihre rege Mitarbeit. Nach Erstattung des RechenschaftS- und KaffaberichteS durch Herrn Bürstenbinder sen., wurde über Antrag des Herrn Läufer dem abtre- Lenden Ausschüsse der Dank und die Anerkennung, unter lebhaftem Beifalle, ausgesprochen. Es wurde hierauf die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen. Als gewählt erscheinen: Obmann: Arnold Steiner, Obmann-Stellvertreter: I. Wiener. Ausschuß: die Herren Feinberg sen., Lauser, MHHen, Piowaty, Scheinmann sen., Hickl, Dr. Trachtchwerg, M. Steif, Altmann. Herr Stein« referierte über den Ausbau d« Organisation. Er hob die Notwendigkeit der Erwerbung eines BereinshauseS hervor. Hiedurch würden die Fragen deS BethauseS, Mikwa, Talmud Thora, Lesesaal usw., gelöst werden. ES muffe unbedingt eine Bereinigung aller gesetzestreuen Juden in Brünn und in kr Tschechoslovakei geschaffen w«den. Die Wahlen in die Kultusgemeinde werde in kurzer Zeit die Leitung des Vereines beschäftigen. In finanziell« Beziehung muffe ein Fond geschaffen werden. — Herr Lauf« beantragte die Arbeit zu teilen. Sektion r zu wählen, hiehurch würden neue ArkitSkräfte kr Organisation zugeführt w«den. In die Finanzsektion wurden gewählt: Feinb«g« sen., Baum, Altmann, Breda, Wien«, Lax jun., Salo Neinberg. Schulsektion: Hickl, Rabbin« Baumöl, Vürstenbinkr sen., Bigdor, Stein«, Meisel, Dr. Lrachtenderg; Kaschrus-Sektion: Rabbin« Baumöl, Neumark, Scheinmann sen., Bürsten* bind« jun., F. Horowitz, Zwiebel; BethauSverwaltung: Piowath, Steif, Scheinmann jun., Läufer, Korn; Veth* haam: Piowath, H. Feinkrg, Frühmann, Kauf«, Lax jup., Korn, Horowitz, Rofenblüth. Pomeraqz, Reumark, Feinkrg Salo. Wien«, Vürstenbinkr jun; VemiluS* Shaffodlm: Aeinberg sen., Vürstenbinkr jun.. Dien«. Stein«, Isidor Feinkrg. Lax sen.; Jugendsektion: Vürstenbinkr jun* Lauf«, Dr. Trachtend«-; HaSkara: Vürstenbinkr sen.; Bibliothek: Bürstenbinder, Lax jun. Mit Dankesworten an die Anwesenden schloß kr Bor» fitzende die General-Versammlung. * * 8s ist erreicht! Brünn hat eine neue politische Organisation: ״Deutsch-kmokratische Partei" nennt fie fich. An kr Wiege dieses totgeborenen Kindes stehen auch einige Juden und Jüdinnen. Armes, deutsche- Volk, daS sollen kine Erlöser sein! Hoffentlich w«kn wir dieser Partei bald den Nachruf widmen können. *. * » Zu kn KuttuSwahlen. Wir erhalten folgenk Zu» schrift: In der Angelegenheit d« Kultuswahlen ist in kn letzten Tagen endgiltig die Entscheidung getroffen workn. Mit Rücksicht auf den Umstand, daß der jüdische BolkSrat während der Gemeindewahlen einem Wahl» kämpfe innerhalb der Judenschaft auSweichen wollte, wurden mit den »Offiziellen" Kompromißverhandlungen eingeleitet, die zu einem Ergebnis führten, von welchem die Jüdischnationalen befriedigt find. Die 18 Mandate werden so aufgeteilt, daß sowohl die Jüdischnationalen als auch die Offiziellen je 6 Mandate erhalten und die 3 restlichen Unparteiischen zugewiesen wurden, auf die man fich geeinigt hatte. Die Jüdischnationalen haben als einziges Programm für den KultuSborstand die sofortige Umwandlung deS Wahlrechtes in der KultuSgemeink in ein allgemeines Wahlrecht für Männer und Frauen nach modernsten Prinzipien. Da für dieses Programm und nachherige sofortige Ausschreibung von Neuwahlen auf Grund des neuen Wahlrechtes auch Herren der offiziellen Seite und Unparteiische gewonnen wurden, be» deutet das Programm einen Sieg der nationalen Idee. Zum erstenmale ziehen Zionisten in die Brünner Kust tuSstube ein. * * * Verein ״Theodor Herzl". Der Verein ״Theodor Herz!" veranstaltet am 25, Mai, halb 8 Uhr abends, im Saale deS Künstlerhause« eine Vorlesung, bei der Oberregisseur Ernst Grünau das Schauspiel ״J«emias" von Stefan Zweig zum Vortrage bringen wird. Karten bei Weiner, Ferdinandsgaffe 2V נבולות — hebräische Monatsschrift Vom Verbandstage der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Endlich, nach mehr als fünfjährigem, beharrlichen Stillschweigen hat der Verband wieder ein Lebenszeichen von fich gegeben. Der furchtbare Kriegssturm, der über uns alle hinweggetobt, hat also, wie wir zu unser« Freude konstatteren, das nur schwach flackernde Lebensflämmchen desselben noch nicht ganz zu verlöschen v«- macht. Freilich, so manchem will eS bedünken, als ob der Verband ein wenig früher aus sein« Zurückgezogenheit hätte hervortreten sollen, und daß all seine großzügigen Pläne zur Befferung der Lage der Rabbin« gegenwärtig an die bekannten Ethrogim nach Sukkaus erinnern: Aber wir find alle in dieser Zeit sehr bescheiden und ge» nügsam geworden, und würkn. unS zufrieden geben, wenn wenigstens jetzt ein kleiner Anlauf gemacht würde, daß der Verband aus seinem bisher geführten Scheindasein herausgebracht werde. Jnkffen «mutigen die Auspizien wenig zu solcher Auffassung, wobei die Schuld ebensosehr an der Leitung, wie an d« Indolenz jener Mitglied« liegen mag, die hübsch im Warmen und Trockenen fitzen, und eS doch so gar nicht nötig haben, auf die eventuellen Vorteile eines VerbankS angewiesen zu sein. UnS fehlt eben, wie den deutschen AmtSkol» legen, ein Mahbaum, d« selbstlos, uneigennützig und tatkräftig zur Hebung de« ganzen Rabbinerstanks bei» tragen würde. — Dir besitzen zwar anL Deutschland 1mporti«te Rabbin«, aber den hochsinnigen Geist, daS Gefühl echt« KolleztaNtSt, wie « dort gehegt und ge» pflegt wird, ist bei ihnen nicht zu entdecken. Und noch eines muß als bedeutsame Erscheinung hingestellt wer* den: daß in km diesmaligen Programm kr Tagung kein wissenschaftliches Thema angekündigt war. Wohl zilt heute mehr al« sonst kr bekannte Satz: »En kemach en thauro". »wo kein Mehl, da keine Thora-, ab« eist Rabbinerverband Hai nun einmal nur dann Existenz krechtigung, wenn rt bei allen seinen Zusammen» fünften auch die geistige Förderung, die wechselseitige geistige Anregung sein« Mitglied« im Auge behält. Sonst könnte « eben so gut et« Tempeldiener-Verein sein. — •me«.