Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1919-05-09 · Heft 10 (9.5.1919) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 10 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2622032-2622042--3938-2625183
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 10. «ritt 3 Maffenausschreitungen Posener Soldaten gegen die jüdische Bevölkerung in Warschau. Die jüdische Tageszeitung ״Haint" berichtet iitn! schwere Ausschreitungen Posener Soldaten gegen die jüdische Bevölkerung Warschaus, die Montag, den 21. April, begannen und die ganze Woche hindurch dauerten. Die Exzesse, die Montag einsetzten, haben sich am Donnerstag, den 24. d. M., in noch verstärkteren Formen wiederholt. Bereits um 9 Uhr früh scharten sich in der von Juden bewohnten Franziskaner- und Fretaftraße Gruppen von bewaffneten Militärperfonen, denen sich eine Menge hürgerlicher Polen zugesellte, die die vorbeigehenden Juden mißhandelten. Alsbald erschienen, gleichsam wie auf ein verabredetes Signal, von allen Richtungen her Gruppen von je 3—4 Bewaffneten und nahmen Ecke Franziskaner- und Fretastratze Aufstellung. Als die Zahl auf 60—60 angcwachsen war, warfen sie sich mit Gewehrkolben und Bajonetten auf die jüdischen Passanten, von denen viele blutig zugerichtet wurden. Auf der Straße entstand große Ver- Wirrung. Jüdische Geschäfte wurden geschlossen und die jüdischen Passanten suchten in den Höfen Zuflucht. Als keine Juden mehr auf der Straße zu sehen waren, drangen die Bewaffneten in die Häuser ein. Sie sperrten überall die Haustore und nahmen in allen Häusern Revisionen unter dem Vorwand vor, sie suchten nach versteckten Waffen . . . Um 10 Uhr erschienen vom 2. Kommissariat einige größere Milizpatrouillen. Als die Bewaffneten sich in ihrer ״Arbeit" gestört sahen, teilten sie sich in zwei Gruppen, von denen die eine nach Ralewki, die andere nach Sw. Jerska ausschwärmtc. Auf Nalewki drang eine Gruppe von 20—30 Mann in die Häuser ein, sperrte die Tore und Ausgänge und nahm in jeder jüdischen Wohnung eine ״Revision" vor, bei der sie die Möbel demolierte, die Schränke aufbrach, das Bettzeug in Stücke riß und die Bewohner mit dem Erschießen bedrohte, falls ihr nicht die versteckten Gewehre abgeliefert würden. Bei den ״Untersuchungen" raubten sie goldene Uhren, Schmucksachen, Geld u. a. In einem jüdischen Gasthaus waren sie im Begriff, zwei Kisten mit je 7 Pud Zucker fortzuschaffen, als sie von ankommenden Milizleuten gestört wurden, die die geraubten Waren dem Eigentümer zustellten. Auch eiserne Geldschränke wurden gewaltsam erbrochen und des Inhalts entleert. Eine Gruppe der bewaffneten Plünderer stellte sich im Hofe Nalewski 39, neben dem nach Kupiecka führenden Eisernen Tor, auf, wo sie sämtliche jüdischen Passanten blutig mißhandelten und ausplünderten. Erst um 12 Uhr mittags erschien das ganze 4. Polizeikommissariat auf Nalewki, wo sich später auch einige Gendarmerieoffiziere einfanden. Man begann die Straße zu säubern. Die bewaffneten Banden, die als aus Posen stammende polnische Soldaten festgestellt wurden, wurden entwaffnet und zum Teil dbgeführt. Später durchstreiften die Nalewki- und Franziskanerstraße Automobile mit Gendarmen, die jeden Bewaffneten anhielten und ihn in Richtung auf die Zitadelle abführten. Ein gleichzeitig in der Markthalle von Sw. Jerska arrangierter Ueberfall auf die dort sich aufhaltcnden Juden wurde von der Miliz eingestellt, die die Angreifer vertrieben und die Hallen sperrten. Das gleiche geschah auch in der Wolowki- und Stawkigassc. Die Ausschreitungen der «Posener" dauern an. Unter dem Vorwand, man habe aus den Fenstern geschossen, dringen sie in jüdische Häuser ein und nehmen ״Untersuchungen" vor, bei welcher Gelegenheit alle Wertsachen verschwinden. Juden werden auf den Stratzen überfallen und mißhandelt, andere werden ausgeplündert. Betrunkene und mit Handgranaten bewaffnete Soldaten durchstreifen die Graniczna, Grzybowska und Twarda und verprügelten die vorbeigehenden Ju- Len. Die Miliz ist machtlos. In der Sakroczvmskastratze nahmen die ״Posener" drei Polizeibeamte, oie sie bei der ״Arbeit!" störten, fest und führten sie nach der Zitadelle ab, wo die Posener Truppen untergebracht sind. Mit großer Mühe gelang es dem Warschauer Polizeichef, die verhafteten Beamten zu befreien. Am Dienstag drangen um 9 Uhr abends in die Konditorei von Terkel Ecke Bagna- und Sw. KrzySkastraße 30 bis 40 bewaffnete ״Posener" ein und warfen sich mit wildem Geschrei: ״Heute muß man alle Juden abschlachten'." auf die zufällig anwesenden Juden, die durch Seitenausgänge flohen. Einem 70jährigen Juden, David Hirsch Steinmeister, der nicht rasch genug fliehen kannte, schlugen fie den Schädel ein. Er wurde in hoffnungslosem Zustande nach Hause gebracht. Zahlreiche jüdiü׳ Geschäfte in der Marianska, Panska, Freta und Sw. KrzhSkastratze wurden ausgeraubt, desgleichen die jüdischen Restaurants und Privatwohnungen. Es wurden viele Verwundete gezählt. Auf Befehl des Stadtkon mandenten ZawdSki wurde der Feldwebel Kabza, Kom- Mandant der Posener Militärabteilung, den die Ha... schuld an den Exzessen treffen soll, verhaftet. Die polnischen Zeitungen Warschaus fahren ungeachtet der furchtbaren Folgen in ihrer blindwütigen Hetze gegen die Juden fort. Sie rechtfertigen offen die Pogrome der ״Posener" und verbreiten dabei das Mär-! chen, jüdische Händler hätten durch Verabreichung von denaturiertem Spiritus an polnische Soldaten sechs ״Halleristen" (Angehörige der Armee des Generals Haller) vergiftet. Die Regierungsorgane unternehmen nichts, um dieser furchtbaren Hetze entgegenzutreten, und die jüdische Oeffentlichkeit appelliert vergeblich fortwährend an das Kommando des Warschauer Militärbezirkes und an die Stadtbehörden. Andersgläubige Erzieherinnen in jüdischen Familien. (Ein Kapitel zur herrschenden Taufbewegung.) Seit Jahr und Tag forscht man in berufenen Kreisen nach dem Ursprung der grassierenden Abfallsbewegung und spricht und schreibt immer wieder über die Mittel und Wege, mit denen man dieser moralischen Zeitkrankheit an den Leib rücken und einen Damm setzen könnte. Man greift dabei aber zumeist nur nach dem Stamme und nicht nach der Wurzel des Hebels. Nicht die ״Großen" draußen im bewegten Leben, sondern die ״Kleinen" im Stilleben der Familie, die jugendlichen Kinder sind es, die infolge erzieherischer Mißgriffe schon frühzeitig den Erreger, den sogenannten Bazillus der Krankheit in sich tragen, der sukzessive ihr Seelenleben vergiftet. Der Umstand, daß von andersgläubigen Erzieherinnen, alls sie überdies auch noch Antisemitinnen sind, häufig auch das religiöse Empfinden des jüdischen Kindes in Mitleidenschaft gezogen wird, dieser Umstand erheischt es, aus dem Innenleben solcher Familien ein Bild herauszugreifcn und es der Oeffentlichkeit vor Augen zu führen. Im engen Kreise der Familie, da hat so eine Antierzieherin allerdings nicht den Spielraum, in Sachen der Religion negativ auf das Gemüt LeS Kindes ei, wirken, ist sie aber einmal mit demselben aus der Be- Hausung draußen, und auf dem üblichen Spaziergang begriffen, dann läßt sie in der Regel ihrer tief wurzelnden, konfessionellen Gegengesinnung die Zügel schießen und gibt dies dem jüdischen Sprößling an Leib und Seele zu verspüren. ״Man muß den Judenstämmlung schon im zarten Alter zur Abneigung gegen seine Konfession präparieren." So kalkuliert die in jüdischen Diensten stehende verkappte Antisemitin, sobald sie den Fuß auf die Straße gesetzt und daraufhin kehrt sie in die erstbeste Kirche, die ihr entgegenwinkt, mit dem nichts ahnenden Kinde ein und gibt sich alle Mühe, das selbe für den kirchlichen Akt und den damit Verbündenen Zeremonien zu begeistern. Und so kommt es, daß so manches jüdische Kind, bevor es das ihm im Eltern- Hause und vom Religionslehrer so oft geschilderte und gepriesene jüdische Gotteshaus gesehen und kennen gelernt, schon unzähligemal früher in der Kirche gewesen und dort hinter dem Rücken der Eltern ״Schule" gemacht hat. Wenn schon jüdische Eltern die ihnen auferlegte heilige Pflicht der Kindererziehung aus welchem Gründe immer von sich abwälzen, warum legen sie dieselbe dann nicht in die Hände von Erziehungskräften, die unserem Volke entstammen? Warum weisen sie bei der Wahl einer Erzieherin die tüchtigsten Glaubensgenossinnen ab, um Andersgläubigen Tür und Tor zu öffnen und ihnen ihr kostbares Gut, die Erziehung ihrer Kinder, anzuvertrauen? Kunäschau. Große Pogrome in Wilna. Das jüdische Preßbüro meldet: Berlin, 4. Mai. Polnische Legionäre veranstalteten einen Tag nach ihrem Einzug in Wilna einen furchtbaren, vier Tage dauernden Pogrom, der eine große Zahl Opfer an Toten und Verwundeten forderte. Die Plünderungen dauern noch fort. Der ganze Vormarsch der polnischen Armee vollzieht sich überhaupt unter schrecklichen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die Panik unter den Juden ist umso größer, als die Bolschewiken wieder vorrücken und die Polen mit furchtbarer Rache drohen, falls fie Wilna wieder räumen müßten. Die Polen schleppen sämtliche Lebensmittel fort, sodatz eine furchtbare Hungersnot herrscht. Amerikanische Parlamente für ein jiwischeS Palästina. Das Jüdische Preßbüro in Stockholm berichtet: Das Parlament des Staates Albani faßte einstimmig eine Resolution, die die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk fordert. Eine gleiche Resolution wurde auch vom Parlament der Sätdt Ohio angenommen. Beide Staaten folgten hiermit dem Beispiel von Maffachuses, dessen Parlament die amerikanische Friedensdelegation aufforderte für die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina sowie für die Sicherstellung der jüdischen bürgerlichen nationalen Gleichberechtigung. Lebensmittelversorgung der Ostgalizifchen Juden. Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen NationalrateS für Ostgalizien wird gemeldet aus Paris: Die Friedensdelegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien hat vor einigen Tagen beim Mitglied der amerikanischen Lebensmittelkommission, Strauß, vorgesprachen und um ehebaldigste Versorgung der ostgalizischen Juden mit Lebensmitteln gebeten. Strauß erklärte sich gerne bereit der ostgalizifchen Judenheit zu helfen und versprach beim Einstellen des polnisch-ukrainischen Waffenganges sofort größere Lebensmittelmengen zu überweisen. Zu deren Verteilung werden auch in entsprechender Zahl Vertreter des Jüd. Nationalrates zugezogen werden. Die Wiener Unruhen antisemitischen Charakters Die Wiener Straßenkundgebungen tragen feit einigen Tagen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Die offiziellen kommunistischen Führer haben sich in richtiger Witterung dieses Umschwunges vollständig zurückgezogen. Die Christlichsozialen suchten für die Gemeinderats - Wahlen ihren Anhang zusammenzuschließen, indem ihre Parteipresse unablässig auf das jüdische Glaubensbekenntnis der sozialdemokratischen und kommunistischen Führer hier und anderwärts hinweist. Die Plünderungen in der Leopoldstadt, ein hauptsächlich von Juden bewohnter Bezirk, sind auf diese Strömung zurückzuführen. Dort drang die Menge in ein Kaffeehaus ein, das als eine Winkelbörse polnisch-jüdischer Schleichhändler gilt, zerstörte die Einrichtung und plünderte die anwesenden Gäste gründlich aus. Volkswehr eilte herbei und gab eine Salve ab, wodurch zehn Personen verwundet wurden. Druckereien in Jaffa und Jerusalem. Das ״Jüd. Korrespondenzbüro Zürich" meldet, daß eine Gruppe russischer Juden gegen fünf Millionen Francs für die Errichtung einer großen Druckerei und Lithographieanstalt in Palästina zur Verfügung gestellt hat. Auch der bekannte Mäzen der hebräischen Literatur, Stybel aus Moskau hat ebenfalls einen in Palästina weilenden Vertreter beauftragt, ein ähnliches Unternehmen zu errichten. Sobald die erforderlichen Maschinen und Materialien ins Land gelangen, wird dadurch für viele Hunderte Juden Arbeitsgelegenheit geschaffen werden. ־־־ גבולות hebrllsche Monatsschrift. Interalliiertes MiSrachibüro. Die in London stattgehabte Jnteralliierten-Konferenz der Zionisten beschloß, in Anbetracht des großen Werkes, welches in der nahen Zukunft bevorsteht, und an dem der Misrachi seinen vollen Anteil zu haben wünscht, in London ein ״interalliiertes MiSrachibüro" zu begründen. Das Komitee besteht aus 9 Herren, je 3 Vertreter von Amerika, England und Erez Jisroel. Das Londoner Büro steht unter der Leitung des Vorsitzenden Rabbiner V. Schönfeld, Oberrabbiner Dr. I. H. Hertz und C. Bublick. Diese Neueinrichtung beeinträchtigt selbstverständlich in keiner Weise das Zentralkomitee der Misrachi- Weltorganisation mit ihrem Sitz in Berlin unter der Leitung von Hermann Struck. Eine Unterredung Rothschilds mit Bratianu.. Baron Eduard Rothschild hatte eine Unterredung mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu über die Judenfrage Rumäniens. Bratianu behauptete, in der rumänischen Armee habe es viele jüdische Ver» räter gegeben. Auf die Frage Rothschilds, warum diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.