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Jüdische Volksstimme · 1919-05-02 · Heft 9 (2.5.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 9 (2.5.1919)
Date
1919-05-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ״Mdische Nr. 9 schaftSstellung; sie bedrohen den breiten jüdischen Mit telstand mit dem Untergang. Man ist sich dieses Umstandes in den weiten jüdischen Kreisen klar bewußt, und man sieht keinen anderen Ausweg, als die — Berzweiflung. Zu diesen Privatforgen kommen nun die Gemeindekalamitäten. Die durch die Umwälzung geschaffene Lage hat ein unentwirrbares ChaoS im gesamten öffentlichen Leben herbeigeführt, von dem das jüdische Gemeindeleben am schwersten und unheilbarsten betroffen wird. ES ist alles auf den Kopf gestellt. Die Trennung von Kirche und Staat ist beschlossene Sache, und die Kultusgemeinden gehen einem ungewissen Schicksal entgegen. Die bisher gerade in Ungarn mit hoher Autorität ausgestattete Gemeindeinstitution ist zu einer bloßen Vereins-Existenz degradiert, die durch die Auf- Hebung der Simpelsteuer (Einheitssteuer) eine fitere Unsicherheit und Zerrüttung erfährt. ES ist mit einem Schlage alles in Frage gestellt, und aus den vielen jüdischen Fragen ist nunmehr eine jüdische Lebensfrage geworden. Die Münchner Pogrome. Die Ausrufung der Räterepublik in Bayern gab den reaktionären Elementen in München eine günstige Gelegenheit, zu Pogromen gegen die Juden aufzuforderu. Ein Telegramm vom 7. April besagt: An allen Straßenecken sind große Menschenansammlungen, in denen gegen oder für die Räterepublik gesprochen wirs. Sehr häufig trifft man auch Redner, die mit heftigen Worten gegen die Beteiligung der Juden an der Regierung sprechen und viel Beifall finden. Mehrere. Redner, die am Odeonplatz gegen die Räterepublik sprachen, wurden von Patrouillen der Roten Garde verhaftet und abgeführt. Auffallend ist der Haß gegen die Juden, der sich in Formen äußert, die man bisher in München nicht gewohnt war. Auch rein sozialistische Gruppen sprechen sich gegen die Juden in der Regierung aus. Eine Meldung vom 10. April lautet: Die Spannung, die Erwartung blutiger Ereignisse ist ins Unerträgliche gestiegen. Pogromaufrufe zur Judenschlächterei durchflattern die Stadt. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sah sich gezwungen, durch Plakate die Gesamtheit der Juden gegen die Angriffe zu verteidigen. Hoffentlich ist es zu Ausschreitungen und Blutvergießen nicht gekommen. ״Jeder vernünftige Mensch", bemerkt das «Berliner Tageblatt" bei der Besprechung der Münchener Vorgänge treffend, ״wird durchaus begreifen, daß die Münchener es sich nicht gefallen lassen wollen, von «Philosophen", Anarchisten und Schiebern ausgeplündert zu werden, die, fern von München geboren, im Berliner «Cafe Größenwahn" als ״originelle Typen" betrachtet wurden und nur ideenlose Papageien alter revolutionarer Lehrmeister oder des Bolschewismus sind. Der Herr Dr. Lewien, der den Münchener Kommunismus befehligt, ist übrigens, wie erklärt wird, nicht Jude, sondern der Sohn eines deutschen Generalkonsuls in Rußland und hat anscheinend eine Vergangenheit, der.״r Aufhellung sich wohl empfiehlt. Man kann den Münchenern nur empfehlen, diese Leute davonzujagen —und niemand kann verstehen, daß ein gesundes Volk diesen Schönrednern, Hysterikern und dunklen Existenzen so widerstandslos Len Platz überlassen hat. Aber was hat die ungeheure Mehrheit der Juden mit diesen Gassenkönigen, was hat sie mit den Schreibern der mcbr oder minder bolschewistischen Zeitschriften und ähnlichen Elementen zu tun? Antisemitismus ist, in Mm.chen wie überall, albern, ungerecht und infam. Man beschränkte seinen Antisemitismus sreundlichst aus diejenigen, über die jeder verständige Jude ebenso urteiu wie jeder verständige Christ." Inzwischen ist die Räterepublik gestürzt und die alte Regierung wieder eingesetzt worden. Erneuerte Judenschlächterei in Polen. Die in Warschau erscheinende Zeitung ״Jüdische Volk" veröffentlicht in der Nummer vom 8. April folgenden Brief des im Aufträge der amerikanischen LebenSmittelkommiffion zur Zeit in Polen weilenden Delegierten Zuckermann an die Abgeordneten de» Pol: schen Landtages: Sehr geehrte Herren! Ich Unterfertigter, Mitglied der amerikanischen LebenSmittelkommiffion, halte efür meine Pflicht, über dagroße Unglück zu berichten, daß die Juden von PinSk betroffen hat. Als ich tn PinSk war, befaßte ich mich mit der Frage der Gründung eines Komitees zwecks Verteilung der von den amerikanischen Juden gesammelten Unterstützun'gSgelder. Eine der dringendsten Aufgaben dieses Komitees war die Verteilung von MazzoSmehl für die ärmste jüdische Bevölkerung. Als Verteilungsstellen sollten die städtischen Kooperativgeschäfte fungieren. Um eine gleichmäßige Zuteilung zu erreichen, beriefen die städtischen Kooperativgeschäfte eine allgemeine Konferenz ein, welche am Sonnabend, den 6. April nachmittags im Volkshaus, dem einzigen legalisierten jüdischen Lokal in der Stadt, abgehalten werden sollte. Ich selbst fuhr Sonnabend früh von Pinsk ab und langte abends in Brüsk (?) an. Am Sonntag Abend kämen einige Juden aus Pinsk zu mir und erzählten, daß das polnische Militär das Volks- Haus umzingelt, alle Anwesenden verhaftet, auf den Markt geführt und bis auf den letzten Mann erschossen habe. Die Zahl der Ermordeten erreicht laut meinen Informationen, die ich später auf Grund meiner Unternehmungen erhielt, fünfzig bis hundert. Später erfuhr ich, daß das Militär auch auf zufällig des Weges kommende Juden geschossen habe. Dieselbe Quelle berichtete, daß weitere dreißig bis vierzig Juden verhaftet wurden und eS ist möglich, daß sie in diesem Augenblick, wo ich schreibe, ebenfalls erschossen sind. Ich halte es für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß ein sofortiger Eingriff notwendig ist, weil polnische Soldaten, die mit dem Juden, welcher aus Pinsk hier waren, zusammen gefahren sind, sich gerühmt haben, das Geschehene sei noch garnichtS und den Juden solle es noch viel ״heißer" werden. Die erwähnte Zeitung berichtet ergänzend, daß die jüdischen Landtagsabgeordneten diesen Artikel dem Präsidenten Pilsudski und dem Kriegsminister Lenzniewski übergeben haben. Der Zionist Grünbaum überreichte ferner bei der gestrigen Landtagssitzung Briefkopien dem Innenminister und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten. Von Mitgliedern der ״Ceire Zion" und ״Chainzim" wurden folgende erschossen: Chajim Friedmann, Hirsch Liebmann, Israel Brenmann aus Kolo, Simcho Paritzki, Maische Silbermann, Zadik Riklin, Katzmann Jeschua, Gottlieb Zwi, Gottlieb Bankowski, Hirsch Heckelmann, Gerschon Kusinies, Seidel Steinjerg, Schafsim PinchaS, Gidelmann Aron, Glaubermann, Judewicz Leib Klatein, Von ״Beth Am" folgende: Mosche Leib Friedmann, Josef Fischmann, Maische Glaubermann, Maische NatanSki, Abraham Holzmann, Mankowski Pinchas, Krasitschik, von Poale Zion: Fischl, Feldmann. L. «. Frankl. 1. Am Sinai. So riesig, scheinst du selbst aus Stein gehauen Auf Sinai's granit'nem Piedestale, An deiner Felsenstirn zwei Hörnermale, Wie gold'ne Strahlen sind anzuschauen. DaS Haupt umflossen von der Wolken Grauen, Den Geisterblick gesenkt hinab zum Tale, Nachsinnst du stumm der Menschheit Ideale, Und wie die Zukunft fertig ist zu bauen. Du lenkest mutig daS Geschick der Deinen, Die, Götzen huld'gend, dir zu Füßen branden. Doch deine kühnen Seheraugen scheinen JenseiitS des ZeitenozeanS zu landen, Dir wird der Glanz der Mythe sich vereinen. Und Volk um Volk, das Deine mit, wird strande«. L. Aus Nebo. Auch ich betrat den Berg mit scheuem Fuße, Wo vor dreitausend Jahren den Propheten Die dunklen Gottesschauer sanft umwehten, AlS ihm der Tod genaht im GotteSkuffe. Tief unten lag in vollem schönen Gusse DaS Land, wo einst sie zu Jehova flehten: Ich habe niedersteigend es betreten Und badete im gold'nen Jordanfluffe. Seltsame Erde, diese der Sbräer, Wo üppig blühen die Legenden, Sagen, Bist du dem Gonnenherzen Gottes naher? Jehova'S Tempel hast du einst getragen: Den Richterstuhl wird nach dem Galiläer Der dritte der Propheten auf hier schlagen. Generalversammlung ״Marpe Lenefesch" Wien. Sonntag, den 6. April d. I. fand die diesjährige Generalversammlung des ortodoxen BethauSvereineS ״Marpe Lanefesch", die erste seit dem Kriegsausbruch, statt. Nach Eröffnung derselben widmete der Vorsitzende Herr Filipp Fleifchmann den verstorbenen Mitglied dern ehrende Nachrufe, insbesondere gedachte er der im Kriege Gefallenen. Sodann wurde der Bericht erstattet. Die Einnahmen wiesen eine stetige Steigerung auf. Sie betrug im Jahre 1914 7467 K gegen das Jahr 1918 21.990 K. Gleichwohl konnte mit diesen Mitteln das Auslangen nicht gefunden werden, alle Aufgaben so zu erfüllen, wie es der Vorstand gerne gemocht hätte. Insbesondere war es nicht möglich die Entlohnung der Funktionäre des Vereines den Zevwerhältnissen entsprechend auch nur annäherungsweise zu regeln. ES muß daher überraschen, daß die Kultusgemeinde dem Vereine eine Subvention verweigerte, was umso unbegreiflicher ist, als ja der Verein eine Reihe von Pflichten erfüllt, die der Gemeinde oblägen. Er erhält ein Bethaus, was bei dem würdigen religiösen regekmäßigen Gottesdienste stets voll besucht ist. Für die Thora-Pflege wird gewissenhaft gesorgit, indem täglich religiös wissenschaftliche Vorträge in ausgezeichneter Weise vor zahlreichen Zuhörern abgehalten wird. Die besonderen Umstände des bisherigen MietverhältniffeS des Bethauses veranlaßte eine Reihe von Mitgliedern namhafte Spenden zu leisten, um einen Fond zur Er- Werbung eines eigenen Heimes zu schaffen; derselbe betrug am Jahresschluß 19.260 K. Mit besonderer Befriedigung hebt der Bericht her» vor, daß unser Verein mit anderen BethauSvereinen sich zur Wahrung der gemeinschaftlichen Interessen unter Führung der Adas Jisroel zu einem Verbände zusammengeschlossen hat. Die feste Organisation aller Ortodoxen in unserer Zeit ist unerläßlich und wird nicht nur der Ortodoxie, sondern der gesamten Judenschaff von großem Nutzen sein. Herr Grünhut bedauert das Verhalten der Kultusgemeinde dem Verein gegenüber und hebt hervor, daß er ganz allein das Verdienst des Vorstandes der Adas JiSroel ist, daß wir alle, die ganze Wiener Judenschaft Heuer mit Mazzoth versorgt wurden. Niemand sonst hat sich um diese Frage gekümmert. Er beantragt daher, der AdaS Jisroel für ihre selbstlose Tätigkeit in dieser Sache den wärmsten Dank auszusprechen. Herr Rosner verlangt daß man bei der nächsten Wahl darauf bedacht sei, nur solche Männer in den Kultusvorstand zu entsenden, die wahr- Haft jüdisch fühlen. Nach dem Bericht der Revisoren wird dem Vorstand das Absolutorium erteilt und die Resolution Grünhut mit dem lebhaftesten Beifall einstimmig angenommen. Ferner beantragt der Vorstand, der Verein möge sich selbst ehren, indem er seinen Rabbiner zum Ehrenmitglied ernennt; ferner stellt er den Antrag Herrn Eduard Hermann, ein Mitbegründer des Vereines und dessen langjähriges und verdienstvolles Mitglied, zum Ehrenmitglied zu ernennen. Beide Anträge wurden begeistert angenommen. Bei der sodann vorgenommenen Wahl wurde Herr Fülöp Fleischmann zum Obmann, Herr Leopold Ullmann zum Obmann-Stellvertreter, Herr Max Gans! zum Schriftführer, Herr Jsak Rosner zum Schristführer-Stellvertreter, Mayer Augapfel zum Kassier und die Herren Grünhut und Wesel zu Revisoren: ferner Herr Eduard Hermann zum Tempelvorsteher gewählt. Erste Tagung des I. T. B. ״Makkabi" in der tschecho-slov. Republik. Am 30. März fand in Brünn der erste Turntag der I. T. V. ״Makkabi" in der tschechoslov. Republik patt. Er wurde durch einen zu Ehren der Gäste vom Vkckkabi Brünn veranstalteten Begrüßungsabend a« 29. eröffnet, der nebst musikalisch-deklamatorischen Borträgen auch ein Schauturnen der ersten Damen und der ersten Herrenriege brachte und diesen Gelegenheit gab, seinen guten FriedenSruf neuerdings zu rechtfertigen. Den ungeklärten Verhältnissen Rechnung tragend, wurde noch keine Zentralleitung sondern vorläufig nur drei Landesverbände und zwar 1. für Böhmen, S. für Mähren und Schlesien und S. für die Slovakei geschaffen. Der mährisch-schlesische Verband hat die elf mährischen Vereine in einer einheitlich straffen Orga» nisation zu erfassen, während eS die Hauptaufgabe des böhmischen und slovakischen Verbandes ist, die Gründüng neuer Makkabi-Vereine anzuregen, zu unterstützen und zu organisteren. Allen diesen Vereinen »üssen die von Tb. PaezovSkh in Prag im OrgariisatwnS«

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