Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 9 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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eure r. ^Attische Bottssttmme^ «r. V. Der Krieg hat die Deutsch-Oesterreicher mit einer neuen Partei beglückt. Die trotz ihrer starken Jugendlichkeit bereits allgemein bekannte »deutsche Volkspartei". Versteht sich, daß der erste Programmpunkt dieser famosen deutschen Herren »gegen Judaismus״ ist. Run weiß aber der »Rachländer Volksbote", daß eS mit dem Antisemitismus der deutschen BolkSpartei so eine kitzliche Sache ist, wenn sie versucht, einen semitischen Vertrauensmann zu gewinnen. DaS Leibblatt der deutschen Volkspartei ist bekanntlich die Linzer Tages-Post", welche in eingeweihten Kreisen auch gerne »Promenadejüdin" genannt wird. Man sieht, wie grandios-ehrliche Leute die germanischen Recken sind. »Ein guter Deutscher mag keinen Juden leiden, doch sein Geld und Einfluß hat er gern." * Die »Ostdeutsche Rundschau", diese verblödetste aller deutschen Zeitungen, ergießt sich in folgenden großartigen Witz: »Seit je mit schlauem Spaß! — Gewiß, dies Volk ist auserwählt, — Es fragt sich nur zu was!" Auch die »Ostdeutsche Rundschau" ist von Wotan auSerwählt; wir wissen »zu was": zum Exempel, wie weit man es in der Dummheit und Geistlosigkeit bringen kann. Den Parlamentspolen ist der jüdische Abgeordnete Prilutzky ein Dorn im Auge, weil er ihnen die Wahr, heit sagt, ein Umstand, auf den die edlen Polen nicht gerade eingestellt find. So suchen fie die unangenehme Störung seitens dieses nationaljüdischen Abgeordneten zu beseitigen — und fie haben es: er ist nicht in ׳Polen geboren. Der höchste Gerichtshof soll nun entscheiden, ob Prilutzky weiterhin als Abgeordneter fungieren soll. Für diesen Antrag stimmten auch — der Rabbiner Perlmutter. Diesem famosen Herrn »polnischer Rationalitat" waren wohl auch die Reden PrilutzkyS zu radikal. Ob nun das jüdische Volk bald einsehen wird, daß mit diesem Knechtsinn, dieser speichelleckerischen Kriecherei möglichst bald aufgeräumt werden mutz? * * * Die Wahlreform in der »israelitischen Kultusgemeinde" in Wien ist wieder einmal vertagt. Die »Jsraeliten" gehen sehr bedächtigt zu Werke. Nun ja, die haben ja Zeit. Nur immer schön gemütlich. Dazu sind wir doch alte Herren, die »Zierde des Jsraelitismus". Und dann: müssen wir denn irgend etwas tun? Ist es doch nun uns selbst so wohl bestellt! Sie werden aber bald ihr Tempo beschleunigen müssen. Der Lauf wird zur Kultusstube hinaus gehen. Sie mögen ein wenig in der Geschichte blättern und fie «erden bald herau-ftnden wie wett man es «tt den billigen Gewaltmitteln bringt. Sie selbst waren ein Werkzeug der Gewaltzertrümmerung. Wenn fie sich nicht rechtzeitig besinnen, werden fie von jemand anderem, aber sicherlich auf eine minder sanfte Art daran erinnert werden, daß eS nicht angeht zum alten Eisen geworfene Mittel zu nutzen und ein anderes Volk dafühlen za lassen, was sie selbst so lange und so schmerzlich gefühlt Und woraus sie nicht die Lehren gezogen haben. ES könnte sich bitter rächen. * * * In Deutsch-Oesterreich gibt es eine Regierung. Diese Regierung macht Gesetze und billigt Verordnungen, damit etwas gemacht und gebilligt wird. So z. B. macht sie wieder einmal den Versuch, radikal die Wiener Rot zu beseitigen — und dies geschieht, indem man die Flüchtlinge auSweist. ES ist wohl nicht die erste Blamage des ZurücknehmenmüssenS und des frivolen Unernstes, den sich diese Staatsgewaltigen erlauben. ES geht schließlich doch bis ins Lächerliche und Groteske. B. Nippel. Sie versteht nämlich in ihrer Genialität nicht wie ״die alljüdischen Kongresse in Zürich, Paris, Bukarest (?!), Palästina, Philadelphia usw. den Judenstaat und ״zugleich" politische Rechte für die Juden in den anderen Ländern fordern können. ״Ein Prachtstück jüdischer Rabulistik!", ruft sie aus. Ein Prachtstück deutscher Naivität, rufen wir auS. Wie unschuldvoll, wie rein diese Engel sind! Sie begreifen schon aber wie die Deutschen einen eigenen Staat haben und wie sie für die Deutschen in Böhmen, Ungarn usw. eigene politische Rechte fordern. Das schon. Nun ja, es sind doch Deutsche! Sie weiß aber auch, dieselbe »Ostdeutsche Rundschau" (die weiß viel!) wer den Krieg angefangen. Sie ist bis zur Wahrheit letztem Schluß vorgedrungen. Den Krieg haben die Zionisten gemacht, weilno weil sie »die Verwirklichung des zionistischen Programms erhofften". Sie hat eS aus einem Jubiläumsbrief der Verbindung ״Judäa" in Lemberg. Eine epo-, chale Entdeckung! Man sieht: diese »Ostdeutsche-Rundschau"-Leute find Hoch einfach wahre Genies! Sie konnten allesamt Hofräite abgeben. Noch ein Produkt zur allgemeinen Erbauung und Interpretierung des Prophetengeistes dieser Zeitung: Die ״Diktatur des Proletariats״ wird ja bald beseitigt sein durch die »Weltdiktatur des Judentums." Wir haben Grund uns zu freuen. * * * In der deutsch-österreichischen Nationalversamm lung vom 3. April wurde beim Gesetz von der Abschaffung des Adels von christlichsozialer und grotzdeutscher Seite recht lebhaft über den »Uradel aus Palästina" , debütiert. Wie schlau und schlagfertig! Sie wissen immer Analogien zu finden! Die Pogrome in Polen hören nicht auf. Diesmal war es Pinsk, wo die polnische Soldateska ein Blutbad anrichtete. Diese priviligierten polnischen Mörder haben sichs zur Aufgabe gemacht, hinterrücks und meuchlerisch wehrlose Menschen zu befallen und niederzumetzeln. Hernach entfaltet die polnische Telegraphenagentur eine weit verzweigte Entstellungs- und Bcrwischungstätigkeit. Allerlei Lügen werden da aufgetischt. In Paris werden die Polen den Bolschewismus dazu Hinhalten, um diese neue, beispiellose Schandtat zu verwischen und in andere Bahnen abzulenken. Wie lange denken die Polen diese Komödie zu treiben? Dies alles wird sich am jungen Staat, der mit Mord und Plünderung begonnen hat, fürchterlich rächen. fiel ihm die ganze Weltordnung. Er sprach wenig, nur von Zeit zu Zeit schleuderte er lakonisch ein ironisch beißendes Wort aus seinem Munde. Er war Witwer seit einigen Jahren. Alle Kinder waren nach Amerika auSgewandert, und er war nach dem Tode seiner Frau mit seiner kleinen Enkelin, einem Mädchen von ungefähr zehn Jahren, das ihm die Haushaltung besorgte, allein geblieben. Der andere Totengräber, Eisik, war eine hohe, schlanke Figur; ein ganz kleines Spitzbärtchen bedeckte kaum das Kinn, und er hatte ein noch fast jugendliches Aussehen. Manche fragten ihn: ׳— Reb Eisik, warum werdet Ihr gar nie alt? — Weil ich nicht lebe. . . war immer seine Antwort, oder: — Weil mir meine Frau das Leben sauer macht und dadurch meine Jahre und Tage abkürzt. . . . Seine großen blauen Augen blickten stets lieblich lächelnd um sich. Schweigend sah man ihn nie; Eisik zu sehen, ohne ihn gleichzeitig auch sprechen zu hören, war ganz undenkbar. Nicht umsonst schalt ihn immer seine Frau eine «Plaudertasche" oder einen «Mühlstein". Bei sich zu Hause war er selten anzutreffen, ganze Tage verbrachte er bei seinem Nachbarn Saul. Ueber wen und was diese beiden Sonderlinge, die in keiner j anderen Gesellschaft gesehen wurden, immer zu spre-, chen hatten, wußte kein Mensch. Wie rührig sind die Polen in der Aufdeckung der »Wahrheit", wenn sich irgend etwas Judenfeindliches in der Ukraine zuträgt. Die polnischen Telegraphen drahten es dann in alle Welt hinaus. Glauben sie wirklich, daß so etwas Durchsichtiges nicht durchschaut wird? * * Der »Zentralverein deutscher Staatsbürger" in Berlin hat uns wieder einmal mit dem Programm seiner künftigen Tätigkeit beglückt. Diese Mosesgläubigen Deutschen an der Spree haben, scheint es, sich nicht viel in diesen Zeiten, die so vieles und gewaltiges hin zugelernt haben, an Neuem angeeignet. Die alte, abgeschmackte und abgedroschene Litanei veralteter Hirne, die vor dem Zerfall und dem Bankrott ihrer verstaubten Ideologien die Augen schließen. Wenn sie sie wieder öffnen, werden sie etwas sehr Sonderbares zu sehen bekommen. * » Die deutschnationalen Zeitungen machen ein Wettrennen rund um die neue Wiener Tageszeitung ״Der neue Tag" und betiteln eS mit dem verführerischen Titel ״Judenblatt". Die Herren sollen sichs endlich einmal gesagt sein lassen, daß wir uns für diese Ehrengabe schön bedanken. Mögen sie selbst zusehen, wie sie mit dem, das sie selbst groß gezogen haben, was ein Produkt ihres bisherigen und jetzigen Verhaltens gegenüber der Judenfräge ist, auskommen. Es ist sehr billig dem Judentum etwas in die Schuhe zu schieben, das sich i selbst mit Händen und Füßen dagegen sträubt mit dem Judentum auch nur den Namen gemein zu haben. Ge- > rade der »Neue Tag" ist eine jener Zeitungen, die sich' ängstlich um jedes Jüdische drückt. Und wenn eS nun^ einmal doch ״hic Rhodu-hic salta" heißt, recht lange Umschreibungen braucht. ES sind eben ״Israeliten". Und die sind von ״Juden" wohl zu unterscheiden, Ihr Herren Deutschnationalen. Die Polen haben sich in ihrem Parlamente wiederum einmal recht temperamentvoll gezeigt. Sie haben sich auf den zionistischen Abgeordneten Grünberg mit den Fäusten gestürzt, weil er ihnen wieder einmal die Wahrheit sagte. Diese Kulturmenschen haben wirklich heißes Blut. Nur scheinen sie sich darüber gar keine Gedanken zu machen, wohin sie ihre Hitze einmal bringt. Wenn sie in der Tat der Meinung sind, daß sie auf solche Weise der Welt imponieren, daß sie mit mittelalterlicher, brutaler Vernichtung freier Aeußerungsmöglichkeiten ihren PaderewSkischen ״Rechtsstaat" exemplieren werden zum allgemeinen Ergötzen, dann irren sie sich sehr. Antisemitismus. Sie hatten sich wieder zusammengefunden: der Pfarrer, der Lehrer und der jüdische Lehrer. Diesmal war der Antisemitismus Gegenstand ihres MeinungSaustausches und jeder suchte das Thema nach seiner Ansicht zu besprechen. ״Traurige Zeiten und trostlose Zustände", nahm der Pfarrer das Wort. ״Nach dem Massenmord auf den Schlachtfeldern zerfleischten sich die Menschen noch immer, wie wilde Tiere. Blutbäder, Plünderungen, Pogroms — das alles ist jetzt an der Tagesordnung." ״Kein Wunder", versetzte hierauf der Lehrer. »Das Volk ist aufgeregt. Vom blutigen Handwerk find nun die Soldaten heimgekehrt und fordern ihren Lohn. Woher aber nehmen und nicht stehlen? Da stürzen sie sich auf die Juden." ״DaS ist aber auch das Traurige!" bemerkte hierauf der jüdische Lehrer. ES ist überhaupt schändlich, daß im zwanzigsten Jahrhundert ehrliche Menschen ihres Glaubens wegen Verfolgungen und Drangsalierungen ausgesetzt find. Man spricht von Fortschritt, Bildung, Kultur und dergl. Aber wo ist daS Alles? Eher sollte man reden von Haß, Unterdrückung, Verfolgung usw." ״Aber nur gegen Juden meinen Sie wohl", fiel ihm der Lehrer ins Wort. ״Denn Sie stellen unser Zeitalter sonst in gar zu tiefe Finsternis." ״Und ist es denn nicht so?" setzte der jüdische Lehrer seine Ausführungen fort. Ist daS Menschlichkeit, wenn erbgeseßene Bürger mosaischer Konfession, die gleich allen ihren Mitbürgern Gut und Blut für daS Vaterland geopfert haben, jetzt ihres Lebens nicht mehr sicher sind, ja, daß viele es sogar jetzt noch unschuldigerweise einbisßen müssen? Ist daS billig, wenn jüdisches Vermögen zerstört, geplündert, wenn den Juden ihr Letztes weggeraubt wird? Oder ist eS etwa Fortschritt, daß solch grimmiger Antisemitismus wütet?" ״Das kommt auf eine andere Rechnung" entgegnete darauf der Pfarrer. So sehr diese betrübenden Umstände miteinander im Zusammenhangs scheinen, so sind in der Tat doch unabhängig von einander. Denn die Ausschreitungen sind daS Ergebnis des jahrelangen Mordhandwerks, der verwilderten Gemüter — also eine unmittelbare Folge des Krieges. Der Antisemitismus hingegen ist das unheilvolle Produkt der unablässigen Verhetzung durch gewissenlose Elemente. Hat etwa der Erlöser Haß gegen Juden gepredigt? Findet sich vielleicht solcher in den heiligen Schriften? Rein! Neberall kommen uns die Gebote von Nächstenliebe, Edelmut, Vergebung u. dgl. entgegen. Der Äntisemitismus ist also nichts anderes als die Feinschaft, die schon dem Kinde im Elternhause, in der Schule, im Gottes- Hause, dem Manne in der Gesellschaft, in der Politik immer von Neuem eingeprägt wird. Auf solche Weise wird auch der Bölkerzwist, der Haß zwischen den »ationen verbreitet, die Leidenschaft wird immer von Neuem aufgepeitscht und der Abscheu gegeneinander großgezogen. Während dieser aber sich nicht immer zwischen den Völkern stabilisiert, besteht er gegen die Juden fortwährend, weil sie völlig isoliert und mit keinem anderen Volke stammesverwandt find. Daher sind die Juden ein Ziel, gegen welches sich der Antisemitismus konzentrisch richtet." »Heutzutage kommt aber noch dazu", bemerkte der Lehrer, ״daß die Juden im Kriege Reichtum erlangt haben, mit diesem bei jeder Gelegenheit protzen und das fördert nur gegen sie die Abneigung. Wenn man ״Hickls Jüdischer Volkskalender". mm