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Jüdische Volksstimme · 1919-05-02 · Heft 9 (2.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 9 (2.5.1919)
Date
1919-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sa-rg. XX, Nsmmer 9 ♦ 8'|tt|»|retf c: halbjährig .. . Kronen 12*60 ganzjährig.Kronen 24׳— Deutschland, ganzjährig Mark 18׳— Rußland, ganzjährig . ..Rubel 12 — «aäan, Frankreich Frank» 24*— Herausgeber: Max Hickl, 1* r_r: ' ' " ” ~ ' “ ' * m-m Wien-Brünn. 2. Mal 1919. 2. IJar 5879 Prag—Lemberg. An der Zeitenwende. Die seelisch und ökonomisch unter den heutigen trostlosen Verhältnissen leidende Menschheit hoffte, dass nach viereinhalbjährigem Weltkriege und fünf Monaten Waffenstillstand die diesmaligen Osterglocken einen dauernden Frieden signalisieren werden. Sie ist wieder um eine Hoffnung ärmer. Die Nachrichten vom Friedenskongresse lauten ziemlich traurig. Auch dann, wenn er nicht vollständig ergebnislos auseinandergehen, sondern zu positiven Resultaten kommen sollte, so dürfte ein großer Teil der eüropäischen Streitfragen, besonders in Ost-, Mitteleuropa und am Balkan ungelöst bleiben. Darunter befinden sich eine ganze Reihe von Problemen, die — wie das polnische — mit dem Komplexe der Judenfrage organisch verbunden ist. In Folge der auch nach Beendigung des Weltkrieges förtgeführten Nationalitätenkämpfe — und des zum Naffenhasse entarteten nationalen Chauvinismus würde all überall der Boden für den Antisemitismus geebnet, der heute üppiger, als je bei allen Völkern gedeiht. , \ _ 1׳ ' -; ^/GMjsM MütiMÄ^Hinsicht ift'äuch d«S jüdische Volk in ökonomischer Hinsicht nicht nur kein Kriegsgewinner, sondern vielmehr ein sehr geschädigtes Volk. Man sieht auf antisemitischer Seite immer nur die kleine Gruppe jüdischer Großkapitalisten, aber man will absichtlich oder unabsichtlich nicht das ungeheuer anwachsende jüdische Proletarierheer sehen, daß sich täglich aus den Reihen unserer physisch, sowie geistig arbeitenden'Schichten rekrütiert; die unter dem Doppeldruck der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und überdies noch des 'Antisemitismus immer empfindlicher leiden.׳; Statt dessen identifiziert man das jüdische Volk duf der einen Seite mit dem Kapitalismus,, anderseits mit der kommunistischen Bewegung. Beides ist gleich JWßehm Er weint. . . . Nach dem Hebräischen des ״Haolam" von O. Grojztwgel. Immer sah man sie beieinander: im Bethamidrasch, am Ofen während der kalten Winterabende, auf dem Markte um die Bauernwagen, in der Wirtschaft der Witwe Hanna und in der Zigeunergasse, wo sie in Nachbarschaft unter einem Dache wohnten. Beide waren alte, greise Leutchen und sprachen jedermannmit ״Du" an. Wiewohl sie in dem kleinen Provinzstädtchen, ihrem Geburtsorte, von jung und alt bekannt waren, und ihr Betragen nie zu irgendwelchen üblen Nachreden den geringsten Anlaß gegeben hatte, so wurden sie doch wie levlo^e Glieder im Gemeindekörper und als ״Sonderlinge" betrachtet. Viele gingen ihnen aus dem Wege, manche Hhsterische Frau stieß einen leisen Seufzer aus: wenn sie ihnen begegnete, den Kindern waren sie vollends wahre Schreckensbilder, und sie flohen angstvoll, wenn sie in der Ferne ihr Herannahen gewahrten. Sie waren die ״Kabronim" (Leichenbestatter) des Städtchens, oder, wie sie sich selbst scherzhaft nannten, die ״Exporteure" aus dieser nach jener Welt. »Steinerne Herzen besitzen diese!" sagten alle, ״sie werden weder durch Tränen noch durch' Schluchzen und Jammern gerühvt." falsch. Man sollte es doch endlich verstehen, daß, wie bei allen anderen Nationen naturgemäß auch unter den Juden die verschiedensten Anschauungen über die nationalen, religiösen und ökonomischen Zeitfragen um Geltung ringen. Die auf dem Boden ihres Zwecktums fußenden jüdischen Volksmaffen in West und Ost, soweit sie politisch geschult, sind nach den Erfahrungen der letzten Jahre mehr als je überzeugt, daß ihr Heil nur in einem solchen Kurse liege, der auf die Verständigung aller Völker unter einander und mit dem jüdischen Volke, sowie weiters eine radikale Gesellschaftsreform — welche die individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit in sich schließt — erstrebt. Alle Programme, die in nationalen, religiösen und ökonomischen Herrschaftsbestrebungen gipfeln, entsprechen weder der nationalen Eigenart noch der Ethik und sozialen Struktur des jüdischen Volkes, sie haben auch in ganz Europa im Frieden, wie im Kriege sich als unrealisierbar erwiesen. Die im JahrA.,1848 begonnene Aera des Liberalismus und der Bourgeoisie-Demokratie hat ja darum ihr vorzeitiges Erihe gefunden, weil der größte Teil ihrer Vertreter ׳bei. Men Völk,.-l vor dem nationalen Chauvinismus, dem'Mr^isemitismrl^und Kapitalis- Mus kapitulierte, und>Lze totere Freiheit mit NatipW---- fer ttnv'okvrwwischtSk *M'terdrückung unvereinbar ist: ״ Soll Europa sich nicht verbluten und die weiße Nasse nicht ihre Vorherrschaft an die Japaner und Amerikaner verlieren, dann wird in allen Staaten und Bei; allen Völkern mit dem Bestialismus und Mammonismus gebrochen werden müssen, dann muß die Menschen- und Gesellschaftsreform das gemeinsame Ziel der Intellektuellen aller Volksstämme werden. Speziell die jung-jsidische Bewegung .steht nach Anerkennung der Juden als Nation und nach Erlan-; gung einer palästinensischen Heimstätte vor neuen Aufgaben. Die im Nahmen dieses kurzen Artikels nur angedeutet, nicht aber in allen Einzelheiten dargelegt werden können. Als der Rabbiner, dieser weit und breit bekannte ״Zadik" (frommer Mann), verschied, und aus den Nachbarstädten sämtliche Rabbiner herbeigeeilt waren, um Trauerreden zu halten, wobei das ganze Städtchen schier in Tränen zerfloß, sind, die Augen bei diesen Kaltblütigen ganz trocken geblieben. Ein großes Unglück ereignete sich: die einzige Tochter des reichen Mehlhändlers Benzian, eine reizende Schönheit, die durch ihre Tugenden allgemein beliebt gewesen, war zwei Wochen vor ihrer Hochzeit gestorben. Es kochte im Städtchen, wie in einem Kessel: alles weinte und jammerte; und diese — als wäre nichts passiert. Und noch mehr, manchmal erlaubten sie sich sogar einen Scherz, ja sogar sich über einen lustig zu machen, während er in Tränen und im Wehklagen Erleichterung suchte. — Du Narr, warum ׳dieses viele Trauern über eine Frau? Ku findest jetzt eine schönere. Ich würde mit dir tauschen. — Achtung, nicht so laut hier! Deine Schwiegermutter schlummert dort nicht weit und könnte noch durch dein Gelärm ins Leben erwachen, was dir sicher unangenehm sein würde. — Eine, dumme Frau, sie hat ihr kleines Töchterchen in solch einem kalten Wintertage ins ferne Himmelreich. geschickt, um dort die Anwaltschaft für sie zu übernehmen. Einfach herzlos! Eine gute Mutter würde selbst hingehen ... Die schon etwas aufgeklärte Jugend des Städtchens suchte sich diese *Kaltherzigkeit auf natürlichem Sie muß von allen Jrrtümern deS fremden ’ wie eigennationalen Chauvinismus sich freihalten, die ethische Erziehung der jüdischen Massen, besonders Verinnerlichung der jüdischen Jugend systematisch fördern und nicht in letzter Linie die nationale Form mit sozialen Inhalt erfüllen. Die jüdische Moderne muß daher auch alle auf wirtschaftliche Selbsthilfe gerichteten Ziele und Institutionen, die zur Uebcrwindüng des Kapitalismus dienen, fordern. Die Menschheit und mit ihr das jüdische Volk siehen jetzt an einem historischen Wendepunkte. Was immer aus dem Chaos der Gegenwart sich hcrausentwickeln mag, sicher ist es, daß nur dem Rechtsstaate, dem Kulturstaate und dem Wohlfahrtsstaate die Zukunft gehört. Ihm vorzuarbeiten, ist eS ebenso ein Lebensinteresse, wie die geschichtliche Mission des jüdischen Volkes. Glossen. ' Uns geht es wirklich gut, tadellos. Seht nur. in den uns glänzend: ״für Juden gibt es immer Ausnahmen", ״Israel feiert Triumphe", ״Die Diktatur des Proletariats ist die Herrschaft des Alljudentums" und viele andere herzlabende Ueberschriften, die dem verblüfften Leser ein Bild des Geisteszustandes dieser Skribler geben. Ihr spürt nichts von diesem allumfassenden Wohlbehagen, das uns diese Blättchen in ihrer grenzenlosen Menschenfreundlichkeit so reichlich und freigeberisch spendieren? Eines ist euch doch gewiß klar: für Jüden gibt. es. immer Ausnahmen: Wahrlich, so sieht es aus, wenn ״in bestimmtes.Leserpublikum solche Nachttopfergüjse ohne weiteres duldet. Wege zu erklären: ״Naturgemäß", sagte sie, ״müssen solche, die den Tod so oft vor Augen hatten, selbst gegen das Sterben und Beerdigtwerden abgestumpft sein." Dagegen meinten die alten einfachen Leute, daß dies eine durchaus übernatürliche Erscheinung und eins der vielen Gotteswunder sei, worüber der beschränkte Menschenverstand sich eine Erklärung zu geben viel zu unfähig wäre. Die Schulkinder wußten zu erzählen, daß einst am ״SchabbeZzunachts" (die Nacht von Samstag auf Sonntag) als der Totengräber Säul in der Nähe des Fried- Hofs vorbcigiNg, ihn die Toten überfielen und ersticken wollten. Zum Glück hatte er zufällig ״Tephilin" in seiner Lasche. So knüpfte eine gemeinsame Beschäftigung undallgemeine Geringschätzung diese zwei ״Sonderlinge" eng aneinander, und niemals sah man den einen ohne den andern: nach einem guten Verdienste traf man sie oft bei einem ״Gläschen" zusammen, wobei über Leben und Tod fleißig gespöttelt wurde; beisammen ertrugen sie Mangel und Not und teilten miteinander ihren letzten Brotbissen. Und doch, wie wohl sie allgemein als zwei Körper und eine Seele galten, genügte nur ein Blick auf ihre Gesichter, um bald zu erkennen, daß sie. zwei grundverschiedene Naturen waren; als wckren sie aus zwei verschiedenen Welten zu uns gekommen.; Saul war ein kleines korpulentes Wännchen mit Wildem, üppigem Vollbart; dicke Augenlieder bedeckten zwei kleine zornglühende Aeuglein. Es schien, als miß-- die Jüdische Uolksstitnme".

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