Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 8 (14.4.1919)
- Date
- 1919-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Doch der Zionismus, welcher nur gesonnen ist, national-jüdische Mittelpunkte im Schoße anderer Länder, wie Polen, Rumänien und Rußland festzulegen, würde nur das eine Resultat erreichen: in allen diesen Ländern und in ganz Europa eine fürchterliche Explosion des Antisemitismus veranlassen." Ganz polnisch-veraltete Argumentation. Diese Ein- Wendungen des Zionismus, der n u r . . . usw., die der ״Victoire" sicherlich von einem Herrn aus dem Kulturlande der Polen hat, zu widerlegen, ist vollends unter jeder Würde. Dieser lächerliche Vorschutz des Antisemitismus als Folge der nationalen Betonung ist durch die bisherigen Tatsachen derart widerlegt und derart trivial, daß man selbst als Kuriosum, als Raritäten-Kabinett-zugehörig gelten müßte, wollte man sich darüber noch weiter aufhalten. Es ist nur schade, Laß die Polen nicht einschen wollen, daß sie mit derartigem nicht weiterkommen werden. * * * In ״Ostdeutschen Rundschau" meint ein Herr, der auf den Namen Subottendorf zu hören scheint so: «An Stelle der Frage nach der Religion soll in Zukunft die Frage nach der Nasse treten. Aber die Ver- Mischung einer Rassenfrage mit Neligionsfragen muß ein für allemal aufhören. Nicht mehr muß es heißen: Christen und Juden — sondern Christen und Mosaisten; Deutsche und Hebräer oder Juden." Sehr schön! Bei aller Gescheitheit dieses Teutschen schwöre ich es! Es gibt noch etwas Gescheiteres. In Zukunft soll die Frage noch der Nasse treten: also Deutsche und Juden; und doch nennt er sie Christen und Mosaisten! Deutsche Logik! Wir stimmen ihm aber bei, wenn er sagt, man müßte uns Hebräer bezeichnen und darauf dringen, daß wir als Volk anerkannt werden. Doch nicht zu dem Zweck, den der sinnige Nachkomme des blonden Hermann und der wackeren Thusnelda vor Augen hat. Wir wollen diese Anerkennung, damit wir «wir selbst" sein können und mit Hilfe nationaler Minderheitsrechte unsere eigenen spezifischjüdischen Volkswerte zur Geltung bringen können. Deutschösterreich, das die national-jüdische Frage und das jüdische Problem noch mit polenähnlichen Augen ansieht, wird sich, ob es will oder nicht, über dieses polnische Niveau hinausheben müssen, wenn es auch heute noch wenig Lust dazu aufweist. * Unter allen Kriegsübeln ist Wohl die rapide Zunähme der Zeitungen das übelste. So erscheint in Wien ein Abendblatt, das den unverdienten Titel ״Republik" trägt. Dieses Blättlein bringt uns auch ab und zu etwas ״Jüdisches". Versteht sich in delikatester Form. So lesen wir vor kurzem unter dem Titel ״Drei Juden" die Biographien vom Kleeblatt auf der Journalistenwiese: Kisch, Kohn, Karpeles. Was da erzählt wird, ist gewiß höchst ergötzlich. Es ist Schade, daß bloß beim Kohn allein der Name Metamorphosen macht: Colbert. Aber die löbliche k. k. ״Republik" vergißt oder weiß es . nicht, daß der Staat selbst dieses journalistische Schmarotzern (wir nennen cs Assimilation!) züchtet. Die verrostete, verlogene Judenpolitik des alten Oesterreich- Ungarn und des neuen Deutschösterreich rächt sich. Das alt-neue Deutschösterreich muß in dieser Frage gründlich umlernen. Dies so rasch, als möglich. Wehe dem Staate, Venn er es versäumt. * * Die letzte Plenarsitzung des Kultusvorstandes in Wien wurde wegen Beschlußunsähigkeit abgebrochen. Die Jüdischnationalen verließen den Sitzungssaal. Wenn es die Alten Herren so weit treiben, so kommt die Wiener Kultusgemeinde gewiß auf einen grünen Zweig. Die ״Israeliten" debattieren sich in der Seitenstettergasse selbst zu Grunde, denn wahrlich die Geduld des jüdischen Volkes in Wien geht bald zu Ende. Die gespenstigen «israelitischen Grauköpfe" werden es bald zu spüren bekommen. » Vom amerikanisch-jüdischen Kongreß. Herr Baruch Zuckermann, einer der Führer der amerikanischen Poale-Zionisten, der sich wie bereits gemeldet, auf feiner Reise mit dem Lebensmittel- und KleidungSstücke-TranSport des ״Westward Ho" nach Polen, einige Tage in Kopenhagen aufhielt, hat dem dortigen ״Zionistischen Büro" folgende Angaben über diese bedeutungsvolle Tagung des amerikanisch-jüdischen Kongresses gemacht: ״Es erwies sich, daß die Bedeutung des Kongresses die Erwartungen selbst der optimistischsten Anhänger des Kongreßgedankens übertraf. Man hatte gefürchtet, daß der im Dezember 1919 wieder zusammengetretene Kongreß dadurch leiden würde, daß er eineinhalb Jahre nach der ersten Tagung stattfand. Es gab viele, welche die ganze Kongreßbewegung schon für tot und begraben hielten. Aber die unermüdliche Propaganda der Poale- Zionisten ließ die Stimmung für den Kongreß nicht zum Erkalten kommen. Auch die von manchen Seiten geäußerte Furcht, daß die Assimilanten die Herrschaft über den Kongreß erlangen würden, erwies sich als vollkommen unbegründet. An allen Verhandlungstagen bis zur Vcrta. gung des Kongresses zeigte es sich, daß er durchaus von nationalen Ueberzeugungen und Hoffnungen getragen war, in denen sich die nationalen Juden aller Nichtungen in diesem Augenblick vereinigt hatten. Von den 100 Delegierten, die über die-Palästinaresolution abzustimmen hatten, stimmten nur 2 dagegen. Man betrachtet allgemein diesen Kongreß als einen Ausdruck der jüdischen Seele, die ihre Palästinaliebe bei dieser Gelegenheit enthüllte. Der Enthusiasmus, mit dem der Palä- Da wendet sich der Blick vieler dieses Unglücklichen, besonders gläubiger Juden, nach Palästina, dem heiligen Lande unserer Väter, der Stätte unserer vergangenen und zukünftigen Größe. Palästina wird für die Einwanderung frei, und unser Volk wird berufen sein, sich dort eine Heimstätte zu schaffen, wo unsere Väter ein blühendes Reich bildeten. Palästina soll wieder ein jüdisches Zentrum wer« den, in dem das jüdische Volk zur Blüthe erwachen, die altjüdische Kultur zu neuem Leben erweckt, die jüdische Religion, die vor 4000 Jahren eine Ethik geprägt, wie sie die heutigen Kultusvölker nach vier Jahrtausenden nicht hehrer besitzen, wieder die Lehrmeisterin der Welt werden soll. Wer Herz für Judennot, wer Verständnis für die Erhabenheit unserer-heiligen Religion, wer Sinn für die Größe unseres Stammes hat, helfe uns dieses Herrlich Werk zu fördern. Die Judensiedlung in Palästina wird die jüdische Lehre zur Grundlage haben, oder sie wird nicht sein. Um dieses zu erreichen, entstanden in allen Ländern strenggläubige (orthodoxe) Organisationen zur Förderung der palästinenschen Ansiedlung. Die gefertigte Kommission hat sich zu diesem Zwecke für Wien gebildet und bittet alle Glaubensgenassen, sich ihr anzuschließen und diese durch Mitarbeit und Zuwendung von Geldmitteln zu unterstützen. Riesige Arbeit, gewaltige Geldmittel sind erforderlich, um Bleibendes in Palästina zu leisten. Die unversiegbare Quelle des echt jüdischen Herzens wird uns ermöglichen, dieses Ziel mit Erfolg anzustreben.. Für die Kommission: stinabeschluß angenommen wurde, ist kaum zu schil- Siegmund Bondi, Eduard Deutsch, Moritz Felsenburg, dern. Und nicht nur der Palästinagedanke, sondern auch Filipp Fleischmaun, Bernhard Hofbauer, M. Kamm, derjenige der nationalen Rechte für die Juden in den ׳ S. Kohn, Wolf Pappenheim, Dr. I. Reiniger, Nathan Ländern der Diaspora fand durch den Kongreß einen! Schiff, Jakob Weiß 2. ungeheuer starken Ausdruck. Auch der Beschluß der Forderung dieser nationalen Rechte wurde von der weitaus überwiegenden Majorität enthusiastisch angenornmen. Das vom Kongreß formulierte Dokument, in dem die bürgerlichen, politischen, religiösen und nationalen Rechte der Juden auch in den neu gebildeten Staaten gefordert werden, ist ein in der jüdischen Geschichte der gesamten Diaspora unübertroffenes Dokument. Von tiefster Wirkung auf die Kongreßmitglieder- und die gesamte amerikanische Judenheit war die Ne solution bezüglich der polnischen Pogrome. DaS polni Provisorisches Büro, 2. Bez., Große Schiffgasse 1 a. Die Lage der Juden in Ostgalizien. Infolge der ungleichen Zustände in den einzelnen Bezirken der westukrainischen Republik, ist es sehr schwer, ein umfassendes und objektives Bild über die sche Komitee hatte den Kongreß aufgefordert, Vertreter j jüdische Lage im Lande zu entwerfen. Im allgemeinen in den Ausschuß zur Untersuchung der Pogrome zu! ist die iunere Konsolidierung im Lande noch lange nicht entsenden. Es wurde beschlossen, dieser Aufforderung abgeschlossen. Wo die Negierungsgewalt sichere Zunachzukommen, und bei dieser Gelegenheit wurde die! stände zu schaffen vermochte, ist auch das Leben und Meinung des Kongresses über die polnischen Pogrome! Eigentum der jüdischen Bevölkerung geschützt. Ueberin eindrücklicher Weise ausgesprochen. griffe einzelner Untergeordneter, administrativer oder Als von größerer praktischer Bedeutung wird der militärischer Organe ereignen sich wohl selbst in Sta- Kongreßbeschluß angesehen, die Initiative zur Einbe-! nislan, sie werden jedoch rasch in die Schranken gewierufung eines jüdischen Weltkongresses zu ergreifen, j sen. Größere Ausschreitungen gegen Juden kamen fast der nach der Friedenskonferenz an die Verwirklichung der Hoffnungen des jüdischen Volkes, denen der Friedenskongreß die politische Basis schaffen soll, zu schreiten bestimmt ist. Allenthalben im amerikanischen Judentum wünscht man, daß dieser jüdische Weltkongreß die Führung in allen jüdischen Angelegenheiten übernehmen soll, und zwar besonders bezüglich Palästinas sowie des Aufbaues eines gesunden jüdischen Lebens in den Ländern jüdischer Maffensiedlung. Man betrachtet in Amerika den amerikanisch-jüdischen Kongreß als den Beginn einer neuen Aera in der Geschichte des jüdischen Volkes. Er hat mit der Einrichtung aufgeräumt, daß einzelne Persönlichkeiten, mögen sie auch noch so wohlmeinend sein, als Vertreter des gesamten jüdischen Volkes auftreten und einzelne Gruppen die Oberherrschaft über andere erlangen. Nur Ver- »reter des Volkes, die auf einer demokratischen Grundläge durch die Gesamtheit des Volkes gewählt sind, können Anspruch auf eine verantwortliche Führerschaft erheben. In diesem Sinne ist der amerikanisch-jüdische Kongreß der erste Schritt zu einer vollkommenen Freiheit des jüdischen Lebens. Aufruf! ״AdmaS Kaudesch", Kommission für Kolonisation deS heiligen Landes mit thoratreuen (orthodoxen) Elementen. Glaubens- und Stammesgenossen! Die tiefen Wunden, die der Weltkrieg geschlagen, fühlt das jüdische Volk, seit zwei Jahrtausenden der Prügelknabe aller Welt, in vervielfachtem Maaße. Zahlreiche jüdische Familien, deren Existenz vernichtet ist, werden zum Wanderstabe greifen müssen. in keiner Stadt vor. Plünderungen größeren Umfanges fanden nur in Tarnopol und Zloczow statt, wo ein beträchtlicher Teil der jüdischen Bevölkerung durch aufgehetzte Bauern aus der Umgebung, denen sich auch ein Teil der in diesen Städten stationierten Garnisonen angeschlossen hatte, ausgeplündert wurden. Die Regierung traf jedoch sofort die strengsten Maßnahmen und unterdrückte die Ausschreitungen mit mächtiger Hand, wobei exemplarische Justifikationen durch Erschießen der Rädelsführer statuiert wurden. Kleinere Ueberfälle auf jüdisches Hab und Gut ereigneten sich auch im Städtchen Jezierzany (Bezirk Borszczow), wo etwa 16 jüdische Familien einen erheblichen Sachschaden erlitten hatten. Die Regierung hat eine strenge Untersuchung angeordnet und eine angemessene Entschädigung der den Plünderungen zum Opfer gefallenen Juden versprochen. In den letzten Tagen hat die innere Lage eine wesentliche Verschärfung, die in der herannahenden Bolschewikigefahr aus der Ostukraine ihre Ursache hat, erfahren. Die sozialistischen und sonst radikal politischen Parteien rüsten sich gegen die Regierung und schicken sich an, die Staatsgewalt an sich zu reißen. Diese Situation wird auch von unlauteren Elementen, inSbesonders aber von den sich hier herumtreibenden Pogromimtiatoren auS der Ostukraine reichlich ausgenützt, weshalb sich in den letzten Tagen der jüdischen Bevölkerung die Empfindung besonderer Unsicherheit be« mächtigte. Die Regierung tut ihr möglichstes, um diese Elemente ausfindig und unschädlich zu machen. Die tvei« tere Entwicklung der Lage ist derzeit nicht vorauszusehen, umsomehr, als sich die westukrainische Volksrepublik infolge der letzten Ereignisse in Ungarn -wische« zwei Feuern befindet.