Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 8 (14.4.1919)
- Date
- 1919-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Verte 4 ״Jüdische Bolksfttmme" Nr. 8 Manche Not, manches Leid würde gelindert werden, wenn diese Wucherer Einkehr hielten in den schwcren Sorgen der Tage, in denen wir leben¬ Wir brauchten dann wahrlich bei unseren Feinden nicht so zu bitten und zu betteln um Brot, das sich jeder redlich Denkende gern im Schweiße seines AngestchteS verdienen will. Mögen diejenigen, die es betrifft, sich danach richten, dann wäre vieles besser in der Zeit der drohenden Verelendung. Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes. In der. am 30. März d. I. unter dem Vorsitze des Ersten Vize-Präsidenten Hofrat Dr. Rappaport stattgefundenen Plenarsitzung wurde eine wesentliche Verbesferung der Versorgungsansprüche der Beamten der israel. Kultusgemeinde Wien beschloffen; weiters wurden an Beamte und Diener übliche Remunerationen bewilligt. Die mit Kriegsende zurückgekehrten Angestellten erhielten ohne Unterschied ihres Ranges einen Heimkehrerbeitrag von je 400 K. 9lacf) Behandlung weiterer Personalangelegenheiten wurden Subventionen an folgende Vereine bewilligt: An den Ersten Wiener Jüdischen -Turnverein, den Jüdischen Turnverein in Fünfhaus, den Jüdischen Turnverein Favoriten, den Turnverein ״Massada", den Verein Jüdischer Hörer an der Hochschule für Bodenkultur, den Jüdisch-akademisch-technischen Verband, die Akademische Verbindung ״Libanonia", die Wiener zionistische Vereinigung, den Verband Jüdischer Hochschüler ״Theologia", den Verband ׳für hebräische Sprache und Kultur, die Schülerlade der Staatsrealschule im S. Bezirk, die Schülerlade des Rainergymnasiums im 2. Bezirk, den Vereine ״Atheneum" weiblicher Bildung, den Jüdischen Schulverein im 10. Bezirk, die Bibelschule des Tempelvereines Wieden-Margarethen, die Talmud-Thoraschule 2. Bez., Malzgasie 16. Nach Erledigung einer großen Anzahl von Stiftungsangelegenheiten und einer außerordentlichen Aufnähme in das Versorgungshaus wurde die Sitzung geschlossen. Deutsch-Oesterreich. Hilfsaktion für Pogromopfer und notleidende Juden im Osten. Der Pressedienst der Delegation des jüdischen NationalrateS meldet: Die jüdischen Nationalräte und die Israelitisch» Allianz zu Wien bildeten zwecks Hilfeleistung für Pogromopfer und notleidende Juden in Galizien, Polen und anderen Ländern des Ostens ein .,Bereinigtes Komitee" für die Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder des Joint Distribution Comitee. Das Komitee be» steht aus 16 Mitgliedern, von denen jede Gruppe je 8 entsendet. Ihre Aufgabe ist, die amerikanischen Gelder für die notleidenden Juden Galiziens, der Bukowina, Polen, der anderen Länder der ehemaligen österreichsich-ungarischen Monarchie, der Balkanländer und der Ukraine in Empfang zu nehmen, zu verwalten und in den betreffenden Ländern zur Verteilung zu bringen. Dem Vollzugsausschuß gehören an: Dr. Arthur Kuranda als Präsiden ,tDr. Bruno Pollak von Parnau und Adolf Stand als Vizepräsidenten, Dr. Kaminka, W. Pappenheim, H. Tropp und L. Wechsler als Mitglieder. Verbesserung. der Bersorgungsansprüche der Beamten der isr. Kuttusgemeinde Wien. Wie an anderer Stelle berichtet wird, beschäftigte sich der Kultusvorstand in der Plenarsitzung vom 30. März d. I. mit dem Pensionennormale der Beamten, welches in seinen wichtigsten Bestimmungen׳ wesentlich verbessert wurde. Hiedurch gelangte ein längst gehegter Wunsch der Beamtenschaft zur Erfüllung. DaS geltende Pensionsnormale stand seit dem Jahre 1884 in Kraft und wurde in den Jahren 1891, 92, 93 und 1907 novelliert. Das Referat erstattete das Vorstandsmitglied Hofrat Siegfried Gerstmann, der in eingehender Weise über die durch das Sekretariat vorgebrachten Wünsche Ler Beamtenschaft berichtete und die angeführten Postulate als gerechtfertigt anerkannte. Ueber einstimmigen Antrag des Vertreter-Kollcgiums, in welchem ebenfalls Herr Hofrat Gerstmann als Referent fungierte, wurden folgende Aendcrungcn beschlossen: 1. Herabsetzung der 40jährigen Dienstzeit auf 35 Jahre. 2. Einbeziehung des Ouartiergeldes und der Personalzulagen in die Bemeffungsgrundlage. 3. Erhöhung der Witwenpension von 331J Proz. auf 40 Proz. der für die Pensionsbemeffung anrechenbaren Bezüge des verstorbenen Ehegatten. 4. Systcmisterung der Erziehungsbeiträge für väterlicherseits verwaiste Kinder mit 6 Proz. der Bemessungsgrundlage mit der Einschränkung, daß die Erziehungsbeiträge der Kinder und die Pensionen der Mutter zusammen 80 Prozent der anrechenbaren Bezüge nicht überschreiten dürfe. Bisher blieb, insolange die Mutter lebte, die Bewilligung der Erziehungsbeiträge für die Kinder dem Ermessen des Vorstandes anheim gestellt. 6. Bemessung der Erziehungsbeiträge für doppeltverwaiste Kinder mit 10 Prozent der Bemeffungsgrundläge (unverändert), jedoch mit der Bestimmung, daß der Mindcst-Erziehungsbeitrag 600 K betragen muß; das Minimum aller Erziehungsbeiträge zusammen darf 60 Prozent der anrechenbaren Bezüge nicht überschreiten. 6. Die. Erziehungsbeiträge werden von nun ab nicht bis zum vollendeten 18., sondern bis zum vollendcten 21. Lebensjahre bewilligt, insofern keine anderweitige Versorgung des betreffenden Kindes eingetreten ist. Bezüglich der Kriegsteuerungszulagen lag dem Plenum eine Resolution des Vertreter-Kollegiums vor, worin schon derzeit die Notwendigkeit anerkannt wird, einen Teil der Kriegsteuerungszulage auf die Dauer deren Bestandes in die'Bemessungsgrundlage der Persorgungsgenüffe einzurechnen. Der Gesamtvorstand nahm auch diese Resolution an und beauftragte das Vertreter-Kollegium mit der Stellung detaillierter Anträge für die Plenarsitzung. Der Vorsitzende, Hofrat Dr. Nappaport, teilte gleichzeitig mit, daß vom Verbände der Angestellten der Kultusgemeinde in den letzten Tagen nach Beschlußfaffung des Vertreter-Kollegiums in einer größeren Eingabe eine Reihe von Wünschen vorgebracht wurde, die über das Ausmaß der heute bewilligten Erhöhungen hinausgehen. Mit dieser Eingabe wird sich zunächst das Vertreter-Kollegium befassen. Desgleichen wurden die vom VorstandSmitgliede Dr. Auerbach gestellten Anträge betreffend Aufhebung der Ehebewilligung und Rückwirkung des geänderten Pensionsnormales dem Vertreter-Kollegium zur Be- Handlung zugewiesen. Erster Sekretär Dr. Adler brachte dem Kultusvorstände und dem Referenten Hofrat Gerstmann für die Stattgebung der vorgebrachten Wünsche den Dank der Beamtenschaft zum Ausdrucke. Moritz Antscherl-Wien. Die bier Söhne in der Pessach- Hagada. 1. ״Chochom, der Weise, wer kennt ihn denn nicht? Hell leuchtet sein kluges, sein freundlich Gesicht, Dem Vater, der Mutter macht stets er nur Freude, Tut Menschen nur Gutes und nie was zu leide. Belehre den Frommen, er wird noch mehr weise, Für ihn ist Belehrung die köstlichste Speise. 2. »N o s ch o", ist ein B ö s e w i ch t. Komm' in seine Nähe nicht! Gutes will nicht hören er, Mög' uns heut nicht stören er, Ihn wir missen gerne. Heut bleibt er uns ferne! 3. Dem Einfältigen ..Tom" genannt Tu Vater alles kund, Einst zieht in Ehren er durch'S Land Hält treu zum Väterbund. An Worten nur nicht spare. Lehr' Thora ihn, die wahre. 4. Und .,der dich heut' nicht fragen kann", Weil zart er ist und klein. Er wird noch einst ein weiser Mann, Fromm, lieb und gut und fein; Durch uns're heil'ge Lehre Wird ihm noch Glück und Ehre. Galizien. ״Judenreine" poln. Mittelschulen Seit ungefähr sechs Wochen sind die jüdischen Schüler in Przemysl, von der 6. Klaffe angefangen, in beiden polnischen Gymnasien von jedem öffentlichen Unterricht ausgeschlossen. Die christtichen Schüler erklärten, daß sie mit ihren jüdischen Kollegen gemeinsam keine Schule besuchen wollen, weil diese nicht fürs Vaterland kämpfen wollen. Die beiden Direktoren erklarten sich machtlos und losten die betreffenden Klaffen auf. Darauf beschloffen die christlichen Lehrer, für die christlichen Schüler Privatkurfe zu errichten; diese finden nun in denselben Räumen und zur selben Zeit statt, wie früher der reguläre Unterricht und werden von denselben Lehrkräften geleitet. Durch diese Finte sind die jüdischen Schüler aus den polnischen Obergymnasien tatsächlich ausgeschlossen. Bisher sind alle Interventionen in Warschau fruchtlos geblieben. * * Der Pressedienst der Delegation des Jüdischen NationalrateS für Ostgalizien meldet: Nach dem letzten Wahlgang haben in Krakau einzelne Affimilanten eine demokratische Partei gegründet, die aber nur eine Vereinigung von einzelnen Personen ohne nennenswerten Anhang bildet. Um aber ihre Existenz als eine Partei zu beweisen lancieren die Affimilanten in letzter Zeit in den ״Times" Nachrichten von einer Vereinigung jüdisch-galizischer Parteien, ausschließlich der zionistischen, zu einer demokratischen Partei. Diese Nachrichten entsprechen nicht den Tatsachen. In Galizien bestehen drei jüdische Parteien: Zionisten, Poale Zionisten und jüdische Sozialisten (Z. P. S.), die beiden letzteren machen nur einen geringen Bruchteil der jüdischen Gesamtbevölkerung aus. Außer diesen drei gibt es in Galizien keine anderen jüdischen Parteien. Die letzten Wahlen, bei welchen die zionistischen Listen 60.000 und die ein- Galiziens keinesfalls der antijüdischen Politik der Assikige Assimilantenliste in Krakau (Dr. Groß) nur 200a Stimmen erhalten haben, beweisen, daß die Judenheit mttanten noch immer der Welt ihre Existenz als Partei oorzutäuschen. * Glossen der Woche. ״Polen, das Muster eines Rechtsstaates". Glaubt Ihr, dies sei in einem Witzblatt zu lesen? O, nein! Obgleich es in der Tat so witzblättisch klingt und nur einen Heiterkeitserfolg zu erringen, Anspruch zu haben scheint, so hat es niemand anderer als der. polnische Gewaltige, Herr Padarewski, gesprochen. Mit einer kleinen Variation kpnnte man sagen: bei den Polen,' diesen edlen Kulturjüngern, weiß man niemals, wo der Ernst aufhört und das Spassige anfängt. Bei ihnen versagt jede psychologische Veranlagung. Siehst du einen Polen weinen, so könntest du mit gutem Fug behaupten, er freue sich. Natürliche Merkmale gelten da nicht mehr. Doch »Polen soll das Muster eines Rechtsstaates werden!" Hört zu, wie: man soll sich vor weiteren Pogromen hüten, meint dieser allseitige ge» wandte, für alles zu habende Polenminister. Sehr löblich! Der Preis, mit dem dieser hoffnungsvolle künftige Rechtsstaat erkauft werden' soll, erscheint sehr billig, wahrlich sehr, sehr billig. Nur das Unterlassen von Pogromen mache einen Staat zu einem Rechtsst a a t. Kurios! Einen Staat wie Polen allerdings. Einen Staat, der in einem verstaubten, mittelalterichen imperialistischen Wahne lebt, der allen Neuerungenschaften zum Trotz,' jeder politischen Entwicklung zum Hohn handelt, der nicht einmal die primitivste Srrungenschaft und Lehre dieses Krieges: die Achtung vor einer nationalen Minderheit und Respektierung und Gewährleistung ihrer Eigenwerte und Entwicklungsmöglichkeiten, sich zu eigen gemacht hat. Polen mag sich gesagt sein lassen: In der Verhinderung von Pogromen allein werden die Juden Polens noch keinen Rechtsstaat sehen, noch.fange, lange nicht. Solange Polen nicht mit den bereits Bankrottierten, der schmarotzernden Assimilantenwirtschaft gründlich aufgeräumt und von Volk zu Volk verhandelt, so lange wird die Judenfrage, die eine brennende ist, in Polen nicht gelöst, solange unterschlägt dieser Staat feine eigene ruhige Entwicklung. » Noch etwas aus Polen. Der «Kuryer WarszawSki" weih eS und daS kongeniale «Wiener Extrablatt" plärrt HB8» iSSMk WWW» m