Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 8 (14.4.1919)
- Date
- 1919-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. & . Geitt 3. »Als erster RÄver sprach Professor Dr. Chajes, Overrabbiner in Wien, über Palästina und Völkerbund. Er gab dem Bedauern Ausdruck, das dem Problem des Zionismus vielfach nicht das gebührende Verständnis enitzegengebracht wird. Das Recht des jüdischen Volkes <»uf eine nationale Heimstätte ist ein begründetes. Die Juden haben im 2000jährigen Exil niemals aus Palästina verzichtet. Der Völkerbund müßte ihr Recht auf Palästna garantieren und damit einem geistig auch beanlagten Volk die harmonische Entwicklung sichern, die ihm jetzt versagt ist. Der zweite Redner, Dr. Michael Ringel, Präsident des Jüd. Nationalrates in Ostgalizien, äußerte sich über die Erwartungen, welche die Juden Osteuropas an den Völkerbund knüpfen.Unter dem alten׳ Polenreiche besoffen die Juden Polens, Litauens und Ostgaliziens eine gewiffe Autonomie, durch die Verteilung Polens wird ihre Lage verschlechtert heute ist sie eine verzweiselte. Die Pogrome wiederholen sich. Weder russische noch germanische Bestrebungen haben eine nennenswerte Affimilation erreicht. Der einheitliche Wille der unterdrückten Juden Osteuropas verlangt, daß ihnen solange sie in der Diaspora leben müffen die nationale Autonomie im Schutze des Völkerbundes gewährleistet werde. . S> > Die Versammlung, die aus Juden und Nichtjuden bestand, beschloß eine Resolution, die die Aufnahme des jüdischen VolkeS als gleichberechtigtes Mitglied in den Völkerbund fordert. i?t gefunden. Wir müffen die allgemeine TageSpreffe imposante Kundgebung, wobei Sr. Ehrw. der Herr für uns gewinnen, müffen unsere Ideen in ihre Spal- Rabbiner Dr. Friedmann mit seiner formvollen, ten tragen, -aß sich die breitesten nichtjüdischen Kreise deten, begeisterten Rede den Höhepunkt bildete. An. über unsere Ideen ein Bild machen können, -atz die schließend an den Gottesdienst fand Donnerstag, den Affimilanten nicht über unser Programm so ignorie- 20. d. M. eine Akademie statt, die sehr gut besucht, deuk. rend hinweggehen können, ohne zu ihm Stellung zu' 1«y kund gab, wie groß das Interesse für die zionist, nehmen. Sache geworden ist. Rach einem einleitenden Ouarrett, Vor Kurzem noch, wäre dies ein Ding der Nnmöghielt der Obmann -es Vereines Herr Dr.-Jur. Leopold lichkeit gewesen; der lächerlichen Utopie als die unser Leschner eine kurze Ansprache, in der er auf die Programm bezeichnet wurde, verschloß die Presse ihre Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses wies, um Spalten. Heute, wo sich unsere Idee durchgerungen hat, dann H e r z l S erste Kongretzrede vorzulesen. Herr Dr. wo die gebildeten Kreise mit Spannung der Entwick- Friedmann sprach über die Tragweite des ״Ju. lung unseres Programms entgegensehen, kann sich denstaates", Herr Prof. Dr. S. Kellner las in sudie Presse^ uns nicht verschließen. Der Angriffsplan, blimer Weise .Buben", einer Brief ״Gordons" aus welchen wir zur Erreichung unseres Zweckes einschla- Palästina, den er auch in schlichten, zu Herzen gehengen müssen, wäre ungefähr folgender: Die zionistischen den Worten einbegleitete, Herr Finzi ״Achad Haam". und nationalen Ortsgruppen wählen aus ihrer Mitte Großen Beifall ernteten die Herren Grün für seine einen Vressevertreter, dessen Aufgabe es ist, bei den überaus feine und großes Talent verratende Kompo- Redaktionen der lokalen Presse vorzusprechen, auf die sition eines PsalmeS und Herr Steuer für Gedichts. Aktualität unserer Idee hinzuweisen und zu veranlas-. vorträge, unter denen besonders sein eigenes .Wird sen, daß z. B. ein mitgebrachter, objektiver Bericht über Euch nicht bange?" auffiel. Auch der materielle Erfolg Sie-mund Urabin, Gablonz. ¥ Propagandafehler. Alsin den Anfängen des jüdischen Nationalismus, in -er Form des Zionismuffes, die erste jüdischnationale Propaganda getrieben wurde, geschah dies in der Art, daß Bücher, Zeitungsartikel und Flugschriften geschrieben, Reden gehalten wurden, in welchen wir das jüdische Volk mit schlagenden Argumenten für die Richtigkeit unserer Ideen gewinnen wollten. Wir fanden auch bald unter den denkenden und ehrlichen unserer Stammesgenossen reichen Anklang, insbesondere deshalb, weil wir Judengpon überall ausgestotzen, uns hier zu einer durch Jnteressengleichheit verbundenen Gruppe zusammenfanden. Jene Juden aber, die durch finanziellen Besitz in der Lage waren sich hie und da unter ihren Wirtsvölkern ein wenig verächtliche Duldüng zu kaufen, jene wollten von uns nichts wissen, und bekämpften unsere Politik mit allen ihnen zu Gebote stehenden DWteln. Sie waren damals stärker als Wir zionistische Utopisten, die wir uns glücklich schätzen mußten, wenn einmal ein kleiner Botschafter, oder bekannter Schriftsteller sich günstig über den Zionismus aussprach. Heute liegt die Sache ganz anders. Aus der Utopie ist Wahrheit geworden, der Zionismus ist durchgedrungen, das Judentum als Nation' von den Großen und Mächtigen der Erde anerkannt. Die Nationaljuden der ganzen Welt stehen als eine mächtige und einflußreiche Organisation, gefestigt durch Nationalräte und Zionistenvereine, da. Die Affimilanten dagegen, ihres letzten Haltes, in der in den letzten Zügen liegenden Kultusgemeinde beraubt, schwanken ziellos einer ungewissen Zukunft entgegen. Die natürliche Folge davon wäre nun die, daß das Nationaljudentum, die Affimilanten in sich absorbiert, und so vernichtet. Die Erfahrung aber belehrt uns eines besseren. Die Affimilanten taumeln weiter durchs Leben, ohne sich im Geringsten um den Nationalismus — der ihnen ja eine feste Stütze bieten würde — zu kümmern. eine gerade stattgefundene Propagandaversammlung ausgenommen wird. Nach einiger Zeit käme dann ein einfacher aufklärender Artikel und in der Folge mit war schön. Aus gleichem Anlässe fand in Mähr.-Ostran am 16. v. eine Monstreversammlung im .deutschen den lokalen, jüdischen Ereignissen Parole! laufenden' Hause" statt, die gegen 1000 Personen faßte, wie über Notizen und Aufsätze. Das, was die Pressevertreter der! Haupt das jüdische Leben in Ostrau und Umgebung jüdischnationalen Ortsgruppe im, kleinen, daß mögen die PreßbüroS der großen Nationalräte und die großen Männer unserer Bewegung im großen Matzstabe in der großen Presse machen. einen kolossalen Aufschwung genommen hat, denn eine Veranstaltung jagt die andere. Hebräische Sprech- und Sprachkurse werden abgehalten, jüdische Geschichte wird gelehrt, die Anlegung einer Zentralbibliothek ist in Man wird mir vielleicht entgegnen, daß es nicht, Vorbereitung und das alte Projekt eines jüdischen überall Männer'gäbe, die die Feder genügend sicher j Vereinshauses ist wieder ausgenommen. Nur ist zu führen können. Doch auch hier läßt sich Abhilfe schafj bedauern, daß der alte Kontakt, des früher zwischen den» fen, wenn man diese Arbeit dem Pressevertreter eines einzelnen fremdstädtischen Organisationen bestand, Nachbarortes übergibt. j nicht mehr so funktioniert, man muß eben viel den Das, was ich oben entwickelt habe, ist heute nur großen VerkehrSschwierigkeiten zu Gute halten. ein Projekt; wenn dasselbe in Wirklichkeit umgesetzt werden wird, so werden wir sehen, daß den Assimilan- Für die nächste Zeit ist ein westschlesischer Kreistag nach Troppau proponiert, an dem sich eine Manid-r Boden unter den «utzen he.tz gemacht werden ,,,tationsoersammlung der schl-fisch-n Zionisten schlie w,rd. daß 1°n° J-den zur Entscheidung gezwungen'^ c־ mch«r° Redner zu Wortkomwerden, welchen Wegste zu wandeln »-denken, den' Mavid Trietsch,, Auch aus anderen mährischen Weg mit un-, oder die wenigen, d.e -S nicht »erschmer- Gemeinden wäre zu berichten überall -in reges und zen können, Juden zu sein, den Weg der sie von uns für immer trennt. Aus dem mähr.-schlesischen Distrikt. Im Marz 1919. Im Vordergründe der Begebenheiten stand seit Februar der Kultusgemeindewahlkampf in T r o pp a u. Es war nicht nur der Streit zwischen den Alten und Jungen, zwischen Kahalleuten und Zionisten, sondern gleichzeitig gegen und für Demokratie. Die letztere Haiti entschieden. Solch glänzendes Resultat haben bis nun nirgends oppositionelle Parteien erzielt, wie dank der vieljährigen zielbewußten Arbeit der Zionisten in Troppau. Beinahe alle Mandate in den 3 Wahlkörpern fielen ihnen zu. Der bisherige Präsident Dr. Theodor Sonnenschein dankte nun ab, und es dürfte sich in einigen Tagen, da noch eine Nachwahl auhenständig ist, für die übrigens auch ein Zionist nominiert wurde, der Ausschuß neu konstituieren, der, wenn nicht alle Anzeichen trügen, unseren bewährten j Gg. Herrn Gustav F i n z i an die Spitze stellen wird. Es wird Troppau mithin die erste größere Kultusgemeinde des tschechoslovakischen Staates mit zionist. Präsidenten und zionist. Mehrheit sein. Dr. Theodor Sonnenschein sucht nun seinen Einfluß noch jetzt geltend zu machen, indem er die Wähler mit Zuschriffleißiges jüdisches Leben und Wirken. So Holle» schau, Leipnik, Prerau, Jglau, Ko st es, Gaya, wo Herr Dr. Mandler tätig wirkt, Lun» den bürg usw. Möge es nur so bleiben. Lebensmittelwucher. Bon Nathan Cohn (Charlottenburg). ten belästigt; durch welche Zuschriften ex. einen künstli chen Gegensatz zwischen Zionisten und Judisch-nationa- Ich will hier nicht wieder die Richtigkeit unserer jcn um 0ץ mehr, als er in den neu- Argumente beweisen, weil ich dies in einem zionistischen Blatte für überflüssig halte; ich will nur über jene Fehler reden, die von nationaljüdischer Seite begangen worden sind, daß wir eine Waffe gegen die Affimilanten außer Acht gelassen haben.' Und dieser Fehler besteht darin, daß wir noch heute in derselben Weise Propaganda treiben, wie in unserer ersten Zeit, durch Bücher, jüdische Presse, Flugschriften, Reden, daß wir unsere trefflichen Argumente in zionistischen Zeitungen und zionistischen Vereinen an Nationaljuden verschwenden, die längst überzeugt sind. Wenn einmal einige Affimilanten in unsere Versammlungen kommen, oder unsere Flugschriften lesen und unseren Argumenten nichts entgegnen können, so sagen sie einfach: »Das ist ja ganz schön, aber ich lasse mich nicht so schnell überzeugen" und bleiben schon der Bequemlichkeit halber das was sie gewesen sind. Gegen solche Argumente kann man auf unsere alte Weise nicht kämpfen. Hier müssen wir eine neue und radikalere Angriffsweise finden. Und diese Weise gegründeten ״Jüdischen-Nationalverein" eingetreten ist, um zu verhindern, daß ״radikale Zionisten" aufgenommen würden. Der ״Nationalverein" soll ein Zweigverein der Prager ״Narodni zdruzina zidu" sein. Eine Folge der Abdankung des Dr. Th. S. war die Demission des ganzen Ausschusses des jüdischen Frauen- Wohltätigkeitsvereines, doch auch dieser ist bereits neu konstituiert, da auch hier das demokratische Prinzip durchdrang. Es ist eigentümlich, daß sich die Kultusge- Wattigen überall einbilden, ohne sie ginge es nicht. Die Troppauer Kultusgemeinde wird zeigen, wie sie arbeitsfähig und lebenskräftig ist, auch ohne Kahalniki, die noch vor 7 Monaten stramme deutschnationale ״Siegfriedler" waren. Der Beschluß der Pariser Friedenskonferenz, uns Juden Palästina zur Heimstätte zu überlassen. Welchen hohen sittlichen Standpunkt unsere Weisen einnahmen, wissen wir alle aus dem überlieferten Schrifttum, und wir können und müssen stolz darauf sein. Jedes ihrer Worte ist eine scharfe und blanke Waffe gegen die verleumderischen Anschuldigungen des Antisemitismus, und jeder Glaubensgenosse sollte cs sich zur heiligsten Pflicht machen, sich im Gebrauch dieser Waffe zu üben, um sie bei jedem Angriff auch gebrauchen zu können. Nicht aber nur die Sittenreinheit unserer Altvorderen ist zu preisen, sondern auch ihr klarer Blick, mit dem sie die Laster der Menschheit erkannten und sie — die Weisen — veranlaßte, mit scharfen nie mißzuverstehenden Worten gegen diese Laster zu Feldck zu ziehen, um die Menschen zu bessern. Sprüche 11, 26 lesen wir: ״Wer Getreide zurückhält, den verwünscht das Volk — Segen auf das Haupt dessen, der Nahrung verkauft." Klingt dieser Satz nicht so, als ob er für die Jetztzeit und in der Gegenwart geschrieben worden wäre? Schwere Jahre liegen hinter uns, noch lange nicht ist die Not zu Ende. Nichts Schrecklicheres kann es geben, als die Sorge um die Ernährung. Eine Hauptschuld an dieser Not aber tragen die gewissenlosen Menschen, die den Wucher mit dem Brot, mit des Leibes Notdurft treiben, die gewissenlosen, gewinnsüchtigen Schleichhändlern, für die die schwerste Strafen, mit denen sie belegt werden, viel zu milde sind. ״Ein Wucherer ist nicht als Zeuge zuzulassen", heißt es Sanhedrin 24b. Und welcher Wucherer ist schlimmer und gefährlicher als der Lebensmittelwucherer? Nur Ehrlose läßt man nicht zur Zeugenschaft zu. Unsere Vorfahren, die Milde und Versöhnlichkeit allerorten predigten, wo es irgend möglich war, erklärten den Wucherer mit Recht für infam, für ehrlos. — Möchten doch alle die Menschen — und ihre Zahl ist leid״r nicht klein —, die sich in cher frivolsten unveranlaßte den Troppauer zionist. Verein ״Jeschurun" schamlosesten Weise, auS niedriger Habgier gegen obieinen Festgottesdienst im Tempel zu veranstalten, der ges Sittengesetz versündigten und noch immer versün- Montag, den 17. v. stattfand. Es war eine feierliche und digen, der gerechten Strafe anheimfallen.