Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 6 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht an Sabbaten ins jüdische Gottes- Haus, wohl aber an Sonntagen wird das jüdische Kind in die Kirche mitgenommen, an christlichen Feiertagen Wird es vom christlichen Dienstmädchen mitten in das Gedränge der Prozession geführt; — der Kirche Glokkenklang ist. seines jüdischen Gefühles Grabgesang! — Was wir in der Kindheit gesehen haben, das bleibt; uns meist fest im Gedächtnis. Noch im Greiscnalter erinnern sich die. Menschen an Vorgänge und Szenen, .die. sie als Kinder von drei und .vier Jahren erlebt und wahrgenommen. Das bestätigen viele alte Leute. Wie sieht es nun im Gedächtnis des jüdischen Kindes unserer Generation aus? Vom dritten bis zum sechsten Lebensjahre.wird häufig genug das Kind in den christlichen Kindergarten geschickt, wo es christliche Lieder und Gebete hört. Der Besuch des Kindergartens bildet den Abschluß dev häuslichen Erziehung durch die Dienstmädchcn. So vorbereitet tritt cs dann im siebenten Lebensjahre in den Religionsunterricht der Schule ein, denn es ist Schulzwang und das Kind ist geztvungen. am Religionsunterrichte teilzunehmen. Was Wunder, wenn cs in der Neligionsstunde keinen Sinn hat für den jüdischen Unterricht; wenn cs kein Verständnis zeigt für den Religionslchrer und seinen Gegenstand' Die ersten Eindrücke sind die bleibenden und sie stehet-, in krassem Gegensatz zu den dem Kinde ganz neuen, fremdartigen Darbietungen der Neligionsstunde. Melche Erschwerung für den Ncligionslehrer und welche Zumutung für das Kind. Haus und Schule müssen sich ergänzen, häusliche Erziehung muß den Boden für den Schulunterricht vorberciten. Es ist nicht lange her, daß ein bereits einige Monate die Schule besuchendes über sechs Jahre altes jüdisches Mäderl zum Religionsuuterrichte erschien und den jüdischen Religionslehrec mit ״Gelobt sei Jesus Christus" begrüßte. Der Neligionslehrer erzählte, wie es ihm erst nach langer Mühe gelang, dem Kinde eineil anderen Gruß beizubringen. Hat die Mutter dies beabsichtigt? Sicherlich nicht! Aber ihre Nachlässigkeit und ihre Vergnügungssucht haben es bewirkt. Zu ihrer Bequemlichkeit übergab sie Fremden die Erziehung. Hätte sie doch bedacht, daß mütterliche Erziehung nur von der Mutter geleistet werden kann, daß alle ihre Rechte auf Tanz-, Theater-, .Konzert-, Kaffeehaus-, Kino- und andere Vergnügungen und Zerstreuungen nicht im entferntesten das Reckt des Kindes auf die Nähe der Mutter auswiegen, und daß sie als jüdische Mutter durch solche Vernachlässigung ein furchtbares Verbrechen an ihrem Kinde und ihrem Volke begeht! — Freitag ihre Besuche entgegennehmen und ihre Kaffees oder Tees verabreichen; noch mehr mißverstanden von jenen jüdischen Hausfrauen, welche den Freitag zur Rühe und den Sabbat zum Reinigen, Waschen und Klopfen verwenden. Das Kind eines solchen Hauses muß. dann den Sabbat als den schwersten Werktag ansehen. Es gewöhnt sich, den Freitag auf den Sabbat und diesen auf den Sonntag zu verlegen. — Der Sabbat ist das Kriterium des jüdischen Lebens, er wiegt die ganze Thora auf, das heißt: die Negierung des Sabbat bedeutet, die ganze Thora verneinen. Ohne Sabbat- Heiligung ist jüdisches Leben unmöglich und jüdische Erziehung undenkbar. Eine Pflichterfüllung zieht die andere nach sich. Das gilt ganz besonders von Freitag und Sabbat, deren Weihe die ganze Woche durchzieht und die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke ivach er-! hält. * Sollte uns das Bewußtsein, Trägerinneil des künftigen Judentums zu sein, nicht aufmunteru, unserer!Mission treu zu bleiben und unsere Pflichten allent- ,halben zll erfüllen! Wir tragen die Verantwortung für die Erhaltung des Judentums und uilscres Volkstums in seiner Reinheit. Alle Wissenszweige haben in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung genommen, unter ihnen auch die allgemeine. Pädagogik und Didaktik. Nur die jüdische Pädagogik und Erziehung sind zurückgeblieben. Wer schreibt noch über dieses Fach? Nicht geschriebeil und nicht gesprochen lvird darüber. Von den etwaigen neuen Büchern, die dein jüdischen Leben gelvidmet sind, findet sich kein einziges, das die Erziehung durch die Mutter zum Gegenstände hätte. Der Jude sieht cs nämlich als so selbstverständlich an, daß er darüber, nicht erst schreiben zu müssen glaubt. Daher soll die Jüdin ihre Sache ebenfalls als selbstverständlich erachten und alle Ermahnung unnötig machen. Die jüdische Oefsentlichkeit sollte sich aber endlich aufraffcn, jüdische Kindergärten zu gründen. Für diese Kindergärten sollen als Pndagoginnen Mädchcn und Frauen, deren religiöse und nationaljüdische Gesinnung einwandfrei ist, ehrenhalber oder gegen fixe zum Auskommen hinreichende Besoldung angeworben werden. Natürlich müßten auch jüdische Kindergärtnerinnen-Kurse in den größeren Städten geschaffen werden, damit cs nicht an entsprechend ausgebildeten jüdischen Kindergärtnerinnen fehle. Die Kurse und die Aussicht auf Anstellung würden viele Mädchen anzichcn und den Andrang zum Kontoristinnenleben eindämmen, da der Erziehungsberus den Mädchen zumindest besser zusagt. Wir werden mehr Erzieherinnen als-^öüroarbeiterinnen haben. Das wird neben dem völkischen auch einen sozialen Erfolg bedeuten! Vater: Und wir wollen ein Judentum auf religiöser Basis. Was bedeutet ein Bau ohne Fundament, ein Judentum ohne Religion? Die Religion ist doch das Fundament oer Welt und die Quelle aller Menschlichkeit. — Sohn: Darüber läßt sich noch Vieles sagen. Doch die Orthodoxie könnte ihre Bestrebungen auch im Rahmen des Zionismus, in der Misrachiscktion zur Geltung bringen. Nach meiner Ansicht dürfen sich nicht die Frommen isolieren und eine Ausnahme bilden, umsoweniger, als die Anderen in der Mehrzahl sind. Vater: Mein Kind! Wo mehrere auch sind, gibt es noch keine Mehrzahl, und auch bei den Zionisten ist cs so. Sohn: Das kann mir aber nicht einleuchten.Wenn in einem Rechtsstreite , zehn Gelehrte zu entscheiden haben: auf Grund des Sachverhaltes und der Bestimmnngen der Gesetze haben sechs ihre Ansicht gebildet, wogegen nur vier der gegenteiligen Meinung sind. Welche Auffassung wird dann anerkannt, welcher Urteilsspruch kommt zur Geltung? Vater: Ich weiß, was du sagen willst, mein Kind. Die heilige Schrift bestimmt Wohl, sich nach der Mehrheit gn richten, dies aber nur in jenen Fällen, wo es sich um das Moralische, Gerechte handelt. Andernfalls aber muß mam selbst wenn-neunundneunzig von Hundert dagegen sind, noch immer ans seinem gercchtcn Standpunkte beharren. Sohn: Ist denn der Zionismus gegen die Moral? Oder verstößt er gar gegen dqs Recht? Im Gegenteil. Er strebt ja beides an für das Judentum. Vater: Wo die heilige Lehre ausgeschaltct ist, besteht mehr keine Moral. Die Thora, diese Quelle alles Wissens, ist die Seele Israels. Wird jedoch die Seele ausgeschaltet, was ist dann der Körper? Die Reformisten des Judentums haben über das Ziel geschofscn. Sie errichteten ein Judentum ohne Juden; sie!vollen ein jüdisches Land ohne jüdische Lehre, ohne jüdisches Wissen. Das Land unserer Vorfahren bcansprachen sie für die .Kinder. Aber was sind das für Kinder, die entgegen dem Geiste ihrer Eltern leben? Diese Kinder ivcrden erst wir orthodoxe Inden in die richtigen Bahnen lenken müssen- Denn uns ist das Kleinod und nicht dessen Behältnis die Hauptsache. Wir und die Jünger der Weisheit in Israel, die Gelehrten werden erst das heilige Land mit dem Lichte der jüdischeu Lehre erleuchten. 3. Wollen die jüdischen Mütter ihre Kinder der jüdischen Religion und dem jüdischen Volke erziehen, so müssen sie selber ein religiöses und jüdisch volkstüm! ches Leben führen. Die jüdische Religion ist keine Dogmenlehre und keine Wortlehre, wohl aber eine Lehre der Tat. Darum kann die religiöse Erziehung nur auf dem Wege des lebendigen Beispieles zum Ziele bringen. Die Mutter soll vor allem ein jüdisches Haus führen. Wenn die Männer auch sehr beschäftigt sind, so soll sich doch die Frau Zeit dazu nehmen. In erster Reihe soll sie den Freitag ausschließlich dem Hause widmen. Sie soll Barches backen, den Tisch vorbereiten und Lichter zünden. Das wird den Kindern immer im Gedächtnis sein.. Wird sie das beharrlich tun, sA»ist eS sicher, daß der Mann, mag er noch so gleichWtig sein, nicht umhin können wird/ die erste Sabbatmahlzeit sabbatlich einzunehmen. Kiddusch zu machen und mit den Kindern das Tischgebet zu verrichten. Mancher Gatte wird sich vielleicht anfangs über diesen lieben Zwang ärgern, aber bald wird sich sein Unmut in Wohlgefallen auflösen und schließlich wird er sich darüber freuen. Leider gibt es in den sogenannten besseren Kreisen jüdische Damen, die den Freitag seines Charakters als Rüsttag des Sabbats entkleiden. Gott beendete seine Schöpfung am sechsten Tage, die Frau aber soll mit ihren Schöpfungen gerade an diesem Tage beginnen. Der Freitag ist so recht der Tag der jüdischen fttau! Dies wird von vielen ״Damen der Gesellschaft" mißverstanden, die ihre Jours am Freitag abhalten, just am B. Nippel. Zionismus und Orthodoxie. ״Weist du, mein Kind!" sagte der alte Jrine Saf^an zu seinem Sohne, einem Universitätsstudenten. ״Auch wir haben schon unsere Organisation gegründet. Die frommen Juden brauchen nicht mehr die zweifelhafte Hilfe der Zionisten. Wir selbst können unsere Sache, die jüdische Frage, mit Gottes Hilfe auch zu einem segenreichen Ende führen. Sohn: Es ist zwar ein Schritt vorwärts, aber, wie mir scheint, auch ein Fehler, daß sich die orthodoxen Brüder von der Mehrzahl ihrer Glaubensgenossen absondern, um ihre eigenen Wege zu wandeln. Wäre es nicht ratsamer, wenn in jüdischen Fragen alle Juden mit einander Hand in Hand gingen! Abgesondertes Unternehmen, selbst wenn es dasselbe Ziel verfolgt, hat doch nicht mehr die durchschlagende Kraft, wie eine gemeinsame Aktion. Und die zionistische Organisation ist doch allgemein als jüdische anerkannt. Vater: In der Tat ist sie aber keine jüdische. Sind das Juden, die den Sabbat nicht einhalten? Oder ist das jüdisch, wenn das Religiöse aus ihrer Mitte aüsgeschaltet ist? Kann überhaupt noch von Judentum die Rede sein, wo man sich über die heilige Lehre hinwegsetzt, das Studium der Thora frevelhaft vernachlässigt? Sohn: Zunächst arbeitet der Zionismus in nationaler Richtung für das jüdische Volk und das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn wir eine Wohnung haben, können wir sie nach unserem Belieben einrichten und ausschmücken; wo wir aber keine besitzen, kann auch das Heiligtum nicht platzgreifen. Vorerst will der Zionismus ein jüdisches Volk auf nationaler Grundläge organisieren, und ein jüdisches Land bilden. Sohn: Oft habe ich schon daran gedacht, warum sich eigentlich unsere frommen Volksgenossen beständig im Volke eine Art Hegemonie anmaßen. Die modernen Juden schreiten ihres Weges, unbekümmert, wie und auf welcher Weise sich die Andern in religiöser Bezichung einrichten. Das mag sich jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. Vater: Darauf will ich dir ertoidcrn, mein Sohn, was nicht viele Moderne unseres Volkes wissen. Im Judentume müssen wir beständig orthodox und konservativ zugleich bleiben. Die jeweiligen Bestrebungen der schwankenden Mode dürfen uns nicht aus dem unverrückbarcn Geleise unserer religiösen Ueberzeugung bringen. Wie ein pflichtbewußter Soldat stehen wir beim jüdischen Volke Wache und wahren jegliches Unheil ab. Stets sind wir uns dessen bewußt, daß alle Söhnck Israels für die erhaltenen, unvergänglichen Güter dem ewigen Weltenschöpfer solidarisch haften. Weil unsere sog. fortgeschrittenen Glaubensgenossen aber nur geringes Guthaben aufweisen, müssen daher alle ihre Schulden von uns Orthodoxen und Frommen abgetragen werden, da wir gleichsam Bürgen und Zahler sind. Nicht jene Gesetzesunkundige, die unwillkürlich Fehler begehen, werden zur Verantwortung gezogen; diese Schuld trifft vielmehr jene Gelehrte, denen die Aufsicht obliegt, und die nur''fahrlässig ihre Pflicht erfüllen. Nun wirst du wohl unseren Standpunkt begreifen. Sohn: Darüber steht mir zwar kein Urteil zu; doch möchte ich meine Ansicht über Zionismus und Orthodoxie auf Grund der,Tatsachen kurz zum Ausdrucke bringen. Daß sich die frommen Juden für ihre Glaubensgenossen und um das Judentum einsetzen, ist selbstverständlich nur zu loben. Die Aufsicht jedoch darf nicht zu hart und drückend sein, wie dies bis zum Auftreten 'des Zionismus der Fall war. Dazumal waren im jüdischen Volke, Juden, die nicht im strenggläubigen Sinne gelebt, wie Ausgestoßene. Dadurch hat sich eine tiefe Kluft aufgetan. Manche Juden wurden ihrem Glauben abtrünnig, andere haben sich mit Nichtjuden verschwägert und wieder andere haben sich Fremden assimiliert. Die Angehörigkeit zum Judentums war nur sehr locker, und die jüdischen Söhne, die irgend eine Höhere Schule besucht, haben sich nur widerwillig zu ihrem Glauben bekannt. Während sd das Judentum sein Ansehen eingebüßt, entstand nun der Zionismus. Haben diese Idee die Frommen, die täglich für Zion