Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 6 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622038--3903-2625144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gene 4 ״Jüdische Bslk-stimme« k^ir. 6 berufen erscheinen. Wir begrüßen daher den Sinn folgender Erzählung im Midrasch (Jalkut Jeremicr 282): Sin Gesetzeslehrer besuchte einmal eine Stadt in Palästina und verlangte die Stadtwächter kennen zu ler- »en. Da wurden ihm der Polizeihauptmann und dessen militärischer Vertreter vorgestellt: Er versetzte aber: ״Sind denn diese als Stadtpfleger zu bezeichnen?" Nein! Diese sind Störer des Dolkswohles! Nur Manner der Wissenschaft, Jugendbildner und Träger der menschlichen Ideale kennen als Volksfrcunde gepriesen werden! Heber vier Jahre bemühten sich die Männer des Schwertes und HDlden der Politik, den Weltfrieden zu erkämpfen. Nun da ihr blutiges Werk vollbracht ist, wandten sich die Völker von ihnen ab und erwählen Philosophen, Universitätslehrer, Jugendbildner u. a. zu Lenkern ihrer Geschicke. Das Wort Platos ״Philosophen sollen Herrscher sein" (vgl. das talmudische Wort: »man malchi rabonon) soll in unserer Gegenwart Verwirklichung erfahren. Aber auch die Jugendgeschichte des neuen Präsidenten scheint ihn für seine große Zukunft besuchte er die Wiener Universität, wo er sich nach dem Rabbi Jannai sagte: Bei wem findest du religiöse Doktorexamen habilitierte. In den Wer Jahren überi Wissenschaft? Bei dem, der eine gute mütterliche Ernahm er den Lehrstuhl der Philosophie an der Prager tschechischen Universität und verfaßte eine ganze Reihe von deutschen Werten über Philosophie. Seinen edlen Charakter, feine Wahrheitsliebe und Festigkeit bekundete er im Polnaer Justizmord, in seinen Kämpfen mit dem Klerikalismus und gegenwärtig auch in der Gründung des tschechischen Staates. Der ehemalige Schmiedelehrling schmiedete mit eigenen Händen das Glück und die Selbständigkeit seines Volkes und versteht es nun, seinem jungen Staatswesen die innere Ruhe und Festigkeit zu sichern. Mit Befriedigung kann festgestellt werden, daß die tschechische,Presse ihre Hetze gegen die Juden seither eingestellt und daß auch.Ausschreitungen gegen Juden als solche nicht mehr verzeichnet werden können. Auch die in letzter Zeit hie und da vorgckommcnen Plünderungen in jüdischen und nichtjüdischcn Geschäften mit Kleidern, Stoffen usw. werden durch vernünftige Maßregeln der Regierung ziehung genoffen! — Das find die Traditionen der jüdi schon Mütter! Gewiß, ein Ehrenname ist es, jüdische Mutter zu heißen! Diese Auszeichnung aber wird bei weitem übertroffen von dem Bewußtsein, die Pflichten einer jüdischen Mutter auch wirklich erfüllt zu haben! 2. prädestiniert zu haben. Thomas G. Masaryk, Sohn unmöglich gemacht. — Der 68jährige Lenker des neuen eines verarmten Hcrrschaftskutschörs in Göding, müßte,' Staates, welcher die Zügel der Negierung mit jugendda seine Eltern nicht die Mittel hatten, um ihn studielichem Mut und Entschlossenheit ergriff, versprach ren zu lassen, zu einem Schmied in die Lehre gehen, wiederholt, auch den jüdischen Staatsbürgern vollen Dem Schullehrer tat cs aber leid, einen so befähigten Schutz und Sicherheit zu verschaffen und wird sein Knaben beim Amboß stehen zu sehen und er redete Versprechen auch Wahr zu machen wissen. seinem Vater zu, ihn nach Brünn ins deutsche Gymna-I - fium zu senden. Nach Absolvierung der Mittelschule! Olga Faerber, Mähr.-Ostrau. Jüdische Erziehung bis zum pflichtigen Alter. schul Ein Wort an die jüdischen Mütter. 1. Die. erste Erziehung des Kindes beginnt bei seiner Geburt und endet mit dem vollendeten sechsten Lebensjahre, da es schulpflichtig wird. Während bis dahin die Erziehung ausschließlich Sache der Eltern war, übernimmt von jetzt ab die Schule einen großen Teil derselben; denn ihr obliegt es, den Geist des Kindes in die wissenschaftlichen Fächer einzuführen und den werdenden Menschen für das praktische Leben vorzubereiten. Insofern ist die Schule tatsächlich auch Erziehungsanstalt. Indessen ist es ganz und gar unrichtig, wenn man die Schulzeit als die einzige Erzichungszeit hochgepriesen, dagegen die Zeit bis zum siebenten Jahre nur der körperlichen Entwicklung zu- Wie kann die jüdische Mutter am besten ' ihren Pflichten gerecht werden? Mit der Beantwortung dieser Frage will ich mich heute beschäftigen. Es ist bereits oben bemerkt worden, daß die ersten sechs Jahre des Kindes am geeignetsten sind für die mütterliche Erziehung. also auch für die jüdische Erziehung durch die Mutter. Diese Ansicht wird auch von der Bibel vertretcn. Denn beinahe alle biblischen Mütter, die uns als Musterbilder aufgesteM wurden, haben nur im ersten Zeiträume der Erziehung auf ihre Zöglinge wirken können. Sarah starb nach allgemeiner Auffassung als Jsak dreizehn Jahre zählte. Rebekka mußte frühzeitig ihren Jakob zu Laban fortschicken. Rachel starb, da Josef kaum zehn Jahre alt war. Jochebed durfte nur wenige Jahre ihren Moses bei sich behalten. Ebenso brachte Hanna ihren Samuel in sehr zartem Alter nach Silo ins Heiligtum. Und doch konnte gerade diese Hanna in jenem unvergleichlichen Augenblicke zum Hohen- Priester sagen: Ich habe ihn Gott gewidmet, alle Jahre seines Lebens soll er Gott geliehen bleiben! Denn einer Hanna genügte schon die kurze Frist, um dem Sprößling eine unwandelbare Neigung für Volk und Glauben cinzuprägen.. Freilich kann eingewendet tverden, daß der junge Samuel dem Heiligtum, mithin der regelrechten Schule seine überragende Größe verdankte. Aber dies wird korrigiert durch Moses, welcher ans der mütterlichen Hand geradcswegs an den lasterhaften Hof der Pharaonen kam und doch seinem Ursprünge treu blieb. — Hanna, die Zweite, nennt sich eine nach der biblischen Zeit, wenn auch nicht den bi- "“ל" י׳ »lisch-״ Büchern ansi-hör-nde Mutter, «°,ch° ihr- (bl “ל?■?״J T,Br 3 ״״ “לד״יףV'*‘ fc״ SA'״° «nfeurn, uns-nlich- Ou°I°n rrnd Martern mal in den Windeln lag, erkannte schon unsere Bibel, x;״ . . .»"ס ״ s hrr m,t, KmM ,,״ ..״! ,f iS, »״״ ״ •?' "״ ״1״ ,*,״f b,C '"disch- 8״ »dulden, den gräßlichsten Tod zu ertragen und dem Willen des graudaß der gute Einfluß der Mutter auf ihr Kind ein bleibender ist, daß aber anderseits gegen ihren bösen Einfluß keili Heilmittel wirksam ist. Was die Mutter verdorben, das vermag keine Schule ja gutzumachen. Hieraus ergibt sich für jede Mutter eine doppelte, ja dreifache Aufgabe. Denn sie soll bei ihrem Kinde den Körper, den Geist und nicht zuletzt auch das Gemüt pflegen. Und hat jede Mutter, wessen Glaubens und Volkes immer, diese drei Forderungen mit allen ihr zu Gebote stehent^n Mitteln zu erfüllen, umso gewissenhafter muß e^ die jüdische Mutter nehmen, sonst verdient sie diesen Ehrennamen nicht! Haben doch die gewiesen findet. Vielmehr ist das Haus die natürliche, jüdischen Mütter die ältesten und schönsten Traditionen grundlagende und nachhaltigst wirkende Erziehung?- aller Mütter der heute lebenden Nationen! Als Gott statte. Gewissenhafte Eltern, die von Beginn an ihre Pflichten erfüllten, die sich stets ihrer Aufgabe bcwußt waren, müssen mit aller Entschiedenheit einer solchen Theorie widersprechen, worin ihnen jeder objektive Beurteiler nur recht geben wird. Besonders die zielbewußte Mutter, die ja im Hause fast allein die Erziehung leitet, kann und darf sich ihr Verdienst nicht schmälern lassen. Wirkliche Fachmänner versäumten auch nicht, den Anteil der Mutter gegen jenes oberflächliche Urteil in Schutz zu nehmen. So ist es bekannt, daß Pestalozzi die Erziehung nur in die Hände der Mutter gelegt wissen wollte. Und George Herbert sagt: Eine gute Mutter ist soviel wert wie hundert Schulmeister. — Das ist ganz begreiflich. In der frühesten Kindheit wird die Grundlage zum einstigen Charakter geschaffen. Wer aber verfügt über mehr Macht, das Kind zu beeinflußen, seiner geistigen Entwicklung eine bestimmte Richtung zu geben, als die Mutter, deren wohltätige Hilfe es tausendfach erfahren hat und der es sich deshalb willig fügt. Hat das Kind nicht genug Jntelligenz, dies zu erkennen, so tut das wenig Abbruch. Der Gärtner veredelt seine Pflanzungen, so lange sie jung sind; dann aber wächst der Baum wie der Gärtner wollte und trägt die Früchte, die er ihm aufgepropft hat. In gleicher Weise wie die Mutter das Kind körperlich verkrüppeln und vernachlässigen oder durch sorgfältige hygienische Behandlung zu einem gedeihlichen Wachstum bringen kann, so ist sie auch einzig imstande, seinem Geiste Richtung und Schwung zu seinen zur Erleuchtung der gesamten Menschheit berufenen Bund mit unserem Volke׳ am Horeb eingehen wollte, so berichtet die Ueberlieferung, wurden die Frauen durch die erste Anrede ausgezeichnet. Offenbar, weil auf ihren Schultern die größeren Pflichten der Generationsbildung ruhen. Aus diesem Grunde, damit sie für ihre eigentliche Aufgabe frei bleiben, sind auch unverkennbar die jüdischen Frauen von der Beobachtung vieler Religionsgesetze verschont worden. Stur die allernotwendigsten Gebote hat ihnen die Neligion auferlegt. Her Frauen ausschließliche und würdige Aufgabe sollte es bleiben, ein wackeres Geschlecht aufzuziehen und es dann zu erziehen oder doch wenigstens dessen rechten Erziehungsanfanxf zu besorgen. Von den schönen Traditionen der jüdischen Mütter ließe sich außer der ersten Anrede Gottes bei der Offenbarung noch vieles anführen. Dem Nabbi Meir wird der Ausspruch zugeschrieben: Als sich die Israeliten zum Empfange der Thora eingefunden hatten, verlangte Gott vorerst verläßliche Bürgen, daß das Gesetz in aller Zukunft gehalten werden wird. Die Israeliten nannten zunächst die Patriarchen, dann die jeweiligen Führer, ihre Richter, Propheten und Gelehrten, aber alle diese wurden als nicht genügende Bürgen zurückgewiesen. In ihrer Verlegenheit wagten sie keinen weiteren Vorschlag und baten nur noch schüchtern: Wo nimm unsere kleinen Kinder als Bürgen an! Zu ihrer freudigen Ueberraschung war jedoch Gott mit diesen zufrieden und erwiderte: Diese sollen mir die besten Bürgen sein! — Was wollte Rabbi Meier damit gesagt haben? Als Gatte der berühmten Beruria wußte verleihen; so zwar, daß ihr Einfluß bis an sein Ende er die Bedeutung der Mutter für die Kindererziehung reicht. Fliegt nicht der Pfeil bis zur Erlahmung seiner richtig einzuschätzen. Es darf wohl angenommen wer- Schwungkraft in der Richtung, welche ihm der Schütze den, daß er hier unmittelbar auf die׳ Mutter als Erziegegeben? Wohl in diesem Sinne fingt der Psalmdichter herin hingewiesen hat. Denn wem hat Gott die besten im 127. Psalm: Siehe, ein Geschenk Gottes sind Kinder; wie Pfeile in des Helden Hand, also die Söhne, wenn sie in der Jugend erzogen wurden. — Als die Bürgen seiner Wahrheit die sichersten Bewahrer des nationalen und religiösen Schatzes anhertraut, nicht den Müttern? — Ein anderer Talmudlehrer namens samen Syrerkönigs Antiochus Epiphanes Trotz zu bieten. Der Jüngste, noch djt kleines Kind, gehorchte dem Wink der Mutter, die ihn lieber tot als um den Preis des Verrates an Volk und Glauben lebend sehen wollte. Das ist die Frucht der ersten Erziehung durch die lvahrhaft jüdische Mutter! — Sind jedoch die ersten Kindesjahre ungenützt -verstrichen, so ist zumeist die ganze Erziehung verdorben, für die jüdischen Tugenden verloren. Nun sehe man aber wie schwer es vielen Müttern wird, diese Zeit für die,jüdische Erziehung nutzbar zu machen. Namentlich in jenen Städten, wo die jungen Frauen durch Theater, Konzerte und mannigfache Vergnügungen von der Häuslichkeit abgelenkt werden, findet man gewöhnlich nur das nichtjüdische Dienstmädchen oder die nichtjüdische Bonne bei den kleinen Knaben und Mädchen. Die Mutter ist überall anzutreffen, nur nicht dort, wo sie unentbehrlich ist: in ihrem Familienkreise, bei ihren Kleinen! Manche Mütter vergessen sich soweit gar, daß sie ihre Kleinen ins Kaffeehaus mitnehmen und mit ihnen dort stundenlang sitzen. — Fängt das Kind zu sprechen an, so soll man ihm hebräische Laute vorsagen und ihm das Schema Israel beibringen. Das verlangt die jüdische Pädagogik. Statt dessen hört das Kind ganz was anderes. — Mick ist fol- ׳ gcnde Idylle bekannt. In einem wohlhabenden jüdischen Hause — es ist Weihnachtsabend — liegt ein munterer Judenknabe in einer auf Kosten der jüdischen Mutter prachtvoll hergerichteten Krippe. Zu beiden Seiten seines Köpfchens brennen zwei Kerzen in den für den Sabbattisch bestimmten silbernen Leuchtern. Zu seinen Füßen sitzen die Amme und das Dienstmädchen und — beten den kleinen Jesus an! Die Eltern, spät von ihren obligaten Streifzügen heimkehrend, sind ob des köstlichen Anblickes höchst entzückt und ihre Freude darüber, daß das Kind so trefflich aufgehoben ist, kommt nicht bloß in einem reichen Weihnachtsgeschenke und einer spontanen Lohnaufbesserung zu greifbarem Ausdruck. Ihr Vertrauen in die Verläßlichkeit des Personals ist hierdurch so gestiegen, daß sie nunmehr ihr Kind völlig den Dienstmädchen überlassen. Diese besorgen die weitere Erziehung, sie tragen, fahren oder führen eS spazieren; sie betreuen es, wenn auch nicht nach An- Weisung der Eltern und zum Heile des Kindes, so doch nach ihrem, der Dienstmädchen, eigenen Bedürfnissen u. Gewohnheiten. Unter dem Schutze der also gewissenhaften Dienstmädchen wächst das Judenkind heran bis zum schulpflichtigen Alter, dem Alter des schulmäßigen Unterrichtes. Welche sind da des Kindes Erinnerungen, die es durch das Leben begleiten sollen! -VMM