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Jüdische Volksstimme · 1919-03-28 · Heft 6 (28.3.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 6 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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*r.«. 3״MMt «•mptaHM* •ritt 3 L Der Erwerb von Grund und Boden darf prinzipteS einer Beschränkung und Bevorzugung nicht unterkiegen. Erwerb zu spekulativen Zwecken soll von vornherein vermieden und vorgebeugt werden. Aufgabe einer frühzeitig entsetzenden Grund» und Bodengesetzgebung ist es, jeden Mißbrauch des Bodenbefitzes auszuschNeßen. Daher ist zu fordern: Verhinderung jeder Latifundienbildung, Einführung einer BerschuldungSgrenze, Begünstigung von amortisablen Hypotheken in Verblndungmit Lebensversicherung, Anerbenrecht, gesetzliche« Genossenschaften. g. Die Ansetzung von landwirtschaftlicher Einwan- Gerung hat vorzugsweise in geschlossenen, nicht zu großen Siedlungen zu erfolgen. Für die Bewirtschaftung und" Vertretung von Produkten ist die GenoffenschaftSform zu bevorzugen. 4. Für die Jugend mutz Gelegenheit zur landwirtschaftlichen Ausbildung durch Fachschulen, Lehrfarmen usw. beschafft werden. y. Bei Heranziehung der Industrie ist die industrielle Verwertung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, und find jene Zweige zu bevorzugen, die bei geringem Verbrauch an Rohmaterialien und Kohle hochwertige Produkte liefern. 6. Die Konferenz beschließt die Bildung eines StndienauSschusseS, bestehend aus Landwirten, Kaufkeuten, Industriellen, Aerzten und DolkSwirtschaftlern zur Prüfung der AnfiedlungSverhältniffe in Palästina. Der Ausschuß hat seine Tätigkeit in Palästina aufzunehmen, sobald die politischen Verhältnisse es gestatten. Korreferent Delegierter Holländer (Kopenhagen) konstatiert zunächst, daß die Borwürfe, die Orthodoxie hätte bisher für Erez Jisroel nichtsgetan, ungerechtfertigt find. Alles das, waö jetzt in Palästina geschieht, sei der Arbeit der Orthodoxie durch Jahrhunderte zu verdanken. Ohne den alten Jischuw wäre es zum ZioniömuS nicht gekommen. Die heutigen Verhältnisse veranlassen unS, unser Programm neu zu gestalten. Wir müssen zunächst den alten Jischuw stützen und unterhalten, wir haben aber auch im neuen Jischuw vielfach mitgearbeitet. Beweis: die Kolonie Pessach-Tikwah, aus der der thoratreue Geist spricht. Redner schildert die Leistungen der Orthodoxie für das Schulwesen in Palästina und erklärt: Wir müssen von der Voraussetzung auSgehen, daß es nunmehr möglich sein wird, in Palästina vieles zu schaffen, hiefür müssen jedoch die Vorarbeiten in Angriff genommen werden. Unter anderem ein Palästina-Amt, ein Informationsbüro nicht nur für Landwirtschaft, sondern auch für Handel und Industrie. Auch die geistigen Vorarbeiten müssen angegangen werden: die Jugend im Sinne der Thora organisieren, Organe ins Leben zu rufen, die Bürgschäften zu schaffen, daß es vor allem die thoratreuen Elemente sein sollen, die nach Erez Jisroel streben. Diese müssen auf dem ersten Schiff das Steuer in den Händen halten. Schluß folgt deine Anfrage eine gute Erklärung gegeben zu haben." Einige. Tage nachher kam Hersch wieder mit derselben Bitte. Da sprach der Rabbi: «Habe ich dir erst vor Paar Tage aus die Frage eine Antwort gegeben?" Hersch erwiderte: «Versteh" doch Rabbi Leben: als ich nach Hause kam und Eure Antwort gründlich zerkannte, da blieb von ihr nichts und daher tauchte die alte Frage wieder auf." Tagung -er jüdischen Volksräte Mährens. Am 22. und 23. März d. I. fand in Brünn zur! Beratung der dringendsten Finanz- und OrganisationSfragen eine Beratung von Delegierten der Jüdi-! fchen Volksräte Mährens statt, die von 128 Delegierten aus allen Teilen Mährens beschickt war. j Die Tagung, die im Künstlerhaus stattfand, wurde eingeleitet durch eine feierliche EröfsnungSverfamm-' lung, zu der sämtliche Parteien sowie die Behörden eingeladen waren, von welchen die meisten ihre Ver-? treter gesendet hatten. Die Versammlung war außer»! ordentlich stark besucht; viele Hunderte konnten keinen' Einlaß finden. Die Versammlung wurde eingeleitet' durch eine hebräische Begrüßungsansprache des Herrn Dr. Schreier-Brünn, worauf Dr. Sonnenfeld tsche-' chifch und deutsch begrüßte. Der erste Redner, Präfident des jüdischen Nationalrates in Prag, Herr Dr. Ginger, besprach in tschechischer Sprache die weittra»? gende Bedeutung der jüngsten Beschlüsse der Pariser Konferenz bezüglich des jüdischen Volkes, hob hervor,' daß das jüdische Volk dadurch wieder in.seine Rechte eingesetzt wurde und wies gleichzeitig darauf hin, daß die Juden im tschechoslovckkischen Staat keineswegs die gleiche Anerkennung gefunden haben, daß gerade im Gegenteil eine antisemitische Hochwelle eingesetzt habe, wie wir sie hier noch nicht erlebt haben. Demgegen» über müssen wir Nationaljuden desto lauter unseren Ruf nach Bewilligung unserer bekannten Forderungen erheben, die in politischer und rechtlicher Gleichberechtigung, in kultureller Autonomie und Umwandlung der Kultusgemeinden in Volksgemeinden bestehen. Die Ausführungen des Herrn Dr. Singer fanden tosenden Beifall. Hierauf führte ungefähr dasselbe der Sekretär des Nationalrates Herr Dr. Goldstein in deutscher Sprache auS. Der letzte Redner des AbendeS, Vizepräsident des Jüdischen Nationalrates Herr Rudolf Kohn, besprach, oft vom stürmischen Beifall unterbrochen, die Forderungen des jüdischen Proletariates. Sonntag, den 23., begannen die eigentlichen Beratungen unter Vorsitz des Herrn Dr. Hilf (Mähr.- Ostrau). Es wurde eine Organisations-, Finanz-, politische und Schulkommiffion gewählt. DaS Organisationsreferat erstattete Dr. Goldstein, der im Anschlüsse an, die seinerzeitigen Prager Kongreßbeschlüffe die Schaffung eines LandeSvolksrates für Mähren beantragte. A DaS Finanzreferat erstattet Dr. H. Fuchs (Mähr.» Ostrau), nach welchem Mähren zum Budget des JüdischenNationalrates in Prag jährlich 100.000 Kronen beizutragen hat. Das politische Referat erstattete Dr. Singer, der ausführte, daß die innere Lage der Juden in diesem Staate keineswegs der äußeren Lage entspricht. Die antisemitische Hetze sei außerordentlich und wenn auch Dr. I. Eisenberg. die Regierung sich damit nicht identifiziere, so sei eS doch bedauerlich, daß fie dem nicht entsprechend entgegentrete. Doch find «nsere Delezierte« in Pari» und in der Schwei» genau informiert, nnd werde« fiir «in Utt wirtschaftliche» Rechte eintrete». Der Vertreter des Oberlandesgerichtes,׳ Dr. Budik, erklärte im An» schluffe daran, daß er als warmer Freund der nationaljüdischen Bewegung die ungünstige Lage und die angeführten Vorfälle der Verletzung der Gleichberechti» gung lebhaft bedauere. Das Schulreferat erstattete Prof. Dr. Gngel-Prag. Alle Anträge wurden den Kommissionen zugewie» sen, welche endgültige Anträge zur Beschlußfassung vorletzten. Die OrganisationSkommiffion schlug die Schaffung eines LandeSvolkSrateS vor und arbeitete ein Organ!» sationSprogramm desselben aus. Derselbe besteht aus IS Mitgliedern und steht ihm die Beschlußfassung über alle gemeinsamen in das LätigkeÄSgebiet der BolkSräte fallenden Angelegenheiten zu. Gegenüber diesen Be» schlüffen hat der Prager Nationalrat ein Vetorecht. Der LandeSvolkSrat führt alle notwendigen Interventionen bei den Landesbehörden durch. Diese Anträge wurden angenommen. . Die politische Kommission legte folgende Resolu»! tionen vor: I.Der Nationalrat wird ersucht, der Frage der Ehegesetzgebung sein Augenmerk zuzuwenden und ein . von Rabbiner Dr. Lewh schriftlich zu erstattendes Re»; ferat in Beratung zu ziehen. I 2. Die Tagung der mährischen VolkSräte erachtet es für unerläßlich, daß der Nationalrat gegen die viel» . fach beachtete, scheinbar systematische wirtschaftliche Benachteiligung der Juden bei allen in Betracht kam» menden Faktoren energisch Stellung einnimmt und 1 eine wirtschaftliche Organisierung der Juden in di« j Wege leitet, die berufen ist, jedes an Jude« verübte j wirtschaftliche Unrecht energisch und rückhaltlos abzu»! wehren und eine gedeihliche, wirtschaftliche Politik zn ermöglichen. Eine weitere Resolution verlangt die sofortige Demokratisierung der Kultusgemeinden. Die Tagung schloß nach Ansprachen von Doktor Schreier (hebräisch), Dr. Goldstein (tschechisch) und Dr. Altbach (deutsch) mit Absingung der ״Hatikwah". Der LandeSvolkSrat, der in der Tagung gewählt wurde, hat sich sofovd provisorisch bis zur Ausarbei» tung einer Geschäftsordnung wie folgt konstituiert: Präsident: Dr. Sonnenfeld. Vizepräsidenten: Dr. Haas, Keßler, Dr. Hilf. Kassier: Schüller. Schriftführer: Staatsbahnrat Pisk, Dr. Loria. 8. Hersch als Teufel. Rabbi Baruch fuhr einmal nach Kozience um seinen Freund dem Magid ein Besuch abzustatten. Wie stets begleitete ihn seine ganze Gefolgschaft. Auch Hersch schloß sich an. Als sie am Abend in ein Dorf kamen, stellten sich die Bauern des Dorfes, die ein wenig angeheitert waren, auf die Straße und ließen die Wagen nicht passieren. Ja draußen regnete es und es war eine sehr unangenehme Lage dort lange zu stehen. Als jedes Bitten und auch Geldanbot vergebens war, trat Hersch von den Rabbi und sprach: ״Rabbi, gibt mir die Erlaubnis was anzustellen und Ihr werdet sehen, daß Ihr werdet nachher durchfahren können. Freilich hatte ihm der Rabbi die erbetene Bewilligung nicht versagt. Nun was tat Hersch? Er entkleidete sich, schmierte sich vom Kopf bis Fuß mit Kot und begab sich an die Stelle wo die Bauern standen. Kaum hatten ihn die Bauern erblickt, schrieen sie ״Gitko", ein Teufel und liefen Kopf über Hals davon. Nun konnte der Rabbi ungestört die Reise fortsetzen. Als die Flammen des Bolschewismus in der Metropole des benachbarten Deutschen Reiches ausbrachen und die Bevölkerung derselben in zwei Lager zu spalten drohten, da befürchteten wir auch hier, daß zündende Funken herüberfliegen und in den Landen und Gauen der jungen tschechoslovakischen Republik den Bürgerkrieg entfesseln könnten. Dazu kam es aber glücklicherweise nicht! Selbst die schüchternen Versuche, welche einzelne Sendlinge dieser Ideen auf dem Boden des neuen Staates vorbereiteten, mußten gleich am Anfang im Sande verlaufen. Denn der zur richtigen Zeit erfolgten Rückkehr des ersten Präsidenten ist eS zu danken, daß die argen Folgen, welche die Kämpfe in Deutschland zufügten, von hier fern blieben und daß etwaige Bestrebungen, den Bolschewismus hier einzubürgern, keine Wurzel fassen konnten. Denn selbst der radikalste Flügel in der sozialdemokratischen Partei achtet die Grundsätze des neuen Staatsoberhauptes und lehnt eS ab, den ״verbesserten" Zukunftsstaat etwa durch einen ״Kaiserschnitt" an der leidenden Mensch» heit, durch einen Bürgerkrieg, anzustreben. Die Lehren Mafarhks über «Staat und Gesellschaft", welche die gesamte Presse fleißig zitiert, übten auch hier eine versöhnende Wirkung aus. Deshalb hatte die ganze Bevölkerung, sowohl die jüdische als auch die nichtjüdische, ihren Präsidenten geradezu mit Sehnsucht erwartet. Namentlich die Juden Böhmens erhofften eine Ein» ftellung der Hetze, die die nationale und Agrarpresse in den letzten Wochen des Dezembers gegen sie eingeleitet hatten. Diese Hetze führte allerdings zu manchen Ausschreitungen in verschiedenen Städten Böhmens, denen jüdischer Besitz, oftmals leider auch Menschenleben zum Opfer fielen. Zwei Tage, bevor Masaryk in seine Residenz eingezogen war, verurteilte Ministerpräsident Dr. Kramarz in öffentlicher Sitzung des NationalauSschuffeS diese Ausschreitungen und bat inständigst die Zeitungen und einflußreichen Kreise, auf die Bevölkerung beschwichtigend einzuwirken. Ist es dann ein Wunder, daß der neue Präsident in die hunderttürmige Stadt wie ein Triumphator, von der ganzen Nation mit Jubel begrüßt, einziehen konnte? Die schönsten Hoffnungen werden an seine Präsidentschaft geknüpft. Die Menschheit, welche über vier Jahre von den Schlachtenlenkern irre geleitet worden war, glaubt nun, daß die an die Spitze der Republik gestellten Män» ner des Geistes ihr eine bessere Zukunft zu bereiten

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