Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 5 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ״Misch* «,MV«»«» Nr. & So ist es denn unser ideales Interesse durch die Hettderhältniffe zu einer hervorragenden jüdischen Pflicht erwachsen. Wir Mischen Meister «Heden daher unsere Stimme getreu der altjüdischen Devise «Israel arewim zeh bazeh" und rufen Such, Ihr jü. dischen Slwrn und Vormünder, zu: Lastet Eure junge» WSHne und Schützlinge, sebatt sie -Lust -azu Hude» und Uder eine« gewissen gntelligenzgrad verfügen, ei» Handwerk lerne». Der goldene Boden des Handwerkes hat sich gerade in den kritischesten Tagen bewährt. veberdieS ist der Handwerker nicht von der Scholle ab« hängig. Sein Beruf gestattet ihm weitestgehende Frei- «ügigkeit; er kann sich überall niederlassen und wird überall seinen reichlichen Unterhalt finden, was bei den meisten anderen Berufen nicht der Fall ist! Der Handtverker ist zu Ehre gekommen und wird seinen Ehrenstand künftig auch behaupten! Darum sollen sich auch wohlhabende Familien nicht scheuen, das Kind dem Handwerke zuzu führen. Der Juden ererbter Bildungsdrang hat sie vorwiegend gelehrte Berufe ergreifen lassen. Darum ist schon vor Ausbruch des Krieges und zum Erschrecken gar während der gegenwärtigen Staatenumwälzung bei den Juden ein Bildungsproletariat in die Erscheinung getreten, wie es nicht schlimm«, nicht kläglicher gedacht werden kann. Dieser Jammer, gebildete junge Männer, Clotilde Benedikt. die vermöge ihrer Studien begründete Hoffnung auf Glück und Erfolg hegten, plötzlich darben und der Ber« zweiflung ausgeliefert zu sehen, greift ans Herz! Wie viele der Intelligenten werden gezwungen sein, sich in vorgeschrittenem Alter nach einem neuen Berufe umzuschauen! ES fällt leider schwer, ihnen zu raten, noch schwerer zu helfen. Wie viele junge Männer, deren Studium ihren Eltern große Koste« auferlegte, fallen jetzt ihren Eltern zur Last und sind des Lebens überdrüffig! Dürfen wir dulden, daß die Kinder ein gleiches Schicksal erleben? Nein, die jüdische Jugendsoll sich im Handwerk ertüchtigen, dann wird sie vor solchem Lose bewahrt bleiben. D« gefertigte Borstand ist bereit, alle an ihn ergehenden Anfragen zu beantworten, soloie mit Rat und Tat den sich meldenden Lehrlingen hinsichtlich der Fach- Wahl, des Lehrmeisters und der Unterkunft beizustehen. Unsere Stadt als Emporium der Werkstätten aller Art kann ständig eine stattliche Anzahl von Lehrlingen verwenden und hier ist auch der Platz für gründlichste Ausbildung. Der Vorstand des jüdischen HandwerkervereineS in Mähr.-Ostrau. «. s. Zur Geschichte der jüdischen Aufklärungsbewegung in Polen am Ausgange des 18. Jahr- Hunderts. Abgesehen von den Strömungen des RabbiniSmuS und des volkstümlichen mystisch veranlqgten LhaffidiSmuS, begann in Polen in der zweiten Hälfte de- 18. Jahrhunderts auch das Interesse für die allgemeine Bildung rege zu werden. Freilich beherrschte diese Strömung nur einen ganz kleinen Kreis, der späterhin auch von der Berlin« Aufklärungsbewegung unter Mendelsohns Führung beeinflußt wurLe. Noch vor dem Auftreten d« letzteren gab eS in der gebildeten Volksschicht Einzelne, die reges Interesse für Naturwissenschaften und fremde Sprachen zeigten. Stn hervorragender Vertreter und Propagator der allgemeinen Bildung war der Rabbiner Jehuda Leib Margulies. Im Jahre 1777 gab er sein Werk ״Or-Olam" heraus, welches als erstes hebräisches Werk, daS allgemeine wissenschaftliche Themen und Gegenstand hat, in Polen anzusehen ist. In diesem werden Geographie, Nationalökonomie, Geschichte wie auch Naturwissenschaften gemeinverständlich und in kurzen Abschnitten, beinahe enzyklopädisch behandelt. Margulies zeigt in seinen Werken eine große Kenntnis profaner Wissenschaften. Er beschäftigte sich mit Problemen der Dichtkunst und hebräischer Stilistik und hatte auf diesem Gebiete ein kleines aber wertvolles Büchlein*) zurückgelassen. Hervorragende Vertreter des allgemeinen Mldungsdranges sind auch Israel aus Zamosc und Baruch Schick, die zu den gebildetsten Juden Polens in diesem Jahrhundert gezählt werden können. Israel aus Zamosc war in seiner Jugennd als Lehrer an der Rabbinerschule zu ZamoSc tätig, beschäftigte sich eifrig mit Mathematik, Physik und Astronomie. Er beherrschte die griechische und arabische Sprache und trieb auch philosophische Studien. Infolge vieler Streitigkeiten mit der Gemeinde hatte er Zamosc verlassen Und ging um das Jahr 1740 nach Frankfurt a. O., von wo er sich nach kurzem Aufenthalt nach Berlin begab. Hi« unterrichtete er den jungen Mendelsohn in Mathematik und Logik. Im Jahre 1752 verließ er Berlin und ließ sich in Brody nieder. Nicht minder bedeutend ist sein Zeitgenosse Baruch Ben Jakob Schick. Auch er beherrschte viele Sprachen und trieb astronomisch-mathematische Studien. Späterhin beschäftigte ihn auch die Medizin. Im Jahre 1779 gab er ein hebräisches Werk über Hygiene heraus, in dem er sich für die Krankheiten der lateinischen Nomenklatur bedient. Von anderen Gelehrten wären noch der bekannte Arzt Elias aus Pinczow, der in seinen Werken Probleme aus dem Gebiete der Algebra und Geometrie behandelt, und Josua Zeitlin zu erwähnen. Letzterer, ein Sohn reicher Eltern, wurde für den Kaufmannsstand bestimmt. Unzufrieden mit diesem Berufe, wandte er sich dem Ackerbau zu. In seiner Besitzung Szklow sammelte er um sich viele junge Leute und Gelehrte. Dieser Kreis hatte sich eifrig mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt und vielen Jünglingen . reichliche Gelegenheit zu ihrer geistigen Fortbildung geboten. Obwohl sich einzelne mit profanen Wissen beschäftigten, ist ihr kultureller Einfluß auf die Gesamtheit sehr gering gewesen, sie lebten und wirkten nur in ihrem kleinen Kreise, fern von den Volksmassen; aus diesem Grunde eben ist auch das hohe kulturelle Niveau, welches in den früheren Jahrhunderten die polnische Judenheit kennzeichnete, geschwunden. Wir finden freilich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einzelne reiche Familien, die unter dem Einflüße der Aufklärungsbewegung die französische Sprache und Lebensweise angenommen hatten, jedoch gingen sie über ihren engen Kreis nicht hinaus. Durch ihr luxuriöses Auftreten erregten sie bei den Volks- Massen nur Aerger und selbst der oben erwähnte Jude Leib Margulies tadelte ihre vom Volke so abstechende Lebensweise, denn ..der Luxus und der Gesang in den Weinschenken wendet die Jugend von der Thorah ab." Der Verkehr dies« Kreise mit den polnischen Adeligen regte sie eben an, französisch zu sprechen und sich allmählich vom eigenen Volkstum zu entfernen. Margulies befürchtete, daß in diese Kreise infolge einer sol- *) Sefer tow ujafeh. Die jüdische Frau vor der Wahlurne! .,Die auch im neuen Staate hervortretende Korruption und Herrschsucht jüdischer Kreise zwingt die christlich-soziale Partei, das deutsch-österreichische Volk zum schweren Abwehrkampf gegen die jüdische Gefahr 1 aufzurufen." Wie ein Alpdruck fiel es von meinem Hergen, als ich diese Worte des Wahlprogrammes der christlich-sozialen Partei las, das einzige, das mir merkwürdiger Weise ins Haus geschickt wurde. So hat die schlaue Werbesucht der Führ« zum Glück nichts über die Parteileidenschaft der ״Christlichsozialen" vermacht, sie zeigen die Teufelskrallen zum Glück noch in dem Anstürme zur Wahlurne. So sehen diejenigen Juden, die teilweise in romantischer Anhänglichkeit an das Herrscherhaus teilweise in beschämenden Tanz um daS ״Goldene Kalb", teils in Unkenntnis der Ziele der sogialdemokratischen Partei, die längst so viel bürgerliches Oel in ihrem Umsturzwein getan, laut und offen erklärten, nur christlich-sozial zu stimmen, hoffentlich noch vor Torschluß, wohin sie ihre Schenklappenpolitik führt. Hat doch Bürg«meister Weißkirchner vorige Woche einem ehemaligen Minister erklärt, er sei keineswegs Antisemit; und wer in jüdischen Vereinsangelegenheiten so zuvorkommend und werktätig von ihm empfangen wurde, wie ich, recht ein beherzigungswertes Beispiel für viele Kultusgemeindegrößen, will es gerne glauben. Aber die Partei bedürfe dieses einigenden Bandes, dieses Schlagwortes, auf das die Massen fliegen. Ein würdiger Schüler Luegers, der uns einmal eine Karte schrieb: In der Politik ist die Hauptsache, zu politisieren! Hätte doch unsere Kultusgemeinde dies Wort beherzigt! Wir in der jüdischen Oeffentlichkeit stehenden Frauen sahen mit Entsetzen, wie das Wahlrecht, speziell den jüdischen Frauen in ihrer Mehrzahl als eine unverdiente und unreife Frucht in den Schoß fiel. Wir hätten erwartet, daß die Kultusgemeinde als solche belehrende Vorträge und Versammlungen für jüdische Wählerinnen abhalten werde, wo naturgemäß Redner aller Parteien, nur nicht der von vornherein auszuschließenden christlich-soziale» hätten zu Worte kommen sollen. Die Gemeinde hüllte sich aber offenbar vornehm in ihr Statut, das jede politische Tätigkeit ausschließt. Was wiegt aber eine Verfassung in unserer Zeit? Soll-׳ ten wir Frauen von einer Gemeinde, die uns über- Haupt noch nicht registriert hat, die Zahl ihrer weiblichen Schäflein nicht einmal kennt, als ..verachtungswerte Menge" behandelt werden? Scheut sie sich, was mir das wahrscheinlichste dünkt, Stimmung und Enthusiasmus für den Zionismus bei den Frauen zu heben, bei denen es mir noch immer nicht so befestigt scheint, wie bei den Männern? Klebt doch die Frau naturgemäß mehr an der Scholle der Macht der Gewohnheit, den kleinlichen Bequemlichkeiten des Lebens. Genyg, keine Frau tritt so unvorbereitet an die Urne, als die Jüdin. Der Pfarrer hat seit Jahrzehnten der frommen Christin Politik und verfälschte Wertschaftslehre gepredigt; die unfromme hat vielfach in der Sozialdemokratie-Organisation Halt gefunden; wo war es aber im Tempel üblich, daß der ״Prediger" über Phrasen über Allgemeines hinausging, sich je zu den Wirklichkeiten des Lebens herabließ? Ich mutz es meinem verehrten Freunde, Dr. Grunwald, zum besonderen Verdienste anrechnen, daß er aus den sonnigen Erfahrungen eines von einer seltenen Frau durchwärmten Heimes heraus seit Jahren versucht hat, nicht etwa Politik zu treiben, aber die Frauen darauf aufmerksam zu machen, daß ihnen noch etwas anderes obliegt als die Sorge um Küche und Kleider, daß ihr ödes Treiben ihren Männern und dem Ansehen des Judentums Schaden bringt. Da hieß es aber gleich: Will er etwa ein katholischer Hetzpfarrer werden? So wenig vertrug mehr die Wiener Jüdin, in dem Rabbiner den Führer und ״Prediger" zu sehen. Wie sehr dem Dr. Chajes die Führerrolle verargt wird, brauche ich nicht wieder auseinandersetzen. Der greise Sigmund Mayer scheint mir recht zu haben, daß die jüdische Frau, so weit sie nicht im Berufsleben steht, lange nicht mehr das ist, was sie im'Ghetto war, die Führerin und geistige Leiterin des Hauses. Es sind noch die besten von ihnen, die blind zur Wahlurne an der Hand des Gatten oder Vaters schreiten und einfach seine Stimme verdoppeln. Was aber Freunde des Frauenstimmrechtes erwarten konnten, eine Versittlichung unserer Nationalversammlung und Politik, wird auf diesem Wege nicht erfolgen. ״Die Politik ist das Schecksal des modernen Menschen", hat Napoleon zu Goethe gesagt, und wer hätte dies mehr gespürt, in den Kümmerniffen des Weltkrieges und der unvorbereiteten Abrüstung als die jüdische Hausfrau, Mutter, Gattin, Schwester? Daß wir heute die Ueberzahl über die Männer haben, legt uns für sie und uns die heilige Pflicht ob, auf dieses Schicksal für die werdende und kommende Generation zu zimmern, daß es erträglicher, der Menschen- und Frauenwürde würdiger wird. Selbst ״tauben Blüten" wie wir, denen aber eben dadurch mehr als das Einzelnschicksal eines Familienmitgliedes das Schicksal des gesamten jüdischen Volkes am Herzen liegt, wie. wir es im Ausschnitte jede in unserer Vereinstätigkeit sehen, obliegt es, zur Urne zu schreiten. Möge sich dies jede jüdische Frau Vorhalten, sei ihr Sinn noch so auf Putz und Tand oder Hauswirtschaft gerichtet. Ich möchte nicht wieder Aussprüche wie von einer Mutter von 7 Söhnen und Großmutter zahllos« Enkel oder gar einer hochverdienten Präsidentin von 2 Wiener Vereinen hören: Wir gehen nicht zur Wahl, was geht uns die Politik an? Nicht alle von uns haben das Glück, im Bezirk Nord-Ost zionistisch wählen zu können. Wenn unser «Häuflein klein" von Vertretern auch keinen andern Einfluß haben sollte, als zu zeigen, daß wir sind, daß Dasein Wahrheit". Mögen wir uns im sonstigen Land der Ofnerpartei, die so wacker für unser Stimmrecht kämpfte, mögen wir uns der Sozialdemokratie anschließen, die die alten Lehren unserer Edelsten und Besten in moderner Gewandung moderner Juden der Menschheit schenken möchte. Alle anderen Parteien scheinen mir mehr oder minder versteckt zu Rom oder zu Wotan zurüzuführen zur Macht der Finsternis, zu den Ketten der klerikalen Schule und der unlößbaren Ehe. Wie sie auch wähle, möge die jüdische Frau bedenken, daß sie das Schicksal jenes Bruchteils des jüdischen Volkes in Händen hat, das seine Zelte zum mehr oder minder roh geäußerten, aber immer vorhandenen Unwillen seiner Bewohner seit Jahrhunderten am Donaustrand aufschlagen mußte. t ss&ssaaBSSSKSüSBSs&saiuaBHaw