Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 5 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622037--3893-2625133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— I rla MM ■I M DDWWHsWU «1111ח|9וו< «ritt 3 Gedanke an Gott, Religion und Religionsübung besteht nicht mehr für ihn und das kommende jüdische Geschlecht trügt den Stempel der Gottlosigkeit an sich. Rehr als genügend machen wir gerade in den KriegSjahren die traurige, höchst beklagenswerte Srfahrung, welche Verrohung und Verwilderung bei der Jugend eingetreten ist, welche Lockerung der Disziplin und Subordination auch bei den Mittelschülern wahrgenommen wird, da müssen nicht allein Schule und Lehrer, vielmehr in erster Linie die sorgsamen Eltern Dedacht nehmen, der Jugend in einer Zeit, in welcher der Ehrlichkeit, Sittlichkeit und der Religion von den Erwachsenen Hofe gesprochen wird, als wäre deren Derletzung etwas Selbstverständliches und nicht ein Derbrechen, mit aller Macht den Weg zur Religion und Sittlichkeit zu zeigen, fie mit allen Mitteln darauf zu führen und achtzuhaben, daß fie darauf bleiben und ihn nicht zu verlassen. Zu groß ist in dieser gährenden Zeit, die alles von oberst zu unterst kehrt, die Verlockung für die haltlose Jugend, bedenkliche Wege einzuschlagen, den Weg der Sittlichkeit zu unstachten, wie es Tag für Tag bei den Gerichtsverhandlungen zu lesen ist. Wollen die Eltern bei ihren Kindern dem Vorbeugen, da mutz die Religion frühzeitig im Herzen und Geiste der Jugend gefestigt werden, die Religion mutz ihnen zur Leuchte gemacht werden, damit sie im Dunkel des Lebens sich zurecht finden und niemals den festen Halt vermissen. Die Zukunft, die neue Welt, die jetzt aus den Ruien der zertrümmerten alten Welt aufgeführt werden mutz, darf keine religionslose, keine gottlose werden, darf nicht eine morsche, innerlich faule Sittlichkeit der alten Welt weiter führen, wir brauchen eine sittlich starke Zukunft, diese muß unsere Jugend aufbauen, darum müssen wir unsere Jugend zu wahrer, echter Religiosität, zu unerschütterlichen Sittlichkeit erziehen. Fort mit der chronischen Miß- Wirtschaft aus dem mosaischen Herrenhause in Prag! Wer kampfesscheu zurückweicht, wird getreten. Und Sieg bleibt dem, der kühn nach vorwärts dringt. Darum Jugendbildner verzage nicht, harre mutig aus. Die Rettung ist nahe, in der Nähe steht das israelitische Rathaus! Die alte Welt des Scheines und der Lüge sank in Trümmer und über der Finsternis dieses unseligen Weltkrieges leuchtet die Sonne des demokratischen tschecho-slovakischen Staates auf. Diese große Umwälzung in der Menschheitsgeschichte verkündet uns, daß sich ein jeder von seinem Unmensch befreien soll. Jeder soll Mensch werden, ein ebenbürtiges Wesen der Gemeinschaft, ein Glied des Bruderbundes, ein Verkünder der Nächstenliebe, ein Apostel des Guten. In der engen Atmosphäre der Gemeindeftube herrscht aber eine merkwürdige Anschauung über Menschenwertung. Die Prager Kultusgemeinde, die einst die Wirkungsstätte jüdischer Geistesheroen und das europäische Jerusalem der jüd. Wissenschaft war, in deren Mitte heute noch ein religiöses Oberhaupt wirkt, der ein Granit des Judentums ist, ist nunmehr zu einem Versammlungshause einzelner Akademiker mosaischer Konfession geworden, die den Geist der neuen Zeit der Verbrüderung aller Menschen nicht verspüren, die uns mit dem Morphium ihres Paradieses einlullen wollen, damit alles beim Alten bleibe. Der reaktionäre Junkergeist der jüdischen Machthaber im Rathause hat in diesem Kriege nichts vergessen und nichts zugelernt. Noch immer find die vorgefaßten Meinungen und die Starrcköpsigkeit die Kronen des Hauses. Aus der Fülle meines Materials in meiner Vorratskammer, will ich vorläufig nur eine zum Himmel schreiende Angelegenheit, die Notlage der Prager ReligionSlehrer behandeln. Die entwürdigende Stellung der Pioniere der Er- Haltung des Judentums, der Erzieher der Repräsentanten der Prager Judengemeinde, ist die traurige Epoche eines intoleranten Geistes ein Stolzgebäude des mosaischen Rathauses. Die Religionslehrer, die Bildner unserer Jugend, die Fahnenträger unserer Zukunft, das geistige Spiegelbild des Judentums, führen ein elendes, von der Gnade einzelner Personen abhängiges Dasein. Das ReligionSlehreramt, das einen körperlich und geistig gefunden Mann verlangt, wird von darbenden und hungernden Personen auSgeübt. Ohne Rast und Ruh' vom Weh der Nahrungssorgen verzagt, die Knochen matt, das Gesicht fahl, die Augen trübe und die Stirne heiß, unterrichten die Religionslehrer 3&—86 Stunden wöchentlich. Um ihr Dasein zu fristen, müssen diese unglücklichen Idealisten noch an^ dere Aemter und Nemtchen ausüben, z. B. Seelsorger in Pankratz, Stiftungsrabbiner, MinyeumaNn, Kaddischsager, Aktuar, Gastwirt und Händler. Alte verbrauchte Lehrkräfte, die längst schon in PenfionS gehen sollten, werden aus SparsamkeitSrückfichtrn im Amte behalten, um der Jugend noch den letzten Rest von Ehrfurcht vor der Religion zu nehmen. Und solche entnervte und entkörperte Sklavenseelen sollen unserer Jugennd die Liebe und Begeisterung für das Judentum einflötzen. Ihre Ideale liegen darnieder, gebrochen sind ihre Geisteskräfte, die glühende Degeisterung für das heilige Amt ist verstummt und verfiegt. Auch die eintönige Uebersetzung einzelner Lefestücke aus dem Gebetbuche und das Vorlesen eines Schülers oder einer Schülerin — (der Lehrer ist entweder zu müde vorzutragen oder hat sich aus Zeitmangel nicht vorbereitet) — aus dem für die Schuljugend ungeeignetem Grüllschen Geschichtsbuche können wahrhaftig keine Ju> gendseele begeistern. Nur die inspirierende Macht eines tüchtigen, von Nahrungssorgen befreiten Pädagogen, kann kraft seines die erhabenen Ideen der jüdischen Kultur belebenden Vortrages die leicht beeinflußbare Jugend begeistern und aus ihnen überzeugte, geistige Frontkämpfer für die Wiedergeburt des messianischrn Judentums machen. Darum Repräsentanten der Judengemeinde, nehmet im humanen Sinne der Neuzeit das Steuer des Lebensschiffes der Jugenderzieher in Eure Hände. Hasset die Knechtseele, verurteilt die demütigende Un. terwürfigkeit der Kultusbeamten, verwerfet das heuchlerische Kriechertum und behandelt diese unglücklichen, weltfremden Idealisten als Menschen, als Brüder eines Volkes und eines Stammes, helfet Ihnen brüderlich, schaffet eine gerechte Dienstpragmatik und zeiget ihnen, daß Ihr den humanen Geist der Zeit anerkennen wollet. Ein Freund der Lehrer. | Dr. Moritz Friedländer. | Still und anspruchslos, wie dieser wahre Essäer gelebt, ist er am 2. Februar am Zentralfriedhofe bestattet worden, nachdem ihn der Tod im 75. Lebensjahre von vierwöchentlichen Leiden erlöst hatte. Auf seinen Wunsch folgten außer der Familie nur wenige Getreue, darunter die Rabbiner Dr. Feuchtwang und Dr. Gelb- Haus, Waisenrat Direktor Khuner, Frau Dr. Kaminka in Abwesenheit ihres Gatten und Schriftstellerin Clotilde Benedikt dem Sarge, an dem der Inspektor der Baron Hirschschulen, Sperber, einen monumentalen u. ergreifenden Nachruf hielt. In ruhigeren Zeiten werden wir Wirken und Werke dieses Mannes eingehender würdigen, der Hunderttausenden von galizischen und russischen Juden ein geistiger Führer und Berater gewesen ist. In der Zeit von 1890 bis zum Jahre 1900, in dem er sich von seiner Stelle als Sekretär der Baron Hirschstiftung zur Förderung des Volksschulunterrichtes in Galizien und der Bukowina zurückzog, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen, hat er 60 Schulen ins Leben gerufen, Hunderten von Lehrern Beschäftigung, hundevttausenden Ostjuden leibliches und geistiges Brot gegeben. Auf seine Anregung ist nämlich das edle Werk des Ehepaares Baron Hirsch-Gereuth ins Leben getreten, nachdem er als Sekretär der Israelitischen Allianz in den achziger Jahren zur Bekämpfung der Pogromnot gemeinsam mit Veneziani, dem Almosenier der Hirsch, in Brodh geweilt hat. So reiste der gelehrte Ungar unermüdlich von Schule zu Schule, von Paris nach Wien, sich ganz den ungebildeten Ostjuden weihend; drei Inspektoren zugleich haben nach seinem Rücktritt kaum seine Arbeit bewältigen können. Mit Recht wurde er, wie Herzl und Montefiore, dem Ostjuden zur Legende und zum Manne Gottes. Ein Mann der Tat und des Buches hat er sich aber durch seine Werke auch einen dauernden Platz in der Geschichte der Philosophie und Geschichtsforschung erobert. Seit dem vor zwei Jahren erfolgten Tod der Gattin umgaben ihn die Kinder, die Gattin seines verdienstvollen NachfolgerS, Kais. Rat Arnold Ascher, Frau David Rotter und der bedeutende Sohn, Dozent Dr. Oskar Ewald mit hingebungsvollster Liebe. Gerne empfing der greise Gelehrte alle möglichen geistigen Kapazitäten, so die Freunde des Sohnes, in seinem gastlichen Döblinger Hause, alle Jüngeren nicht nur an stupendem Wissen, sondern an milder Lebensweisheit und nachfühlender Nächstenliebe überragend. Wie er sich durch ein Friedensbuch einen namhaften Preis erobert, so ruhe er nun im Frieden derjenigen, die die Lebensarbeit mehr als eines Mannes vollbracht haben. N. M. Selber. Dr^Ma^r^evftld^I Am 13. d. M. ist der Führer der poale-zionistischen Partei Dr. Max Rosenfeld an der Grippe im Alter von 34 Jahren gestorben. Dr. Max Rosenfeld, der zu den fähigsten Köpfen der junggalizischen Judenheit gehörte, war nicht nur alih Parteiführer bekannt, er hatte auch eine reiche und ev» sprießliche wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Seine? Bücher zur polnischen Judenfrage bilden wertvolle Belträge zur wissenschaftlichen Erörterung der jüdischen Nationalautonomie. Geboren in Drohobycz, absolvierte Rosenfeld seine Studien in Lemberg. Schon als junger Student war er in der nationaljüdischen Bewegung tätig und veröffentlichte eine Reihe von wertvollen Abhandlungen in der ״Moriah", «W schob", «Arbeiter-Zeitung" usw. Seine erste größere Arbeit über die jüdische Autonomie in der Sammelschaft «Heimkehr" hatte großes Aufsehen hervorgerufen. Sie war der erste Versuch, dieses Problem wissenschaftlich unter dem klaren Gesichtspunkte der wirtschaftlich-sozialen Fragenkomplexe zu erörtern. Während des Krieges veröffentlichte Rosenfeld seine «Polen und Juden", «Das SelbstbestimmungSrecht und die Juden" und sein Hauptwerk «Die polnische Judenfrage". In diesen Werken hat Rosenfeld von den allgemeinen Prinzipien der nationalen Autonomie, wie sie Renner und Bauer geschaffen haben, ausgehend sein System der jüdischen Nationalautonomie, die wesentlich in der Umgestaltung der jetzigen Kultusgemeinde in eine jüdische Volksgemeinde bestehen soll, klar und objektiv wissenschaftlich entwickelt. Rosenfeld war nicht nur ein klar denkender Volks» Wirt, sondern ein allseitig wissenschaftlich, historisch geschütter ganzer Mann. Vor kurzem ist er in Cholm als Deputierter für den polnischen gesetzgebenden Landtag: gewählt worden — leider war es ihm nicht mehr be» schieden, für die polnische Judenschaft, für die er sein ganzes ״Ich" eingesetzt hatte, bei ihrer politischen — nationalen Neuordnung auch praktisch zu wirken. Rosenfeld hatte auch für die Palästinaidee in Wort und Schrift gewirkt. In seinem Aufsatz im letzten Hefte des Juden «Soziale Steintafeln" will er im neuen Erez-Jsrael die׳ jüdische Gemeinschaft auf den Grundlagen der altjüdischen sozialen Gesetze aufgebaut sehen. Nun ist Rosenfeld uns durch den grausamen Tod״ entrissen worden. Nicht nur die poale-zionistische Partei, aber das gesamte Nationaljudentum betrauert in ihm einen großen unersetzlichen Verlust. Das Andenken an den stolzen Jungjuden, aufrichtig jüdisch fühlenden Gelehrten Max Rosenfeld wirduns stets bewahrt bleiben. An jüd. Eltern «nd Vormünder! Bereits vor dem Weltkriege hat sich der jüdische Handwerkerverein für M.-Ostrau und Umgebung zur Aufgabe gestellt, sein Interesse auch der Lehrlingssache zuzuwenden. Wir gingen dabei hauptsächlich von dem idealen Bestreben aus, dem Vorwurf als sei der Jude jedem manuellen Gewerbe abhold und lediglich zum Handel bezw. zu den sogenannten freien Berufen befähigk, nach Möglichkeit zu entkräften. Die neuen Berhältnisse haben jedoch unserem Bestreben eine stark praktische Richtung verliehen. Jedem Urteilsfähigen dürfte es klar geworden sein, daß schon die nächste Zukunft für keinen Erwerbsstcmd unter den Juden einen so relativ günstigen Boden zu bieten imstande sein wird, wie eben das Handwerk. Die mit so viel Emphase allenthalben betonte und aktuell gewordene Nationalitätenfrage hat nicht *bloß Grenzen zwischen den Nationalstaaten geschaffen, sie hat auch innerhalb der Landesgrenzen markante Linien gegenüber den Minderheiten gezogen. Die Juden, welche nicht nach Palästina oder sonst wohin auswandern, werden mehr denn^ je einen schweren Kampf um ihre materielle Existenz zu kämpfen haben, verhältnismäßig am günstigsten wird es noch dem jüdischen Handwerker ergehen, dessen Arbeit und Produktion, sofern er fein Fach tadellos ausübt, nicht wird umgegangen werden können.