Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 5 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ne. 5. fttfiff« Dr. Stotf ftnmitt. Jugendgottesdienst! Der jüngste Erlaß der Schulbehörden befreite die Schüler von dem obligaten Besuch des SchulgottevdienpeS und überläßt eS dem freien Belieben, dem religiösen Empfinden der Schüler bezw. deren Eltern, an dem abgehaltenen Gottesdienste teilzunehmen. Von Seiten der Lehrer darf keinerlei zwangsweise oder auch nur moralische Einflußnahme auf die Schüler geübt werden, noch weniger darf die Abwesenheit vom Gottesdienste eine Herabsetzung der Note im Gegenstände oder bei den Sitten zur Folge haben. Bon freisinniger, freireli. giöser und auch nicht religiöser Seite ist dieser Erlaß mit großer Befriedigung begrüßt worden, da nunmehr Eltern und Kinder von einer erzwungenen Pflicht befreit sind, die den modernen Anschauungen nicht entspricht. Den Altfrommen befriedigte der Sabbat-Minchagottesdienst für die Schüler ohnehin nicht, trotzdem der Minchagottesdienst schon im Talmud einen hohen Wert hat, wie ja auch der Prophet Elia auf dem Berge Karmel zur Minchazeit erhört wurde, und er durch den vom Himmel gesandten Blitzstrahl das ganze Volk zur Anerkennung Gottes brachte. Die Frommen ziehen vor, die Kinder mit sich zum Hauptgottesdienste zu nehmen und mit der Gemeinde böten zu lassen, während der spezielle Schulgottesdienst eine Wahl trifft, welche die Jugend nicht mit dem Hauptgottesdienste bekannt macht und sie, der Schule entwachsen, nicht zu dem wenig besuchten Gottesdienste führen wird. Daß aber die Schüler am Samstag den Hauptgottesdienst vormittags be« suchen können, haben weder die Frommen noch die Kultusgemeinden bei den Schulbehörden erreicht, ja kaum angestrebt. men, werden zur Beruhigung ihres religiösen und erziehlichen Gewissens sich sagen: Es genügt ja, wenn der Religionsunterricht obligat bleibt, da haben sie den ReligionSunterricht, und das ist für die Jugend hinreichend. Diese hätten sogar einen Beschluß einer Rabbiner-Konferenz in der talmudischen Zeit für sich. Als die harten Hadrianifchen Gesetze auf die Betätigung irgend eines religiösen Gebotes die Todesstrafe verhängten, da kamen die Rabbiner zusammen und berieten, waS zu tun sei, ob man lieber sein Leben aufs Spiel sehen und unentwegt die Gebote ausüben, oder sie einstweilen unbeachtet lassen und nur mit dem Lernen der Thora sich beschäftigen solle. Man faßte den Beschluß, die Uebung einstweilen außeracht zu lassen und den Unter« richt zu pflegen, da dieser zum religiösen Leben führe. DaS mag ja feine Berechtigung haben bei einem intensiven Studium, das zur Haupttätigkeit gemacht wird und gewiß zur Betätigung des Gelernten drangen wird. Etwas ganz anderes ist der jetzige wöchentlich zweistündige Religionsunterricht. Dieser ist in seinen Erfolgen nicht anders wie jeder andere Gegenstand. Die Schüler huldigen längst nicht mehr dem alten klasfischen Grundsatz: ״Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir". Heutzutage lernt die Jugend nur für die Schule und für den Tag, vergißt heute, was gestern gelernt wurde und weiß in den seltenen Fällen, WaS im vorigen oder noch früherem Jahre gelernt wurde. Die Religion als Unterrichtsgegenstand fällt bei der jetzigen leichtfertigen Jugend der Vergessenheit anheim und kaum ist der Schüler ein Jahr der Schule fern, ist das Wissen aus der Religion verraucht. Ganz anders ist eS mit dem Gottesdienste. Hat der Schüler regelmä- Was auch immer gegen den obligaten Schulgottesßig Woche für Woche den Sabbat-Gottesdienst besucht, Woche für Woche werden nach dem Thoraabschnttte, die darin enthaltenen religiösen und moralischen Lehren erörtert, dabei wird die Aufmerksamkeit auf Belege durch Au-sprüche und Erzählungen der Weisen im Talmud gerichtet, so daß die Schüler im Laufe der Jahre eine reiche Sammlung der MoraNehre im Talmud sich aneignen. In den Sommermonaten, in welchen von Pestach angefangen das Lesen der Pirke Aboth an der samstägigen Tagesordnung ist, wird das Leben und Wirken der großen Männer im Israel den Schülern vorgeführt und bildet eine willkommene Erweiterung des jüdischen Geschichtsunterrichtes. Diese notwendige Vev» Mehrung des knapp bemessenen Religionspensums für die Schüler, verlieren diese, wenn sie den SchulgotteSdienst nicht regelmäßig ohne Unterbrechung pflegen. Der Schulzwang hatte auch daS Gute, daß der Schüler in der Jugend, die noch keine feste geschlossene LebenSanschauung, Lebensführung besitzt, nicht weiß, welchen Beruf sie wählen und zu welchen Grundsätzen sie sich bekennen wird, auch gegen seinen und der Eltern Willen mit den Lehren der Religion und Moral bekannt gemacht wird; denn es wird oft Vorkommen, daß er im späteren Alter durch Vorkommnisse mancherlei Art dankbar sein wird, daß er einmal Religion gelernt und geübt hat. dienst eingewendet werden mag, so bleibt es unbestrit« ten, daß durch dessen Auflassung eine nicht zu unter- . die Gesänge mitgesungen, die Exhorte aufmerksam an-! gehört, so schwindet der Eindruck fein Lebenlang nicht schätzendes pädagogisches Mittel zur moralischen und re-! aus seiner Seele. Er mag was immer sein, welchen ligiösen Erziehung der Jugend verloren geht. Dem kann ן ruf immer ausüben, in welchem Lande und in welcher man entgegenhalten, eS bleibt ja den Eltern und Kindern unbenommen, daß diese aus freiem Willen ohne jeden Zwang den regelmäßigen Schulgottesdienst besuchen. Es wird ja viel erziehlicher und wertvoller sein, von größerer sittlichen und religiösen Wirkung, wenn der Schüler daS Bewußtsein hat, eine heilige Pflicht aus keinem anderen als inneren Drange zu erfüllen. Man muß aber die Kinder- und Schülerseelen kennen, um zu wissen, wie oft, wie leicht sie sich aus ganz unbedeutenden Anlässen, aus Bequemlichkeit, durch verlockende Aussicht auf ein Vergnügen gerne Absolutarium von ihren Pflichten geben und selbst die gefügigen Eltern dazu ohne große Mühe zu bringen verstehen. Die innere Nötigung, der moralische Zwang ist bei der Jugend noch nicht so gefestigt, um jeder Verlockung Widerstand zu leisten, er muß durch eine regelmäßige lückenlose Uebung geschult, so zu sagen trainiert werden. Viele Eltern, die es auch in anderer Beziehung nicht so streng mit der pädagogischen Erziehung neh¬ [ Umgebung immer leben, die Erinnerung an den Ju> gend-Gottesdienst wird sich in seinem Gedächtnis niemals spurlos verwischen und ihn mahnen, daß er in den acht Jahren des Mittelschulstudiums zum Gottesdienste und zur Feier des Sabbat angehalten wurde. Braucht der Schüler den Gottesdienst nicht zu besuchen, so wird er vielleicht eine Zeit lang in den jüngeren Jahren dabei erscheinen, wird sich bald davon befreien, udn mit der religiösen Uebung schwindet der Neligionsunterricht, der Gottesdienst, der Sabbat, ja jede Religion aus dem Sinn, aus dem Leben und der Uebung des Schülers für immer. Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Uebung, Wie N. Simson b. Gambiel richtig lehrt. Die Exhorte beim Gottesdienste ist nicht allein als die religiöse Praxis eine Ergänzung des Religionsun terrichtes, der Theorie, sie ist auch noch die Erweiterung des Religionsunterrichtes. Vieles, wozu in der Schule die Zeit nicht ausreicht, was in dem Rahmen des Lehrplanes keinen Raum findet, erfährt der Schüler da. Für die jüdischen Schüler ist daher der angeführte Erlaß folgenschwerer als für die nichtjüdische. Wenn diese ihren Schulgottesdienst Sonntags um 8 Uhr morgens nicht besuchen, so können sie noch immer im Laufe des Vormittags den Hauptgottesdienst besuchen, eine Predigt anhören. Selbst wenn sie auch das unterlassen,, das Bild des Ruhetages entschwindet ihnen nicht. Sie sind frei von der Schule, von jeglicher Arbeit, daS HauS ist festtäglich, die ganze Außenwelt, Leben, Unterhaltung alles verkündet den Ruhetag, der Sonntag bleibt dem christlichen Schüler unverkürzt. Hingegen der jüdische Schüler muß am Samstag den Vormittag in der Schule verleben, hat mitunter auch den Nachmittag mit freien Gegenständen beseht, denn die jüdischen Eltern wählen mit Vorliebe den Samstag, damit der Sonntag ungestört genossen werden kann, für Privatunterricht. Was erfährt heutzutage ein jüdisches Kind im jüdischen Hause vom Sabbat? Was sieht er vom Ruhe- und Festtage, was erinnert ihn daran, und welche Eindrücke davon werden ihm unverwischlich im Gedächtnis haften bleiben? Der Sabbat, einstmal der beste nachhaltigste und unermüdliche Lehrer der Juden, deren sorgfältigster Erzähler zur Nüchternheit, Mäßigkeit, zur Familienliebe und Volksgemeinschaft, der schon an und für sich eine ganze Religion dem Bekenner bietet, wie ja mit Recht von ihm gesagt wird, der Sabbat wiegt die ganze Religion auf, wie bettelarm ist er in der Gegenwart in den meisten jüdischen Häusern geworden! Wo er noch in den Seelen nicht völlig verwischt und abgestarben ist, da fristet er noch ein Scheinleben im Gebete und Anhören der Thoravorlesung in einem halb oder dreiviertelleeren Gottcshause. Wenn also der jüdische Schüler den obligaten Schulgottesdienst nicht besucht, ist er nicht in der Lage weder am Freitagabend, noch am Samstag vormittags einen Gottesdienst zu besuchen. Die religiöse Uebung im Gotteshause entfällt für ihn, das jüdische Elternhaus bringt ihm den Ruhe- und Festtag nicht in Erinnerung und der Sabbatgedanke, dev stellten ihm das Zeugnis aus, daß er zwischen seinen Schädelwänden statt eines Gehirns deren zwei hatte: ein frommes und ein schemisches, doch, daß das fromme Hirn bei ihm erhabener war als das schelmische. Er war ein Mann von zwerghaftem Wuchs mit außerordentlich zarten schmalen Händen und Füßen. Aber unter dem von kohlenschwarzen gelockten Haar und laugen Bart umrahmten Kopf hatte eine Seele ihre Wohnung gefunden, für welche seine Ortsleute kein Verständnis hatten. Denn sie bildeten ihn zum rituellen Schächter heran, ein Beruf, der seinem Gemüte vollkommen widersprach. 2. Der wirr gemachte Hahn. Einst war in Ostropole ein großer Mangel an Geflügel. Besonders war der Mangel an Hähnen empfnidlich. Und da es vor Jom-Kipur war, waren die Leute außerordentlich besorgt, wo man Hähne für die Kapores bekommen wird. Am Erew-Jom-Kipur frühmorgens, da die Leute von dem Slichosgebete aus der Synagoge heimgingen, trafen sie am Marktplatze einen Bauer, der einen Hahn, hiezu noch einen Weißen, feilbot. Er war bald von der ganzen Gemeinde umringt und einer bot dem anderen im Preise über. Freilich war auch Hersch dabei. Er offerierte für den Hahn 100 Rubel, ohne ernstlich den Preis geben zu wollen. Der Bauer erkannte, daß die Gemeinde in Verlegenheit war, wollte die Situation ausnützen und erklärte daher, er werde den Hahn unter 150 Rubel nicht verkaufen. Darauf sprach Hersch zu den Leuten: «Jeder nehme den Hahn nochmals in die Hand, als wolle er ihn kaufen, schwinge ihn um den Kopf und spreche die Formel: ״Buei Adam", dann möge der Bauer das Tier ruhig nach Hause tragen". Der Einfall gefiel den Leuten sehr und alle Männer folgten dem Rat. Die Runde ging so, daß nun einer dem anderen mit einem Rubel überbot, ohne aber der Ziffer 150 nahe zu kommen. Als alle Leute mit dem Hahnschwingen fertig waren, gingen sie sich ihres Weges. Zu spät wurde der Bauer des an ihn begangenen Betruges gewahr. Nun trug er den Hahn von Haus zu Haus, aber keiner wollte einen Nebenpreis zahlen. Da wurde der Bauer wütend und schrie: ״Die Juden haben mir den Hahn wirr gemacht, jetzt wollen sie ihn nicht kaufen". Seither wurde Hersch als Witzbold weit und breit bekannt. 3. Hersch übersiedelt nach Miedziborz. Man weiß, daß der bekannte Rabbi Baruch von Miedziborz, ein Tochtersohn des Baal-Schem-Ton die Seele des KönigsSaul in sich schwängerte. Und als er noch durch die Gewalt des Willens den Messias herabzwingen wollte und er einen harten Verweis von oben erhielt, fiel er einem schrecklichen Trübsinn anheim. Er war stets traurig und kam zu seiner eigenen Lehre: «Man hüte sich der Traurigkeit" in Gegensatz. Andere Zadikim, die davon erfuhren, gaben den Rat, sich um einen tüchtigen Narren umzusehen, der durch dumme Streiche und närrische Witze den Geist der Traurigkeit des Rabbi vertreiben soll.**) Und als des Rabbis An- Hänger über Hersch Erkundigungen eingeholt hatten, begaben sie sich nach Ostropole um ihn tn den Rabbihut zu bringen. Neben dem ungemein strengen und stets melancholischen Rabbi Baruch nahm Hersch durch seine Daseinsfreudigkeit eine große Rolle ein. Er wurde zum Liebling der nach Tausenden zählenden Chaffidimgemeinde, die nach Miedziborz kamen, um des Rabbis Wort zu hören, er neckte sie und scherzte mit ihnen, sagte ihnen allerlei Bosheiten ins Gesicht, spottete über sie und dies alles aus angeborener Liebe und ererbter Volksfreundschaft, ohne, daß er es einmal gar zu böse meinte. Sehr oft war selbst der Rabbi die Zielscheibe seines boshaften Witzes und seiner sarkastischen Bemerkungen, wodurch er seinem schmerzüberfülltem Herzen Lust machte, wie er sich überhaupt jeder Handlung mit einer ironischen Bemerkung Luft machte. Hevsch ging noch eine Stufe ״höher". Er wurde auch zum Trunkenbold. Hatte er einmal nichts zum trinken, dann geriet er außer Rand und Band und sein Raisonnieren war ganz fürchterlich. Hersch von Ostropole war, ohne es selbst geahnt zu haben, das Sprachrohr des tiefgekränkten und in einem Meer von Leid tränkenden Golusjuden, der sich sonst über alle ihm zuteil werdende Unrechte durch Gottesvertrauen hinwegsetzt und nur in seltenen Fällen seinem Schmerze äußert und seine grimmige Wehklage erhebt ... - «*) Vgl. 1. B. Samuel Kap. 18. B. 10.