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Jüdische Volksstimme · 1919-02-21 · Heft 5 (21.2.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 5 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sahr«, XX. Rönnet 5. ffi—*--- VezngDpreife -1 , 1 Redaktion und Administration: Brün«, Adlergaffe tz halbjährig . Buchhändlerische Vertretung: Olt» Klemm, Leipzig ganzjährig ......... Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig. — 24 Kronen . —׳18 Mark Herausgeber: Max Hlckl. Inserate: dev 6-spaltige Zentimatevmum 2 L. —׳12 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht.,*tu» BaÜan, Frankreich...... —׳84 «Frank . riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 3 ffi Wien—Brünn. 21. Februar 1919. 21. Ader 5679 Prag—Lemberg. Dr. D. Fenchtwang. Antisemitische Mit Ekel und Widerwillen beschäftigt man sich mit dem Wiener Antisemitismus. Er ist gemein, verlogen und verbrecherisch. Unbegreiflich, daß anständige Nichtjuden nicht laut gegen diesen Schmutz protestieren, durch den ihr Christentum befleckt und besudelt wird. Kein Tag, an welchem nicht eine Schlammwelle aus der antisemitischen Tagespresse emporsteigt und giftigen Geifer gegen Juden und Judentum spritzt. Feigheit und Gemeinheit sind die Merkmale dieser Schandpresse. Aus welchem Schoße werden die sich täglich mehrenden Hetzblätter geboren? Wer bezahlt sie? Im Dienste des Deutschtums wollen sie stehen, verkünden blöden Raffenantisemitismus, stürmen gegen Freiheit, Menschlichkeit, Bildung und Kultur. Dieses Deutschtum ist ein Schandfleck für Deutsch-Oesterreich und diese Blätter sind ein Zeichen sittlicher Entartung, religiöser Verkommenheit, politischer Verwilderung. Sie sind aber auch ein Zeichen rettungsloser Verdummung. Ist es eine erbärmliche Feigheit gegen dieses Häuflein Juden mit Wut zu kämpfssn, von dem die überwiegende Mehrzahl erbgrmungswerte Bettler sind, die in Krankheit, Armut und Elend leben — und Feigheit ist doch kein Merkmal der Deutschen — so ist es eine grenzenlose Dummheit, dieses vereinsamte, kaum zur Freiheit erwachte kleine Land, dieses verlassene, ausgehungerte, vereinsamte Wien von der ganzen gesitteten Welt bloßzustellen. Man lacht, man spottet über Wien in der ganzen Welt. Und wüßte man, wie es wirklich um Wiens Gesinnung bestellt ist, man überließe es seinem Schicksale, und es verdiente dieses Schicksal. War eö schon in Friedenszeiten unerhört, daß hier ausgesprochen judenseindlich regiert wurde, war es im Kriege schädlich, so ist es jetzt ein himmelschreiendes, geradezu selbstmörderisches Unterfangen, die Volksmassen zu vergiften, sie mit kaltem Blute zu Judenpogromen aufreizen. Feuilleton. Chaim Bloch, AtzgerSdorf. Hersch Ostropoler. Ein jüdischer Tilleulenspiegel des 18ten Jahrhunderts. Seine Geschichten und Streiche. Vorbemerkung. ׳ Der Kaiserrock, den ich während des Weltkrieges fast dreieinhalb Jahre trug, hatte für mich den einen Vorteil, daß ich meine Volksbrüder aus Ost- und West-, Nord- und Süd-Europa und teilweise auch Asien, kennei. lernte. Meine in vielfacher Berührung mit Juden aus verschiedenen Ländern gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen von «ihrem Fühlen und Denken, Sitten und Gebräuchen, geben mir für längere Zeit den Stofs zu umfaffenden Arbeiten nach vielen Richtungen, Licht- und Schattenseiten. Zunächst will ich vom polnischen Juden erzählen; er ist mir nahe an Geist und Blut, an Lebensart und Anschauung und ich konnte ihn eher begreifen, in seine Seele tiefer und klarer schauen als dies bei den Juden anderer Länder Fall war. Der polnische Jude ist heute trotz, oder bester gesagt gerade wegen seiner vielen Widerwärtigkeiten der Liebling des westjüdischen Lesekreises geworden. Manj llerbrellel Sturmflut! Schämt ihr euch nicht vor der ganzen Welt? Ihr wollet Christen sein und seid Barbaren, Deutsche wollet ihr sein und beweiset täglich und stündlich, daß euer d e u t s ch s e i n gleichbedeutend ist mit Gewalttätigkeit, Verleumdung und Verdummung. Es geht aber offenbar dieser entsetzlichen, abstoßendhäßlichen Hetzpresse gar nicht um die Juden, die Juden sind das Ventil, aus dem der reaktionäre Dampf ausströmen soll. Die Juden sollen das Schlachtopfer für das Unglück sein, das über Deutsch-Oesterreich gekommen ist. Der .,Volkssturm" soll gegen Juden losgelassen werden, damit er sich nicht gegen die wahren Verbrecher wende, die in ganz anderem Lager zu suchen sind. Und man packt die Volksseele an der Wurzel. Die konfessionelle Hetzjagd beginnt bei den kleinen Kindern der Volksschule, wird in Bürgeruyd Mittelschulen fortgesetzt und an den Hochschulen zu Hetzorgien gesteigert. Nicht dem Schutze der Juden will ich das Wort reden; sie werden sich zu schützen wissen gegen׳ diese Gesinnungsvergifter und Seelenräuber; zum Schutze Deutsch-Oesterreichs muß die politische Oeffentlichkeit gegen diese gemeingefährlichen Machenschaften aufgerufen werden; die Ehre des Landes, die Ehre der Stadt Wien steht auf dem Spiele, die man diesen schwarzen Seelen und Finsterlingen nicht preisgeben darf. Und in solcher Zeit gibt es Juden, die mit diesen Kreisen paktieren, die solche Leute politisch unterstützen! In solchen Zeiten fallen Juden von Volk und Religion ab! Sie sind verachtenswerter wie unsere Feinde. Furcht und Schrecken erfüllt allerdings viele Juden angesichts der allgemeinen Judenhetze. Sie glauben im feindlichen Lager durch Apostatie Rettung zu finden. So sehr uns der Verlust schmerzt, wir müssen uns trösten. Die Christen aber sollen sich dieses Gewishaßt ihn. Aber diesem Hasse entströmt Liebe, entspringt Achtung. Die polnischen Juden haben nicht nur ihre Heiligen und Gelehrten, sie haben, sind sie ja eine Welt für sich, auch ihre eigene Charlatans, ihre Witebolde und ihre Narren.*) Da drängt es mich aber früher mit echt polnischjüdischer Vermeffenheit an meine Westbrüder eine Frage zu richten: Welch guter Deutsche — und die Juden sind es stets — kennt nicht den Namen Till Eulenspiegels? Darstellungen seiner Geschichten und Streiche sind bisher in Tausenden und abertausenden Exemplaren verbreitet worden, in vielen jüdischen Häusern befindet sich ..Till Eulenspiegel" in Liebhaberexemplaren. Kennt aber jemand von Euch den Namen Hersch Ostropolers? Er war in seinem köstlichen und ergreifenden Spott Till Eulenspiegel ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen, nur sind seine Streiche mit den Begriffen von Wohlanständigkeit eher vereinbart. Und das ist vielleicht die Ursache feines Verkanntseins. Schriftliches zu seiner Lebensgeschichte ist nicht vor- Händen. Die polnischen Juden, denen er entstammte und unter welchen er lebte, machen aus solchen persönlichen Dingen kein Kultus. Man ist daher bezüglich Hersch •) In Vorbereitung befinden sich folgende Mono, graphien: 1. Hersch Ostropoler. 2. Frojim Gweidiger. 3. Nehemje Kulikower. 4. Simche Plachte. 5. Schaje Feifer. 6. ,,Chajsek". 7. »Chelmer Narren". die ״Wircbe voll senS schämen; sich wehren gegen diese Abtrünnigen und Eindringlinge, die keine Ueberzeugung oder Gesinnung ihnen zuführt, sondern Abfall und Gesinnungslosigkeit Sie selbst die Christen tragen die Schuld an dieser Erscheinung. Man schiebt auch den Jüdischnatianalen einen Teil der Schuld zu am Austritt vieler Juden au4 dem Judentum. Mag sein. Ich habe es oft genug gesag!t, daß die neue politisch-nationale Richtung für die Juden Deutsch-Oesterreichs, wenn sie zum Bekenntniszwange führt. Gefahren in sich berge. Ganz abgesehen davon, daß der Volksbegriff innerhalb der jüd. Kultur ein ganz anderer ist als bei Deutschen, Tschechen usw. Nun aber scheint ja diese, Sorge als Grund des RbfallSbeseitigt zu sein. Die Juden sind zur Besinnung gekommen. Aber nicht die Antisemiten. Sie gebärden sich wie Besessene; schlagen blindwütig um sich und sehen in den kaum dreimalhunderttausend Juden Deutsch- Oesterreichs eine Gefahr für ihr Deutschtum. Entweder sind die Deutsch-Oesterricher so ohnmächtig und unfähig, daß sie diefs Häuflein Juden zu fürchten hätten, oder die Juden sind so tüchtig und befähigt, daß diese Furcht Berechtigung hätte. Da schreit man beständig ,.Germanischer Geist", ״Germanische Raffe", ״Germanische Kraft"! Wo sind sie, wenn eine solche Ueberzhal die schwache Minderheit fürchtet. Lüge ist es und Volksbetrug. Man kämpft gegen Juden und meint die Freiheit, beschmutzt das Judentum und meint die Gleichheit, wütet gegen Semiten und meint die Menschlichkeit und Brüderlichkeit. Die bürgerliche Tagespresse schweigt gegenüber die-- sen gefährlichen Wühlereien, obzwar man sie ״Judenpresse" schimpft, die wirkliche Judenpresse aber, die sich offen als solche bekennt, darf nicht schweigen, zumal selbst die demokratischen und sozialdemokratischen Zeitungen kein Wort der Abwehr finden. Es scheint, daß alles beim alten bleibt. Wir Juden sind auf uns allein angewiesen. Deshalb muß jeder Fähige uns dienen, uns seine Kraft leihen; Keiner darf fehlen! Ostropoler ad personam auf leidliche mündliche Heberlieferungen angewiesen. Im Folgenden stelle ich diese Lebensdaten wie auch seine Geschichten in 50 Abschnitten, so dar, wie ich sie von meinem Gewährsmann Eljukim Götz Krummfuß (Krzywynogh) aus Radom überliefert bekam. Für die ״Nichtigkeit" übernahm derselbe die Haftung, mit dem Hinweis, daß er mir das wiedergibt, was er von seinen Großvater gesegneten Andenkens, einem Zeitgenassen Hersch Ostropolers, hörte. ' 1. Hersch von Ostropole. Hersch Ostropoler war ein Urenkel des bekannten Kabbalisten Rabbi Simson von Ostropole, dem nach einer Sage täglich ein Engel besuchte, der ihm die Ge- Heimnisse der Lehre mitteilte und der im Jahre 6408 zur Zeit des Chmielnickiaufstandes den von ihm vorausgesagten und mit Sehnsucht erwarteten Märthrertod fand. In seiner Jugend zeigte Hersch ein autzerordentliches Talent zum Studium und wie sein vorerwähnter Großahne den Hang zur Kabbalah. Man setzte an ihr» Erwartungen, daß auch er ein großer Mann in Israel sein würde. Doch die Zeit, in der er zur Welt kam, war dazu nicht angetan. Hiezu war Herrsch früh verwaist, war bald auf sich selbst angewiesen und die Aristokratie des Geistes — die in dem von ihm ererbten Bluttropfen steckte, artete aus: Hersch wurde ein Letz, ein Witzbold. Er müßte jedenfalls eine mhstisch-ratselhafte Natur gewesen sein. Die Leute, die ihn kannten, »rtlmme".

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