Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^Mrqchr tomttem* Seite 6. «e. S nistischen Führer haben mit dem englischen Premier, minister und dem Minister für auswärtige Angelegenheiten Verhandlungen geführt. Die Verhandlungen sollen eine umfassendere Autonomie für das jüdische Gemeinwesen sichern, als bisher angenommen wurde. Dalfour erklärte, daß seine ursprünglichen Zustcherungen albloßes Minimum der jüdischen Hoffnungen aufzufaffen seien. Lord Tecil sagte, daß die Aussichten seit dem letzten November ganz gewaltig gestiegen seien. Die Zionisten haben mit Wilson in Paris eine Zusammenkunft verabredet, auf der endgültige Deschlüffe gefaßt werden sollen. Ministrrpräftdent Kramarz Über den Antisemitismus. (& P. Z ) In der Nationalversammlung erklärte Ministerpräsident Kramarz am 21. Dezember folgendeS: »Und nun noch ein Wort über die Juden. ES gab Juden, die sich ausgezeichnet aufgeführt haben, es gab ab« auch solche, die sich fürchterlich aufgeführt haben. ES Ware eine Sünde für die tschechische Nation, wenn sie sich -um Raffen-AntisemitiSmuS erniedrigen würde. Jede Tafel, die in einem Laden eingeschlagen wird, wird die tschecho-flovakische Republik in unserer Zukunft bezahlen. Wir werden nicht allein auf der Welt sein, wir werden uns sozial und wirtschaftlich nicht entfalten können ohne Intimität mit den Westmächten. Wenn wir die großen Ideale, welche die Grundlage der Weltpolitik find, «füllen wollen, wie sie in der Wilsonschen Botschaft enthalten sind, dann müssen unsere inneren Zustände zeigen, daß wir imstande find, um die Gefahren der Gegenwart ohne Pogrome herumzukommen." Kranzöfische Orthodoxie für Palästina. Laut MiSrachi-Korrespondenzbüro ist in Paris vor einigen Monaten eine bedeutende orthodox-nationale Bereinigung entstanden, an d«en Spitze Großrabbiner Levy steht. Die Vereinigung setzt sich u. a. zur Aufgabe, die öffentliche Meinung Frankreichs über die KolonisationSarbeit Palästinas und die Frage des JudenstaateS aufzuklären und sich speziell mit der Förderung der geistigen Interessen der Juden in Palästina zu be° fassen. Konferenz!de» »stgalizischen Nationalrates. Die Konferenz des ostgalizischen Nationalrates, die vom 18. bis 2V. v. M. in Stanislau tagte, hatte einen sehr ernsten B«lauf. Bon den Fragen, die auf der TageSordnung standen, waren die wichtigsten: die Schaffung einer gemeinsamen politischen Plattform für alle jüdischen Parteien, sowie die Frage der Organisierung der nationalen Autonomie. In der politischen Diskussion, die sich hauptsächlich um die Frage der Stellung der Juden zum polnisch-ukrainischen Konflikt bewegte und sehr lebhaft war, handelte eS sich darum, ob die Juden sich diesen beiden Völkern gegenüber neutral v«halten oder mit den geschehenen Tatsachen rechnend, sich auf der politischen Grundlage der Westukrainischen Republik stellen sollen. Nach den AuSfüh« rungen der Redner wurden folgende Beschlüsse ange. nommen: 1. DaS jüdische Volk proklamiert sein Selbstbestimmungsrecht und verlangt von der FriedenSkonferenz die Sicherung seiner Rechte. 2. Die Juden müssen sich an der Verwaltung des Landes beteiligen. 3. Zum Streite zwischen den Polen und Ukrainern verhalten sich die Juden streng neutral. 4. Die Konferenz verlangt die Gutmachung der Kriegsschäden und den raschen Wied«aufbau der zer» störten Wohnungen und Wirtschaften auf Kosten aller Staaten, die Krieg geführt haben, was von der FriedenSkonferenz unter anderem beschlossen werden soll. . B. Es muß eine internationale Bürgschaft der Staaten und ihrer Regierungen für die Schäden eingeführt werden, welche die nationalen Minoritäten durch wirtschaftlichen Boykott und Pogrome erleiden, insoferne diese Schädigung von den verantwortlichen Regierungen geduldet wird. DaS Wahlprogramm der christlichsozialen Partei DeutschSsterreichS. In dem christlich-sozialen Wahlprogramm heißt eS: «Die auch im neuen Staate hervortretende Korruption und Herrschsucht jüdischer Kreise zwingt die christlichsoziale Partei, das deutschösterreichische Volk -um schärfsten Abwehrkampf aufzurufen. AIS eigene Nation anttkannt, sollen die Juden ihr SelbstbestimmungSrecht haben; die Herren des deutschen Volkes dürfen sie nicht sein". Hiezu bemerkt das Jüdische Preßbüro in Wien: Diese Formulierung unterscheidet sich b«eitS wesentlich von den früheren Erklärungen der christlichsozialen Parteileitung. Es ist nun unbestreitbares Der» dienst der jüdisch-nationalen AufklärungStätigkeit, daß selbst die extremsten Antisemiten beginnen, di« Judenfrage als ein ernsthaftes politisches Problem sachlich zu diskutieren. Allerdings haben sie 1mm« noch nicht gelernt, auf demagogische Phrasen zu drrzichten, sodaß eS d enJuden unmöglich gemacht ist, sich mit ihnen auf einer derartigen Plattform, wie der gegebenen» in Er- Srterungen einzulassen. Ein Schweis« Aufruf zur Eiuberufuuz «ineallwettliche« jüd. Kongresses. DaS Schweizer Komitee »Pro Causa Judaica" erläßt an die jüdische Organisation all« Länder einen Aufruf zur Einberufung eines jüdischen Kongresses am Orte d« Friedenskonferenz. DaS jüdische Volk solle als gleichberechtigtes Glied im Völkerbund vor den Bertretern aller Rationen seine Einheit bekunden. Als Tagesordnung wird die Behandlung folgender internationaler Fragen vorgeschlagen: Die Mitarbeit der jüdischen Gesamtheit an der Errichtung d« nationalen Heimstätte für dajüdische Volk in Palästina» die Sicherung d« politischen und kulturellen Gleichberechtigung d« Juden in den Ländern jüdischer Massensiedlung. Die Besprechung von Maßnahmen zur Erlangung der vollständigen Gleichberechtigung der Juden in Rumänien und schließlich die Gründung einer Organifation oder eines Institutes zur Regelung der jüdischen Emigration. «in Referent für jüdische Angele,enhetten i« «uswär. tigeu Berliner Amte. Seitens der B«liner Regierung ist im AuSwärtigen Amte eine besondere Stelle für jüdische Angelegenheiten errichtet worden. Auf diesen Posten wurde als erst« Professor Dr. Moritz Sobernheim berufen. Dr. Sobernheim ist hervorragender Gelehrte, de sich auf geistigem Gebiete von jeher mannigfach betätigte. Als Schriftstell« gehört « sowohl dem Vorstand d« «Borderasiatischen Gesellschaft zur Erforschung der vorderasiattschen Denkmäler", als auch dem Vorstand der «Gesellschaft zur Erforschung Palästinas" an. Sr ist auch stellvertretender Vorsitzender des «Beirats des Wirtschaftsinstituts für den Orient". Bei Gelegenheit sein« wissenschaftlichen Reisen in den Jahren 1894 bis 1914, hat er mehrfach Palästina besucht, wo er Zeuge der Entwicklung dieses Landes und des großen Anteiles der Juden an diesem Aufschwung war. Während des Krieges entfaltete er eine überaus rührige Tätigkeit im «Komitee für den Osten". ES ist zu erwarten, das Dr. Sobernheim, theoretisch und praktisch geschult, mit klarem Blick und warmem Herzen auSgestattet, für das Judentum in seinem derantwortungSvollem Amte Ersprießliches leisten wird. Eine Weltkonferenz der jüdisch-sozial. Arbeiterpartei ״Poale Zion". I. P. W. DaS Hauptbüro der Poale Zion in Stockholm versandte an die angeschlossenen LandeSorganisationen der Partei telegraphische Einladung zu einer Weltkonferenz, die bei der ersten äußeren Möglichkeit abgehalten werden soll. Daß Programm der Affimilitoren. Die Zeitschrift «Polen" vom 20. Dezember berichtet: In Polen toird von den den polnisch-nationalen Standpunkt vertretenden Führern jüdischer Abstammung die «Partei für bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Polen" geschaffen. Neben den Forderungen national-politischen Inhalts hat die Partei folgende Postulate ausgestellt: Die Lösung der Judenfrage ist nur auf dem Wege der bürgerlichen Gleichberechtigung der jüdischen Einwohner zu erreichen. TS soll eine der Hauptaufgaben des Staates sein, diese Gleichberechtigung zu leiten durch staatsrechtliche und soziale Einrichtungen, die zuvörderst die volle bürgerliche, soziale und konfessionelle Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung unter Berücksichtigung der religiösen Bedürfniffe im Leben verwirklichen. Der Grundsatz der Gleichheit muß auf sämtlichen Gebieten des politischen, autonomen und sozialen Lebens streng gewahrt werden und es müssen zugleich alle Abarten und Merkmale deS Antisemitismus, als sowohl für den Staat selbst, wie auch für die jüdischen Bürger gefahrdrohend, aufs entschiedenste bekämpft werden. Den jüdisch-nationalen Programmen muß, da sie den Grundsätzen deS StaatslebenS und den Interessen der jüdischen Bevölkerung widersprechen, energisch entgegengearbeitet werden. Allgemeiner jüdischer Trauertag in Zürich. (I. P. Z.) Der 6. Jänner 1919 wurde zu einem allgemeinen jüdischen Trauertag zum Gedächtnis der Pogrome bestimmt. In sämtlichen Synagogen und Bet- Häusern Zürichs werden an diesem Tage durch die AgudaS-JiSroel-Vereine veranstaltete Trauerandachten stattfinden. Jüdischer «ettkongretz der reNgiSsen verbände. (& P- Z ) Wie wir aus sicherer Quelle «fahren^ wird am IS. Februar in der Schweiz ein Weltkongreß, der jüdischen religiösen Verbände stattfinden. Mit den Vorarbeiten wurde das Zentralbureau der «AgudaS. JiSroel" in Zürich betraut. Akademischer Verein jüdisch« Sazialiste«. In Brünn hat sich im Anschluß an die allweltliche jüdische sozialistische Arbeiterpartei Poale Zion ei« akademisch« Verein jüdischer Sozialisten gebildet. D« Verein beabsichtigt durch Veranstaltung von Borträgen Diskussionsabenden und durch sonstige Agitation die jüdischen Akademiker mit der Gedankenwelt des Sozialismus vertraut zu machen und für die sozialistische Idee zu gewinnen. In den Kreisen der jüdischen «kademiker gibt sich für diesen Verein ein reges Interesse kund und es besteht die begründete Hoffnung, daß durch diesen Verein sowohl der jüdisch-nationalen als auch der sozialistischen Bewegung zahlreiche neue Kräfte werden gewonnen werden. Anfragen und DeitrittSer» klärungen sind an die jüd. israelit. Arbeiterpartei Poale Zion, Liechtensteinstraße 2 und an Genossen Dr. Felix Loria, Brünn, Augustinergaffe 27, zu richten. DaS erste jüdische Schiff unt« nationaler Flagge. Dem «Nowy Dziennik" zufolge begann zwischen Jaffa und Konstantinopel das erste Schiff mit national-jüdischer Flagge zu verkehren. Außerdem wird dem Blatt aus Odessa gemeldet, daß sich eine Gruppe von Odessa« Juden, die Schiffseigentümer sind, an das- Oberkommando der Koalitionsarmee mit der Bitte gewandt hat, zu gestatten, daß aus der Linie Odessa-- Konstantinopel—Jaffa ein Schiffsverkehr unt« nationaljüdischer Flagge eingerichtet werden dürste. Für»- erste ist die Ausfahrt von 2 P«sonendampfern geplant. Der jüdische Farmrrkonzretz in Nordamerika. In Newhork fand die 10. Jahreskonferenz der jüdischen Farmer statt. Die Berichte konstatieren einen großen Fortschritt des Genossenschaftswesens. Die Konferenz beschloß die Errichtung einer Marktzentrale in Newyork, die Abschüttlung jeden Einflusses durch die Jewish-Colonisation Association, der jüdischen, aus dem. Vermögen des Baron Hirsch bestehenden Kolonisation»- Gesellschaft, ferner die Ermöglichung dev Niederlassung von jüdischen Emigranten auf den jüdischen Farmen Nord-AmerikaS und die Herausgabe einer eigenen Zeitung. Eine jüdisch-wissenschaftliche Bibliothek. Eine wenig bekannte jüdische Bibliothek befindet sich in Zürich. DaS ist die sogenannte ״Heidenheimsche Bibliothek" in der Züricher Stadtbibliothek. Nach dem Tode des bekannten SamaritanerforscherS Privatdozenten Dr. Heidenheim wurde auf Anregung de» Herrn Professors und Pfarrers Konrad Furrer aus dem Nachlaß die gesamte Bibliothek desselben, soweit sie sich auf Semitica erstreckte, von der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, aus deren Mitte das dafür notwendige Geld aufgebracht wurde, aufgekauft und der Züricher Stadtbibliothek als Geschenk übergeben. Dort befindet sich nun seit Jahren besonders aufgestellt, mit besonderem, vorläufig noch ungedrucktem Katalog, für jedermann zur Benützung frei. Man findet in ihr eine reichhaltige Sammlung von Mischna-, Talmud- und Bibelexemplaren in teilweise sehr seltenen und wertvoll enAusgaben, alle Midraschim, wohl alle SchäalauS UtschuwauS (Gutachten) sowie wissenschaftliche Büch« aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft, die ganze mittelalterische Literatur des letzten Jahrhunderts, freilich für die neueste Zeit nicht mehr fortgeführt. Wer sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen will, findet hier reiches Material, sogar Handschriften sind vorhanden. Eine besondere Spezialität dieser umfangreichen Bibliothek sind Gebetbücher aus den verschiedenen Zeiten und nach den verschiedenen Riten, wohl noch größtenteils von dem berühmten Herausgeber der Gebetbücher, Wolf Heidenheim, stammend, dessen Familie d« Züricher Privatdozent angehört. Beschlüsse der Jüdischen Nationalkonferenz in Warschau. In d« vom 26. bis 28. Dezember in Warschau gefundenen jüdischen Nationalversammlung, an welcher sich 498 Vertreter verschiedener sozialer und polivischer Gruppen, Gemeinden und Kulturmstitutionen beteiligten, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. ES wird ein provisorischer jüdischer Nationalrat Polen eingesetzt, dem die Aufgabe obliegt, im März, dieses Jahres eine allgemeine Nationalversammlung