Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 4 ״JSdischs-n,-r««e- Nf. 3 AIS Aufgaben des Kongresses hat das Komitee folgendeS Programm aufgestellt: 1. Die Mitarbeit der jüdischen Gesamtheit an der Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina. 2. Die Förderung der Maßnahmen zur Erlangung der politischen und kulturellen Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in den Ländern jüdischer Massensied-- kung. 3. Ergreifung von Maßnahmen zur Erlangung der vollständigen Gleichberechtigung der Juden in Rumänjen. 4. Die Begründung einer Organisation oder Institution zur Regelung der jüdischen Emigration. Obgleich mit dieser Tagesordnung die Gesamtheit der jüdischen Fragen noch nicht erschöpft ist, so glaubte das Komitee doch, in seinem Vorschlag sich auf diese Fragen beschränken zu müssen, da nur die Probleme internationaler Natur auf der Friedenskonferenz durch eine jüdische Delegation zur Sprache gebracht und dertreten werden können. DaS Schweizerische Comite Pro Causa Judaica stellt den jüdischen Organisationen der Welt seine ArbeitSkräfte sowie das von ihm während des Krieges gesammelte Material zur Verfügung und bietet ihnen seine Dienste für die Vorbereitung des jüdischen Kongreffes an. Es ist der Meinung, .,daß in diesem Augenblick, da die neue internationale Rechtsordnung begründet toerden soll, das gesamte Judentum alle seine Kräfte zusammenfassen muß, um die Befreiung des jübischen Volkes aus zweitausendjähriger Knechtschaft endgültig zu bewirken. Bor diesem erhabenen Ziele müssen alle inneren Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, alle durch den Krieg erregten Sympathien und Antipathien zurücktreten. Das Ziel ist sicher und klar vorgezeichnet: DaS jüdische Volk als gleichberechtigtes Glied im Völkerbund." Die kleine Schweizer Judenheit — sie zählt hochstens 20.000 Seelen — hatte sich während des Krieges bewundernswert benommen; sie war stets hilfs- und latbereit. Jetzt will sie ihr Werk krönen und zur Zeit und am Ort des Friedenskongresses durch einen jüdischen Kongreß die Gesamtjudenheit der Welt als ein einheitliches Volk, als gleichberechtigtes Glied im Völkerbund demonstrieren. Möge diesem Vorhaben volles Gelingen werden! Preffeschau. Schriftsteller N. Lothringer nimmt in der letzten Nummer der ״Wahrheit" zum Anwachsen der ״Tauf, epidemie" Stellung und meint, sie wäre auf die NnkenntniS des Judentums zurückzuführen. ES ist die heiligste Pflicht den Geistesarmen unter den Juden jüdisches Wissen zu vermitteln, damit die verirrten Schafe zur Herde zurückgeführt werden. Die ״Jüdische Korrespondenz" behandelt das Thema: ״Die Friedenskonferenz und die Juden." Von der Friedenskonferenz wird die Lösung der Judenfrage nach zwei Richtungen erwartet und zwar in Bezug auf Zuerkennung der Rechte des jüdischen Volkes auf das Land seiner Väter und hinsichtlich der Regelung der Judenlage in den Oststaaten. In dem Momente, da der Einfluß der Türkei auf das Schicksal Palästinas ausgeschaltet wird, wird es den in Betracht kommenden Faktoren schwer fallen, ihre bisherigen Versprechungen zu verleugnen. England wird gezwungen sein sein Wort einzulösen und zumindest einen Teil dessen zu verwirklichen, was es in Aussicht gestellt hat. In der Palästinasache ist eine befriedigende Lösung zu erwarten. Anders ist es, um die Regelung der Judenläge inden Oststaaten bestellt. Die Lage der Juden in Rumänien, Polen, Litauen usw. ist in letzter Zeit sehr ernst geworden und tut eine rasche Abhilfe dringend not. ES werden wohl große Hoffnungen auch diesbezüglich auf die Friedenskonferenz gesetzt, aber man darf sich nicht Illusionen hingeben. Wie die Dinge zur Zeit liegen, sind die Ententemächte weit davon entfernt die Neuordnung Europas auf der Grundlage des Rech, tes und der Gerechtigkeit festzulegen. Es ist kaum anzunehmen, daß die Entente die Judenfrage in den Oststaaten einer derartigen Lösung zuführen wird, die den Intentionen dieser Völker nicht entsprechen könnte. Die «Freie Tribüne" lehnt sich gegen die Zuerkennung der deutsch-österreichischen Staatsbürgerschaft für die galizischen Flüchtlinge. Die Schaffung von Ausnahmsbestimmungen für eine große Gruppe von Staatsbürgern der früheren Monarchie ist ein Schritt, der an ähnliche wahrhaft reaktionäre Praktiken des' zaristischen Regimes erinnert. Von der republikanischen Nationalversammlung war dies nicht zu erwarten. Es ist klar, daß es sich hier um ein Ausnahmsgesetz gegen die Juden handelt, die politisch entrechtet und im großen Maße wirtschaftlich vernichtet werden sollen. Zur Volkszählung i« Brünn. Die Volkszählung in Brünn ist abgeschlossen; eS bleibt nun abzuwarten, welchen Erfolg die vom Volksrat eingeleitete Agitation zeitigen wird. Zweifellos hat sich ein großer Teil der Judenschaft zur jüdischen Nation bekannt und die zum erstenmal gebotene Möglichkeil, sich als das zu deklarieren, was man wirklich ist, mit Freude ergriffen. Gegen große Gegnerschaft mußte die Agitationstätigkeit geleistet werden. Wir können es begreifen, wenn die deutschen Parteien bemüht waren, sich die Juden zu erhalten, wir können es schließlich auch erklärlich finden, daß die ״Ceskozidovska Jednota" den Zeitpunkt für gekommen glaubte, mit ihrer Assimilationspolitik zu beginnen. Auf diese Gegnerschaft waren wir gefaßt! Was uns aber unmöglich schien, daß die ״Offiziellen" nicht nur sich selbst — natürlich! — stolz Deutsche nennen werden, sondern sich nicht entblöden werden, auch andere in diesem Sinne zu beeinflußen, auch das ist geschehen! Funktionäre der Kultusgemeinde wurden vom Sekretär Dr. Maß bestimmt, gegen ihre bessere Ueberzeugung sich ,,deutsch" zu bekennen! Ein jüdischer Religionslehrer erklärte in einer Klasse des Lyzeums, die Juden können sich nur als Deutsche angeben! Was Herr Dr. Maß persönlich tut, kann uns ganz gleichgiltig bleiben; wenn er aber als geschäftsführender Leiter der Gemeinde eine solche Tätigkeit entfaltet, die die Juden in eine für sie geradezu katastrophale Lage zu bringen imstande ist, so können wir dazu un- Möglich ruhig bleiben. Die Brunner Judenschaft wird sich ein solches Vorgehen, das ganz im Widerspruch mit der Volksmeinung steht, nicht länger bieten lassen. Die Bevölkerung will vom Deutschtum nichts wissen, aber was kümmert das die Kultusgemeinde, wann hat diese jemals die wahre Führung der Gemeinde übernommen? Noch niemals zeigte es sich deutlicher als diesmal, daß es so einfach nicht weitergeht, daß die Leitung der Gemeinde Männer übernehmen müssen, die im Volke wurzeln, die die wahre Volksmeinung zum! Ausdruck bringen. Für eine Kliquenherrschaft ist kein Platz mehr! Wir werden uns dieses Vorgehen für die kommenden Wahlen gut merken. * * ES ist festgestellt worden, daß anläßlich der Absammlung der Zählungsbogen einige Kommissäre sich den Uebergriff erlaubten, solche Bogen, in denen die Nationalität »jüdisch" angegeben war, zurückzuweisen, mit der Begründung, daß dies unstatthaft sei. Wir brauchen nicht darauf hinzuweisen, daß dieses Borgehen ganz und gar unrechtlich war und doch es natürlich jedem frei stand, auch die jüdische Nationalität zu bekennen. Der jüd. Volksrat hat dagegen Einspruch erhoben und es kann jeder, der zu einer Aenderung gezwungen wurde, wieder seine ursprüngliche Eintragung wiederherstellen. Der Bolksrat fordert alle jene Personen, die sich eine Aenderung erzwingen ließ, auf, ihre Adresse dem Bolksrat bekannt zu geben. Kundmachung. Vorstand der Israel. KuttuSgemeinde Wien. Auf Grund des Statutes der israel. Kultusgemeinde Wien hat in der Plenarsitzung vom v. Jänner ISIS die Wahl der Vizepräsidenten und Vertreter stattgefunden. Das Vertreter-Kollegium besteht nunmehr aus nachbenannten Herren: 1. Vizepräsident: Hofrat Dr. Benjamin Rappaport; 2. Vizepräsident: Dr. Wilhelm Pappenheim; Vertreter: Dr. Jakob Engel, M. B. Eißler, Ernst Hirsch, Kaif. Rat Sigmund KauderS, Baurat Wilhelm Komplex, Eduard Schwarz, Kom. Rat Leopold Simon, Dr. Markus Spitzer, sämtliche gewählt für eine einjährige FunktionSdauer. Die Wahl des Präsidenten wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. — Dr. Emil Adler, 1. Sekretär. Dr. B. Rappaport 1. Vize- Präsident. , Resignation. Nach dem Jüdischen des A. Reisen von H. Zuckermann. Ich will mich versöhnen Mit meinem Leben, Wird's mir was geben Werd' ich es nehmen — Wenn nicht — werd' mich auch nicht grämen. Träume sind's, die die Stirn' mir krönen. Wird mir ein Liebchen zueigen. Mich zu beglücken, Werk' fest sie drücken An meine Brust, Jauchzend in Lust! Wenn nicht, werd's auch ertragen — Kann entsagen. Kann auch schweigen. Will mich versöhnen Mit meinem Leben. Nicht Wünsche wiegen. Die oft mich narvten. Will ruhig liegen. Ruhig warten. Still! — die Augen geschlossen! — Alles zerflossen. — Träume sind'S, die die Stirm mir krönen. Bölkerneugeburt und Pogrome. Von Dr. I. Eisenberg, Gerichtsdolmetsch und Translator für Arabica und Hebraica. (Dobrzisch.) Im Midrasch Träini (Echa) wird erzählt: Die Frau des römischen Kaisers Trojan (115 v. Chr.) ge» ITina in hpr «ftnAi s1״tn npnni-n Ab. von bis Sfuhen cheit. Feindliche Kreise überbrachten der Königin, die Anklage, die Juden hätten am Geburtstage des Kindes getrauert und am Todestage desselben Kerzen angezündet. Die Königin schrieb ihrem Manne, der beim Heere auf Eroberungszügen weilte: »Du ziehest aus, um fremde Völker zu unterwerfen, während die Juden deines Reiches dir den Gehorsam verweigern." Trojan sandte eine Strafexpedition nach Rom, um die dortigen Juden zu züchtigen. Biele jüdische Männer fielen dem tötenden Schwert zum Opfer, während die Frauen und Kinder derselben den verwilderten Soldaten als Sklaven überließen wurden. Die Frauen weigerten sich aber, ihren Peinigern zu Willen zu sein und berlangten stürmisch das Los ihrer Männer zu teilen. Dieses wurde ihnen auch von ihren Peinigern bereitet. So kostete den Juden ein geringfügiges Mißverständnis schwere und zahllose Opfer und alle ihre Behaup» tungen, daß ihre religiösen Handlungen am d. Ab und in der Makkabäerwoche mit dem Erdendasein des Kindes nichts zu tun hätten, blieben fruchtlos. — Wilson machte in seinen 14 Punkten den kleinen Nationen die Selbstbestimmung zum Geschenk. Diese soll für die künftige Neugestaltung Europas maßgebend sein und das zukünftige Zusammenleben der Völker bestimmen. Die Völker selbst feierten mit EnthusiaSmus ihre Neugeburt und freuten sich, daß die Jahr- Hunderte alten Monarchien zerfielen und dem Tode geweiht wurden. Abermals verwirklichte die Geschichte ein auf das zusammenbrechende Rom gemünztes Wort des Midrasch (Genesis): ״Kscherze kom, ze nofel." -- »Sobald die jungen Völker sich erhoben, mußte das alte jüdische Rom zusammenstürzen." Sobald die Völker der Gegenwart ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, mußten die Monarchien der Mittelmächte ihren Platz räumen"! Die jungen Staaten beeilten sich auch, sich von der alten Mutter »Austria" loS zu sagen und ihre Selbständigkeit zu proklamieren. Die ganze Welt hoffte aber, daß die europäische Völkerfamilie nun einem neuen Frühling entgegengehe, daß die Rechte der Minoritäten in jedem nunmehr befreiten Lande gewahrt sein werden und daß Unterdrückungen und Vergewaltigungen als ausgeschlossen anzusehen würden. Die Westmächte, welche die Karte Europas neu einteilten und die Grund* sätze des Präsidenten Amerikas zum Siege verhalfen wollten, mögen gewiß die Hoffnung gehegt haben, daß die Konstituierung der neuen Republiken in aller Ruhe vor sich gehen und daß keinem ein Leid geschehen wer» de. Allein die jungen Nationen, berauscht von der neuen Freiheit, lehnten es ab, auf die Entscheidung der Frie» denskonferenz zu Wanten, bis diese die Grenzen der neuen Staaten festgesetzt haben werde. Die jungen