Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. WAUDIsHU v9IH!n Mir «ritt S und jüdischen Lehrern (durch Teilung einer »deutschen" Auftakt) geschaffen haben, auch bei und energisch für die Umwandlung einer Mittelschule in eine jüdische einzutrete«. Dr. Hugo Bergmanns Referat über die »Kultusgemeinde" steht auf bedeutender Höhe und reiht sich würdig dem Berichte Dr. Engels an. Er betont die Einheit von Volk und Religion im Judentume und bezeichnet es als einen Rechtsirrtum, wenn unsere Gemeinden als Religionsgemeinschaft vom Gesetze anerkannt find. Unserer aufklarenden Tätigkeit obliegt es, diesen Rechtsirrtum zu beseitigen. Bergmann bespricht alle Dstailfragen der Kultusgemeinde bezw. der aus ihr entstandenen BolkSgemeinde. Die von ihm vorgeschlagenen Thesen find von der KultuSkommisiion einstimmig angenommen. Interessant deshalb, weil der Kom- Mission Poale Zionisten ebenso wie Vertreter des konservativen »Sinai" angehören und bilden zweifellos eine ausgezeichnete Plattform für gedeihliche ZukunftSarbeit. Leo Herrmann, Generalsekretär des E. A. C., wiederholt im allgemeinen die am Vorabende in der zionistischen Konferenz gemachten Mitteilungen über zionische Weltpolitik und betont, daß die Zionisten ihre Forderungen auf der Friedenskonferenz direkt werden vorbringen können. Der Bericht über »Soziale Arbeit", den Ing. Engländer erstattet, fufet auf gründlichen, statistischen Daken; er betont die Unterschiede zwischen »sozialer Fürsorge" und wissenschaftlicher »Sozialpolitik". Seine Thesen fordern die Schaffung einer von den jüdischen HilfSarbeitS-Organisationen zu errichtenden ״Zentralkommission für jüdische soziale Fürsorge, die vom Staate mit -er Leitung der jüdischen Fürsorgetätigkeit zu betrauen wäre. Die DormittagSsitzung schließt um halb 1 Uhr nachmittags. . In der NachmittagSfitzung formuliert Herr MarkuS Ungar als Veridreter der »Sinai"-Organisation in der »2. N. R."׳ die Postulats der Orthodoxie, die durch daS Hinzukommen der 20.000 Juden der Slovakei ein bedeutender Faktor geworden ist. Damit find die Referate bis auf eines aufgearbeitet; in der sich noch entwickelnden Diskussion spricht Herr Lebenhart über die Wichtigkeit der von ihm edierten Jugendzeitschrift ..Jung Juda" und wird dabei von Prof. Dr. Epstein warm unterstützt; auch die Leitsätze der Preffekommiffion finden einhellige Annahme. Als Mitglieder der Friedensorganisation, die in die Schweiz entsendet werden soll, werden gewählt: Dr. Max Brod, Dr. Hugo Bergmann, Berthold Feiwel (Zürich), Generalsekretär Leo Herrmann, Richard Schlefinger (für die slovakischen Juden), als besondere Misfion Herbert v. Fuchs, Norbert Adler und Rudolf Kohn. Vor der Abstimmung über die Thesen der verschiedenen Kommissionen spricht der Vertreter der Poale Zion, Herr Rudolf Kohn über die «Postulate der jüdischen Sozialisten". Er tritt für unbedingte Annahme der Palästinaforderungen durch alle Nationaljuden ein, propagiert den Gedanken eines noch vor der Friedenskonferenz abzuhaltenden jüdischen Weltkongresses, zu dem auch Delegierte der tschecho-slovakischen Judenschaft entsendet werden sollen. Weiters fordert er den rücksichtslosen Kampf gegen jene Kultusgemeinden, die noch nicht auf national-jüdischem Boden stehen. Nun bringt der Vorsitzende die noch rückständigen KommiffionS- und Plenumresolutionen sowie einen Antrag des BezirkSrichters Dr. Meißner-Olmütz auf Dank an die »Z. N. R." zur Abstimmung, die eine einstimmige Annahme ergibt. Dr. Engel dankt Dr. Hilf für seine umsichtige Leitung, ferner den Sekretären und allen Arbeitern, die das Zustandekommen des Kongresses ermöglichten, insbesondere aber der Chewra Kadischa für die gastliche Aufnahme des Kongresses in seinen Räumen. Mit den Schlußworten Dr. Singers und der hebräischen Abschiedsrede Dr. LiebenS ist die Tagung beendet. Dr. Hilf schließt den ersten jüdischen Nationalkongreß. Die Delegierten fingen stehend die Hatikwah, worauf die Poale Zion ihre Hymne ״Die Schwere" einstimmen. — So schließt die Tagung, über deren Bedeutung für die Juden Tschecho-slovakienS wir demnächst berichten wollen: auch die interessanten BlStterstimmen sollen dann mitgeteilt werden. Die P. T. Empfänger werden dringendst um gefl. sefertige Bezahl««- des AbonnemrntSbetrages ersucht. Wie lange noch wollen unsere tonangebenden und maßgebenden Führer die Agonie der böhm. Judenheit tatenlos mitansehen? DaS furchtbarste Gemetzel der Weltgeschichte, das die Menschheit in ein schwarzes Trauerkleid hüllte, ist zu Ende. DaS Knattern und Donnern der Mordinstrumente hören wir nicht mehr. Die durch 52 Monate seelisch gebrochene Menschheit atmet die freie Luft einer neuen Zeit. Die Gemächer unserer Wohnungen erdröhnen von dem Widerhall einer uns bezaubernden und beglückenden Stimme der Fahnenträger der neuen Menschheitsepoche, die im Namen der Weltverbrüderung die Morgenröte der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit verkündet. — Unsere sehnsuchtsvoll erwarteten Heldensöhne können nunmehr das mit Blut und Tränen getränkte Schlachtfeld verlassen und mit Freudentränen begrüßen sie die teuer erkaufte Scholle ihrer Heimckt. Das mit freudigen Herzen gefeierte Fest des Wiedersehens übertönt das Schluchzen und Weinen der gramgebeugten Witwen und Walsen, aber diese Freude des Wiedersehens ist von kurzer Dauer, ein langer Freudenrausch ist uns nicht vergönnt. UnS ist der Erde Bitterkeit gegeben, der Zwang sein und dennoch nicht zu leben. DaS göttliche Licht der Menschlichkeit und Brüderlichkeit ist erloschen. Die Stunde höchster Gefahr ist da. Die Welt ächzt in allen Fugen. Die furchtbare Welttragödie ist für uns Juden noch nicht zu Ende. Noch nicht genug des MordenS, noch nicht genug des Blutvergießens gegen und. DaS Feuer des Menschenhasses verzehrt die Judenheit. Durch Lügen ist das Weltblutbad entzündet worden, mit Hilfe von Lügen wurde der Massenmord weitergeführt, bis er uns die Verblutung und die Verrohung der Menschheit brachte. Trotz zahlreicher Grabsteine, die man unfern Heldensöhnen im Felde errichtete und die das Zeugnis sind, für jüdische Treue gegen ihre Heimat, entfaltet jetzt die thranische Allmacht der Lüge den schlimmsten aller Kriege, den Vernichtungskrieg gegen die wehrlosen und zum Tode gequälten Juden. Zwischen Leben und Tod schwankt daher daS Gesamtjudentum. Keine größere Tragik, kein entsetzlicheres Trauerspiel gibt eS in der Weltgeschichte als die systematische Ausrottung der Ostjuden. Das felsenfeste Herz muß erweichen bei dem Anblick der furchtbaren Leiden und Verfolgungen unserer Brüder. Die Sprache hät nicht Worte genug, um ihre Leiden und Drangsalen zu schildern. Das Weltmeer hat nicht Wasser genug, um die Tränen wegzuspülen, die über die Wangen Israels geronnen. Die Welt erbebt und erzittert von den herzzerreißenden Klageliedern der unglücklichen Ostjuden. Der Blutstrom steigt von Tag zu Tag. In zermürbender Sorge bangen wir um unsere Zukunft. Das goldene Zeitalter der Weltversöhnung, für das wir mit Begeisterung geblutet haben, hüllt die Volksseele der Welt in die giftigen Gase des blinden Hasses gegen uns. Wir Juden find die verachtetsten Stiefkinder der Weltgeschichte. Unser Herz ist zerrissen und blutet aus unzähligen Wunden und unsere Seele ist entweiht und entwurzelt. Tränen vergießend fordern wir vom humanen Weltgewissen dem grausamen und tierischen Blutbade in Polen Einhalt zu gebieten. Wir beklagen und beweinen unsere Märtyrer im Osten, ich aber beklage und beweine den Zerfall der böhmischen Judenheit, die einst der Stolz und die Zierde des Judentums war. Das böhmische Judentum liegt Herrenu. führerlos in Agonie. Der JndifferentismuS der böhmischen Judenheit frißt weiter um sich, und unsere Führer sehen diesem Unheile tatenlos zu. Die Jugend, die ohne Kummer und Sorgen dem Becher der Freuden die Süßigkeit des LebenS schlürft, wird einem unpädagogischen verbitterten, von Nahrungssorgen gequälten Religionslehrer ausgeliefert. Monoton und methodenloS, sehr oft den Lehrstoff nicht beherrschend, trägt der seelische Jugendbildner seinen Gegenstand vor. Mit Recht erwartet die sonst frohlockende Jugend ungeduldig den Schluß der Stunde. Auch die Kinder aus religiösen Häusern haben kein Interesse für solch eine herzerquickende Religionsstunde und aus Abneigung gegen den Religionslehrer lernt die Jugend diesen Gegenstand freud- und herzlos. Auch an den Großgemeinden werden aus Jndifferentismus vor allem aber aus Sparsamkeit die unfähigsten Elemente als Jugenderzieher angestellt. Seelische Jugendbildner, die doch die Knospen gegen die Wogen und Wellen der Welt stählen sollen, sollten die besten Pädagogen sein. Unsere falschen Vertreter haben durch ihre falsche Sparsamkeit am Judentum Verrat geübt. Diese himmelschreiende Mißwirtschaft mancher unserer , Vertreter, die Pflichten übernehmen, denen fie gar nicht gewachsen sind, verdanken wir die MassenauStritte auS dem Judentum. Diese Erscheinungen find die Früchte dieser Saat. Ein überzeugter Jude wird in feiner vornehmen Gefinnung verschmähen, durch die Lüge der äußeren Taufe, fich eine Aufnahme in die hohe Gesellschaft, die auch den Täufling verachtet, zu verschaffen. Die gegenwärtigen Täuflinge legen da» Judentum ab, weil es ihnen eine Last war, sie haben es nie gekannt, nie geliebt, es nie lieben können. Diese Geschöpfe haben es sehr leicht ihren Austritt au» dem Judentum, das heißt die Einstellung der Zahlung der KultuSbeiträge, zu erklären. Nur aus Zeitmangel, oder auch aus JndifferentismuS haben sie es früher ver» säumt, den Taufschein, den Nachweis der Vollwertigkeit und der Ebenbürtigkeit zu holen. Diese Täuflinge sind nicht charakterlos, fie handeln konsequent, sie legen das unbequeme Gewand ab. Charakterlos sind nur manche unserer Führer, die sich um das Schicksal der Gemeinden gar nicht kümmern. Ein böhmischer Landrabbiner (im Nebenamte HeiratSvermittler) fördert sogar die Mischehen. Zur ErhL» hung der Weihe des Versöhnungstages fordert dieser Rabbiner, einzelne Täuflingsfrauen zum Mitsingen im Tempelchore auf. Viele Rabbiner Böhmens haben Kraft ihre» Amtes von Graf ThunSGnaden die Schechita beseitigt, als eine unzeitgemäße religiöse Einrichtung. — Bar jeder Verantwortung und jedes hebräischen Wissens tritt diese Mißgeburt von Rabbinern alle religiösen Vorschriften mit Füßen. Und solche Männer, die eine Schmach fiir die böhmische Judenheit sind, sollen unsere Jugend, dem ihnen fremden Judentum zuführen. Böhmen, die stolze Heimat jüdischen Kön» nenS, wird durch diese zerfahrenen und verworrenen Verhältnisse dem Untergange nahe gebracht. AuS Man» gel an geeigneten Kandidaten sind zahlreiche Landgemeinden ohne jeglichen Funktionär, so daß weder Gottesdienst, noch Religionsunterricht vorgenommen wer» den kann und unsere Führer warten, \ warten und — schweigen! Diese himmelschreienden Zustände in Böhmen zwingen mich die allgemeine Oeffentlichkeitt auf die unabsehbaren Folgen dieser Lage aufmerksam zu machen. So geht es nicht weiter!!! Die Prager Kultusgemeinde, die Landesjudenschaft, deren Ehrenpflicht es wäre, für die Erhaltung des Judentums in Böhmen zu sorgen, schlafen den ewigbequemen Winterschlaf. Das Prager Oberrabbinat und der Landeslehrerverband, deren Repräsentanten diese unhaltbaren Verhältnisse mit der größten Energie beseitigen wollten, mußten darauf verzichten, angesichts des JndifferentismuS der böhmischen Judenheit. Eheste Hilfe ist daher notwendig. Treten die Führer Israels endlich hervor aus dem Hintergrund resignierter Tatenlosigkeit. Wir müssen unsere Stimme erheben. Wir müssen der drohenden Gefahr, die bereits um das Schiff brandet, festen Mutes in's Aueg schauen. Wir müssen Mittel und Wege finden, um der Not aller Landgemeinden zu steuern, um das schwankende Schiff deS böhmischen Judentums in ruhige Gewässer zu bringen. Wir haben aber keine Zeit zu verlieren. Wir sind Verräter, wenn wir diesen chaotischen Zuständen gegenüber gleichgültig bleiben. Bon unseren maßgebenden Führern und Persönlichkeiten, Prager Oberrabbinat, Prager Kultusgemeinde, Landesjudenschaft und Landeslehrerverband, verlange ich, wenn sie nur einen Funken des flammenden ״Ahawath JiSroel" haben, ein selbstbewußtes und warmes Auftreten für die Wiederbelebung des traditionellen Judentums in Böhmen. Beachten Sie meine rechtzeitige Warnung und handeln Sie nanach. Genug der Worte, wir wollen nunmehr Taten sehen! Im Interesse der Erhaltung des Judentums, erkläre ich mich bereit, den Führern der böhmischen Judenheit Vorschläge zurr Beseitigung der Uebelstände zu unterbreiten. Ein wichtiger Schritt der schweizer Judenheit zur Friedenskonferenz. DaS vor fast drei Jahren gegründete Schweizerische Comite Pro Causa Judaica, dessen Vorsitzender Dreyfus-Brodsky, der Präsident des Schweiz. Jsr. GemeindebundeS ist, hat sich an die jüdischen Organisationen der ganzen Welt mit dem Vorschlag gewandt, auf einem jüdischen Kongreß, der an dem Orte der Tagung der künftigen Friedenskonferenz zusammentreten soll, ״die die gesamte Judenheit bewegend enFragen zu behandeln und die Einheit des jüdischen Volkes in impo» santer Weise angesichts der Vertreter der Nationen der ganzen Welt zu bekunden".