Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«*irr L. ״Mische L»lk-ßtN»e* Rc. A. den Jüdisch-Nationalen zwecks gegenseitiger Unterstützung zu vereinigen. Die Zahl der jüdischen Wähler Velauft sich auf 100.000 und wird der größte Teil der« selben für die Sozialdemokraten stimmen. Der Rest der jüdischen Stimmen wird sich zersplittern, so, daß SS kaum möglich sein wird einen jüdischen Kandidaten zu wählen. Jüdische Kandidaten kommen im 1., 4. und eventuell auch im 3. Wahlkreis in Betracht. ES sind Werfionen verbrerwt, daß Dr. Ofner, Dr. Ritter von Schwarz Hiller sowie Ingenieur Robert Stricker und Anitta Müller kandidieren werden. Es heißt, daß zwi« scheu der Ofner-Gruppe und den Zionisten eine Kop« pelung der Listen vereinbart werden sollte, wo dann es möglich wäre ein oder zwei Mandate zu bekommen. Welche Taktik die Zionisten wählen werden steht bis nun noch nicht fest. In der Plenarsitzung der KultuSgemeinde vom 8. Jänner wurde zum zweiten Vizepräsidenten Dr. Wil« Helm Pappenheim gewählt. Der Kandidat der Zionisten Dr. Rudolf v. Schwarz Hiller vereinigte auf sich nur 6 Stimmen. Die Frage der Wahlreform in die Kultus« gemeinde ist noch immer nicht erledigt und wird fort- Während verschleppt. ES wäre hoch an der Zeit, daß die neue Wahlordnung eingeführt wird. Eine rege Aktion entfalten die Poale-Zionisten für die jüdische BolkSge« meinde, die reaktionäre israelitische Kultusgemeinde bekämpfend. * « * Mit Chamischoh Assar B'schwat (16. Jänner) begann hier die vom Palästinaamte eingesetzte Palästina- Woche. Im Anschluß an den Abendgottesdienst am 16. wird in allen Tempel und Bethäusern die Bedeutung der Palästinaarbeit für die Zukunft des jüdischen VolkeS besprochen werden. Nationalkongreß der tschechoslowakischen Judenheit. (Prag 4. 6. Jänner ISIS.) (Schluß.) Professor Dr. Engl spricht in gewohnt temperamentvoller Form; er bespricht die Notwendigkeit, die Zkultusgemeinden zu ״erobern" — Allerdings nicht etwa durch rohe Gewalt und raffinierte Wahltechnik, sondern durch ihre Demokratisierung, durch die Heranziehung aller, durch die Schaffung der jüdischen Volksgemeinde. Weiters sprechen die Herren Herz (Jüd. Nationalrat, Lemberg) und Rabb. Dr. Goldschmied Proßnitz gegen den von Dr. Goldstein vorgeschlagenen Entwurf eines tvrganisationsstatuts. Herr Ökonom Markus Fuchs« Ung.-Brod beleuchtet die lokalen Verhältnisse seiner Heimatsgemeinde und bespricht die Fragen der in der politischen ״Jsraelitengemeinde" notwendig gewordenen Schritte. Nach sachlichen Berichtigungen des Herrn Dr. Theodor HaaS-Brünn, der einige Mißverständnisse in seinem Referate richtigstellt, sprechen.zur Klärung der speziellen Verhältnisse auf der Slovakei die Herren Delegierten Richard Schlesinger, Dr. Groß und Schwarz Miksa und berichtigen eine Reihe von irrigen Darstellungen ihres Heimatlandes. Herr Friedrich Engländer (Vertreter der Knabenwaisenhausshnagoge) erinnert an ein vor Jahren in Prag vorgekommenes unqualifizierbares Vorgehen gegen seine Synagoge, das am besten beweise, waS in einer autokratischen Gemeinde möglich sei. Dr. Goldstein trägt dann auf Grund der Beratungen der Organisationskommission eine Reihe von Leitsätzen vor; sie lauten im allgemeinen dahin, daß Zionisten Wohl den zu gründenden jüdisch-nationalen Orga- Die diversen alten Maschinen und sonstigen Gerate sollten neuen, modernen, dem Zeitgeiste entsprechenden Platz machen, wobei nicht zuletzt auch die Aus- Wechslung des Wirtschaftspersonals in Erwägung gezogen wurde. JnSbesonders erschien den neuen ״Herren" — WaS sie übrigens noch zu Lebzeiten ihres Vaters wahrgenommen haben wollten — der seit nahezu einem Menschenalter auf demselben Posten tätige und im Dienste ergraute Kassier Eliazar zu alt, unbeholfen und seiner Beschäftigung nicht mehr gewachsen, und so beschlossen sie gerade zur Zeit, als Eliazar seinen Besuch bei seinem Sohne wegen des Darlehens machte, diesen aus dem Dienste zu entfernen, ihn jedoch — um ihm die Möglichkeit zu einer anderweitigen ״Versorgung" zu bieten, — noch zwei Monate zu behalten. Dieser wackere und hochherzige Beschluß ist auch dem armen Eliazar sofort nach seinem Erscheinen in der Gutskanzlei mitgeteilt worden, wobei ihm allerdingS seitens der neuen «Herrschaft" der Dank und die Anerkennung für seine langjährige zufriedenstellende Tätigkeit ausgesprochen wurde. In stummer Verzweiflung nahm Eliazar ohne Widerspruch die Kündigung an; er bat auch nicht um seine Weiterverwendung — hatte er doch andere grö« Here, drückendere Sorgen — seine Tochter — sein geliebtes Kind. Eliazar ging nach Hause. Die Erlebnisse deS heutigen Lagehaben ihn um 20 Jahre gealtert; er ging zu Bett. Und erst nachdem er seine Gedanken einigermaßen gesammelt, begriff er seine trostlose Lage in ihrer wahren, furchtbaren Größe! nisationen angehören dürfen (aber nicht angehören müssen) und daß die Kultusgemeinden in den Volksräten vertreten sein sollen. Dr. Singer betont, daß seiner Meinung Zionisten obligatorisch verpflichtet sein scllten, den Organisationen beizutreten. Die tiefgehenden Differenzen in der Auffassung dieses ganzen Fragenkomplex, die auch nach Anhörung der zahlreich vorgemerkten Redner eine Klärung im Plenum nicht erwarten lassen, veranlassen den Antrag auf Rückleitung der Vorlage an den Ausschuß. Der Bericht der Finanzkommipion erstattet in deren Namen Dr. Loria-Brünn. DaS sogenannte ״kleine Budget" — die Ziffern des großen lassen sich auch nicht annähernd bestimmen — wird nach dem Anträge der Kommission mit 160.000 Kronen für das laufende Geschäftsjahr angenommen. Die Aufteilung wird nach Rücksprache der Kommission mit der betreffenden Landesvertretern vorgenommen und zwar übernehmen Böhmen 60.000 Kronen, Mähren 40.000 Kronen, Schlesien 10.000 Kronen, Slovakei 60.000 Kronen, wobei die slovakischen Vertreter der Hoffnung Ausdruck geben, daß nach definitiver Festlegung der Grenzen werde namhqft erhöht werden können. Die finanzielle Gebahrung wird einer permanenten Finanzkommission übertragen, zu der Vorsitzenden Herr Max Fischl-Prag gewählt wird. Hierauf schreitet Man zur Wahl von Generalred. nern, die in der Vormittagstagung am Montag die Thesen zur Beschlußfassung reif machen sollen. Der Schluß der Sitzung erfolgt um 7 Uhr abends. Eliazar ertrug jedoch sein Unglück mit Ruhe, ohne hievon Jemandem ein Wörtchen gesagt zu haben — es hätte ja auch nicht genügt — er dankte dem Allmächtigen: ein zweiter Hiob! Und als er einschlummerte, sah er seine Tochter glückstrahlend im eleganten Brautkleid und Schleier mit Edelsteinen und Blumen geschmückt, von Freundinnen umgeben; und hübsch war sie, wie ein Engel! Alles in seinem Hause rannte geschäftig hin und her — elegant gekleidete Damen und Herren — junge und alte, alle gratulieren ihm und er selbst — Eliazar — kam sich so würdig vor und war so stolz . . . Plötzlich erwachte er . . . und er sah die traurige Wirklichkeit — Halluzinationen seines durch die letzten Ereignisse arg mitgenommenen Gehirns. Ermattet und enttäuscht schlief er wieder ein. Da erschien ihm im Traume sein verstorbener Bater, ein ehrwürdiger Greis; er sah ihn deutlich vor sich stehen. Er sprach: ״Mein Sohn, ich weiß, daß du dich in großer Not befindest, ich habe dir im Leben nichts bieten können, nun sei eS mir im Tode gegönnt, dir einen Dinst zu leisten. Setze auf die Lotterie..." — und da» Traumbild verschwand. Erschrocken erwachte Eliazar. Seine Sinne waren verwirrt — mechanisch wiederholte er die Worte seine» Vater». An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwohl feine alten müden Glieder dringend der Ruhe bedurften. Er erhob sich also vom Lager und zahlte seine Barschaft — e» waren drei Gulden sein letztes und einzige» Geld. Unmittelbar nach Schluß der Kongreßberatungeu fand im ״Palace-Hotel" eine zionistische Bera« t u n g statt, die über Einladung de» D. K. für Böhmen einen großen Teil der Delegieren vereinigte. Herr Dr. Gütig als Obmann de» D. K. erteilt da» Wort dem Generalsekretär de» E. A. 8. Leo Herrmann zu einem aufschlußreichen Referat über die weltpolitischen Beziehungen de» zionistischen E. A. C. über die Möglichkeiten und Forderungen der nächsten Zukunft, die Fra« ge der Kolonisation und der jüdischen Emigration, die nach Wiederkehr normaler SiedlungS- und Transport- Möglichkeiten mit elementarer Wucht einsetzen dürfte; besonderes Interesse ruft die Mitteilung Herrmann» hervor, daß zuverlässige statistische Berechnungen die Annahme rechtfertigen, daß im Laufe einer Generation eine Million Menschen in Palästina unter guten Bedingungen angesiedelt werden könne. Diese Hoffnungen legen aber selbstverständlich die alten Pflichten in erhöhtem Ausmaße auf. Wir müssen arbeiten und Opfer bringen nicht nur wie bisher, sondern jetzt, wo unser altes Sehnen Wirklichkeit wird, mehr al» je. Den Schluß des Abends — die Beratungen endeten gegen Mitternacht — beeinträchtigt die physische Erschöpfung der meisten Delegierten. Das Palästinareferat Ing. Grünbergers und eines Nationalfondreferat deS bewährten Prager N. F. K. Viktor KöhnS hätten ihrer Wichtigkeit wegen weit größere Zuhörerzahl ver« dient und es wäre zu wünschen, daß sie durch veröffentlichung in der zionistischen Tagespresse allgemein zugänglich gemacht werden. Dr. Emil Marguliet, der altbewährte Spezialfachmann für Fragen der Organisation, bringt noch eine Resolution zur Annahme, die die Schaffung eine» Zentralkomitees der bisherigen Diftriktsverbände Böh« men und Mähren-Schlesien fordert; dieses Zentralko« mitee ergänzt sich durch die Vertreter des neu zu schafsenden Distriktes ״Slowakei" und leitet die Arbeit»« tätigkeit in Tschechoslovakien. — Montag den 6. Jänner eröffnet Dr. Hilf als Borsitzender bereits um 9 Uhr vormittags die Beratungen und erteilt daS Wort Prof. Dr. Alfred Engel zu einem Referat über ״Jüdisches Schulwesen". Dr. Engel entwirft ein Bild von der jüdischen Schule der Zukunft, unterstreicht die Forderungen modernster Pädagogik und betont, daß diese mit dem jüdischen Geiste vereinigt werden müßten, um ein Jdealziel erreichen zu lassen. Er bespricht in gleich gründlicher Weise alle Fragen, die eine Besserung auf dem Gebiete der Lehrerbildung erhoffen lassen und fordert materiell Besserstellung de» LehrerstandeS und Schaffung jüdischer LehrerbildungSanstalten, für die — wenn auch die soziale Stellung des jüdischen Lehrers von ihrer erniedrigenden Abhängigkeit befreit wird — in dem jüdisch vorgebildeten Material der früher ungarischen Slovakei reichliches, gutes Schülermaterial zu finden wäre. Nach einem Referate des Vertreters der jüdischen Sportbewegung Herrn Kaminski beantragt Prof, kieben von der Durchführung einer Debatte über Engl» glänzendes Referat Abstand zu nehmen und fordert unter Hinweis auf Czernowitz, wo die Rumänen bereitS ein jüdisches Gymnasium mit jüdischer Leitung WaS sollte er nun tun? Um dieses Geld Leben»- mittel für seine Familie kaufen oder . . . oder ... auf die Lotterie setzen? Er überlegte nochmals und abermals und, ohne zu wissen, befand er sich auf der Land« stratze, die zur Stadt führte. Und er ging weiter. Nach zwei Stunden erreichte er die Stadt, trat in den Lotterieladen, besah noch einmal daS schöne und, ach! letzte Geld — und ließ sich einen Zettel schreiben. Hunger hatte er und müde war er, besaß jedoch keinen Heller in der Tasche — und frohen Mutes trat er den Heimweg an. Wenn nun — dachte er — seine arme Frau daheim Geld von ihm verlangen würde, um Brot... Brot... für die Kinder zu kaufen ... er hatte ja kein Geld — was würde sie dazu sagen, wenn er ihr anstatt Geldes den Lotteriezettel präsentteren würde?! AuSlachen vür« de sie ihn, den Alten, wegen seiner Dummheit — denn nur ein Narr von einem Vater kaufe LotteriezettÄl, anstatt Brot für seine Kinder. Aber waS ging ihn die» an? Er hatte ja den Zettel mit den Nummern in dev Tasche und mußte gewinnen, ja, er mußte, — braucht er doch das Geld für seine geliebte Tochter. Der Tag der Ziehung kam und Eliazar gewann wirklich — seine Nummern sind gezogen worden. — Dachte er e» doch! Und als ihm da» viele Geld abgezahlt fcut&e, dankte Eliazar dem großen Schöpfer, dachte an seine geliebte Tochter und lächelte vergnügt, wie ein Weises dem die Lösung eine» großen Problem» gelungen.