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Jüdische Volksstimme · 1919-01-24 · Heft 3 (24.1.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 3 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrg. XX, Nummer 3 ♦ m ---- balbiähria . ..Kronen 12 60 gmZährig ..««nen 24 - Deutschland, ganzjährig ...... Mark 18 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 12 — Balkan, Frankreich ........ Franks 24׳— —---3 Herausgeber: Max Hlckl. 8 1 Redaktian und Administration: Brißm, Sdlergasse V Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig Inserate: der 6-spaltige ZentimUtovmum 2 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht -,öno. riert. — Manuskripten ist Rückporto drizufügen. Z-m Wien—Brünn 24. Jännar 1919. 23. Sehabath 5979 Prag—Lemberg. Dr. Israel Hammer. Pogrome ohne Ende! Seit geraumer Zeit vergeht leine Woche, in der wir nicht über unmenschliche Ausschreitungen gegen Juden, über schauerliche, an das tiefste Mittelalter erinnernde Judenverfolgungen berichten mutzten. Aus Gegenden und Ländern, die schon früher von Judenmeheleien wohlbekannt sind,, und solchen, deren Name bisher nicht durch Pogrome berichtigt war, dringen zu uns Nachrichten über Judenraub und Judenmord, die in der Regelmätzigkeit ihrer Aufeinanderfolge, ihrer systematischen Ausbreitung über eine Reihe von Staaten und ihrer beängstigenden Andauer fast an die schlimmsten Judenmaffakers, die je vorgekommen sind, erinnern. Noch gellen unsere Ohren von den furchtbarsten Greuelnachrichten aus Lemberg, von den Notschreien der westgalizischen Juden über die Schrecknisse, die die letzten zwei Monate über sie brachten, und schon dringen zu uns furchtbare Meldungen über neuen entsetzlichen Mord, Totschlag und Raub in Polen, Rumänien und in der Ukraine. Wieder ist jüdisches Hab und Gut vogelfrei geworden! Wieder flieht jüdisches Blut in Strömen im frei gewordenen Polen, in den Zentren Rumäniens und der Ukraine! Nach einer Reihe von westgalizischen Städten — Lemberg, nach Lemberg — Posen, nach Posen — Bukarest, nach Bukarest — Zitomir und Berdiczew. Wer vermag noch das Ende abzusehen? Die «Motive", die zum Judenpogrom unserer Tage führten, sind verschiedene. In Lemberg verursachte ihn der ״Neutralitäts- Sruch" der Juden, die sich gegen die Polen mit den Ukrainern vereinigten", in Posen nahm der Pogrom seinen Anfang nach dem Rückzug der Deutschen, in Bukarest geschah es nach dem Abzug der Armee Mackensens durch bewaffneten Pöbel, in Zitomir und Verdiczew fand er während der Entwaffnung der jüdischen Feuilleton Msritz Gottlieb. Ein Traum. Fünfunddreißig Jahre war Eliazar auf dem Gute des reichen T in einem kleinen galizischen Dorfe als Kassier angestellt. Er hatte es sich dort sehr gut, denn er bezog einen Wochengehalt von 7 fl und durfte überdies an jedem Freitag ein Fläschchen Branntwein aus der Brennerei seines Dienstherrn nach Hause nehmen. Als ganz junger Mann im Alter von 26 Jahren kam er auf diesen Posten. Bald darauf heiratete er und seine Frau schenkte ihm sieben Kinder — zwei Söhne und fünf Töchter. Mit den Söhnen hatte er freilich keine Sorge. Der ältere heiratete die Tochter eines Krämers aus einem benachbarten Städtchen und bekam eine Mitgift von 300 Gulden, mit welcher er sich einen kleinen Laden einrichtete. Der jüngere Sohn studierte die Buchhaltung und versprach auch etwas Rechtes zu werden. Hingegen bereiteten dem Eliazar seine Töchter große Sorge. Die älteste, Sara, ein kluges, bescheidenes, tagendhafteS Mädchen von schlanker Gestalt, der Liebling der Eltern, war trotz ihrer 28 Jahre noch nicht verlobt: denn eine Mitgift hatte sie nicht, da eS dem armen Tlia- Miliz durch die Soldaten des Petljura statt. Noch mannigfacher sind die Scheinmotive, die diesen Pogromen von denen untergeschoben werden, die ein Interesse an der Verschleierung der Tatsachen haben. Aber selbst di» ausgeklügelsten Ableugnungsversuche, wie sie besonders von polnischer Seite stets der Oeffentlichkeit aufgetischt werden, vermögen den judenfeindlichen Charakter der Ausschreitungen nicht zu bemänteln. Die Anlässe zu den Pogromen sind verschiedener Natur, aber die Opfer immer dieselben — die schwergeprüfte jüdische Bevölkerung. Es taucht die Frage auf, ob schon wirklich die ganze Kultur bankrotierte, daß solche Rohheiten Vorkommen können? Gibt es kein Gesetz mehr, keine Moral und Ethik, welche die Juden schützen könnte. Muffen denn wir mit unserem Leben, unserem Hab und Gut die Freiheit aller Völker erkaufen?! Sind die Juden wirklich vogelfrei? Haben sie gar keinen Anspruch mehr auf Schutz ihres Vermögens und ihres nackten Lebens? Werden-die Völker endlich einsehen, daß die an den Juden verübten unerhörten und himmelschreienden Scheußlichkeiten viele unüberwindliche Hindernisse auf ihrem Weg zur eigenen Freiheit dar-- stellen? Wäre eS nicht ratsam, der judenfeindlichen Agitation ein Ende zu machen und noch vor dem Zusammenkommen der Friedenskonferenz mit dem jüdischen Volke sich zu verständigen? Für das Geschehene müssen wir nicht nur die Holigane und den entmenschten Mob zur Verantwortung ziehen, sondern auch die ganze nichtjüdische Bevölkerung dieser Länder, unter deren Augen die Juden- Pogrome ohne Protest, ohne Eindämmung, ohne Widerstand vor sich gehen. Unsere Hauptanklage muß sich gegen den Zuschauer richten, der sich zum untätigen Zeugen der Greuel und zar während seiner so langen ehrlichen, aber schweren Dienstzeit trotz aller Entbehrungen und größter Sparsamkeit im Haushalte völlig unmöglich war, auch nur das Wenigste von seinem Einkommen bei Seite zu legen. Eines schönen Tages warb Samuel Lande, Hauslehrer im selben Dorfe, ein braver gutmütiger junger Mann und guter Eltern Kind, der gerade genug verdiente um sich ein bescheidenes Heim gründen zu können, um Sara. Eliazar war anfänglich ziemlich verlegen, da er glaubte, daß der Bewerber über seine Vermögensverhältnisse nicht informiert wäre und natürlich voraussetze, daß Sara eine Mitgift besitze. Als jedoch Lande spontan erklärte, daß er keinen Heller verlange und glücklich wäre, nur das Mädchen zu besitzen, überlegte Eliazar nicht lange und gab, da natürlich auch Sara einverstanden war, freudig seine Zustimmung; die Verlobung wurde gefeiert und auch der Tag der Hochzeit festgesetzt. Und nun begann für den alten Eliazar eine Zeit der schwersten Sorge. Wenn er schon seiner Tochter keine Mitgift geben konnte, die notwendigste, bescheidene Aussteuer mußte er doch wenigstens beschaffen. Aber woher nehmen? Im Hause kein Heller, auch , kein Verwandter, der in der bittersten Not hätte helfen können, Kredit hatte er auch nirgends — und der Hochzeitstag rückte immer näher heran. Eliazar sann und sann, daß ihm beinahe die Sinne vergingen. des Mordes macht, er ist der wahrhaft Schuldige! Gegen diese Schuldigen Müssen wir immer wieder die Anklage erheben und nicht erlahmen, bis wir da» Gewissen der Kulturmenschheit wachrütteln und die Schuld gesühnt wird. Wiener Brief. Die Bevölkerung der Hauptstadt der ״freien" deutsch-österreichischen Republik — Wien hat in den letzten Tagen in den Wiener Straßen Pogromplakate zu lesen bekommen. Der christlich-soziale Verein. «Christliche Jungmannschaft" fordert in großen Plakaten die christliche Wiener Jugend auf gegen die schrecklichen Feinde des christlichen Volkes in Deutsch- Oesterreich, gegen die Ausbeuter, Geldsäcke, «Pressejuden" usw., zu kämpfen. Wenn die christliche Jugend sich nicht unter der Herrschaft des fremden Judenelementes im eigenen Lande beugen will — heißt es in diesen Plakaten — muß sie sich im Kampfe gegen die Unterdrücker, die Juden, vereinigen. Keine einzige fortschrittliche Partei hat gegen die antisemitische Hetze. Stellunggenommen.. Wohlgemerkt Juden Wiens! Wisset wie ihr Euch auch zu den Führern der Parteien zu verhalten hat, die viel von Freiheit, Demokratie und Brüderlichkeit sprechen, den Juden aber nur dann kennen, wenn sie ihn brau» Die Wahlbewegung hat bereits begonnen und gehen die Christlichsozialen, die Sozialdemokraten und die verschiedenen demokratischen Parteien energisch an- Werk, um ihre Kandidaten in die deutsch-österreichische Nationalversammlung hineinzubringen. Auch die Tfchechen beteiligen sich sehr intensiv am Wahlkampf. Es ist nicht ausgeschloffen, daß sie versuchen werden sich mit In seiner namenlosen Verzweiflung schoß ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf und es schien ihm, daß die Hilfe gekommen sei. Die 160 Gulden, die er zur Anschaffung der AuSsteuer und Bestreitung der Hochzeitskosten brauchte, werde er sich von seinem verheirateten Sohne borgen, er werde ihm doch das Darlehen sicher zurückzahlen, wenn bessere Zeiten kommen; daß ihm dies nicht gleich eingefallen sei — er hätte sich viel Kopfzerbrechen erspart. Also begab sich Eliazar zu seinem Sohne Und trug ihm sein Anliegen vor. Dieser war gleich bereit, die Bitte seines Vaters zu erfüllen, erklärte jedoch, daß er vorerst seine Frau um ihre Zustimmung ersuchen müsse. Diese wollte jedoch von diesem Darlehen nichts wissen und lehnte jede Hilfeleistung rundweg ab, da auch sie Familie hätte, u. dgl. Zerknirscht trat Eliazar den Heimweg an; seine einzige Hoffnung, das Geld von seinem Sohne zu erhalten, war nun in ein Nichts zerronnen. GS gab für ihn keinen Ausweg mehr. Doch das Maß der Leiden dieses unglücklichen Mannes war noch nicht voll — eö sollte noch Schlimmeres kommen« Vor wenigen Wochen starb der alte Gutsherr, der Brotgeber GliazarS, und die Verwaltung des Gutes überging auf die beiden Söhne des Verstorbenen. Diese fanden nun plötzlich, daß dabisherige Wirtschastssystem veraltet sei und beschlossen, die gänzliche Umgestaltung des Wirtschaftwesens. U«rbrcU«t Sie «Mlrcde Oolkrriimme".

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