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Jüdische Volksstimme · 1919-01-10 · Heft 2 (10.1.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. % Eilte 6 »Mdische DottLkE«e" ineinander übergehen. So werden wir bei ihm, wie bei Rimbaud und Baudelaire, die Farben erklingen, die Form ertönen hören. Gleich diesen erlebt Schneiur Töne durch Farben und umgekehrt. Schneiur ist vorwiegend Lyriker, dessen ^rismus auch in seiner Prosa sich bemerkbar macht. Ja, man kann sogar behaupten, daß er in seiner Poesie (gleich den Pamassiens) der Prosa sich nähert, in feiner Prosa über poetische Regungen aufweist. Er ist ein Schildere! der ungestümen Natur, ein Wolkenmaler und GebirgSschilderer, wie man sie nur in der englischen »Lac school" und der polnischen Theaterschule finden kann. In dem Gedichte, wo die Verschwommenheit sich breit macht, gehen die Wolken, die Berge, die Wellen ineinander, über und durch die Illusion, rufen sie in uns herrliche Stimmungsbilder hervor. In seinem Gedichte »Kirschen" vergleicht er die Kirschen mit schäckernden, kichernden Mädchenaugen. Den höchsten Triumph feiert aber sein DichtergeniuS in den ״Aufzeichnungen eines Selbstmörders", die, was Unmittelbarkeit des Gefühls, Natürlichkeit, Tiefe und Problematische dem ״Ohne Dogma" des Sienkiewicz nicht nachsteht. Wenn man also alles in allem nimmt, wird man den Schneiur als einen vielseitigen und allumfassenden Dichter, als den Bialik, Czernichowsky und andere Dichter betrachten und wenn er auch nicht immer die Originalität Bialiks und den Ästhetizismus Czerniechowskis aufweist, entschädigt er durch ein in die Tiefe gehendes Schürfen. Er wirft nämlich Probleme auf und behandelt sie so, daß das poetische und dichterische Element sich das Gleichgewicht halten. Denn Schneiur paart den Schönheitssinn des Griechen mit der Wahrheitsliebe des Hebräers und deS JudenS. Einem Dichter, dem es gelungen ist, solch auseinandergehende, disparate und kontrastierende Elemente miteinander zu verbinden, können wir nicht unsere ״Bewunderung vorenthalten. Er ist zwar ein ungekrönter, aber doch ein Dichterfürst, dem es gelungen ist, eine Synthese und Harmonie zwischen dissonierenden Elementen zu schaffen, unseren ״Geist und unser Gemüt zu befriedigen, waS nur von wenigen Dichtern gesagt werden kann. Die palästinensischen Flüchtlinge in Kovstantinopel u. Kleinasien. Das «Kopenhagener Zioinistische Büro" veröffentlicht folgenden Auszug aus einem Bericht, der dem Hilfskomitee im Haag zugegangen ist: In Konstantinopel und Kleinasien befindet sich eine beträchtliche Zahl von Juden aus Palästina. Diese Flüchtlinge betragen an Zahl zirka 1700 Seelen und setzen sich aus folgenden drei Kategorien zusammen: 1) etwa 800 sind Angehörige der mit der Türkei im Kriege stehenden Länder und sind als solche von den türkischen Behörden aus Syrien nach Konstantinopel und Kleinasien ausgewiesen worden. Unter ihnen befinden sich etwa 350 Juden griechischer Staatsangehörigkeit in Konstantinopel und 160 Juden rumänischer, russischer und amerikanischer Staatsangehörigkeit, zerstreut in den kleinasiatischen Städten Angora, Konia, Kirk-Kilisse, Adana. 2) Etwa 800 Seelen sind Palästinenser, die als Arbeitssoldaten in daS türkische Heer eingereiht wurden und im Frühjahr dieses Jahres von Syrien nach Klein» asten verschickt wurden. Ihre Lage ist schr schlecht, da sie sehr schwere Arbeit zu verrichten haben, und es ihnen an Nahrung und Kleidung mangelt. Von diesen Leuten befinden sich zirka 600 in Siwas und den Orten in der Umgebung von Siwas (Amassia, Haufa, Tokat, Nixa). Die übrigen 200 befinden sich im Kaukasus und den anderen Orten Kleinasiens. 8) Die dritte Kategorie besteht aus palästinensischon Juden österreichischer und ottomanischer Staatsangehörigkeit, welche, infolge der in Palästina Herrschenden Not, Palästina verließen, in der Hoffnung sich nach Österreich durchschlagen zu können, die aber bei ihrer Ankunft in Konstantinopel, infolge der in letzter Zeit verschärften Paßbestimmungen, keine Erlaubnis zur Weiterreise erhielten und deshalb in Konstantino» pel verblieben sind. Ihre Zahl beträgt zirka 400, von denen 250 österreichische Untertanen und die anderen 180 ottomanische Untertanen sind. Der größere Teil dieser Leute besteht au- Greisen, Frauen und Kindern, die in Konstantinopel, in einem ihnen gänzlich fremden Milieu, zu keinem Erwerbe fähig sind und verhungern Würden, wenn wir sie nicht unterstützten.- Aufruf! An die Väter und Mütter der Heimkehrenden. Wehmütige Freude ist in viele jüdische Häuser eingekehrt. Die Söhne kamen aus dem Felde heim, nicht als Sieger, aber sie sind jung, sie werden sich in häuslicher Pflege erholen, heranwachsen zur Freude der Eltern, zum Stolz des Vaterlandes und ihres Volkes. Es ist alte jüdische Sitte, in eigener Freude fremden Leids zu gedenken. Bei vielen Freunden erinnert nur mehr ein Bild, eine verspätete Auszeichnung an Elternglück und junges Leben. Wie viel trauriger aber für solche greise Mütter, die mit ihrem Lebensglück ihre Lebensstütze verloren haben, die ihren Notpfennig hergaben, um die Söhne zu erziehen. Der Staat, der für so viele Witwen und Waisen zu sorgen hat, kann für diese armen Frauen nicht genügend aufkommen. Wir haben seit dem ersten Kriegsjahr auf Anregung und durch eine erste Sammlung Sr. Ehrw. des Herrn Dr. Feuchtwang jede würdige arme Mutter eines jüdischen Gefallenen mit Monatspensionen bedacht, sind ihr mit Rat und Tat beigestanden. Wir haben bis jetzt im engsten Kreis gesammelt, andere Mittel sind aber ganz erschöpft, da die Zahl der Gefallenen immer wuchs, die Lebensbedingungen immer schwerer wurden. Helft uns, glücklicher Eltern, Geschwister, Bräute! Helft uns, würdige Eltern, die ihr in nunmehr freudlosen Glanz euer liebstes beweint; helft uns, edle Menschenfreunde, die Ihr im Wohltum einzigen Trost in dieser schweren Zeit sucht. Gütige Spenden nimmt entgegen: Frau Dr. Jeanette Feuchtwang, 18. Bezirk, Edelhofgasse 36, und Frau Berta Donreich, 20. Bezirk, Dresdnerstraße 77. — Für die Kriegsmutterkassa der Weiblichen Fürsorge (Dr. Feuchtwangfonds): Jeanette Feuchtwang, Vorsitzende, Regine May, Stellvertreterin, Jda Berliner, Schriftführerin, Bertha Donreich, Kassierin, Fanny Derykurs, Bella Deutsch, Rosa Scheu Vorsteherinnen, Anna Hirsch, Sofie Walltuch, Beirätinnen. Kundmachung. Anläßlich der unmittelbaren bevorstehenden Auflösung der mährischen politischen Jsraelitengemeinden hat sich die dringende Notwendigkeit der Ergänzung der Zuständigkeits-Kataster ergeben. Die in den mährischen Jsraelitengemeinden heimatzuständigen Personen werden hiemit aufmerksam gemacht, in ihrem eigenen Interesse ungesäumt schriftlich bei ihren Zuständigkeitsgemeinden wegen Aufnahme in diese Kataster einzuschreiten. Im Aufträge der Bürgermeisterversammlung: Dr. Gustav Zweig. I. Kohn. Die Nachtgeherin. Still liegt der Hof, die Eltern schliefen ein. In Nachbarnhäusern erlosch der letzte Schein; Doch allein sie wandelt sacht Durch die still-verklärte Nacht. Wohin, die zwinkernden Stern' nur wissen Bescheid... Schlaf durchzieht das Gefilde, schlummernd sie horchen im Schweigen, Wie'n Nachtmhsterium gleitet zwischen Träumerreigen. Allein sie wandert sacht Durch die stillverklärte Nacht . .. O, Sterne, schützet die Maid! — Waldwärts im Tal still die Felsen steh'n. Schlafversunken in Nacht gehüllt sie ruh'n; Was hat nun tönend die Stille durchzuckt. Daß plötzlich sie so sehr erschrickt? Erhaben Gestirn nur kündet der Welten Ewigkeit . . . Durch's Tal ein Zittern sich traget fort. Aufscheucht die Felsen vom Traum und festen Ort; WaS hat nun tönend die Stille durchzuckt. Daß plötzlich sie so sehr erschrickt? O, Sterne, schützet die Maidi — Kein Zweig sich bewegt; Ruh' im dunklen Wald; Gewürm sich verkroch, der Vogel sich die Stimm' verhält; Es harret der Wald, Des Sturmebald. Nicht wogt da- Sternlicht zu verirren sich wett .,. Geheimnisvoll die Lüfte 'n Lispeln durchzuckt. Die Bäume plötzlich rauschen erschreckt; Der Sturm im Wald Verschlang alles bald. . . Die Sterne, nicht schützen die Maid! — —b^bbi—— An unsere Leser! Unsere Leser werden zur Mitarbeit in unserem Blatte aufgefordert. Erwünscht ist uns die Zusendung von: Korrespondenzen, Personalnachrichten, Zeitungs« stimmen, Berichte über das jüdische Leben, dis Kultusgemeinden, jüd. Vereine usw. betreffend. Die Redaktion. Korresponäenzen'. Wien. Dem Rechenschaftsbericht des jüdischen Nationalrates über seine Tätigkeit im ersten Monate feines Bestandes entnehmen wir folgendes: ״Wir sind in der Lage, ausdrücklich festzustellen, daß die von einzelnen Behörden eingenommene Haltung, die deutsche Volkszugehörigkeit des deutsch-österreichischen Staats« bürgerrechtes vorschrieb, auf einer Verwechslung beruht und keinesfalls auf die Juden Anwendung findet. Dies wurde dem Jüdischen Nationalrat über seine Jntervention ausdrücklich in bindendster Form seitens der leitenden Staatsmänner mitgeteilt und zwar, sowohl feitens des Staatssekretärs des Innern, für Heereswefen und für Verkehrswesen, als auch seitens des Staatskanzlers Dr. Nenner." Zum Zwecke der Aufbringung der großen Mittel, deren er bedarf, schreibt der jüdische Naitionalrat eine freiwillige jüdische Volkssteuer aus. Overhollabrunn. Samstag, den 21. Dezember l. I. fand im hiesigen Tempel die Barmizwafeier des Alfred Berger-Secundaner am hiesigen Staatsghmnasium statt, aus welchem Anlasse Herr Oberfinanzrat E. Wilh. Herzog aus Wien, Herr Ghmnasial-Professor Dr. Franz Wimmer, die Musiklehrerin des Konfirmanten Frau Cerny nebst zahlreichen Mitgliedern der hiesigen Kultusgemeinde dem Gottesdienste anwohnten. Der Konfirmant, Sohn des Herrn Michael Berger und dessen Frau Gemahlin Berta, geb. Spitzer, Fruchthändler hierorts, trug die Haftarah mit großem Verständnis vor und nach Beendigung derselben hielt ReligionSlehrer C. S. Jellinek eine erbauende Ansprache an denselben mit dem Zitate aus dem verlesenen Wochenabschnitte, "בך יברך ישראל" welche auf alle Tempelbesucher einen außerordentlichen Eindruck machte. Nachmittags 4 Uhr fanden sich viele Mitglieder der hiesigen Kultusgemeinde in der Wohnung der Familie Berger-Spitzer zur Gratulation ein, woselbst der Konfirmant einen formvollendeten Vortrag hielt. Anläßlich dieses freudigen Familienfeste» wurden namhafte Spenden einigen WohltätigkeitSveri einen zugewendet, welches besonderen Anklang fand. Budapest. Die Wiederbelebung der Misrachi-Bewegung in Ungarn. Die Misrachi-Bewegung in Ungarn, welche früher gute Erfolge verhieß, während des Krieges jedoch so gut wie ganz brach lag, zeigt in der letzten Zeit deutliche Spuren einer vielverheißenden Wiederbelebung. Der jüngst erfolgte gewaltige Umsturz, die wie über Nacht hereingebrochene fundamentale Um- Wälzung soll auch da durchgreifend Remedur schaffen, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß dieser Wandel einen nicht zu unterschätzenden, äußerst wertvollen Zuwachs für die Misrachi bedeuten wird. Kürzlich tagte eine große Misrachi-Konferenz in Budapest, bei der man viele neue und unerwartete Gesichter zu sehen bekam. Hunderte von Mitgliedern wurden neu angemeldet. Es wurde der Beschluß gefaßt, eine äußerst intensive Landesaktion in Angriff zu nehmen, Palästinabureaux in Budapest und Jaffa zu errichten, ein eigeneS MiSrachi-Preßorgan herauszugeben u. v. a. In Kläusenburg, der Hauptstadt Siebenbürgens, bildete sich eine ansehnliche Gruppe von Kapitalisten auf miSrachistischer Basis zum Zwecke einer Ansiedlung in Palästina. Die offizielle Orthodoxie in Ungarn ist wieder eifrig bemüht, Bereinigungen unter dem Titel ״Jischuw Erez Israel" ins Leben zu rufen, deren Aufgabe es sein soll, die Förderung der Kolonisation und einer intensiven Arbeit in Palästina auf religiöser Basis zu organisieren. Auch diese- Unternehmen verspricht angesichts der Begeisterung für Erez Israel, die unter der ungarischen Jugend herrscht, viel Erfolg. In Bu« dapest, Preßburg, M. Sziget, Klausenburg, Grotzwar« dein usw. wurden bereit» solche Vereine mit vielen Lausenden von Mitgliedern gegründet. E» ist anzuneh« men, daß die geplante Zusammenarbeit dieser Vereinmit der bestehenden MiSrachiorganisation keinerlei Schwierigkeiten begegnen wird.

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