Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622034--3867-2625104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ofltl 4. ״Jttisch« 8*RlfH«m>> Nr. 2. Presseschau. 1 Hermann Struck. Die letzte Nummer der ״Neuen Züricher Monats- Hefte" würdigt in einem größeren Aufsatz die historische Oedeutung der deutschen Revolution für das Judentum. Erst die Revolution hat den deutschen Juden die wirk- «che Gleichberechtigung gebracht. Die Parteien und Richtungen, die die Revolution herbeigeführt hat, ha- Ven seit jeher das Prinzip der wahrhaften und restlosen Gleichberechtigung vertreten und gegen den AntisemitiSmuS des alten Regimes gekämpft. Für das deutsche Judentum bedeutet der starke Anteil der Juden an der neuen Regierung eine bedeutsame Veränderung und Besserung seiner gesamten Lage. Die Politik der deutschen Juden war stark von dem Bewußtsein ihrer Aus- «ahmestellung beherrscht und wird die Beseitigung diefer auch innerlich von tiefgreifender Wirkung auf das deutsche Judentum werden müssen. Es wird eine von positiv jüdischen Zielen und Gesichtspunkten beherrschte Betätigung und Politik der deutschen Juden kommen. Die Beseitigung der antisemitischen Haltung der deutschen Regierungskreise wird von großer Wirkung auch Hinsichtlich des Standpunktes der deutschen Regierung in international-jüdischen Fragen werden müssen. Dem neuen Deutschland gegenüber wird das Judentum eine fympatische und freundschaftliche Stellung einnehmen können. Die an sich zweifellos vorhandene starke Verbundenheit weiter Kreise des Judentums mit der deut« schen Kultur wird erst jetzt sich frei äußern und auswirken können. Die Revolution in Deutschland bedeu« tet den Zusammenbruch des zweiten großen Bollwerks des internationalen Antisemitismus, nach Rußland. Der Sieg des demokratischen Gedankens in Deutschkand bedeutet einen großen Fortschritt in der Entwickilung des Judentums zur internationalen Anerkennung als gleichberechtigtes Glied der Völkergemeinschaft. » » 'C Im ״Jüdischen Echo" behandelt Leo Rosen- >erg die Frage der Zukunft des Judentums Polens «nd Galiziens nach der Pogrombewegung und meint, eS stehe vor einer massenhaften Auswanderungsbewetzung. Dem nackten Selbsterhaltungstrieb gehorchend, werden Judenmassen dieser Länder sich nach einer neuen Heimat umsehen. Es gilt, die Organisation und die Leitung dieser bevorstehenden Auswanderung der Juden Polens und Galiziens tatkräftig in die Hand zu nehmen. ES darf nicht mehr alles dem Zufall und dem blinden Spiel der Kräfte überlassen werden, wie es in der vor sich gehenden großen ostjüdischen Auswande rungsbewegung der Fall war. Die Organisation des Emigrationswesens ist die Aufgabe und die Forderung der Stunde. In der Heimalt des Volkes soll auch unseren Brüdern in Polen und Galizien eine glückliche und gesicherte Zukunft erblühen. * * * Dr. Blochs Wochenschrift bringt in ihrer neuesten Nummer an leitender Stelle einen Mahnruf an alle Juden Deutschösterreichs zur Einigung. Es muß ein Reichsbund der Juden mit Herangiehung aller jüdischen Gruppen und Kräfte geschaffen werden und zwar zuerst der bestehenden Kultusgemeinden. ES ist die höchste Zeit zur Einigung. Der Zusammenschluß aller Juden Deutschösterreichs ist eine dringende Notwendigkeit soll nicht völliger Zerfall ihr Schicksal sein. Die Einigkeit aller Gruppen muß herbeigeführt werden, ohne unjüdische Toleranz, welcher sich nationale, liberale und konservative Gruppen in gleicher Weise schuldig machen. Teilung der Arbeit ist!erforderlich — aber nicht Zerrissenheit! Einigkeit und picht Spaltung. Israel am Grabe seiner Erschlagenen. Das matte Licht des dämmernden Friedens erhellt rings um und die in Trümmer gegangene Welt; doch sprießt aus den Ruinen die tröstende Hoffnung empor, daß eine neue Zeit der Freiheit für alle Menschen anbricht. Während alle Völker ringsum daran gehen, ihre Wunden zu heilen, und die zerstörten Häuser wieder aufzurichten, wird das grausame Schwert noch geschwungen gegen das älteste, aber kleinste der Völker. Wiederum steht Israel trauernd am Grabe seiner Erschlagenen, und eS ruft wie einst David: ״Weh ist mir um Dich, mein Bruder Jonathan, Gar lieblich warst Du mir. Teurer war Deine Liebe mir Als Liebe der Frauen. Wie sind die Helden gefallen Und es gingen verloren die Waffen des Krieges!" Der neue Staat der Polen, der erstanden ist, hat sich!זז.‘! dem Blute der unschuldigen Juden befleckt, daß wie eine ewige Schande auf seinem Wappen brennen wird. Gottes Strafe wird die Mörder treffen, die so tiefe Trauer über unser Volk brachten. Wir aber wol» len unsere Tränen zurückdrängen, und wie einst David nach der Totenklage Gott befragte: ״Soll ich hinaufziehen in eine der Städte Judas?" und ihm die Antwort ward: ״Ziehe hinauf!" So wollen auch wir unse» ren umflorten Blick nach dem Lande der Väter richten, wo nun bald unser Volk seine Heimat wiederfinden wird. Dort aber wollen wir den Märtyrern, deren Blut für uns alle geflossen, ein Denkmal errichten, das ihnen im Gedächtnis der Enkel und spätesten Nachkommen unauslöschliche Dankbarkeit wahren wird. Wilhelm Ost. Schneiur. Der Austritt der jüdischen Sozialdemokratie aus dem jüd. Nattonalrat in Westgalizien. In den letzten Tagen sind 18 Mitglieder der jüdischen sozialistischen Partei, die dem jüdischen Nationalrock in Krakau angehörten, aus demselben ausgetreten mit der Begründung, daß sie mit seiner Taktik unzufrieden sind. Die jüdischen Sozialisten waren gegen die Gründung eines jüdischen PreßbüroS in Krakau sowie auch gegen das Aufstellen der Forderung von Palästina für daS jüdische Volk. Der jüdische Nationalrat in Krakau zählt nunmehr nur 48 Mitglieder und steht an der Spitze desselben Rabbiner Dr. OsiaS Thon. In Krakau soll demnächst eine allgemeine größere Konferenz de- Westgalizischen jüdischen Nationalrates tagen, an der sich Delegierte aus allen Städten WestgalizienS beteiligen werden. (Schluß). Er entdeckt in! der Natur menschliche Züge und sieht anderseits den Menschen als Mikrokosmos an, der die Abspiegelung der großen Welt ist. Besonders ist eS bei Psychologen ausgeprägt, (Rousseau I. I., Bourget usw.), daß sie die Natur unter dem anthropomorhschen Gesichtswinkel betrachten. Das Altertum war anthropomorph weil der Mensch ein Sknnesmensch war, er sah und hörte bloß wie der Donner rollt, wie die Knospe blüht, wie der Strom fließt, wie der Blitz leuchtet, wie der Schmetterling fliegt, wie die ganze Natur frohlockt. Da er aber keine Abstraktionen gekannt hat, deshalb war jeder Widerhall der Natur geradezu die Offenbarung und Manifestation Gottes. Wo man aber zu forschen und zu analysieren angefangen hat und die Sinne beim Menschen verkümmert wurden, hat er in der Natur Lebendes vom Leblosen zu unterscheiden angefangen. Der moderne Mensch aber, der die Sinne wieder zu Worte kommen ließ, bedient sich derselben und beginnt wieder in der Natur nur Lebendes, Sprechendes, ja Denkendes zu sehen. Allerdings war der Hebräer mehr Ohr dev Griechen und Arier im allgemeinen Augenmensch, wenn auch beide Sinne bei den Völkern eine Rolle gespielt haben, wenn auch in gewissem Verhältnis. Wie gerade DescarteS noch daS Mittelalter repräsentiert, wenn er sagt: ״Ich denke, also bin ich", so Peter Altenberg die Moderne, wenn er sagt: ״Ich sehe, also bin ich". Erst heute beginnt mann den Sinnen (wie im Altertume) einen Platz einzuräumen, wenn auch das Mittelalterliche hinzukommt und man die Sinne als trügerisch betrachtet. Da man aber weiß, daß diese, wenn auch trügerisch unser ganzes Sein umspannen, deshalb kann man von keiner Sinneselimination sprechen. Der Pantheist sieht in allem die Gottheit und da Schneiur den pantheistischen Standpunkt einnimmt, deshalb werden wir ihn in allem die Schönheit finden sehen, infolgedessen der pangesthesische Standpunkt sich bereit machen wird. Da bei ihm aber keine gehörige Absteckung der Poesie und Prosa ist, deshalb wird er die engen Schranken, die die Prosa steckt durchbrechen und eine Schilderung entwerfen, die wohl auf Anschauung beruht, die aber die Grenzen der Prosa verlassend in den Ozean der Poesie sich stürzen wird. Trotzdem verliert sich der Mensch nicht in der Natur, um in derselben aufzugehen und sein Wesen gänzlich einzubüßen. Spinnoza ist Pantheist und trotzdem hat er das eigene Ich und die Menschenwürde nicht aufgegeben, da der Mensch auch ein Stück der Natur und ein Stück Gottheit ist. Ebensowenig haben eS Goethe, Shelley und andere pantheistische Dichter getan, sie haben vielmehr der Größe der äußeren Welt entsprechend ihr Inneres adäquet geschaffen und ausgebildet, so daß keine Inkanguenz und Disorpanz zwischen dem menschlichen Ich und der Natur besteht. Der Psalmist, der die Herrlichkeit der Natur und ihre Größe bewundert, erkennt doch einen hohen Rang dem Menschen' an, denn durch den Verstand beherrsche er die Natur. Schneiur ist ebenso ein jüdischer Dichter wie Bialik, obwohl er eS nicht ״ad oculos" demonstriert und obwohl in seiner Muse viele fremde Elemente vorherrschen. Gleich den Juden und den jüdischen Kaballisten ergeht er sich, in unendlichen Welten, unendlichen Zahlen, denn seine ungezügelte Phantasie ist überaus schöpferisch, wenn auch seine plastische Gestaltungskraft dadurch oft einen Choc erleidet. Wie manche moderne Dichter webt er in die Naturschilderungen viele mittelalterliche Betrachtungen ein, sowie auch vom Altertume. Die alte Astronomie wird wieder lebendig und dient dazu, die Verlebendigung vollkommen zu machen. Zuweilen glauben wir den Dante oder den Salome ihn Gabisol in seinem כתר מלכות zu vernehmen. Schneiur entbehrt des Ebenmaßes, wie eS der Grieche hatte und hat noch weniger daran, als der alte Hebräer Eine Verschwommenheit der Züge, eine Konfus» losigkeit macht sich bemerkbar. Infolge der der indischen Philosophie sich nähernden Anschauung, der ungezügelten Phantasie, des UnendlichkeitsgedankenS, wird keine gehörige Absteckung des Geschauten, Gedachten, Empfundenen und innerlich Erlebten vor sich gehen. Bialik ist in erster Reihe ein Ethik, Czernichowski ein Aesthetiker, Schneiur dagegen ein Methaphysiker, denn er sieht alles unter dem Gesichtswinkel der Ewig» keit. Also nur in dieser Hinsicht ist er den jüdische- Dichtern des Mittelalters nahe, was von Bialik oder gar Czernichowski keine Rede sein kann. Schneiur ist ein Schöpfer, ein Problemsucher, ein Offner der Fenster der Zukunft. Er heuchelt sich bloß eine mittelalterliche Oberfläche an, im Grunde genommen ist er ultramodern. Bialik ist für Jehowah, Czernichowski schwärmt für Apollo, Schneiur fürs Weltall. Bialik bäumt sich manchmal gegen Gott, Czernichowski tritt als Asthete für Hellas Götter ein, Schneiur dagegen nimmt keine religiöse Stellung ein, er ümsta» stottert bloß. Gleich dem Hesiod, dem Buche Job, Dante usw. hat SchneiurS Muse vorwiegend einen koSmoligischen Hintergrund und er bildet eine Synthese der Anschauungen des Altertums und des MMelalterS, um die Kontraste, die sich zwischen denselben und der heutigen Wissenschaft ergeben um so mehr hervorzuheben, wo» durch daS Meiste in poetisches Licht gerückt wird. Bei Goethe finden wir gewissermaßen eine ko»mo« logische Statik, bei Schneiur dagegen eine koSmologische Dynamik. Bei ihm löst sich alles in Empfindungen auf, wenn auch diese Empfindungen dank seiner sythetisch-poetischen Gabe trotz ihrer Kompliziertheit ein Schönheitsmaß aufweisen. Aber nicht nur die Natur wird personifiziert, sondern auch die Freiheit, die Sehnsucht usw. In den Sprüchen SalomonS wird die Weisheit sprechend angeführt, bei Schneiur spricht die Freiheit. Möglich, daß Schneiur von Maeterlincks ״Blauetz Vogel" beeinflußt worden ist, denn auch bei ihm spricht daS Feuer. Die ״Sehnsucht" von Schneiur ähnelt dem ״Ja- und Amenlied" NitscheS, und dem Hoheliede. Da manches verschwommen ist, deshalb werden auch der Gesichts- und Gehörsinn, wie auch andere Sinns