Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. L WAMDfWk «invpiiiRr «,it, 3. Offener Brief an Dr. Bloch s Wochenschrift. Verehrter Herr, Eie haben mir verwehrt, in Ihrem Matte als dessen Mitarbeiterin ich mich immer mit Freuden bekennen werde, zu dem Artikel Dr. Krenberger'S in Nr. 81 Stellung zu nehmen. Dies Verbot entspricht der nicht ganz löblichen Gewohnheit der österreichischen Presse, obwohl die Westzeitungskultur in solchen Fällen änderet Meinung ist. Hingegen haben Sie mir gütig gestattet, in diesem Blatte, dessen Gastfreundschaft mir oft und freundlich gewährt wird, über Le« Artikel zu schreiben, dem übrigens der Hatz nicht der beste Vater war. Haben einige Journalisten doch den Trumpfsatz einigemale durchlesen müssen, um zu erraten, nicht etwa grammatikalisch zu erkennen, datz der «Jntelektuelle", nicht Dr. C h a j e S Scheu vor jedem Terror hat. Ich zolle dem von mir persönlich hoch- Verehrten Verfasser volle Anerkennung, datz er mit offenem Visier erscheint, während die Wochenschrift in letzter Zeit vielfach LaS Organ solcher «Jntelektueller" wurde, die eben Terror fürchten und sich in Anonymität hüllen. Bei der Veröffentlichung einer solchen von mir redigierten Zuschrift haben Sie vermerkt, Ihr Blatt sei kein Parteiblatt und öffne jeder Meinung Tür urrd Tor. Solchen Vermerk vermisse ich bei dem Artikel Dr. KrenbergerS, obwohl ich bei mancher Gedankenlücke Ihren begütigenden Meisterrotstift zu erkennen glaube, der so oft mildernd über meine eigenen, einst antizionistischen Auslassungen gefahren ist. Kann ich doch Dr. Krenberger keinen Vorwurf über sein Renegatentum machen, da er schrittweise und wohl Such aus Überzeugung denselben Weg vom Zionismus zum Jtoismus und deutsch-österreichischen ChauvinismuS gegangen ist, den ich in umgekehrter Richtung zurückgelegt habe. Was Ihre und meine Leser weit schärfer beobachtet haben als ich selbst, diesen Weg halb im hellseherischen Wachtraume gewandelt ist. Wenn die Bewegung, die Dr. Krenberger so beklagt, und ihr führender Wiener Geist, der aber strenggenommen kein Parteimann ist und keiner sein will, nichts ande» res getan hat, als Fallobst zum Reifen zu bringen, d. h. allen jenen, die eine Ausrede brauchen dem Judentum untreu zu werden «wegen materieller Vorurteile"! den Austritt zu erleichtern, so würde ich schon wegen dieser reinlichen Scheidung die Ankunft jenes hervorragenden Mannes freudig begrützen, trotzdem sie mir wegen Zurücksetzung von mir hochverehrter und heitzgeliebter Menschen viel Kummer verursacht hatte. Dr. ChajeS hat und kann keine Verordnungen erlassen, wie etwa die katholische Kirche vor der «Los von Rombewegung"; welcher vernünftige Katholik würde seine Kirche verlassen, weil etwa sein Papst ein ihm unshmpathischer, allzu lautdonnernder Herr wäre? Wem die Art der Beredsamkeit des Dr. ChajeS, den mein Vater treffend mit Savonarola verglichen hat, nicht patzt, möge eben einen anderen Tempel aufsuchen. Hat es aber einen ehrlich, geistig. Arbeiter, wie Dr. Krenberger immer war, nicht gefreut, datz unser altehrwürdiger Tempel, seit langem eine Zielscheibe des Spottes der Jugend und religiös Gleichgiltiger, nunmehr eine Vom lebensgefährlichen Gedränge umwogte Wallfahrtsstätte der vielleicht armen an Titel und Gelds, aber der Träger der Zukunft ist, wenn hier einmal wieder seit zwei Generationen Geist zum Geiste spricht, wenn die Macht der Rede Triumphe über Ahnen- und Geldprotzentum feiert und der widerliche Tanz vor dem «Goldenen Kalbe" den hier durch Jahrzehnte zuerst ein Meister der Rede und dann ein grotzer Gelehrter vollführt, ehrlicher überzeugungstreue gewichen ist? O Macht des Priestercölibates mit seiner wirtschaftlichen und geistigen Unabhängigkeit! Nicht alle Reden des Dr. ChajeS, der übrigens in zwei Wochen in staunenswerter Weise die Ostanklänge seiner Sprache abgestreift hat, kann und will ich loben. Aber wäre es heute noch möglich, datz ein berühmter Wiener Advokat mit seinem Mimikrhtalent Jahrzehntelang Christ und Jud bei Soireen durch seine Parodien des jeweiligen Oberrab- LinerS unterhielt, datz wir völlig Ungläubigen, die den Tempel nur bei Hochzeiten widerwillig betraten, die Freitagsstunden als ersehnte Andachtsstunden empfinden. datz ein entschiedener Nichtzionist mir sagt, er höre dies Jahr keine Philosophievorlesungen, weil er die im Tempel finde. Wieder ist der Tempel der Mitlelpunkt LeS jüdischen Lebens in Wien geworden, wenn auch kein friedlicher, sondern ein heitzumstrittener, wie' sie durch den Gang und die fast mystische Versunkenheit des Dr. ChajeS in sein Gebetbuch manch Strahl aufrichtiger, nicht lippendienerischer Religiosität bis zu uns Ungläubigen verirrt. Dr. ChajeS hat kaum den Wunsch, dauernd in Wien zu bleiben; nach Erfüllung seiner, im gegenwärtigen Augenblick fast welthistorischen Mission, ein Gährungs-, und wäre es auch ein Zerstörungselement zu sein, wird er wohl Wien erbittert und verbittert den Rücken kehren; aber solche Dro- Hungen, wie die Dr. Krenbergers, werden ihn kaum dazu bewegen, wie sich ein so gewiegter Pädagoge, dessen Richtschnur immer Sanftmut und Geduld war, von selbst sagen mutz. Man kann dem Jüdischen Nationalrat alles mögliche nachsagen, wie z. B. Unduldsamkeit; aber sehe ich nicht, datz Kompromisse in Haus und Familie, in Verbänden und Staaten jede gedeihliche, schöpferische und neubildende Arbeit, auf die eS uns jetzt ankommen muh, zerstören und hemmen? Und Wenn schon durch «unser Treiben", wie mir neulich ein Herr in Ihrer Redaktiön drohte, kein Jude in die Nationalversammlung gewählt werden wird, noch immer lieber ein ehrlicher Christlichsozialer, als etwas ein Kompromihjude, wie ein Ritter von Löwenstein. Wie kann man einer «Gruppe VerantwortlichkeitSgefühl" absprechen, die ihre Besten unter der Last dieser Verantwortung zusammenbrechend sah, um von persönlich Bekannten nur Herzl, Dr. Kahn, meine liebsten Jugendfreunde Oskar und Isidor Marmorek zu nennen, einer Gruppe, deren Männer und Frauen Jahrzehnte Tag und Nacht ihrer Berufsarbeit abgespart haben, um sich in das zionistische Problem sprachlich, gedanklich, wirtschaftlich zu vertiefen? Während in jener ״Gruppe" die Dr. Krenberger verjtritt, es entzückende Frauen, selbst von Zionistenführern gibt, die mich bei aller Bildung erstaunt fragen, ob ich wisse, datz so etwas wie ein Judenstaat im Werden sei, oder was ״Zionismus" heihe. Nicht diese Frauen der Jntelektuellen und Hochfinanz, die uns, wie Dr. ChajeS prophezeit hat, bei den Kultuswahlen die Niederlage bringen können, was ihn nicht stört, da wir durch die Freiheit zuv Freiheit müssen, jene Frauen die offen erklären, sie wählen lieber christlichsozial als demokratisch oder zionistisch, dürfen von Berantworlichkeitsgefühl sprechen. Die Hauptschuld daran trägt aber die mangelnde Aufklärungsarbeit der Wiener Presse, nament-!ich des Blattes der Fichtegasse; habe ich außer in dem ״Neuen Wiener Journal", dessen überwiegend christlichen Leserkreis es nicht zu stören scheint, datz eine ausgezeichnete mir unbekannte Feder objektive Artikel über die Zionistenfrage schreibt, kein Wiener großes Blatt gesehen, daß die Frage früher auch nur gestreift hätte, und was lesen die Frauen der ״Jntelektuellen" viel anderes als notdürftig die «Neue Freie Presse"? Ich möchte nicht gerne annehmen, daß ein so durchdringender Geist wie der Ihre, hochverehrter Herr Doktor, der mit einem kargen Wort oft die schwierigsten Lebens- und politischen Probleme durchleuchtet, mit allem einverstanden ist, was in Ihrem Blatte, das in den letzten Wochen zur Hochburg des Konservativismus wurde, erscheint: Weder ist es uns Juden, wenigstens Forschein und Elitemenschen, bisher in Österreich so gut gegangen, wie Artikel Ihres Blattes glauben machen wollen; noch haben wir, «von deutsch-österreichischen Müttern geborenen Frauen", die in geheimnisvoller Weise schon in der Volksschule spüren, datz wir eben einem andern, früher reifenden und altenden Stamme angehören, als unsere liebenswürdigen deutsch-österreichischen Kameradinnen, Ursache, Wotanspriesterinnen zu spielen und die Männer zu beeinflußen. Lassen Sie uns ruhig unfern Weg gehen, nicht Dr. Krenberger, noch ich, nur die Geschichte, die nie mehr Weltgericht war, wie heute, was Sie mit Ihrem Geiste so klar erkannt und ausgesprochen haben, kann über den Weg aburteilen, denn der Jüdische Nationalrat gehen will. Ob er die Mehrheit der Juden hinter sich hat, werden wir beide, verehrter Herr Doktor, bald mit. geteilten Gefühlen erfahren, was aber hoffentlich unsere seltene Eintracht und meine Verehrung für Sie nicht stört. Ihre dankbar ergebene Clotilde Benedikt. JSgerndorfer Brief. Nachdem unsere Mitglieder bom Felde heimgekehr^ ging der hierortige Verein Zion mit erneuter Kraft a» seine Arbeit und hofft, auch in dieser Stadt ein reget jüdisches Leben zu entfalten. Am 14. November 1918 beriefen wir eine allgemein ne Volksversammlung ein, die sich eines regen ZusprucheS erfreute und der auch der KultuSprästdent Herr Leo Westreich beiwohnte. Herr Dr. Singer eröffnete in wenigen vom jüdisch-nationalen Geiste durchwebten Worten die Versammlung und erteilte dem Referenten Herrn Karl Fried das Wort. Nachdem der Genannte der im Kriege gefallenen Kollegen gedacht hatte, erörterte er das Wesen einer gesicherten Heimstätte und berichtete über die Erfolge unserer Volkesbrüder in den Reihen der Ententemächte. Im Weiteren besprach er die Wichtigkeit der jüdischen Autonomie in allen Stacv, ten und die Demokratisierung der KuktuSgemeinden. Sein Referat wurde mit großem Beifall zur Kenntnis genommen und nach einer regen Debatte, an der sich Herr Goldberger beteiligte, über unsere vom Büro Kopenhagen aufgestellte Resolution, wurde diese einstimmig angenommen. Am 25. Dezember sprach Herr Finzi aus Troppau in einer engeren Sitzung des Kultusausschusses und des Vereins Zions; trotz seiner durchaus überzeugenden Worte, konnte eine Einigung nicht zustandekomme» und wurde die Gründung eines jüdischen Volksrates seitens des Kultusausschusses derzeit nicht angenommen; nicht unerwähnt kann bleiben, daß die Gegenrede des Herrn Leo Westreich seitens unserer GesinnungSgenossen und speziell seitens Gg. Goldberger trefflich geschlagen wurden. Hingegen gelang es uns am 22. Dezember eine Trauerandacht für die Pogromopfer im hiesigen Tempel zu veranstalten, die einen sehr würdigen Verlauf nahm. Mädchen der hierortigen jüdischen Damengruppe hatten die Drappierungsarbeiten in grotzartiger Weise durchgeführt und können wir Frl. Erna Grünstein und Erna Frankl nicht genügend Dank aussprechen. Desgleichen hat sich der vonunS beigestellte Chor sehr wacker ge» halten. Ganz speziell müssen wir dem Seelsorger Herrn Rabbiner Dr. David Rudolfer für seine auf jüdischnationaler Basis gehaltene Trauerrede danken, denn seine Worte müssen jedem Anwesenden nicht nur Tränen über das Geschehene entrissen haben, sondern! auch ein Ansporn für Förderung der jüdisch-nationalen Sache sein. Herrn Oberkantor Hermann Behr, der speziell in dem vorgetragenen «El molerachamin" die Gefühle seines Herzens widergab, soll unsere Freundschaft der schönste Dank sein. Die Hatikwoh bildete den Abschluß dieses Gottesdienstes, der nicht nur in unserem Kreise, sondern auch in dem der uns Fernstehenden großes Wohlgefallen fand. Nunmehr heißt es einen heißen Kampf bei den Neuwahlen des Kultusausschusses führen, doch hoffen, wir, daß unsere Arbeit den erwünschten Erfolg bringen wird. Zum Abschluß sei noch erwähnt, datz am 24. Dezember hierorts der erste jüdische Jugendtag stattfand, um dessen Einberufung unser Gg. Arthur Goldberger in bekannter agressiver Arbeit sich wieder einmal große Verdienste erworben hat. Verein ״Zion", Jägerndorf. Daszynski über die jüdischpolnischen Beziehungen. Der Führer der polnischen Sozialisten Ignatz Daszynski äußerte sich in einer öffentlichen Massen- Versammlung über die jüdisch-polnischen Beziehungen:. Der Konflikt zwischen den Polen und Juden besteht darin, daß sich die Juden noch nicht polonisiert haben. Sie blieben in Sprache, Sitten und Tracht abgesondert. Man muß in Betracht ziehen, daß die Juden zirka 13 Prozent der allgemeinen Bevölkerung in Polen auSmachen und ihre Zahl sich auf mehr als 2 Millionen Seelen beläuft. Sie bewohnen unsere Städte, nehmen bedeutende Plätze in der Wissenschaft, Kunst, Handel und Industrie ein. Würde man einer solchen fremden Masse in englischen oder amerikanischen Städten so entgegenkommen, wie bei uns in Polen? Würde man ihnen dort Regierungsämter anvertrauen, so lange sie ganz abgesondert leben und eine fremde Sprache, nicht die deS Landes sprechen? Auch die Polen dürfen daS nicht dulden! Sie können den Juden kein Vertrauen schenken, solange fie an ihrer Sprache, Bräuchen und Sitten festh alten! So spricht der Wortführer der Partei, deren Sosung: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist. Komentare hiezu find überflüssig!