Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 2. ״Mische r8sttssttm«e« Nr. 2. -engegen das Gesamtjudentum. Die grauenhafte Der- Milderung der Jugend macht sich in schlimmster Weise bemerkbar. Das leidenschaftliche Tosen und Branden der, jeglicher Grundlage entbehrenden Anklagen gegen bas Gesamtjudentum hat die Jugend, die ein Taumel ergriffen hat, in Gährung und in Zersetzung gebracht. Die Schule, das Allerheiligste, die Urquelle, aus der die Menschheit den göttlichen Trank der Weltverbrüderung schöpft, ist vergiftet und verpestet. Die unreife Schuljugend beteiligt sich unbewußt an dem ge- Miß ungöttlichen Vernichtungskrieg gegen die Juden, die wahrlich nicht besser, aber auch nicht schlechter sind, als die Andersgläubigen. Die Jugend, das höchste Gut eines Volkes wird von gewissenlosen Demagogen aufgehetzt gegen die schutzlose Judenheit der Diaspora. Wilde unverantwortliche Brandstifter haben ein furchtbares Feuer des Haffes gegen die Judenheit angezünbet in den Gemütern der vorurteilslosen, verrohten und verwilderten Jugend zur Vernichtung der Einigkeit zwischen den verschiedenen ReligionSbekennern Böhmens. Ja manche Erzieher infizieren die Jugend mit den schändlichsten Gefühlen des Hasses, der Lüge und des Zynismus gegen die Judenheit, die die Welt nicht geplündert hat! Es ist nicht unsere Schuld, daß bas Blut der besten Völker der Welt vergossen, daß das kostbarste Gehirn der Kulturvölker vernichtet wird. Der böhmische Jude, der mit allen Fasern seines Lebens an ber Scholle hängt und überglücklich ist, ein Kind, des stets für das Recht und die Gerechtigkeit der Menschheit eintretenden Volkes zu sein, kann es nicht begreifen, daß solch' ein erhabenes Volk, dessen Fahne der Brüderlichkeit von der ganzen Kulturwelt anerkannt wird, die Juden ob ihrer Zugehörigkeit zum Judentum entrechten und ihnen den Aufenthalt auf dem flachen Lande in Böhmen unmöglich machen will. Noch tobt der Weltkampf, noch ist die Erde rot vom Blute der jungen Knospen und Blüten, noch herrscht der herzlose Satan der Menschheit, noch decken die Schrecken unS zu, noch sind wir von grimmigen, zügellosen Feinden umgeben, die uns dem Vernichtungstode preisgeben und schon erklingt der Ruf zur Vergewaltigung der Juden. Der Humanismus, die weltliche Bibei der Menschheit ist vergessen, ja vernichtet. Die Welt ist zu einem Pesthaus geworden, in welchem ruchlose Maulhelden die Mitbrüder, mit denen sie im vollften Frieden gelebt, die mit Begeisterung die nationale Fahne ihrer Umgebung entfalten und den Feinden gezeigt, daß sie treue, selbstlose Anhänger ihrer Scholle sind, allmählich zugrunde richten. Die hellstrahlende Sonne der Nächstenliebe schläft den ewigen Schlaf des Müffigganges. Die finstere Nacht des grausamen Hasses gegen Andersdenkende herrscht unumschränkt und verwirrt die Gemüter der besonnenen Elemente. Dicke Wolken kleinlicher Gehässigkeit umgeben uns und ersticken und ertöten die schönen Träume von der Wiedergeburt der Menschheit. Die göttlichen Töne menschlichen Gerechtigkeitsgefühles erklingen nicht mehr, oder werden überströmt vom rasenden Wutgeheul der tobenden und betäubten Menge, die uns Juden das Leben zu einem vergifteten Quell machen, auf dessen Genuß wir tränenlos verzichten. Blutenden HerzenS muß ich die Wahrnehmung machen, daß dem charaktervollen Ju- Len, der aus innerster Überzeugung dem Judentum treu bleibt, nichts anderes übrig bleibt, als der Tod. sagt mir, ob der Satz so richtig verdeutscht ist; »schauwer" kann heißen »zerbrechen", kann aber auch hier heißen etwas anderes. Und dann wenn er alle »Baner" zerbricht, sollen ausgerechnet auch w i r sogar uns unsere Köpf' zerbrechen?!" Durch solche Wendungen ins Lächerliche Ware bald bas Gespräch auch ins Persönliche übertragen worden, Um schließlich sicher in einen veritablen Streit auSzu- Urten, wenn nicht ein vorlauter Schuljunge, der diesen Meinungsstreit mitangehört, hinter dem Rücken der Disputierenden einen raschen Blick ins Gebetbuch gewarfen haben würde und jetzt mit den Worten dazwischengefahren wäre: «Aber es steht ja gar nicht schauwer, sondern schavmer im Gebetbuch und das heißt: .er behütet"! Er behütet alle Gebeine". Höchst unwillig sah sich Krösler nach dem kecken Zwischenruf um, ihn in die gebührenden Schranken zu verweisen. Aber Kantor Träller, der es sofort heraus hatte, daß hier, ihm ungerufen, die günstigste Gelegenheit geboten werde, seinem Gegner jetzt mit gleicher Münze heimzuzahlen, gab dem Jungen einen gleichsam Anerkennung ausdrückenden leichten Klaps und sagte: .Bravo! Du kannst dein Siderl besser »außenwendig" wie mancher inwendig, und verdienst dafür die «Morene" lden Gelehrtentitel), vorausgesetzt, daß nicht doch vielleicht im Siderl von Michael Krösler schauwer statt schau«« steht." Tragisch ist unser Schicksal in dieser Welttragödie, in den Tagen des Haffes und des Blutes. Ströme jüdischen Blutes haben die Flüsse Europas gefärbt. In den meisten Zentren der Judenheit wurden Männer gemordet, Frauen geschändet, Kinder von ihren Eltern gerissen und ihr Gut geplündert. Auch die erbarmungslosen Feinde der Menschheit, der Hunger und eine heimtückische Krankheit wüten unter uns und fordern schreckliche Opfer und rauben uns die aufkeimenden Knospen und die herrlichsten Rosen und Blüten des Judentums. In keiner menschlichen Gemeinschaft hat das Weltblutbad so viele Tränen gehäuft wie in der jüdischen. Wir Juden Böhmens haben mit Gut und Blut das Vaterland verteidigt, unsere Väter und Mutter haben unzählige Opfer auf dem Kriegsaltar gebracht, auch unsere Reihen sind gelichtet, auch wir haben unsere meffianischen Propheten und Erhalter unferer Traditionen, für die wir stets geblutet haben berloren, warum sollen wir von unseren Mitbürgern, mit denen wir draußen auf dem Felde der Ehre unser Land verteidigt, ob unseres Judentums verhöhnt, berspottet und verachtet werden? Keine positive Religion auf Erden, somit auch die jüdische macht die Menschen zu Verbrechern und Räubern. Gewiß leben auch in unserer Mitte einzelne Perfonen, die eine öffentliche Brandmarkung verdienen, aber warum soll das Gesamtjudentum, daS der Welt die Offenbarung, viele Propheten und das «Alte Testament gegeben, dem nichts wesensfremder ist, als die Sucht zu herrschen, ob des Verbrechens einer kleinen Gruppe geldgierieger Kriegswucherer, die auch in den anderen Lagern im reichlichsten Maße vertreten sind, ein jammervolles und beklagenswertes Nomadenleben führen müssen. Wir Juden haben zu allen Zeiten unsere Pflicht gegen Kaiser und Vaterland gewissenhaft vollführt, wofür wir nie eine Belohnung oder auch nur einen Dank gefordert oder erwartet haben. DaS göttliche Böhmen, das wir mit dem Blute unserer besten Heldensöhne verteidigt haben, hetzerischer Elemente wegen verlassen müssen, ist das nicht die ärgste Demütigung und Entehrung für uns Juden. In diesem gigantischen Weltkampf, der über das Schicksal zahlreicher Völker und Staaten entscheidet und ihnen die goldene Freiheit der Volksregierung verleiht, wird der Judenheit die für dieses hohe Ideal milgeblutet von ber urteilslosen Menge verhöhnt und verlacht. AIS treue An- Hänger unserer Scholle waren wir immer richtige und nationale Gesinnungsgenossen unseres, uns umgebenden Volkes, mit dem wir Leid und Freud geteilt haben. Mein Judentum, dem ich mit Freude und Wonne mein Leben opfere, legt mir die erhabene Pflicht auf «Liebe Deine Mitmenschen"; eS kennt keinen Unterschied zwischen Konfession und Konfession. Ich, Vertreter des überlieferten Judentums, beurteile meine Mitmenschen nach ihrem Charakter, niemals aber ihrer Religion nach. Wäre die jüdische Religion ein Freibrief für Verbrechertum, wäre ich längst schon ein Abtrünniger geworden. DaS gelobe ich Ihnen! Warum soll ich denn, der die Menschen als göttliche Geschöpfe geliebt halt, nur des Judentums wegen gedehmütigt und dem Hohngelacht« der aufgehetzten Jugend auSgesetzt sein? Nur die erhabenen Vertreter deS christlichen Ideals d« Barmherzigkeit und Menschlichkeit, daS ja daS voranleuchtende Panier aller Religionen ist, könnte den vergifteten Brunnen, der die Besten in unserer Mitte in seelische Mißstimmung verseht, verschütten und die' Urquelle der Weltv«brüderung ans Tageslicht bringen und sie zum Gemeingut aller Menschen machen; diese Quelle könnte dann daS Innere der Menschen ausmachen. ES ist die höchste Zeit, daß die Priester der christlichen Liebe zur Menschheit und des religiösen StrebenS nach Brüderlichkeit aller Nationen und Rassen, die friedliche Fahne der Nächstenliebe entfalten und ihre Glaubensbrüder auffordern, auch die Juden, als Menschen, als Kinder Gottes anzuerkennen und sie nicht als eine Horde von Zigeunern, Kriegswucherern, Staats- Verrätern und Piraten zu betrachten. Im Namen der religiösen Humanität, flehe ich den patriarchalischen Vertret« der glorreichen christlichen Kirche an, das TodeSgift, die Idee der Zerstörung, der Harmonie zwischen den einzelnen GlaubenSbekennern auf dem Lande, aus der Schule zu entfernen und den Schulkindern zu zeigen, daß auch wir Juden aufrichtige Anhänger deböhmischen Volkes sind und daß auch wir reichen Anteil, an der aufsteigenden Morgenröte der böhmischen VolkSsouveränität haben. Ich bin so sehr überzeugt von Ihr« christlichen Toleranz gegen die Judenheit, daß ich zuversichtlich hoffe, daß Sie nichts undersucht lassen werden, um eine Besserung des gegenwärtigen Zustandeauf dem flachen Lande herbeizuführen. N. Syrkin. Mit Ingenieur N. Syrkin, der in Kiew im 40. Lebensjahre starb, ist ein bedeutender Zionistenführer und Schriftsteller dahingegangen, der seit seiner frühesten Jugend alle seine Kräfte und Fähigkeiten dem jübischen Volke gewidmet hat. Der Verstorbene veröffentlichte schon im Jahre 1897 eine Serie von Artikeln in der «Hazefira", im »Woschod" und der »Budutschnost" und redigierte im Jahre 1906 die in Warschau erscheinende jüdische Zeitung ״Der Telegraph". Er war Mitglied des Zentralkomitees der zionistischen Organisation Rußlands und des Zentralbüros der zionistischen Organisation in der Ukraine. In Kiew, wo er in den letzten Jahren lebte, «freute er sich einer großen Po. pularität und wurde dort als Delegierter zur russischen Konstituante gewählt. Er wurde sodann auch zur allrussischen jüdischen Konf«enz delegiert. Der Verblichene war ein Vorkämpfer der Rechte und der Wünsche des jüdischen Volke-, welcheihn nie vergessen wird. Ruhe seiner Asche! Aba. Wiener Brief. Man glaubt es nicht, all die großen Erschütterungen und Veränderungen der letzten Monate sind an der jüdischen Öffentlichkeit fast spurlos vorbeigegangen. Wie hätten sich denn sonst Führer und Repräsentanten all« jüdischen Parteien und Strömungen in diesen schweren und ernsten Tagen zusammenfinden können um über die Einführung der Orgel zu sprechen? Wahrlich die dringendste Lebensnotwendigkeit zu der sich Richtungen und Persönlichkeiten zusammengefunden haben, die sich auf allen Gebieten des öffentlichen LebenS aufs schärfste befehden! Über die Wahlreform zur Kultusgemeinde wird noch immer verhandelt. Selbstverständlich bei streng geschlossenen und scharf bewachten Türen. Was kümwert denn die jüdische Öffentlichkeit wie sich die derzeitigen Mandatare mit den Zionisten die Mandaten austeilen werden? In aller Stille werden emsig Vorbereitungen zu den Wahlen in die Nationalversammlung für Deutschösterreich getroffen. Die ״Allianz" betont ihren palästinophilen Standpunkt, die Zionisten, die jetzt viel auf ihre Staatstreue geben, treiben eine unermüdliche Agitation für ihre voraussichtlichen Kandidaten: Staatsbahnrat Robert Stricker und Frau Anitta Müll«. All das spielt sich nur an der Oberfläche der Wiener Judenfchaft ab, nur ein kleiner Kreis und immer derselbe ist davon ergriffen. Die große Masse, die dreimalhunderttausend Juden Wiens, sind immer noch gleichgültig zu allen Vorfällen im öffentlichen Leben, halten noch imm« bei der Siedehitze der anderen Völker fast ungestörlt ihren Winterschlaf. Sokolows 60. Geburtstag. Nahum Sokolow feierte am 10. Jänner 1919 seinen 60. Geburtstag. D« Jubilar ist vielleicht die am allertiefsten angelegte Persönlichkeit, die Individualität, die mit der größten instinktiven Kraft alle die dunkelsten Wege des jüdischen Gefühls zu erhellen weiß. Er ist nicht nur glänzender Journalist und pikant« Stilkünstler und Gelehrter, der eine überaus reiche Skala von Tönen beherrscht, sondern er ist ein Prophet de- Judentums, welcher aus vollen Händen Erkenntnis und Anregung spendet und mit jedem geschriebenen und gesprochenem Worte ein Fenster in die bisher dunklen Kammern der jüdischen Seele öffnet. Seine Bedeutung für die Neubelebung und Entwicklung der hebräischen Literatur und Sprache wird vom ganzen Judentum anerkannt und gewürdigt. Als hervorragender Zionistenführer wird ihm jetzt gegönnt sein, zur Berwirklichung der Wünsche des jüdischen Volkes beizutragen. Er ist ein Mann, auf den das Judentum viel setzt, von dem es viel erhofft und von dem es schon sehr viel erhalten hat. ES möge im 60 Lebensjahre de» JubilarS sein- Arbeit für daS Judentum von großem Erfolg gekrönt sein. Er möge ein gesundes, kräftiges Judentum in Palästina einziehen sehen.